Alles Web, oder was?

- Nachbetrachtungen zur 3.Internationalen WWW-Konferenz -

Nach den ersten zwei Tagungen in Genf und Chicago fand nun die dritte Internationale WWW-Konferenz unter dem Titel ,,Technology, Tools, Applications``' in Darmstadt statt. Fast vor der Haustür also - reisegeldschonend - nix wie hin! Nach Anmeldung - natürlich via WWW-Formular - und ausgestattet mit Anreiseskizzen - klar, auch via WWW beschafft, brachte mich der Nachtzug zu recht verschlafener Stunde nach Darmstadt. So konnte ich das rege Treiben der Vorbereitungen von Organisatoren und Ausstellern im Tagungsgebäude beobachten und war einer der ersten zur Tagungsanmeldung.

Mir blieben auch noch 2 Online-Stunden im ordentlich bestückten Terminalraum, um in Chemnitz meine Mail zu bearbeiten und mich etwas ,,umzusehen``. Der Raum füllte sich zunehmend, die Plätze an den Schirmen waren während der gesamten Konferenz heiß begehrt. Für viele Leute war dort eine willkommene Gelegenheit, sich im Internet mal so richtig auszutoben, ohne bange an eine Rechnung denken zu müssen.

Zur Eröffnung im Auditorium Maximum wurde mir dann die Dimension dieser Konferenz bewußt: 1400 Teilnehmer aus 40 Ländern ergaben ein recht bunt gemischtes Publikum, vom WWW-Guru in T-Shirt und Jeans bis zum Manager in Nadelstreifen war alles vertreten. Die Tagungssprache war natürlich Englisch. Ich hätte nie gedacht, daß es davon so viele Dialekte gibt (und bis auf etliche amerikanische konnte ich sie ja auch einigermaßen verstehen ... ). Eine wichtige Frage, wie denn nun WWW im Englischen ausgesprochen wird, klärte sich sofort, simpel ,,The Web`` - und nicht etwa ,,dabbelju dabbelju dabbelju``.

Der einzige Beitrag in astreinem Hessisch (ohne Dolmetscher!) kam vom einheimischen Ministerpräsidenten. Es war ein typischer Eröffnungs-Gruß, außer der Floskel von der ,,emissionsfreien Datenautobahn`` nix Bedeutendes.

Walter DeBacker, ein EG Chef Advisor, umriß mit seinem Vortrag ,,Europe's Way to the Information Society`` die politischen Rahmenbedingungen für die ,,Informationsgesellschaft`` speziell in Europa. Im Gegensatz zur größtenteils staatlich gelenkten und durch Steuern finanzierten Verkehrsinfrastruktur kann die Informations-Infrastruktur nur durch private Investitionen entstehen. Die Politik muß hier aber regelnd eingreifen, um das Info-Chaos zu verhindern. Nun, dann schaumermal ...

Von den nicht immer vom Hocker reißenden Vorträgen, den umso interessanteren Diskussionsforen und den Gesprächen mit den Poster-Ausstellern gäbe es natürlich viel zu berichten. Hier nur eine Zusammenfassung meiner Eindrücke. Wer sich eingehender informieren möchte - die Proceedings gibt es natürlich auch online unter ,,http://www.igd.fhg.de/www95.html``.

Die Web-Technologie wird inzwischen für eine Vielzahl von Anwendungen verwendet. Natürlich gibt es eine ganze Menge von Informationssystemen auf der Basis von WWW, z.B. im Bereich Medizin und Biologie, für Bibliotheken und kommerzielle Anbieter, die auch demonstriert wurden. WWW wird zunehmend auch für die Lehre und Weiterbildung eingesetzt, ,,courseware`` und ,,virtual classrooms`` waren die Schlagworte. Sicher ein interessantes Forschungsgebiet, wie man solche online-Kurse methodisch richtig umsetzt.

Daneben wird die Technologie aber auch für Software-Entwicklungsumgebungen benutzt, z.B. zur Source-Dokumentation (ASCODA, HyperSource) oder zur verteilten Entwicklung (WebMake). Mit IDLE wurde eine Sprache zum Zugriff auf existierende terminalorientierte Info-Dienste via WWW vorgestellt. Neben interessanten Ansätzen zur Kombination von WWW- und Multicast-Technologie gibt es auch exotisch anmutende Versuche, wie z.B. ,,X-Protokoll via HTTP``.

