1. Einführung

 

 

 

 

Intro

 

 

Die Einführung ist in sieben Abschnitte gegliedert: Das Kapitel beginnt mit einem kindlichen Zeugnis ökologischen Gewissens, das bereits die grundlegenden Elemente enthält, die Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sind (1). Im Anschluß daran wird der erst vor einem Vierteljahrhundert entstandene, inzwischen jedoch fast schon inflationär benutzte Begriff des Umweltbewußtseins beispielhaft an einem zeitgeschichtlichen Ereignis kritisch reflektiert, das vor wenigen Jahren einige Wochen lang für nationale Aufregung sorgte (2). Ein Blick auf die Geschichte der weltweiten Umweltbewegung trägt zum besseren Verständnis des Status Quo der gesellschaftlichen Diskussion bei (3). Die gegenwärtige Reflexion der ökologischen Krise offenbart mindestens drei Strömungen: Dabei ist die Haltung der sog. Öko-Optimisten durch Zuversicht (4) und die der sog. Öko-Pessimisten durch Fatalismus (5) geprägt. Eine dritte Gruppe bemüht sich um einen pragmatischen Realismus (6), hierzu sind die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu zählen, wie das Beispiel des Club of Rome zeigt. Basierend auf dieser allgemeinen Bestandsaufnahme werden Ausgangsthese, leitende Forschungsfragen und die Konzeption der Arbeit vorgestellt (7).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Einführung

 

 

 

"Alle wirklich wichtigen Fragen sind solche, die auch ein Kind versteht. Es sind Fragen, auf die es keine Antwort gibt."

 

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

 

 

 

(1) "Kinder an die Macht!"

 

"Warum zerstören die Menschen den Planeten Erde?" - jeden Tag erhält die Umweltschutzorganisation Greenpeace durchschnittlich etwa 40 Briefe von Kindern, in denen viele Fragen gestellt werden. Die Kinder schreiben sich "ihre Erschütterung von der Seele" und bringen "ihre Hoffnung auf Greenpeace als Helferin für die bedrohte Umwelt zum Ausdruck" (Bachmann 1996, S.113). Autorin des folgenden Briefes ist ein siebenjähriges Mädchen aus Berlin (vgl. Abb. 1):

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In diesen wenigen Zeilen ist im Grunde alles enthalten, worum es in der vorliegenden Arbeit geht. Meike ist anscheinend ein sehr aufmerksames Mädchen: Zusammen mit ihren Freunden hat sie eine "Umweltschutzbande" gegründet ("Prinzip Verantwortung"), sie macht sich über Mitmenschen große Sorgen, die "sehr umweltunfreundlich" sind ("Prinzip Angst") und wendet sich schließlich hilfesuchend an Greenpeace ("Prinzip Hoffnung") - mit anderen Worten: Meike hat ein lebendiges "Ökologisches Gewissen", das sich in ihrem engagierten Eintreten für die Umwelt offenbart. Würden alle Menschen so denken und handeln wie Meike, die Welt sähe mit Sicherheit anders aus. Doch Meike gehört wie alle Kinder auf der Erde zu den machtlosesten unter den Menschen.

 

Angst, Hoffnung und Verantwortung sind die Schlüsselbegriffe des ökologischen Gewissens, wie es hier wissenschaftlich untersucht wird. Hintergrund der Studie ist die weltweite Umweltzerstörung, wie sie am Ende des 20. Jahrhunderts in exponentieller Art und Weise im Gange ist. Auch wenn diese Tatsache heute allgemein kaum bezweifelt wird, gibt es doch unterschiedliche Auffassungen über das Ausmaß und den Umgang mit der Katastrophe. So stellen sich aus sozialwissenschaftlicher Perspektive u.a. die folgenden Fragen: Wie konnte es zu dieser Entwicklung kommen? Ist dieser Prozeß überhaupt noch aufzuhalten? Wenn ja, wie? Weitgehende Einigkeit scheint darüber zu bestehen, daß die globale ökologische Krise keine Krise der Natur, sondern eine Krise des gesellschaftlichen Naturverhältnisses - also ein "Gesellschaftsproblem" - ist (Böschen 1996, S.3).

 

Wie reagiert die globale Gesellschaft auf ein Problem, das sie selbst hervorgerufen hat und dessen Teil sie ist? Wie reagiert die Wissenschaft auf ein Problem, das sie selbst mitzuverantworten hat? Und wie reagieren Kinder und Jugendliche auf ein Problem, mit dem sie im Laufe ihres Lebens in Zukunft möglicherweise immer öfter konfrontiert werden? Insbesondere die letztgenannte Frage steht im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Kinder und Jugendliche werden als die einzige "soziale Kategorie" gesehen, die noch kaum Gelegenheit hatte, die Umwelt zu zerstören (Heid 1992, S.25). Aufgrund ihrer "Unschuld" kann davon ausgegangen werden, daß sie mit ihrer Wahrnehmung wertvolle Seismographen für die Gesellschaft sein könnten. Sind Kinder und Jugendliche unser ökologisches Gewissen?

 

In der Realität scheint es allerdings eher so zu sein, daß Kindern neuerdings eine ganz andere Last aufgebürdet wird. Statt von ihnen zu lernen und uns für eine lebenswerte Welt einzusetzen, die auch zukünftigen Generationen Überlebenschancen bietet, hinterlassen wir den Kindern nicht nur eine "grausame Hypothek" (Petri 1991, S.109), sondern wälzen unsere Verantwortung auch zunehmend ab. So kann in den letzten Jahren eine Tendenz beobachtet werden, nach der die Lösung der Umweltprobleme von Politik und Wirtschaft auf die Erziehung übertragen wird (vgl. Lehmann 1996). Auch wenn Familie und Schule zu den wichtigsten Sozialisationsinstanzen gehören, besteht kein Grund, von einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung abzusehen. Ein Beispiel für den derzeitigen Umgang unserer Gesellschaft mit dieser Verantwortung wird im nächsten Abschnitt illustriert. Wie "umweltbewußt" sind wir eigentlich? Sind wir überhaupt "umweltbewußt"? Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen setzt eine begriffliche Reflexion voraus.

 

 

(2) "Brent Spar": "Umweltbewußtsein haben oder umweltbewußt sein?"

 

 

Wie Gamm (1988) bemerkt, ist der Begriff der "Umwelt" seit einiger Zeit dabei, dem älteren der "Natur" den Rang abzulaufen. "Umwelt" avancierte im Verlauf der siebziger und achtziger Jahre zu einem Schlüsselbegriff und stand im Zentrum öffentlicher Diskussion. In den neunziger Jahren wird "Um-Welt" als ein "Schlüsselbegriff der Postmoderne" diskutiert. Die Begrenzung der Naturreserven wird als Zeichen der Endlichkeit des Fortschritts als Motor der Moderne aufgefaßt (vgl. Schurig 1994). Folgende Überlegungen sprechen dafür, sich verstärkt mit dem Umweltbegriff zu beschäftigen: "Im Gegensatz zu dem der Natur ist jener nicht nur der politischere Begriff, an dem die gesellschaftlichen Interessengegensätze aufeinanderprallen; er enthält darüber hinaus auch den wirksamen Zwang zur Interdisziplinarität; er ist der theoretisch differenziertere Begriff, weil er von Anbeginn an das Gegenüber, das Korrelat einer gesellschaftlichen Praxis einbezieht, vermittels dessen allein ein weiter ausgespannter Begriff von dem, was ist, entwickelt werden kann" (Gamm 1988, S.182).

 

Nichtsdestotrotz sollte der Mensch "im Verdrängungswettbewerb der Begriffe" (Gamm 1988, S.175) nicht vergessen, daß er ein "Naturwesen" ist und bleibt (Seel und Sichler 1993). Als Menschen sind wir Geschöpfe der Natur (lat. natura = Geburt), wir existieren stets in ihr und niemals außerhalb von ihr. Unsere Abhängigkeit von der Natur kann bei der Verwendung des Umweltbegriffs leicht übersehen werden. Meyer-Abich (1990) plädiert daher für den Begriff der "Mitwelt". Historisch gesehen ist der "Naturverlust in der Moderne" bezeichnend: "Das Ziel der Menschheit war und ist es, die Gefahren der Naturgewalten, wie sie sich am nachhaltigsten im Ereignis des Todes symbolisieren, zu bannen. Auf diesem Wege haben wir uns selbst Gefahren geschaffen, die alles übersteigen, was die Natur für uns Menschen als Bedrohung bereithält. Nun ist nicht mehr nur das eigene individuelle Leben in Gefahr, sondern das der gesamten Spezies" (Preuss 1993, S.216). Die Autorin befürwortet eine Perspektive, die das Bewußtsein der menschlichen Außenwelt ("Umweltbewußtsein") mit dem Bewußtsein für die menschliche Innenwelt ("Naturbewußtsein") verbindet - gemäß dem Credo: "Wir können uns nicht nicht-ökologisch verhalten" (Preuss 1993, S.221).

