19. Ökologie und Biographie

 

 

 

 

Intro

 

 

Kap. 19 beschäftigt sich schließlich mit den sog. Hyper-Aktivisten der Studie. Es handelt sich dabei um Personen, die seit mindestens drei Jahren mindestens 20 Stunden in der Woche ökopolitisch engagiert sind. Nacheinander werden folgende politische Persönlichkeiten portraitiert, die eigens für dieses Kapitel zusätzlich zu den Gruppen-Interviews noch einmal persönlich befragt wurden: Die 18jährige Vivien, die bei Greenpeace aktiv ist (Kap. 19.1), die ebenfalls 18jährige Wiebke, jüngste Berliner Bezirksabgeordnete von den Grünen (Kap. 19.2), der 17jährige Xaver, ein vielseitiger Aktivist aus den Neuen Bundesländern (Kap. 19.3), der 20jährige Yves, der bei der Bund-Jugend engagiert ist (Kap. 19.4) und der 70jährige Zenon, Deutschlands ältester Greenpeace-Aktivist (Kap. 19.5). Die vergleichende Zusammenfassung (Kap. 19.6) umfaßt qualitative und quantitative Auswertungen. Zu den qualitativen Analysen gehören: Biographische Entwicklungen, die Rolle der Eltern, die Rolle von Vorbildern, die kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung, die emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung, Ökologische Persönlichkeit, Ökologisches Gewissen, Visionen für die Zukunft, die Frage nach dem Sinn des Lebens, Burnout-Gefährdung, die sozialen Kosten des Engagements und die Frage nach der psychischen Gesundheit der Befragten. Die quantitativen Auswertungen beruhen auf deskriptiver Statistik. Abschließend werden die Gemeinsamkeiten der Hyper-Aktivisten bilanziert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einleitung: Auf der Suche nach politischen Persönlichkeiten

 

 

 

Was ist schließlich unter der Überschrift "Ökologie und Biographie" zu erwarten? Im Gegensatz zu dem Kapitel, der sich mit "Ökologie und Politik" (Kap. 16) beschäftigte, geht es im folgenden nicht um die Frage, ob und wie sich ökologisch engagierte Personen von nicht Engagierten unterscheiden, sondern darum, besonders engagierte Öko-Aktivisten einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Die Frage, ob jemand in einer Umweltgruppe aktiv ist, hängt vermutlich von vielen Faktoren abhängt, die nicht immer intrinsich motiviert etwas mit dem Bedürfnis nach Umweltschutz zu tun sein müssen. Denkbar wäre es z.B., daß ein Jugendlicher auf der Suche nach Gemeinschaft oder interessanter Freizeitbeschäftigung zufällig auf einer Umweltgruppe stößt. Genauso zufällig wie ein Engagement einmal begonnen hat, kann es sein, daß dieses Engagement eines Tages von einer anderen Aktivität (z.B. Sport) plötzlich abgelöst wird. Vielleicht erlahmt auch einfach nur das ursprüngliche Interesse. Demgegenüber kann angenommen werden, daß Menschen, die sich über einen längeren Zeitraum ihres Lebens intensiv mit einem Thema beschäftigen, ein tiefergehendes Interesse an der Sache haben und nicht "von heute auf morgen" ihr Engagement abbrechen. In einem solchen Fall wird die Aktivität zu einem zentralen Bestandteil der Biographie und so gesehen zu einem Lebenthema.

 

 

Ein Blick in die Antike

 

In der Antike ging Aristoteles von der Annahme aus, daß der Mensch ein "zoon politikon", ein politisches Wesen, sei. Wie Platon sieht Aristoteles die Aufgabe des Staates in der sittlichen Vervollkommnung seiner Bürger. Im Gegensatz zu Platon ist für Aristoteles jedoch nicht die Schwäche des Individuums der Anlaß zum Zusammenschluß, sondern dessen natürliche Neigung zum Zusammenschluß: "Das Wort des Aristoteles (...) wird im allgemeinen so aufgefaßt, als habe Aristoteles sagen wollen, der Mensch sei ein für die staatliche Gemeinschaft bestimmtes Wesen. (...) Aristoteles hat hier eine griechische Grundvorstellung angesprochen. (...) Warum jedoch der Grieche, wie das Wort des Aristoteles zeigt, die Polis als menschliche Lebensform schlechthin ansah, macht der Verlauf der griechischen Geschichte verständlich. Er lehrt, daß nahezu alles, was wir mit dem Begriff griechische Kultur zusammenfassen, in seiner Entstehung an die Polisgemeinschaft gebunden ist, die Tragödie und die Komödie ebenso wie die große Architektur und Plastik, Götterkulte und agonales Spiel wie Geschichtsschreibung und Philosophie. Die Polis ist in ihrer Blütezeit also fast die alleinige Trägerin der griechischen Kultur gewesen" (Krefeld 1984, S.7).

