Das TeleNET Projekt

Der Videotext wurde Ende der siebziger Jahre von einem britischen Fernsehsender erfunden. Seitdem erfreut sich dieses Medium vor allem in Europa und Asien großer Beliebtheit. Vielfältigste Informationen werden von den Sendeanstalten in nicht sichtbare Zeilen des Fernsehsignals eingefügt und der Zuschauer kann diese mit einem in den Fernseher integrierten Videotextdekoder per Fernbedienung wieder abrufen.

Es dauerte nicht lange und erste Bausätze für Videotextdekoder erschienen auf dem Markt. Elektronikbastler und Programmierer entwickelten daraus Einsteckkarten für PCs und Programme, mit denen man die Videotextinformationen auch auf den heimischen PC holen konnte. Nun hatte man die Möglichkeit, Videotextseiten auszudrucken, abzuspeichern und mit anderen Programmen weiterzuverarbeiten. Eine Übersicht über Videotext-Shareware findet sich in der Zeitschrift ct 96 Heft 5 auf Seite 206, darunter auch das Programm VT-Grab von Henrik Haftmann, einem Elektrotechnikstudent unserer Uni.

Die Idee, Videotextseiten im Internet anzubieten, ist nicht neu. In Holland und Singapur gibt es bereits seit einiger Zeit solche WWW-Server. Der Zugriff über das Internet bietet einige Vorteile: Der Anwender benötigt keine Dekoderhardware mehr, der Empfang von Videotextsendern außerhalb des Sendegebietes wird möglich und WWW-Browser als Frontend sind für nahezu alle Betriebssysteme verfügbar. In Deutschland, welches mit einer reichen Medienlandschaft gesegnet ist, vermißte ich solch einen Dienst. Das TeleNET Projekt war geboren.

Dabei sollte das TeleNET von Anfang an mehr sein als ein PC mit Videotextkarte, der als WWW-Server ans Internet angeschlossen ist. Das TeleNET arbeitet nach dem Client-Server Prinzip. Dabei werden auf einem Client-Rechner Videotextseiten mit Hilfe einer PC Einsteckkarte empfangen und über das Internet an einen Server-Rechner übertragen. Der Server speichert die empfangenen Videotextseiten zunächst in einer Datenbank ab. Bei einer Abfrage der Datenbank erfolgt gleichzeitig eine Konvertierung der binären Videotextseite in das gewünschte Zielformat. Als Zielformat stehen zur Verfügung: Text, Postscript, HTML und verschiedene Grafikformate. Es handelt sich bei einem TeleNET-Server also um einen spezialisierten WWW-Server. Natürlich können wie bei jedem Client-Server System die Client- und Server-Komponenten auch auf einem Rechner gemeinsam betrieben werden. Für den TeleNET-Client ist allerdings aufgrund der verwendeten PC-basierten Hardware ein Linux PC notwendig. Der Server ist in ANSI-C programmiert und kann auf verschiedenen UNIX Plattformen implementiert werden (getestet für Linux und SunOS).

Das eigentlich innovative am TeleNET ist aber, daß die einzelnen TeleNET-Server einen Server-Cluster bilden. Jeder TeleNET-Server kann die Adressen der anderen TeleNET-Server mit Hilfe seiner lokalen Datenbank bestimmen. Die Aktualisierung der entsprechenden Datenbankeinträge wird durch ein ausgeklügeltes Protokoll ermöglicht, welches jede Serverapplikation beim Starten und Beenden abwickelt und das ähnlich dem Schneeballprinzip funktioniert. Innerhalb dieses Server-Clusters ist es nun möglich, verteilte Datenbestände zu durchsuchen oder Daten per Broadcast auf mehreren Servern abzulegen und damit redundante Datenbasen aufzubauen. Diese Redundanz erhöht die Robustheit des TeleNET bei Ausfällen einzelner Server, z.B. bei der Pflege des Systems.

Als übergeordnete Instanz bei der Abfrage verteilter Daten im TeleNET-Cluster fungiert dabei das TeleNET-Gateway. Dabei handelt es sich um einen Server-Cluster-Switch, der ankommende Anfragen an den richtigen TeleNET-Server weiterleitet. Das TeleNET-Gateway kann man sich dabei als Proxy mit Routerfunktionalität vorstellen. Erst dieses Gateway ermöglicht bei redundanten Anfragen eine Lastverteilung auf die einzelnen TeleNET-Server. Innerhalb des TeleNET-Gateways ist außer der Lastverteilung eine weitere interessante Funktion implementiert: der Multi-Language-Support. Dabei kann ein HTML- Dokument in verschiedenen Versionen in unterschiedlichen Sprachen im TeleNET verteilt abgelegt sein. Das TeleNET-Gateway bestimmt bei einer Anfrage die Landessprache des Referers und erzeugt einen Redirect auf das korrekte Dokument. Die TeleNET-Homepage gibt es z.B. in Englisch, Französisch, Schwedisch und Deutsch unter ein und derselben URL. Nur, daß ein schwedischer Surfer die Seite stets in Schwedisch präsentiert bekommt und nicht wie wir in Deutsch. Dieser Mechanismus funktioniert übrigens theoretisch auch bei den Konvertierungsfiltern für die unterschiedlichen Formate. Ein "schwedisches" GIF könnte so z.B. immer feine Gitter enthalten. Mag dieses Beispiel manchem auch ziemlich sinnlos erscheinen, so macht ein sprachsensitiver HTML-Filter durchaus Sinn.

Auf der TeleNET-Homepage kann man sich einen Überblick über das TeleNET Projekt verschaffen. Dort findet man auch weitere Informationen zum Projekt und eine Übersicht über momentan im TeleNET abrufbare Sender. Eine Frage, die mir oft gestellt wird, ist die, warum dort nur so wenige Sender aufgeführt sind. Nun zum einen ist ein gewisser technischer Aufwand nötig. Immerhin benötigt man für jeden Sender einen TV-Tuner, eine Videotextkarte und einen PC. Zum anderen sind Videotextinformationen urheberrechtlich geschützt und man muß vor der Einspeisung ins Internet mit den Sendeanstalten verhandeln. Aber es werden mit Sicherheit in nächster Zeit mehr Sender sein.

Für die Zukunft sind ein Suchformular für die Suche nach Videotextseiten, ein Archiv, in dem man nach älteren Videotextseiten recherchieren kann, ein Agent, der Videotextseiten auswertet und per Email zustellt sowie ein Windowsbrowser mit DDE-Unterstützung geplant.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Henrik Haftmann, beim CSN, sowie beim URZ und dort speziell bei Frank Richter und Günther Fischer bedanken, die dieses Projekt ermöglicht und mir beim Umschiffen mancher Klippen geholfen haben.


Gerald Fiedler 3. Aug. 1996