 

Umweltbewußtsein wird in einem Umweltgutachten von 1978 definiert als "Einsicht in die Gefährdung der natürlichen Lebensgrundlagen des Menschen durch diesen selbst, verbunden mit der Bereitschaft zur Abhilfe" (Eulefeld 1981). Fast zwanzig Jahre später ist ein zu nichts verpflichtendes Umweltbewußtsein heute selbstverständlich: Nach einer Repräsentativumfrage fühlen sich 44% der Deutschen der Gruppe der "Umwelt-bewußten" zugehörig, so viele wie zu keiner anderen Personengruppe (Ernst 1994, S.3). Fragt man die Bevölkerung allerdings danach, in welchem politischen Bereich es zur Zeit die meisten Probleme gibt, rangiert "Umweltschutz" im Jahre 1996 nur an zwölfter Stelle, weit hinter den Bereichen Arbeitsmarkt, Asylanten, Rentenpolitik, Steuern und vielen anderen Problemen. Thilo Bode, Vorsitzender von Greenpeace international, konstatiert: "Mit atemberaubender Geschwindigkeit ist in Deutschland der Umweltschutz von der Tagesordnung der Politiker verschwunden. In der Debatte um die Reform des Wohlfahrtsstaates entpuppt sich das hochgelobte Umweltbewußtsein der Deutschen als Schönwetterveranstaltung" (Bode 1996, S.159).

 

Viele Menschen scheinen bei Greenpeace in einer Form von modernem "ökologischen Ablaßhandel" (Menke-Glückert 1995, S.64) ein gutes Umweltgewissen zu kaufen. Als ein Musterbeispiel für diese These sei an die nationale Aufregung rund um die geplante Versenkung der Ölplattform "Brent Spar" in der Nordsee im Sommer 1995 erinnert. Der Energiekonzern "Shell" hatte nach einem wochenlangen Boykott seiner Tankstellen - mit Bombendrohungen und Brandstiftungen - beschlossen, die Ölplattform nicht zu versenken. Kurz darauf stiegen die Spendeneinnahmen von Greenpeace, die den Widerstand organisiert hatte, kräftig an (mittlerweile stammt ein Drittel der Gesamteinkünfte der internationalen Organisation aus Deutschland), und als die Bundesbürger im Herbst 1995 gefragt wurden, ob sie Greenpeace wählen würden, wenn Greenpeace eine Partei wäre, antworteten 28% der Befragten mit "ja", weitere 33% der Befragten mit "vielleicht" - wobei Anhänger aller Parteien ihre Zustimmung offenbarten. Mehr als zwei Drittel aller Befragten schließlich schlagen Greenpeace für den Friedensnobelpreis vor (Spiegel special 11/95, S.8).

 

Ist "Brent Spar" nicht geradezu beispielhaft für ein überragendes Umweltbewußtsein der Deutschen? Aus soziologischer Perspektive scheint es sich eher um ein Lehrstück zu handeln, das über die Selektion von Risikothemen Auskunft gibt. Nach Renn (1996) ist weder der Rekurs auf statistisch gegebene Wahrscheinlichkeiten im Rahmen der probabilistischen Risikoanalyse, noch das griffige Modell der Interessenmaximierung einzelner Gruppen in der Lage, soziale Risikowahrnehmung hinreichend zu beschreiben bzw. zu erklären: "Warum z.B. die Öffentlichkeit mit einem Boykott von Shell auf eine potentielle Ölverschmutzung von rund 100 Tonnen reagiert, während das achtlose Wegkippen von Öl von Schiffen die Meere jährlich mit ca. 10 Millionen Tonnen Öl belastet, ohne daß sich jemand nennenswert darüber aufregt, ist nur unter Heranziehen psychischer und sozialer Aspekte zu verstehen" (Renn 1996, S.42).

 

Wie sehen die psychologischen und politischen Dimensionen von "Brent Spar" aus? Nach Beck (1996) handelt es sich bei diesem symbolisch inszenierten Massenboykott um eine "Fallstudie globaler Subpolitik": "Im Sommer 1995 hat der moderne Held für eine gute Sache, Greenpeace, zunächst erfolgreich den Ölmulti Shell dazu gebracht, eine abgewrackte Bohrinsel nicht im Atlantik zu versenken, sondern an Land zu entsorgen; dann hat dieser multinationale Aktionskonzern für gezielte Regelverletzungen den französischen Staatspräsidenten Chirac öffentlich an den Pranger gestellt, um so die Wiederaufnahme französischer Atomtests zu verhindern" (Beck 1996, S.138). Die tiefere Ursache dieser "ökologischen Selbstjustiz" liege darin, daß die entstandenen Zweckbündnisse (Umweltschützer nicht nur mit Autofahrern, sondern sogar mit dem Bundeskanzler in einem Boot) moralisch niemanden ausschloß. Eine solche "Politik ohne Gegner und Gegenwehr" sei umso einfacher, je weniger Kosten das Protesthandeln für den einzelnen verursache und je leichter das eigene Gewissen dadurch entlastet werden könne - um gegen Shell zu demonstrieren, reichte es aus, "moralisch gutes" Benzin bei der Konkurrenz zu tanken.

 

Unter Anspielung auf Fromm (1990) kann hier festgehalten werden: Zwischen "Umweltbewußtsein haben" und "umweltbewußt sein" besteht ein großer Unterschied (Wiedrich 1996). Trotz der Scheinheiligkeit des ökopolitischen Engagements breiter Bevölkerungsschichten ist es aber dennoch erstaunlich, wie sich die ökologische Bewegung in nur wenigen Jahrzehnten entwickelt hat: "Henry David Thoreau und Mahatma Gandhi hätten ihre Freude, denn Greenpeace inszeniert den weltweiten zivilen Massenwiderstand im und mit den Mitteln des Medienzeitalters" (Beck 1996, S.142). Ein Blick auf die Geschichte der Umweltbewegung ist daher die Grundlage einer Einordnung des Status Quo.

 

 

(3) Die Geschichte einer Bewegung

 

 

"Als Ökologiebewegung bezeichnen wir zum einen die Gesamtheit der Proteste, deren Ziel eine Verbesserung des Umweltschutzes ist, und zwar aus der Perspektive der Akteure der Bewegung. (...) Zur Ökologiebewegung gehören sowohl Proteste organi-sierter Gruppen als auch Proteste nicht organisierter Einzelpersonen, etwa in der Form der Teilnahme an einer von Gruppen organisierten Demonstration" (Opp 1996, S.351).

 

Die Geschichte der Ökologiebewegung erzählt Durrell (1987) unter dem Titel "Noahs Gefolgschaft". Nach Ansicht des Autors fordert diese Gruppe "die etablierte Gesellschaft zum Abschied von einer langgehegten Vorstellung auf, zum Abschied von dem Glauben, es stünden unbegrenzt Ressourcen zur Verfügung, in deren Besitz wir jederzeit entweder durch neue Erfindungen oder durch ein noch tieferes Vordringen in die Natur gelangen können; folgerichtig wird eine grundlegende Änderung unseres Lebensstils und der staatlichen Politik verlangt" (Durrell 1987, S.185). Interessant ist der Tenor der Beschreibung, der die Umweltbewegung als eine "Bewegung von unten" charakterisiert. Ob dies dem gegenwärtigen Zustand entspricht, kann bezweifelt werden, allerdings scheint eine historische Betrachtungsweise darauf hinzudeuten. Durrell weist darauf hin, daß die frühesten Aufzeichnungen über bewußte Bemühungen von Menschen zum Schutz der Umwelt schon mehrere Jahrtausende zurückdatieren. Landesweite Bewegungen unter Einbeziehung breiter Bevölkerungskreise sind jedoch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu beobachten. Durrell sieht in der Gründung des ersten Nationalparks Amerikas ("Yellowstone") ein Geburtsdatum der Umweltschutz-bewegung. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die Umweltbewegung in "Gandhis Geist, vereint mit dem Geist Martin Luther Kings" (Bittorf 1995, S.138), wobei die historischen Wurzeln des zivilen Ungehorsams bis zur Französischen Revolution und Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zurückverfolgt werden können. Als ein bedeutender Vordenker gilt auch Henry David Thoreau.