 

Die weltgeschichtliche Bedeutung der Polis wird darin sichtbar, daß wir heute staatliche Verhältnisse und staatsbürgerliches Verhalten kaum beschreiben können, ohne uns dabei der vom Wort "Polis" abgeleiteten Worte "Politik" und "politisch" zu bedienen. Als erster Staat der Welt war die griechische Polis also auf Freiheit und Bürgerpflicht gegründet. Wer dagegen das politische Zeitgeschehen heutzutage beobachtet (vgl. Kap. 18), kann zu der alternativen Auffassung kommen, daß der Mensch tendenziell eher ein unpolitisches Wesen sei. Als Beleg für diese These lassen sich repräsentative Untersuchungen heranziehen, die sich mit dem politischen Grundverständnis des Durchschnittsbürgers beschäftigen (z.B. Kohr, Reader & Zoll 1982). Dabei kann grundsätzlich davon ausgegangen werden, daß die Frage, ob sich Bürgerinnen und Bürger politisch für das betätigen, darüber entscheidet, welches Maß an demokratischer Stabilität ein Gemeinwesen aufweist (Fischer & Kohr 1980).

Hyper-Aktivismus als Leistungssport?

 

Ausgehend von diesen Überlegungen entstand die Idee, innerhalb der vorliegenden Studie nach politischen Persönlichkeiten zu suchen, in der Hoffnung, auf diesem Weg möglicherweise auf biographische Voraussetzungen und typische Charakteristika zu treffen, die mit einem entsprechenden ehrenamtlichen Engagement eng zusammenhängen. Sicherlich ist die Einstufung einer Person als öko-politische Persönlichkeit sehr subjektiv. So scheint die Bestimmung eines gemeinsamen Kriteriums unumgänglich zu sein, auch wenn dieses Kriterium selbst einer subjektiven Festlegung entspringt. Die Entscheidung, in diesem Kapitel nur Personen zu berücksichtigen, die mindestens ehrenamtlich seit drei Jahren über 20 Stunden wöchentlich ökopolitisch aktiv sind, fiel aber insofern nicht schwer, da es sich um ein Limit handelt, bei dem keine "Grenzfälle" auftreten: Unter den etwa 300 deutschen Befragten finden sich nur fünf Personen, die dieses Kriterium eindeutig erfüllen, während es ansonsten keine Kandidaten gibt, die auch nur annähernd die Auflagen erfüllen. Die wöchentliche Arbeitszeit entspringt einer Halbtagstätigkeit, viel mehr Zeit läßt die Schulpflicht zumindest für Jugendliche auch nicht zu.

 

Die wenigen Persönlichkeiten, die das postulierte Kriterium erfüllen, werden nachfolgend als "Hyper-Aktivisten" bezeichnet, da sie weit über das Normalmaß hinaus aktiv sind. Zur Illustration bietet sich ein Beispiel aus der Welt des Sports an: Gewöhliche Umweltaktivisten erinnern an den typischen Breitensportler, für den der Sport rein zeitlich gesehen nur einen kleinen Teil seines Lebens ausmacht (auch wenn der Betätigung subjektiv oft eine über den zeitlichen Anteil hinausgehende Bedeutung beigemessen wird). Im Vergleich zum Breitensportler ist für einen Leistungssportler die Bedeutung der jeweiligen Tätigkeit zentral, ein großer Anteil an Zeit, Kraft und Energie wird dieser Leidenschaft geschenkt. Der Vergleich hinkt allerdings insofern, als der moderne Leistungssportler heutzutage meist seinen Lebensunterhalt mit seiner sportlichen Tätigkeit bestreitet. Für die untersuchten Hyper-Aktivisten ersetzt das ökologische Engagement jedoch nicht den Beruf (diese Frage stellt sich erst im Laufe des Lebens), der ehrenamtliche Status wird vorausgesetzt.

 

 

Biographische Annäherungen

 

Ein Blick auf die gegenwärtige sozialwissenschaftliche Persönlichkeitsforschung aus methodischer Sicht zeigt, daß biographischen Ansätzen nach wie vor Beachtung geschenkt wird. Aktuell ist das Beispiel des bekannten amerikanischen Psychologen Howard Gardner zu nennen, der vor kurzem eine Untersuchung mit dem Titel "So genial wie Einstein - Schlüssel zum kreativen Denken" (1996) vorgelegt hat. Gardner unternimmt in diesem Buch den Versuch, aus Zeugnissen besonders schöpferischer Menschen (z.B. Einstein, Freud, Gandhi und Picasso) jene Eigenschaften zu extrahieren, die offensichtlich ausschlaggebend für die allgemein anerkannt kreativen Leistungen waren. Obwohl angesichts der sehr kleinen Stichprobengrößen, die bei diesem Forschungsansatz erzielt werden können, schlußfolgernde Verallgemeinerungen stets nur unter großen Vorbehalten zu ziehen sind, scheint es Gardner zu gelingen, ein allgemeines Entwicklungsmuster von Kreativität aufzuspüren, zu dem u.a. folgende Merkmale gehören: kindliche Neugier, persönliche Unbeirrbarkeit, egozentrische und narzißtische Züge, Verankerung im geschichtlichen Feld der Moderne sowie die Aufopferung von persönlichen Beziehungen. Auffällig ist, daß das gesellschaftliche "Licht" anscheinend oft auf Kosten eines persönlichen "Schattens" geht, was für die Menschheit als Ganzes ein Segen ist, kann für das Individuum ein Fluch sein. Die biographischen Kreativitätsforschungen von Gardner sind methodisch und inhaltlich anregend, wie die weiteren Ausführungen zeigen.