Ein Schwerpunkt der Entwicklung liegt in der Unterstützung von WWW-Autoren. Solche Autorensysteme sollten nicht nur aus einem HTML-Editor bestehen, sondern auch Möglichkeiten zur Konsistenzsicherung (,,Stimmen meine Links?``) und Syntaxprüfung, zum Drucken und verteilten und strukturierten Arbeiten enthalten. Schlagworte, wie ,,distributed au/-tho/-ring environment`` und ,,intelligent publishing system`` bezeichneten die vorgestellten Systeme, wie CrystalWeb (FhG), Symposia (INRIA, GRIF) oder WebForce (SGI). Diese Produkte werden wir uns näher ansehen und - wenn sie verfügbar sind, in unsere Umgebung passen und halten, was sie versprechen - zur Verfügung stellen.

Im Mittelpunkt der Diskussion standen Fragen zu ,,Resource Discovery and Retrieval``. Jeder WWW-Nutzer steht vor dem Problem, WIE er an gesuchte Informationen rankommt. Bisherige Such-Tools, wie WebCrawler, Lycos, Yahoo oder Aliweb, um nur einige zu nennen, können nur ein erster Schritt sein. Sie sind zentralisiert und nicht skalierbar. Auch Systeme, wie Hyper-G lösen das Problem nicht generell. Eine Lösung wird in sog. Meta-Daten gesehen, die ein Dokument z.B. durch Autor, Schlüsselworte, Zusammenfassung und Datum beschreiben, ähnlich wie in einer Bibliothek. Diese Daten müssen dann geeignet durchsuchbar sein. Man darf gespannt sein, ob die Zusammenarbeit von NCSA und On-line Computer Library Center zu einer praktikablen Lösung führt. Auf jeden Fall ist so was nur durch die Kooperation vieler Verantwortlicher durchsetzbar.

Wenn man einmal ein interessantes Dokument gefunden hat, steht die Frage ,,Wie behalte ich es?``. Kopiere ich mir das Dokument, bekomme ich mögliche Änderungen nicht mit. Merke ich mir den URL, kann es passieren, daß er eines Tages durch Server-Umbenennung etc. nicht mehr gültig ist. Die Lösung soll das Konzept der URNs bieten (Uniform Resource Name), eine Art ISBN für WWW-Dokumente. Ein URN bezeichnet also, um WAS für ein Dokument es sich handelt (z.B. die Startseite des Freistaates Sachsen), und nicht, WO es sich befindet. Diese Information, den konkreten URL also (z.B. http://www.tu-chemnitz.de/sachsen/sachsen.html), muß dann ein Nameserver liefern (dafür gibt es mehrere Vorschläge), damit das Dokument beschafft werden kann.

Natürlich wurde auch über Sicherheitsfragen diskutiert und bestehende Ansätze und Lösungen vorgestellt. Für kommerzielle Nutzungen (Online Shopping) ist das natürlich wichtig. Fakt ist, daß via WWW und Internet bereits heute Geschäfte gemacht werden und erste Banken im Internet präsent sind.

Die Zurückhaltung der europäischen und insbesondere der deutschen Firmen auf dieser Strecke war auch ein Thema des Diskussionsforums ,,Commercial Use of WWW in Europe``. Die noch offenen Fragen in Sachen Security sollten nicht überbewertet werden - viele geben ihre Kreditkarte im Restaurant auch aus der Hand. Wer auf die perfekte Lösung wartet und untätig bleibt, wird auf dem wachsenden Online-Markt ohne Chance sein. Das Know-how in Sachen WWW-Technologie in den hiesigen Firmen ist noch äußerst minimal. WWW wird in Europa zum größten Teil von den Forschungseinrichtungen gemacht. Das wird sich aber ändern, denn die ersten Absolventen mit WWW-Erfahrung kommen in die Firmen. Aus kommerzieller Sicht ist höhere Professionalität im Internet gefragt. Die Behauptung, daß im WWW die Rolle der Technik-Freaks zugunsten von Marketing-Experten und Grafik-Designern zurückgehen muß, stieß natürlich auf Widerspruch (logisch, wenn die Mehrzahl der Anwesenden zu ersterer Gruppe zu zählen war), aber von der Hand zu weisen ist das nicht. Von den Internet-Providern wurde die Vereinfachung und Verbilligung des Anschlusses für Privatpersonen gefordert, damit Internet-Online-Dienste auch Kunden finden. Desweiteren sind einfache, robuste Programme nötig, damit auch Otto-Normalverbraucher damit umgehen kann - die WWW-Browser sind ein guter Anfang.