 

Wichtige "Meilensteine der Umweltschutzbewegung" sind Abb. 2 zu entnehmen. Die Zusammenstellung hat einen eigentümlichen Charakter: Sie enthält einerseits Ereignisse "von oben", wie z.B. Konferenzen (Stockholm 1972 etc.) oder Organisationsgründungen (u.a. Gründung des WWF 1961), andererseits aber auch Ereignisse "von unten", wie z.B. aufsehenerregende Publikationen (zuletzt Thea Colborn 1996) oder kulturelle Festivals ("Band Aid" 1985), die ebenfalls im Medienzeitalter für Furore sorgten. Die Konzentration richtet sich dagegen weniger auf konkrete Umweltschutzmaßnahmen (einzig das Washingtoner Artenschutzabkommen im Jahre 1973 ist hier zu nennen). Dies impliziert nicht, daß es keine derartigen Erfolge zu verzeichnen gäbe. Doch sucht man nach entsprechenden globalen ökologischen Gewinnen in den vergangenen Jahrzehnten, dann scheint der größte Erfolg in einer allgemeinen Bewußtseinserweiterung zu bestehen. Vermeintliche Erfolge erweisen sich dagegen allzuoft als "Pyrrhus-Siege". Beispielsweise enthält der Mitte der 90er Jahre beschlossene internationale Ausstieg aus der FCKW-Produktion für einige sog. Entwicklungsländer (u.a. China und Indien) die Ausnahmeregelung, Fluorchlorkohlenwasserstoffe noch bis Mitte des nächsten Jahr-hunderts weiter produzieren zu dürfen, so daß Zweifel aufkommen, ob der Ernst des Problems erfaßt wurde.

 

Als "Mutter" der modernen Ökologiebewegung gilt die Biologin Rachel Carson, die 1962 mit ihrem Buch "Silent Spring" erstmalig die Gefahren des Pestizideinsatzes in der Landwirtschaft ins Bewußtsein rief. Carson verglich den Krieg gegen die Natur mit dem Krieg der Nazis gegen die Juden - in beiden Fällen würden dieselben Chemikalien verwendet (Cramer 1990). Das Buch galt damals als "Bibel" der sich gerade entwickelnden Bewegung. Anfang der 70er Jahre erlebte die Ökologiebewegung ihren Durchbruch mit der Gründung von Greenpeace, der ersten Veröffentlichung des "Club of Rome" und der Stockholmer Umweltkonferenz der Vereinten Nationen. In den 80er Jahren wurden viele der heute anerkannten Umweltprobleme überhaupt erst entdeckt und einem breiteren Publikum bekannt gemacht. Zahlreiche Nicht-Regierungsorganisationen entstanden, als "Vater" dieser "NGO's" gilt der deutsch-schwedische Publizist Jakob von Uexküll, der jährlich einen alternativen Nobelpreis an Graswurzel-Bewegungen in aller Welt vergibt. Anfang der 90er Jahre richteten sich viele Hoffnungen auf die Weltumweltkonferenz in Rio de Janeiro, doch diese wie auch einige Nachfolge-Konferenzen (u.a. Berlin 1995, auch Gegenstand der empirischen Untersuchung) kamen über bloße Absichtserklärungen nicht weit hinaus. Es entstand die "Idee der nachhaltigen Entwicklung", die auf den ersten Blick nicht gerade originell anmutet, bedenkt man, daß bereits vor über 20 Jahren die "Grenzen des Wachstums" erkannt wurden. Zu den bemerkenswertesten Veröffentlichungen der letzten Jahre gehören das Buch "Earth in the Balance" des US-amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore (1992), der einen "Ökologischen Marshallplan" fordert, und das Buch "Our stolen future" der Biologin Thea Colborn (1996), die auf die Gefahr der wachsenden menschlichen Unfruchtbarkeit aufmerksam macht, die sie auf die Zunahme von Umweltgiften zurückführt.

 

Soziologisch wird die Ökologiebewegung in westlichen Demokratien als Teil einer umfassenden Kategorie oder "Familie neuer sozialer Bewegungen" verstanden (Kriesi und Giugni 1996). Zu den weiteren Bewegungen zählen u.a. die Studentenbewegung, die Frauenbewegung, die Friedensbewegung, die Solidaritätsbewegung mit der "Dritten Welt", Menschenrechtsbewegungen, Hausbesetzer, städtische Autonome sowie eine Vielzahl von Bewegungen diskriminierter Minderheiten. Innerhalb der neuen sozialen Bewegungen deckt die Ökologiebewegung ein relativ heterogenes Feld von Akteuren, Aktionen, Diskursen und Organisationen ab, deren gemeinsamer Nenner als Versuch bezeichnet werden kann, das Gleichgewicht zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umwelt zu bewahren. In der westlichen Ökologiebewegung lassen sich grundsätzlich drei Strömungen unterscheiden (vgl. Diani 1988): eine Naturschutz-Bewegung mit überwiegend defensivem Charakter; eine stärker auf unkonventionelle, direkte Aktionen und Massendemonstrationen setzende Bewegung der politischen Ökologie (als prototypisches Beispiel ist die Anti-Atomkraftbewegung zu nennen) und eine Umweltschutz-Bewegung im engeren Sinne, einer eher pragmatischen Strömung. In den 80er Jahren kam schließlich mit der globalen Ökologie (Finger 1992) noch eine vierte Strömung auf, die durch transnationale Umweltschutzorganisationen vertreten wird, allen voran durch Greenpeace.

Als auslösende Faktoren für die heutigen Ökologiebewegungen sieht Rucht (1994) die Expansion des Wissens, Umweltkatastrophen und Skandale sowie umweltpolitische Regierungsinitiativen an. Umfragen in Europa und in den USA zeigen, daß das Mobilisierungspotential der Ökologiebewegung heute erstaunliche Ausmaße erreicht (Dunlap 1992, Mitchell 1984). So sympathisieren Bevölkerungsmehrheiten mit den Zielen der Umweltbewegung. Insbesondere konzentriert sich die Mobilisierung nach Kriesi (1993) in den neuen Bildungsschichten und in der Gruppe der sozial-kulturellen Professionellen, d.h. in dem Teil der Mittelschicht, der im Bildungs- und Gesundheitswesen sowie in der sozialen Wohlfahrt beschäftigt ist. Dieses Segment teilt am ehesten die Werte, welche von den neuen Bewegungen im allgemeinen und von der Ökologiebewegung im besonderen artikuliert werden und die als postmaterialistisch (Inglehart 1977), bzw. als links-libertär (Kitschelt 1990) oder als antiautoritär und emanzipatorisch (Kriesi 1993) beschrieben werden.

 

Die Ergebnisse diverser Studien zur Organisationsstruktur der Ökologiebewegung lassen sich dahingehend zusammenfassen, daß die Bewegung in den 90er Jahren einen hohen Professionalisierungsgrad erreicht hat. Verglichen mit den Organisationen anderer sozialer Bewegungen ist die Ökologiebewegung stark institutionalisiert und verfügt nicht selten über einen privilegierten Zugang zu den politischen Entscheidungsarenen. Als Kehrseite ihrer Integration in politische Netzwerke verliert die Ökologiebewegung allmählich ihren urspünglichen Charakter, so daß die unkonventionelle Art des sozialen Protests immer seltener anzutreffen ist. Hierzu tragen sicherlich auch die Grünen Parteien bei, die eine Intergration der Ökologiebewegung in das politische System beschleunigen. Anstatt die Problemlösefähigkeit des Staates in Frage zu stellen, versucht die Ökologiebewegung mit ihrer Sensibilität für Umweltprobleme, ihrem Wissen und ihrer Legitimität in der Öffentlichkeit heute zunehmend zur Lösung dieser Probleme beizutragen (vgl. Kriesi und Giugni 1996).

 

Neben der Verlagerung der außerparlamentarischen in die administrativen Arenen und dem Wandel von Konflikt- zu Kooperationsstrategien konstituiert sich mit der öffentlichen Kommunikation zusätzlich eine eigenständige dritte Arena, die in modernen Gesellschaften für die Austragung gesellschaftlicher Konflikte zunehmend an Bedeutung gewinnt. Musterbeispiel hierfür ist wiederum Greenpeace, eine Organisation, die Konflikte mit Vorliebe "in aller Öffentlichkeit" austrägt. Greenpeace hat eine Strategie entwickelt, die sich dadurch auszeichnet, bei der die Mehrheit der Mitglieder sich auf finanzielle Beiträge beschränkt und kleinen professionellen Teams die Ausführung radikaler Aktionen überläßt. Dieses Phänomen der Delegation von Militanz, von Kriesi und Giugni auch als "stellvertretende Radikalität" (1996, S.337) bezeichnet, trägt ebenfalls zu einer Mäßigung der Ökologiebewegung bei.

 

Das zahlenmäßig nach wie vor relativ ausgeprägte Potential der Ökologiebewegung in Deutschland ist vielleicht auch darauf zurückzuführen, daß durch die öffentliche Resonanz "Fakten" zu "sozialen Problemen" werden und als solche wahrgenommen werden. Demgegenüber fristet die Ökologiebewegung in Frankreich nur ein Schattendasein (vgl. Duyvendak und Koopmans 1995). Dennoch ist auch in Deutschland ein Rückgang der Aktivitäten zu verzeichnen. Opp (1996) konstatiert zur Zeit zwei gegenläufige Entwicklungen, die sich möglicherweise ergänzen: Während die Umweltorganisationen immer mächtiger (d.h. vor allem finanzkräftiger) werden, gehen die Anzahl der Umweltproteste und die Teilnehmerzahlen "eindeutig" zurück. Dies könnte in Zukunft dazu führen, daß der Druck auf die entsprechenden Organisationen wächst (vgl. dazu den Beitrag "Die Öko-Schnorrer", Simon 1996).

 

Bilanzierend ist die Rolle der Ökologiebewegung, insbesondere auch der Antiatomkraft-Bewegung zu würdigen, innerhalb der Demokratie nimmt sie eine wesentliche Funktion ein. Wie Rucht bemerkt, ist es wohl "historisch einmalig, daß es oppositionelle Bewegungen vermochten, eine Forschungs- Technologie- und Industriepolitik, die zunächst von einem allseitigen Konsens getragen war und bei der es um gigantische Investitionssummen ging, nachhaltig zu beeinflussen und einen tiefgreifenden Prozeß des Umdenkens einzuleiten. Dies ist um so erstaunlicher, als die Bewegungen über keinerlei der im üblichen politischen Prozeß eingesetzten Machtmittel verfügen" (Rucht 1994, S.472). Nach diesen scheinbaren Erfolgen stellt sich die Frage, ob die Ökologiebewegung überhaupt noch gebraucht wird bzw. ob das Thema Umweltschutz nicht bereits genügend Resonanz in der Gesellschaft gefunden hat.

 

 

(4) Die Zuversicht der Optimisten

 

 

"Arbeitsplätze statt Öko-Wahn" - diese Worte waren auf einem Transparent zu lesen, das protestierende Fischer an der Nordseeküste im Jahr 1996 von ihrem Schiff aus entrollten. Möglicherweise werden in Zukunft deratige Meinungsäußerungen häufiger in der Öffentlichkeit zu vernehmen sein. Einen Trend "vom Umweltschutz zum Öko-Wahn" konstatiert "Der Spiegel" Mitte der 90er Jahre in einer Titelgeschichte mit der Überschrift "Feldzug der Moralisten" (Spiegel 39/95). Broder diagnostiziert in Deutschland eine Krankheit namens "Ökochondrie" als Vorboten einer viel breiteren Volksbewegung. Umweltängste und Öko-Hysterien hätten sich in den letzten Jahrzehnten in Analogie zu den Aktivitäten der Umweltbewegung zu einem nationalen "Öko-Fieber" entwickelt: "Edel sei der Deutsche, hilfreich und allzeit bestürzt, daß sie nicht so ist, wie sie sein sollte: friedlich, solidarisch und FCKW-frei. Soll an deutschen Wesen wieder einmal die Welt genesen?" (1995, S.35).

 

Im Zuge derartiger Diskussionen ist in jüngerer Zeit häufig von "political correctness" die Rede. Ist damit etwa eine Anpassung an den "Zeitgeist" gemeint? Wenn dies der Fall sein sollte, so drängt sich jedoch der Eindruck auf, daß es gegenwärtig politisch korrekt ist, politische Korrektheit in Zweifel zu ziehen. Hierfür gibt es einige Indizien, die Gegenstand des folgenden Abschnitts sind. Geht man davon aus, daß bestimmte gesellschaftliche Strömungen in Zyklen kommen und gehen, ist der Status quo wenig überraschend. Vielmehr ist anzunehmen, daß spätestens mit der nächsten großen Katastrophe die Grundstimmung wieder umschlagen könnte. Zur Zeit scheint allerdings eher Optimismus angesagt zu sein, der manchmal in eine "grenzenlose Zuversicht" mündet (Preuß 1996, S.27).

 

Besonders auffällig in diesem Zusammenhang ist die "schöne grüne Welt der Werbesprüche" (Finck 1993, S.31). Die Public Relations-Abteilungen in den Industrien und in den Planungsabteilungen der großen politischen Parteien tragen den ökologischen Entwicklungen auf ihre Weise Rechnung, wie Cramer bemerkt hat: "In Wasch- und Spülmaschinen wurden 'Öko-Tasten' installiert. Die Farbe 'grün' erfuhr in der Werbung zunehmende Beliebtheit. Mit einem grünen Touch ausstaffierte Produkte werden seitdem 'der Natur zuliebe' angeboten. Ähnlich reagierten die politischen Parteien, indem sie psychologisierende Umweltrhetoriken aufbauten und ihre Symbolik, etwa auf Wahlplakaten, auf Naturliebe und Umweltfreundlichkeit umstellen" (1993, S.38). Doch die Konsumenten sind keineswegs immer so umweltbewußt, wie es neuerdings vorausgesetzt wird. Selbst prominente Umweltschützer lieben einen hedonistischen Lebensstil und schrecken auch nicht mehr davor zurück, ihn in der Zeitschrift "natur" öffentlich zu proklamieren: "Ich bin ein Öko-Schwein!" ("Umweltschützer outen sich", natur 1/96).

 

Zur Illustration der These, daß es in erster Linie der Optimismus ist, der derzeitig Konjunktur zu haben scheint, sei nachfolgend auf drei "Bestseller" der 90er Jahre hingewiesen: "Der Menschen törichte Angst vor der Zukunft" (von Hassler 1990), "Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert" (Schneider & Fasel 1995) und "Öko-Optimismus" (Maxeiner & Miersch 1996). Insbesondere auf die letztgenannte, programmatische Publikation ist etwas ausführlicher einzugehen. Alle Bücher stammen aus der Feder von Journalisten.

 

Von Hassler verfolgt dabei einen Ansatz, der zunächst erstmal sehr pessimistisch anmutet. Nach der Durchsicht zahlreicher Studien zum Thema Umweltzerstörung kam der Autor schon in den 80er Jahren zu dem Ergebnis, daß die menschliche Zivilisation vor einer Reihe von ökologischen Katastrophen steht ("Wenn die Erde kippt", von Haßler 1981). Dieser "Zusammenbruch" wird jedoch zehn Jahre später eher positiv bewertet, da er die Menschheit näher an das "Reich Gottes" führe. Dies sei Anlaß zu Optimismus und Freude, denn es gebe viele Möglichkeiten, die "apokalyptische Gegenwart" zu überwinden: "Was spricht dagegen, daß wir einer Zukunft entgegengehen, die uns nicht reich macht, aber heiter? (...) Was spricht dagegen - außer den falschen Propheten irdischen Heils -, daß man sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen und gleichzeitig unendlich fröhlich sein kann?" (von Hassler 1990, S.160). Im Gegensatz zu vielen sehr religiösen Menschen ist der Autor zwar bereit, sich realen Problemen zu stellen, trotzdem besteht die Tendenz zu einer Weltflucht, die absolut zynische Züge trägt, wie der Kommentar zum Ende des "Kalten Krieges" zeigt: "Eigentlich schade. Der totale Atomkrieg wäre eine zu schöne Bestätigung für die menschliche Hybris gewesen" (von Hassler 1990, S.31).