In der Firmen-Ausstellung hatte SGI den optisch attraktivsten Stand zu bieten, und auch sonst war's ganz interessant. Sie stellten mit ihren WebFORCE-Systemen richtige WWW-Workstations ('ne Indy incl. Kamera, mit Netscape-Browser und dem interessanten Autorensystem WebMagic), sowie leistungsfähige WWW-Server (Challenge mit NetSite-HTTP-Server) vor.

Auch Sun war in der Ausstellung vertreten. Ehrlich gesagt, die tollste Entwicklung hier habe ich erst zu Hause richtig kapiert. Mit HotJava wurde ein WWW-Browser vorgestellt, der durch Laden von Mini-Programmen (sog. applets in der Sprache Java) neue Fähigkeiten lernt, z.B. bewegte Icons in Dokumenten, ,,inline audio``, interaktive Tabellen oder sogar Spiele - wirklich hochinteressant. Enthusiasten sprechen von völlig ungeahnten Möglichkeiten, zumal auch Sicherheitsaspekte berücksichtigt seien. Mitte des Jahres sollen die ersten Produkte erscheinen. Entscheidend für die Verbreitung dürfte die breite Verfügbarkeit für alle Rechnertypen sein.

Interessant, daß Netscape Corp. selbst gar nicht in Aktion trat. Natürlich liefen bei den Ausstellern Netscape-Browser, und auch ein deutscher Distributor stellte sich vor. Interessant für Nutzer, die als Nicht-Hochschul-Angehörige Netscape kaufen müssen. Und natürlich wurden die experimentellen Erweiterungen kritisch diskutiert (,,The <BLINK> tag``), als es um die HTML-Standardisierung ging. Aber ganz eindeutig ist Netscape nun mal der ,,Marktführer`` unter den WWW-Browsern.

Schließlich waren da noch die

Keynote Presentations

Am zweiten Vormittag war Microsoft angesagt - im überfüllten Auditorium Maximum konnte ich mir grade noch einen Treppenplatz sichern. Thomas Reardon, ein Entwicklungschef von Windows 95, sollte uns aufklären, was Microsofts W95 mit WWW und Internet im Schilde führt. Ja, es wurde auch der (fast) perfekte Show-Vortrag, allerdings wußte ich mit dem einleitenden Satz ,,W95 will be the biggest launch in the history of software¡`, wo der Hase langläuft. Natürlich will man W95-Nutzer an das entstehende Microsoft Network binden, wofür man in USA und Europa massiv Modem-Einwahlmöglichkeiten usw. baut. Aber, ,,W95 is built for the internet``, soll WinSock-Funktionalität (TCP/IP, PPP) mitbringen und 450 Modem-Typen unterstützen. USENET-Newsgruppen sollen via MS-Net zur Verfügung stehen wie auch ein Internet-taugliches Mailprogramm (SMTP, MIME, POP). In späteren Versionen soll dann der ,,MS Internet Explorer`` hinzukommen, ein auf Mosaic basierender WWW-Browser. MS-Nutzerherz - was willst Du mehr? Noch ein paar kernige Aussagen gefällig? Bitte sehr: ,,MS will provide the best equipped, most flexible, most robust Internet client operating system.`` - Dreimal darf geraten werden, was er wohl meint ... ,,MS intends to play a leadership role in Internet access.`` Hmmm, ich bin mir nur noch nicht im klaren, ob ich nun lachen oder weinen soll, wenn sich MS mit aller Wucht auf's Internet stürzt ... - Warum hatte ich nur so 'nen Ansatz von Bauchweh nach dieser Show?