 

Eine ganz andere Form des Öko-Optimismus vertreten Schneider und Fasel mit ihrem Buch "Wie man die Welt rettet und sich dabei amüsiert" (1995). Obwohl auch diese Autoren von einem drohenden ökologischen Ruin der Menschheit ausgehen, beruhen ihre Hoffnungen auf irdischen Auswegen. Plädiert wird für ein vollelektronisches Heim im Medienzeitalter. Mit dem französischen Philosophen Blaise Pascal wird die Einsicht geteilt, alles Unglück der Menschen sei eine Folge davon, daß sie nicht in Ruhe in einem Zimmer bleiben könnten. Im Zentrum des Buches findet sich folgender Beleg: "Als 1965 in der Region New York einen ganzen Abend und die ganze Nacht lang der Strom ausgefallen war, stieg neun Monate später die Zahl der Geburten drastisch an: Klar, wenn man den Leuten den Fernseher vorenthält, machen sie Kinder. Versorgt man dagegen die Menschen lückenlos mit Strom und Flimmerbildern, so entfernt man gleich beide Zünder aus der Kombi-Bombe: Sie produzieren weder Waren für die Raffgier noch Babys für die Bevölkerungsexplosion. Mit dem Konsumrausch zusammen erlischt der Zeugungswahn" (Schneider & Fasel 1995, S.48). Das Buch kann als kulturoptimistische Antwort auf den Medienkritiker Neil Postman ("Wir amüsieren uns zu Tode", Postman 1988) verstanden werden. Schneider dagegen geht es um die ökologische Verträglichkeit des passiven Medienkonsums: "Die Zukunft gehört dem Stubenhocker: ihm, der keinen Autofriedhof und keine Giftmüllhalde produziert, kein Ozonloch, keinen Ölteppich und keine Algenpest" (Schneider 1995, S.158).

 

Nach diesen beiden recht ungewöhnlichen Argumentationen für eine optimistisch zu beurteilende ökologische Zukunft folgt nun ein aus wissenschaftlicher Sicht etwas ernstzunehmenderer Ansatz. Nicht aufgrund religiöser oder technischer Heils-erwartungen, sondern aufgrund der Erfolge der Umweltbewegung blicken Maxeiner und Miersch (1996) ökologisch optimistisch in die Zukunft. Beide Autoren waren früher selbst in der Ökologiebewegung aktiv. "Öko-Optimismus" gilt als "das erste umfassende Werk bekennender Renegaten unter den Ökopaxen der achtziger Jahre" - die Botschaft lautet: "Revisionismus pur" (Mohr 1996, S.228). Die Autoren sind der Ansicht, daß ökologische Untergangsszenarien immer weniger mit der Wirklichkeit übereinstimmen und pflichten dem amerikanischen Umweltphilosophen Baird Callicott bei: "Da macht sich ein Gefühl breit, daß die Umweltschützer vielleicht doch etwas übertrieben haben. Die Welt ist ja noch nicht untergegangen. Das Geschrei nervt mittlerweile" (Maxeiner & Miersch 1996, S.10). Das Gebot der Stunde sei daher "Öko-Optimismus (...), das Umweltbewußtsein der Zukunft" (S.12), der "ökologische Anklagejournalismus" werde bald der Vergangenheit angehören: "In vier bis fünf Jahren werden junge Leute ohne 68er-Biographie die Tonlage wohltuend verändern" (S.30).

 

Angeklagt wegen "öffentlicher Panikmache" (S.63) wird in dem Buch von Maxeiner und Miersch dagegen die Ökologiebewegung, wobei den Titulierungen für Umweltengagierte keine Grenzen gesetzt sind, wie eine kleine Auswahl illustriert: "Grüne Gesinnungspolizisten" (S.70), "Ökopharisäer" (S.72), "Öko-Heilige" (S.75), "Umweltengel" (S.86), "Ökofundis" (S.133), "Ökoromantiker" (S.142), "Ökoapostel" (S.143), "Ökopäpste" (S.163), "Kassandra-Kartell" (S.174), "Ökopriester" (S.188), "Öko-Kampagneros" (S.202) und "Ökoimperialisten" (S.228). In einem Kapitel über "Endzeitpropheten und Öko-Stalinisten" werden u.a. Erich Fromm, Herbert Gruhl, Hoimar von Ditfurth, Rudolf Bahro und Hans Jonas genannt. Diesen "wortgewaltigen Apokalyptikern" und "zornigen alten Männern" raten die Autoren: "Ein Mann sollte eigentlich auch wissen, daß sein eigener Lebensabend nicht unbedingt mit dem Weltuntergang identisch ist" (S.118).

 

Am Ende ihres Buches fragen sich Maxeiner und Miersch schließlich, wie weit unsere Verantwortung für künftige Generationen eigentlich gehen soll. Die Sorge um zukünfige Generationen gehöre gegenwärtig einfach "zum guten Ton": "Künftige Generationen werden für sich selbst sorgen, wie wir auch, da sind wir ganz optimistisch. (...) Wir machen uns deshalb ein bißchen viel Sorgen um künftige Generationen und ein bißchen wenig um die gegenwärtigen. Sehr salopp gesagt: Wir machen uns Sorgen um ungelegte Eier" (Maxeiner und Miersch 1996, S.312/3).

 

 

 

(5) Der Fatalismus der Pessimisten

 

 

In diesem Abschnitt kommen die "zornigen alten Männer" zu Wort, die von den Autoren des "Öko-Optimismus" als "Endzeitphilosophen" bezeichnet werden. In der Tat haben die hier vorgestellten Öko-Pessimisten ihre Hoffnung auf eine Verhinderung der ökologischen Katastrophe aufgegeben. Ihnen vorzuwerfen, sie würden ihr eigenes Lebensende mit dem der Menschheit verwechseln, zeugt allerdings von mangelndem Respekt. In der Regel handelt es sich bei den Öko-Pessimisten um Philosophen, die versucht haben, ihre Erkenntnisse in die Gesellschaft einzubringen, um zu verhindern, daß ihre düsteren Prognosen Wirklichkeit werden. Angesichts der Tatsache, daß die meisten Mahner und Warner heute nicht mehr leben, scheint es umso notwendiger zu sein, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen.

 

Zu diesen "Apokalyptikern" gehören u.a. Günther Anders (1956,1980) und Hans Jonas (1979), Herbert Gruhl (1975,1992) und Rudolf Bahro (1987), sowie Hoimar von Ditfurth (1985, 1989) und in neuerer Zeit Gregory Fuller (1996). Da Anders und Jonas im Rahmen dieser Arbeit eine besondere Rolle zukommt und sie später noch ausführlich vorgestellt werden (Kap. 6), wird auf diese Philosophen an dieser Stelle nicht eingegangen. Nachfolgend einige kurze Anmerkungen Gruhl und Bahro. Als einzigem Nichtphilosophen wird von Ditfurth etwas mehr Raum eingeräumt, um schließlich mit Fuller einen der wenigen Vertreter aus der jüngeren Generation zu präsentieren, die sich dem Thema auf eine radikale Art und Weise nähern.

 

Herbert Gruhl und Rudolf Bahro gehören beide zu den Mitbegründern der "Grünen" Partei. Gruhl war in den 70er Jahren Mitglied des Deutschen Bundestages und Umweltsprecher der CDU/CSU-Fraktion, bevor er sein Mandat aufgab und die Partei wechselte. Mit der Veröffentlichung des Buches "Ein Planet wird geplündert" (1975) stand Gruhl im Widerspruch zu allen Parteien. Kurz vor seinem Tode leistete Gruhl seinen endgültigen ökologischen Offenbarungseid: "Himmelfahrt ins Nichts - Der geplünderte Planet vor dem Ende" (1992) endet in einem rabenschwarzen Pessimismus: "Längst laufen anschauliche Filme darüber, wie unsere Welt untergehen wird. Auch das ist ein Geniestreich des Menschen, der vor hundert Jahren noch nicht ausgedacht war. Nach jedem Film gehen die Zuschauer wie gewohnt schlafen und ändern nichts - so wenig wie dieses Buch etwas ändern wird. Viele ernsthafte Leute hoffen, daß es sich nur um Irrtümer handelt. Sagte nicht schon der dänische Philosoph Sören Kierkegaard, daß die Welt untergehen werde unter dem Jubel der witzigen Köpfe, die da meinen werden, es sei ein Witz?" (Gruhl 1992, S.378).

 

Nicht ganz so fatalistisch ist Bahro gestimmt, der mit dem Buch "Logik der Rettung -Wer kann die Apokalypse aufhalten? Ein Versuch über die Grundlagen ökologischer Politik" (1987) sein opus magnum vorgelegt hat. Es handelt sich dabei um ein "sprachgewaltiges Werk, eine Zusammenschau von sinnlicher Erfahrung, von Lektüre und Analyse, eine Anthropologie, eine Theorie der Gesellschaft und ihrer fundamentalen Veränderung" (Schnibel 1988). Die Einschätzung von Bahro zur gegenwärtigen Situation der Gattung Mensch geht von einer Selbstausrottung des homo sapiens aus. Grundlage sei vor allem die Normalität des Industriesystems, dessen materielles Wirtschaftsvolumen Bahro für unvereinbar mit einer ökologischen Stabilität hält. Im Gegensatz zu Gruhl geht Bahro theoretisch von der Möglichkeit eines dramatischen, rettenden Entwicklungssprungs aus und entwirft eine eigenwillige Staatskonstruktion, die wie eine Mischung aus Platons Staat und einer Öko-Diktatur anmutet. Dennoch scheint Bahro selbst wenig Hoffnung auf eine Realisierung seiner Ideen zu haben: "Wir haben immer noch ganz andere Sorgen, als mit der Selbstmord-Vorbereitung aufzuhören oder uns wenigstens bewußtzuhalten, womit wir alltäglich hauptbeschäftigt sind" (Bahro 1987, S.83).

 

Der Psychiater und Neurologe von Ditfurth beginnt sein Buch "So laßt uns denn ein Apfelbäumchen pflanzen - Es ist soweit" unter der Überschrift "Endzeit?" mit den Worten: "Es steht nicht gut um uns. Die Hoffnung, daß wir noch einmal (...) davonkommen könnten, muß als kühn bezeichnet werden. Wer sich die Mühe macht, die überall schon erkennbaren Symptome der beginnenden Katastrophe zur Kenntnis zu nehmen, kann sich der Einsicht nicht verschließen, daß die Chancen unseres Geschlechts, die nächsten beiden Generationen heil zu überstehen, verzweifelt klein sind. Das eigentümlichste an der Situation ist die Tatsache, daß fast niemand sie wahrhaben will. Wir werden daher (...) als die Generation in die Geschichte eingehen, die sich über den Ernst der Lage hätte im klaren sein müssen, in deren Händen auch die Möglichkeit gelegen hätte, das Blatt noch in letzter Minute zu wenden, und die vor dieser Aufgabe versagt hat. Darum werden unsere Kinder die Zeitgenossen der Katastrophe sein und unsere Enkel uns verfluchen - soweit sie dazu noch alt genug werden" (von Ditfurth 1985, S.7).

 

Im Gegensatz zu den zitierten Öko-Optimisten hat sich von Ditfurth offensichtlich sehr ernsthafte Gedanken um kommende Generationen gemacht, wie es für einen evolutionstheoretisch ausgerichteten Naturwissenschaftler wohl selbstverständlich ist: "Wir haben bei unserer Geburt deshalb eine bewohnbare Erde vorgefunden, weil alle Generationen vor uns mit den 'Zinsen' ausgekommen sind, die das Kapital der lebenden Natur laufend abwirft. Wir sind die erste Generation in der gesamten Geschichte, die sich daran nicht mehr hält. (...) Wir haben begonnen, das Kapital selbst anzugreifen. Niemand scheint sehen zu wollen, daß wir damit die Quellen zukünftiger Produktion zerstören. Daß wir den kommenden Generationen ihre Überlebenschancen auf fundamentale Weise beschneiden. Daß wir, wie ein französischer Biolologe es vor einigen Jahren ebenso drastisch wie treffend formulierte, dabei sind, unsere Enkel zu ermorden" (von Ditfurth 1985, S.158).

 

Wenige Jahre später, kurz vor seinem Tode, spitzte von Ditfurth in einer persönlichen Bilanz ("Innenansichten eines Artgenossen", 1989) seine düsteren Zukunftsprognosen noch zu: "Schon in wenigen Jahrzehnten wird es nicht mehr um Luxus und Bequemlichkeit gehen. Dann geht es bloß noch um das nackte Überleben in einer Welt, deren lebenserhaltende Potenzen wir, den Blick unbeirrt auf Wirtschaftswachstumsraten, Exportquoten und Bundesbanküberschüsse gerichtet, schlicht verpraßt haben" (S.408). Den gegenwärtigen "Tanz auf dem Vulkan" beschrieb Ditfurth mit den Worten: "Es ist so, als hätte der Kapitan der 'Titanic' nach dem Zusammenstoß mit dem Eisberg den Befehl ausgegeben weiterzufeiern, als ob sich nichts geändert hätte - und alle, die behaupteten, daß das Schiff sinke, als Miesmacher anzuschwärzen und ihnen die Megaphone wegzunehmen" (S.393).

 

Der Vermutung, daß apokalyptische Visionen ein "Privileg" hohen Alters seien, kann ein Essay des Philosophen Fuller, der 1948 in Chicago geboren wurde, entgegengestellt werden - Titel: "Das Ende" (1996). Fuller vertritt die Auffasung, daß die Menschheit unaufhaltsam einer selbstverschuldeten Katastrophe entgegentreibe und dabei die Umwelt ohne Rücksicht auf das Wohlergehen kommender Generationen in einem Maße zerstöre, das nicht mehr rückgängig zu machen sei. Im Zentrum des Buches steht die Frage nach der psychischen Gestimmtheit im Angesicht des kollektiven Untergangs. Der Autor nimmt dabei Bezug auf Montaignes moralische Akzeptanz der Dinge. Der Untertitel - "Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe" - verrät, daß seine Reaktion eher positiv ausfällt. So gesehen könnte Fuller auch zu den Öko-Optimisten gerechnet werden. Allerdings ist die Diagnose von Fuller in ihrer Radikalität noch pessimistischer als alle anderen zuvor referierten Ansätze.

 

Während von Ditfurth (1985, S.367) sein "Apfelbäumchen" mit dem Satz "Es ist soweit" beschließt, beginnen die Ausführungen bei Fuller mit dem Satz "Es ist zu spät" (1996, S.23), sie enden mit den Worten "Es ist bereits aller Tage Abend" (S.126). Auf den gut einhundert Seiten dazwischen wird die ökologische Katastrophe als unabwendbar erklärt: "Man weiß nur nicht, wann es soweit sein wird. Zyniker schlössen Wetten ab, wäre ihnen nicht klar, daß niemand da sein wird, den Gewinn einzukassieren. Die ökologische Lage ist nicht ernst. Sie ist verzweifelt" (S.86). Für Fuller neigt sich der "Tanz auf dem Vulkan" bereits dem Ende zu: "Jedes Individuum muß von neuem lernen, den Tod zu akzeptieren, damit es Friede finde vor dem Abgang. Beim Gattungstod verhält es sich nicht anders, nur daß der Lernprozeß ein kollektiver ist. Wir haben die Verhältnisse zum Tanzen gebracht, und nun ist ausgetanzt. (...) Es naht die Stunde des Abschieds" (S.95). Fuller empfiehlt, diesen Tanz mit mit dem "Prinzip Akzeptanz", einer "Art Ataraxie der Postmoderne" ausklingen zu lassen (S.97), denn "ganz gleich, was wir tun, es eilt nicht mehr" (Fuller 1996, S.111).

 

 

(6) Der Pragmatismus der Realisten

 

 

Was ist real? Wenn es eine "ökologisch realistische Tagesschau" gäbe, müßte der Sprecher nach Ansicht des TV-Journalisten Franz Alt Abend für Abend sagen: "Auch heute starben 100 bis 200 Tier- und Pflanzenarten aus, verschwanden 55000 Hektar Tropenwald, dehnten sich die Wüsten um 20000 Hektar aus, bliesen wir weltweit 100 Millionen Tonnen Treibhausgase in die Luft" (Bölsche 1995, S.13). Die Antwort auf die Frage, warum es eine solche Sendung nicht gibt, liegt nach Auffassung des postmodernen Philosophen Peter Sloterdijk in der katastrophischen Gegenwart selbst begründet: "Die Apokalypse macht heute von selber auf sich aufmerksam wie die Leuchtschriften am Broadway. Mit trockener Professionalität erstellt sie ihren eigenen Ankündigungstext. (...) Das aktuelle Alternativbewußtsein zeichnet sich durch etwas aus, was man als pragmatisches Verhältnis zur Katastrophe bezeichnen könnte. Das Katastrophische ist eine Kategorie geworden, die nicht mehr zur Vision, sondern zur Wahrnehmung gehört. Heute kann jeder Prophet sein, der die Nerven hat, bis drei zu zählen. Ohnedies bedarf die Katastrophe weniger der Ankündigung als der Mitschrift, sie hat sprachlich ihren Platz nicht in apokalyptischen Verheißungen, sondern in den Tagesnachrichten und Ausschußprotokollen" (Sloterdijk 1992, S.181).