Die zweite Präsentation war von SGI: A new vision for WWW. Gemeint war die dritte Dimension. Vorgestellt wurde mit VRML (Virtual Reality Modeling Language) eine - natürlich offene und objektorientierte - Sprache zur mathematischen Beschreibung von virtuellen 3D-Welten. Mit einem Viewer kann man sich in dieser Welt - in der Präsentation eine Säulenhalle mit Gemäldegalerie - bewegen. An bestimmte Objekte (z.B. Gemälde) können dann weitere Informationen geknüpft sein, die dann mit einem WWW-Browser angeschaut werden können (z.B. Infos zum Maler oder ein Bestellformular zum Kauf des Bildes).

SGI entwickelt solche VRML-Viewer für eine Vielzahl von Rechnerplattformen, gerade auch für den PC-Massenmarkt. Als Anwendungen sind interaktiven Museen, wissenschaftliche Visualisierungen, online Einkaufsstraßen und natürlich Spiele denkbar. Irgendwo hörte ich noch ,,It's a bit like Doom meets home shopping ... ``.

Alan Kay von Apple warf in seinem die Konferenz abschließenden Vortrag einen humorvollen und zugleich nachdenklich stimmenden Blick auf die Entwicklung der Medien allgemein und ordnete WWW entsprechend ein. Seiner Meinung nach darf sich die Web-Technologie nicht als feststehend etablieren, sondern muß sich dramatisch weiterentwickeln. So wie Detlef Krömker, der Konferenz-Chef des gastgebenden FhG-Instituts, meinte, daß die faszinierende Technologie zum ersten Mal das Fenster geöffnet hat, durch das die Informationsgesellschaft erkennbar wird, daß aber WWW in heutiger Gestalt nicht so bleiben wird (,,The Web is the Fortran of the information society.``) sondern weitere immense Entwicklungen absehbar sind.

Was sonst noch auffiel ...

UebeRaLl URL's - logisch, im Tagungsband jede Menge. Aber auch auf's T-Shirt und sogar auf den Kuli passen zwei. Lediglich im Notizblock wurde Platz verschenkt, da steht auf jedem Blatt derselbe URL.

Souvenirs spielen offenbar auf solchen Konferenzen eine besondere Rolle. Als ich am zweiten Tag dahinterkam, daß das Tragen des Tagungs-Pins in ist (manche hatten inzwischen 3 davon anstecken - von allen bisherigen WWW-Konferenzen - die Obergurus!), gab es keine mehr. Wie schade, aber ein Bierkrug tat es als Erinnerung auch (den kann man bloß nicht anstecken).

Desweiteren fiel mir auf, daß viele ein T-Shirt ihrer Uni trugen. Nun frage ich mich, warum gibt es eigentlich keins von der TU Chemnitz-Zwickau? (Habe ich jetzt 'ne Marktlücke entdeckt? Wenn ich jemandem damit eine Geschäftsidee verpaßt habe - denk' bitte an mich ... ).

Ein großes Lob gebührt den Organisatoren, dem Fraunhofer Institut für Computergrafik, und der TH Darmstadt, dem Konferenzort. Mit viel Engagement und Professionalität wurden die ,,Massen`` bedient. Auch das ,,Social Event``, veranstaltet in der Mensa, war ganz erstklassig. Natürlich war es mit 1400 Leuten kein ,,gemütlicher Abend``.

Die technischen Voraussetzungen waren ideal - angefangen von den Räumen, über die Technik (Mikros, Laser-Beamer, jede Menge der verschiedensten Rechner) bis hin zur MBone-Übertragung mit Kameras und Studiotechnik. Lediglich die mit Bandbreite verwöhnten US-Teilnehmer beschwerten sich über die langsame Internet-Verbindung nach Übersee, aber so haben die wenigstens mal unsere Realitäten kennengelernt.

Für mich hat sich die Teilnahme sehr gelohnt. Neben vielen neugewonnen Ideen, von denen einige vielleicht bald in unseren WWW-Server einfließen werden, ist mir klar geworden, daß die WWW-Technologie eine ganz neue Art von Medien ermöglicht, daß die Entwicklung aber noch am Anfang steht und man sich nicht auf Stillstand einstellen sollte.. Nicht von ungefähr lautet der Titel der nächsten WWW-Konferenz im Herbst 1995 in Boston ,,The Web Revolution``.

Frank Richter, Gruppe Datenkommunikation