 

Wissenschaftliche Einrichtungen überall auf der Welt sind heutzutage damit beschäftigt, diesen "Wahnsinn der Normalität" (Gruen 1989) zu dokumentieren. Von ihnen soll in diesem Abschnitt kurz die Rede sein. Es handelt sich dabei um Institutionen, denen die einseitige Verbreitung von Optimismus oder Pessimismus kaum zu unterstellen ist. Zu ihnen gehören international u.a. der "Club of Rome" oder das "Worldwatch Institute" und in Deutschland z.B. das Wuppertaler "Institut für Klima, Energie und Umwelt" sowie das Berliner "Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung". Rolf Kreibich, Leiter der letztgenannten Institution faßt den gegenwärtigen Forschungsstand wie folgt zusammen: "So gut wie alle Institute der internationalen Zukunftsforschung gehen davon aus, daß die Welt mit einer Wahrscheinlichkeit von 80 bis 90 Prozent im nächsten Jahrhundert in die Katastrophe treibt, wenn wir mit unserer Produktions- und Konsumptionsweise weitermachen wie bisher. Dann ist spätestens Mitte bis Ende des nächsten Jahrhunderts die Tragekapazität der Erde erschöpft. Die Schäden werden so irreversibel, daß es uns Menschen nicht mehr möglich sein wird, auf der Erde zu leben" (Kreibich 1996, S.17).

 

Typisch für diese Art der Gegenwartsanalyse sind Aussagen in "wenn-dann"-Formulierungen. Die Katastrophe wird dabei weder negiert, noch als unausweichlich hingenommen. Die weltweit wohl bekannteste Einrichtung in diesem Zusammenhang ist der "Club of Rome". Die im Jahre 1969 gegründete Gruppe unabhängiger Denker setzt sich zur Zeit aus einhundert Mitgliedern aus 53 Ländern zusammen, die eine Vielfalt von Kulturen, Berufen, Ideologien und Wissenschaftszweigen repräsentieren und die durch die gemeinsame Sorge um die Zukunft der Menschheit miteinander verbunden sind. Die erste Veröffentlichung - "Die Grenzen des Wachstums" - erschien 1972 als Bericht an den Club. Die in Auftrag gegebene Studie wurde durch ein internationales Forschungsteam des Massachusetts Institute of Technology (MIT) erstellt. Es handelte sich um den bis dahin eimaligen Versuch, die Wechselwirkungen einer Reihe quantifizierbarer Elemente der Weltproblematik darzustellen.

 

Der erste Bericht des Club of Rome löste erstmals eine große, globale Debatte über Wachstum und Gesellschaft aus. Der Bericht erreichte eine Auflage von rund zehn Millionen Exemplaren, wurde in über 30 Sprachen übersetzt und hatte ein beachtliches politisches Aufsehen. Die Studie begann mit einigen einführenden Worten des damaligen UNO-Generalsekretärs U Thant: "Ich will die Zustände nicht dramatisieren. Aber nach den Informationen, die mir als Generalsekretär der Vereinten Nationen zugehen, haben nach meiner Schätzung die Mitglieder dieses Gremiums noch etwa ein Jahrzehnt zur Verfügung, ihre alten Streitigkeiten zu vergessen und eine weltweite Zusammenarbeit zu beginnen, um das Wettrüsten zu stoppen, den menschlichen Lebensraum zu verbessern, die Bevölkerungsexplosion niedrig zu halten und den notwendigen Impuls zur Entwicklung zu geben. Wenn eine solch weltweite Partnerschaft innerhalb der nächsten zehn Jahre nicht zustande kommt, so werden, fürchte ich, die erwähnten Probleme derartige Ausmaße erreicht haben, daß ihre Bewältigung menschliche Fähigkeiten übersteigt" (Meadows et al. 1973, S.11). Alle in diesem Forschungsbericht durchgerechneten Szenarien enden in einer Katastophe.

 

 

Im Mai 1977 forderte der damalige US-Präsident Jimmy Carter den amerikanischen Kongreß auf, die voraussichtlichen Entwicklungen der Umwelt auf der Erde bis Ende des Jahrtausends zu untersuchen und über das Ergebnis als Grundlage einer langfristigen Planung zu berichten. Auf Wunsch des Präsidenten machten sich Tausende von Wissenschaftlern amerikanischer Universitäten und staatlicher Forschungseinrichtungen ans Werk. Drei Jahre später, im Jahre 1980, legten sie das Resultat ihrer Anstrengungen vor - Titel: "Global 2000. Der Bericht an den Präsidenten". Das Autorenteam faßte den über tausendseitigen Report wie folgt zusammen: "Die Schlußfolgerungen, zu denen wir gelangt sind, sind beunruhigend. Sie deuten für die Zeit bis zum Jahre 2000 auf ein Potential globaler Probleme von alarmierendem Ausmaß. Der Druck auf Umwelt und Ressourcen sowie der Bevölkerungsdruck verstärken sich und werden die Qualität menschlichen Lebens auf diesem Planeten zunehmend beeinflussen". Angesichts der Dringlichkeit und des Ausmaßes der Gefahren sei eine globale Zusammenarbeit notwendig, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben habe, da die zur rechtzeitigen Abwehr der ermittelten Gefahren notwendigen Veränderungen die Möglichkeiten jeder einzelnen Nation übersteigen. Was geschah mit diesem Bericht? Der Präsident - inzwischen hieß er Ronald Reagan - nahm die Antwort auf die Frage, die sein Amtsvorgänger gestellt hatte, nicht zur Kenntnis. Er ließ sie im Archiv begraben.

 

Im Jahre 1992, also wiederum etwa zehn Jahre später, meldeten sich erneut zahlreiche Wissenschaftler zu Wort, wie die Nachrichtenagentur AP meldete: "Nur noch wenige verbleiben den Menschen nach Ansicht von 1575 Wissenschaftlern, darunter 99 Nobelpreisträgern, den gegenwärtigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen der Erde zu stoppen und ein langfristiges Überleben zu sichern. (...) Erfolge nicht weltweit eine Umkehr im Umgang mit der Natur, drohe ein düsteres Szenario aus Verteilungskriegen und Massenwanderungen, von Elend und Verheerung. Als dringendste Probleme wurden unter anderem genannt: Überbevölkerung, Zerstörung der Ozonschicht, Luftverschmutzung, Verschwendung von Trinkwasser, Giftmüllbelastung der Weltmeere und Rodung der Urwälder" (Der Tagesspiegel, 18.11.1992).

 

Seit den ersten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Zustand der Erde ist nun ein Vierteljahrhundert vergangen - und wir leben noch immer, möchte man meinen. Der amtierende Prädident des Club of Rome bilanziert die gegenwärtige Lage der Menschheit wie folgt: "Vielleicht mit Ausnahme der atomaren Bedrohung sind die Gefahren, welche die Menschheit bedrohen, heute vermutlich größer und näher gerückt als 1972" (Diez-Hochleitner 1991, S.8). Wie beurteilen die Autoren von damals die Situation von heute? Die Hochrechnungen der Systemanalyse auf der Basis aktueller Daten und modernster Technik werden als Bestätigung der früheren Prophezeiungen interpretiert: "Die Menschheit hat ihre Grenzen überzogen; unsere gegenwärtige Art zu handeln läßt sich nicht mehr lange durchhalten" (Meadows 1993, S.12). Wenig später heißt es jedoch etwas hoffnungsvoller: "Eine dauerhaft existenzfähige Gesellschaft ist technisch und wirtschaftlich noch immer möglich. (...) Dazu ist mehr erforderlich als nur Produktivität und Technologie; gefragt sind Reife, partnerschaftliches Teilen und Weisheit" (1993, S.13). Abschließend ruft das Forschungsteam die Menschheit nach der agrarischen und industriellen zu einer dritten großen Revolution in ihrer Geschichte auf: zur "Umwelt-Revolution" (1993, S.278).

 

 

(7) Ausgangsthese und Forschungsfragen

 

 

Rekapitulieren wir den bisherigen Gang der Überlegungen: Ausgehend von der Beobachtung, daß Kinder heutzutage Fragen stellen, die von existentieller Bedeutung für das Überleben der Menschheit sind, wurde dafür plädiert, Kinder ernst zu nehmen. Es wurde die Auffassung vertreten, daß angesichts einer weltgesellschaftlichen Entwicklung, die suizidale Züge trägt, die sensible Wahrnehmung von Kindern und Jugendlichen eine wertvolle seismographische Funktion für die Gesellschaft haben kann. Das gegenwärtige nationale "Umweltbewußtsein" wurde - beispielhaft am Fall "Brent Spar" - einer kritischen Reflexion unterzogen. Weiterhin wurde mit Wiedrich (1996) angenommen, daß zwischen "Umweltbewußtsein haben" und "umweltbewußt sein" ein entscheidener Unterschied besteht. Ein Rückblick auf die Geschichte der Ökologiebewegung rief die rasante Entwicklung dieser sozialen Bewegung, deren grundlegendes Charakteristikum in einer fortschrittskritischen Haltung gesehen werden kann, insbesondere seit den 70er Jahren dieses Jahrhunderts in Erinnerung. Der gegenwärtige Zustand der Bewegung scheint durch eine gewisse Stagnation gekennzeichnet zu sein. Ursachen hierfür sind sowohl im mittlerweile allgemein hohen Professionalisierunggrad der entsprechenden Organisationen als auch im Einzug des ökologischen Gedankenguts in die Parlamente zu suchen. Die führte zu der Frage, ob die Umweltbewegung in der Gesellschaft überhaupt noch gebraucht wird.

 

Der Status Quo des gesellschaftlichen Umgangs mit der Umweltzerstörung wurde mit Hilfe von drei Strömungen beschrieben: Die sog. Öko-Optimisten gehen dabei generell von einem positiven Ausgang der ökologischen Krise aus, sofern sie überhaupt als solche wahrgenommen wird. Demgegenüber nehmen die sog. Öko-Pessimisten eine fatalistische Haltung ein, nach der sich die Menschheit bereits jenseits eines "point of no return" befindet, sodaß alle potentiell einzuleitenden Rettungsmaßnahmen an der Tatsache einer Katastrophe letztlich nichts mehr verändern können. Schließlich konnte eine dritte Gruppe von "Öko-Realisten" ausgemacht werden. Sie beschönigen den Zustand der Erde nicht, sondern weisen auf wissenschaftliche Warnungen in Form von "wenn-dann"-Aussagen hin. Mit Hilfe dieser Formulierungen bleibt der Ausgang der ökologischen Krise offen.

 

Die Ausgangsthese dieser Arbeit sieht sich in der Tradition der dritten Gruppe zuhause. Die These lautet (vgl. Abb. 3): "Ohne die Ausbildung eines individuellen und kollektiven ökologischen Gewissens wird die ökologische Krise in eine ökologische Katastrophe münden". Positiv formuliert liegt in dieser These die Hoffnung verborgen, daß mit einer Mobilisierung des individuellen und kollektiven ökologischen Gewissens die Chance besteht, eine dauerhaft lebenswerte Zukunft zu erhalten. Hinzuweisen ist, daß die These keine Wahrscheinslichkeitsaussage enthält. Sie geht jedoch davon aus, daß es keine deterministische Antwort auf die Frage des Ausgangs der ökologischen Krise gibt. Diese Annahme hat die nicht unerhebliche Konsequenz, daß, solange theoretisch noch eine Möglichkeit zur Verhinderung der Katastrophe besteht, ein ökologisches Gewissen wirksam werden kann.

 

An dieser Stelle sei die Konzeption der Arbeit, über die bereits im Vorwort vorgestellten Überlegungen hinaus, kurz erläutert. Die Arbeit gliedert sich in drei große Bereiche: Theorie (I, Kap. 1-6), Methoden (II, Kap. 7-10) und Ergebnisse (III, Kap. 11-20). Sie umfaßt 20 Kapitel, die sich wiederum in 100 Subkapitel unterteilen. Alle 20 Kapitel beginnen mit einem "Intro" (blaue Seiten) und enden mit einem "Summary" (gelbe Seiten). Im Summary ist mit jeweils mindestens einem Satz der wichtigste Befund jedes Subkapitels zusammengefaßt. Auf diese Weise ist es relativ leicht möglich, den gesamten Untersuchungsgang mitsamt der einzelnen Erkenntnisse jedes Abschnittes im Zeitraffer zu verfolgen.

 

Abb. 3 dokumentiert die beiden wesentlichen aus der Ausgangsthese abgeleiteten Forschungsfragen der Arbeit. Auf der Suche nach den Realisierungschancen eines ökologischen Gewissens werden zwei unterschiedliche Perspektiven eingenommen, eine "Vogelperspektive" und eine "Froschperspektive". Zum einen geht es um sog. theoretische Außenansichten ("Warum zerstören wir wider besseres Wissen unsere natürlichen Lebensgrundlagen?"), zum anderen um empirische Innenansichten ("Wie erleben Kinder und Jugendliche die globale Umweltzerstörung?"). Die Arbeit beginnt mit einer wissenschaftlichen Rundschau, in der exemplarische Ansätze des Umgangs mit der ökologischen Krise in verschiedenen Disziplinen analysiert werden. Ausgehend von den zu erwartenden Erkenntnissen wird eine empirische Untersuchung theoretisch vorbereitet, methodisch operationalisiert und auf vielfältige Art und Weise ausgewertet.

 

Der theoretische Teil der Arbeit umfaßt sechs Kapitel. Nachdem in Kap. 2 bestimmte wissenschaftliche Perspektiven multidisziplinärer Ansätze zur ökologischen Krise aufgezeigt werden, geht es in Kap. 3 um die Frage, ob das das Konzept des Gewissens, das in der Menschheitsgeschichte eine lange Tradition aufweist, auch heute Gegenstand wissenschaftlicher Auseinandersetzung ist. In Kap. 4 steht dann das Subjekt der Arbeit, Kinder und Jugendliche, im Mittelpunkt. Analysiert wird die Beziehung zur Ökologie. Aktuelle Ansätze zum ökologischen Erleben und Handeln werden in Kap. 5 behandelt, um auf dieser Basis einige Forschungsthesen abzuleiten. In Kap. 6 wird schließlich ein heuristisches Modell zum ökologischen Gewissen entwickelt, das die philosophischen Prinzipien der Angst, Hoffnung und Verantwortung umfaßt.

 

Der Methodenteil besteht aus vier Kapiteln. Er beginnt mit einigen wissenschafts-theoretischen Überlegungen (Kap. 7). Sie dienen als Ausgangspunkt für die Idee einer "Patchwork-Methodik" (Kap. 8). Die Vorstellung der 600 Personen umfassenden Gesamtstichprobe sowie der aus 20 Gruppen bestehenden Substichproben von nationalen und internationalen Öko-Aktiven und Öko-Passiven ist Gegenstand von Kap. 9, die Vor-stellung der quantitativen und qualitativen Instrumente sowie weiterer Erkenntnisquellen (u.a.. Aktionsforschung) wird in Kap. 10 vorgenommen.

 

Die Ergebnisse verteilen sich auf zehn Kapitel: In Kap. 11 geht es zunächst um die Festlegung der Auswertungsstrategien. In Kap. 12 wird das Modell des ökologischen Gewissens empirisch überprüft. In den folgenden Kapiteln wird das Ökologiethema aus unterschiedlichen Perspektiven qualitativ und quantitativ ausgewertet: Lebensalter (Kap. 13), Entwicklung (Kap. 14), Geschlecht (Kap. 15), Politik (Kap. 16), Kultur (Kap. 17), Zeitgeschichte (Kap. 18) und Biographie (Kap. 19). Das Schlußkapitel (Kap. 20) faßt alle Ergebnisse der Arbeit zusammen und reflektiert sie hinsichtlich ihrer Konsequenzen.

 

 

Summary 1

 

 

 

 

1. Die vorliegende umweltsoziologische Arbeit fühlt sich

einer endosoziologischen Perspektive verpflichtet.

 

Umweltsoziologie befaßt sich mit den sozial produzierten ökologischen Problemen und den gesellschaftlichen Reaktionen

auf diese Probleme.

 

Unter Endosoziologie wird ein interdisziplinärer Ansatz verstanden, der sich mit der Innenwelt der Beobachter auseinandersetzt.

 

 

 

Folgende Forschungsfragen stehen im Zentrum:

 

Warum zerstören wir wider besseres Wissen

unsere natürlichen Lebensgrundlagen?

 

Wie erleben und verarbeiten Kinder und

Jugendliche die globale Umweltzerstörung?

 

 

 

Die Ausgangsthese der Arbeit lautet:

 

Ohne die Ausbildung eines ökologischen Gewissens

wird die ökologische Krise in eine ökologische Katastrophe

münden.