Nach diesen einleitenden Bemerkungen werden nacheinander folgende fünf Hyper-Aktivisten portraitiert (in Klammern das Alter der Befragten): Die Greenpeace-Aktivistin Vivien (18), die Jung-Politikerin Wiebke (18), der "Kinderrechtler" Xaver (17), der Bundjugend-Aktivist Yves (20) und Zenon (70), ein weiterer Greenpeace-Aktivist, der erst nach der Haupterhebung die Studie bereicherte. Die Portraits basieren auf dem vorliegenden Fragebogen- und Interviewmaterial. Die Auswertung der Interviews erstreckt sich dabei nicht nur auf die Beteiligung der Hyper-Aktivisten in ihren jeweiligen Gruppen, sondern vor allem auf ein nachträgliches Einzelinterview, bei dem eine Reihe weiterer Fragen gestellt werden konnte (Leitfaden im Anhang). Nach den Einzelanalysen erfolgt eine ausführliche qualitative und quantitative Vergleichs-Auswertung (Kap. 19.6). Die vollständigen Einzel-Interviews befinden sich im Ergänzungsband A auf den Seiten 292 bis 330.

 

 

 

19.1 Hyper-Aktivistin Vivien (18):

 

Leben für die grüne Bewegung

 

 

"Mein Ziel wäre, daß ich auf meinem Totenbett sagen kann, daß ich so viel, wie mir möglich war, getan habe"

 

 

Vorstellung

 

Vivien war 18 Jahre alt zum Zeitpunkt des vertiefenden Interviews im August 1995. Sie entdeckte Greenpeace in ihrem 11. oder 12. Lebensjahr über ihre Eltern, die zahlendes Fördermitglied der Organisation sind und daher immer das "Greenpeace-Magazin" nachhause geschickt bekommen. Vivien fand Anschluß in der Greenpeace- Jugendgruppe in Berlin, die sie seit einigen Jahren selbst leitet. Außerdem arbeitet Vivien noch in der Regenwald-Kampagne der Erwachsenen mit. Ihr Zeitaufwand für Greenpeace beträgt neben der Schule ca. 20 Stunden die Woche, in den letzten Sommerferien war Vivien jedoch 10-12 Stunden (ausgenommen sonntags) täglich im Greenpeace-Büro tätig. Auf die Frage nach den Gründen ihres Engagement fällt u.a. das oben aufgeführte Zitat (186). Vivien sieht sich auf einer Stufe der Evolution, die sie nicht dazu berechtigt, "mir irgendwelche Rechte in der Umwelt, in der Natur 'rauszunehmen" (201). Später möchte Vivien einmal als Biologin in England auf dem Lande leben mit einer Familie und Kindern, die sie sich "richtig" erzieht (340). Vivien könnte sich auch vorstellen, beruflich für Greenpeace weiterzuarbeiten.

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Vivien hält die Umwelt für sehr stark bis extrem gefährdet, "kommt darauf an in welchen Feldern" (47). Die Ursachen der Umweltzerstörung sieht sie "im Menschen erstmal" (7) sowie in den "sozialen Problemen" (9) der Überbevölkerung, des "Konsumwahnsinns" und der Industriealisierung. Vivien fühlt sich für die Umweltzerstörung mitverantwortlich, "ich lebe ja schließlich auch hier in dieser Gesellschaft" (17), global gesehen wird auf die Verantwortung der Industrieländer im Gegensatz zu den ärmeren Ländern verwiesen. Vivien kann sich in allen drei der angebotenen Rollen wiederfinden, obwohl sie sich "verstärkt zu den Rettern zählen" würde, "da ich eben versuche, so wenig wie möglich anzurichten und so viele Leute wie möglich davon zu überzeugen, die Umwelt weniger zu zerstören" (34).

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Gefühlsmäßig beschäftigen Vivien die Probleme der Umweltzerstörung ebenfalls sehr stark bis extrem, "beschäftigt heißt ja auch nicht nur im negativen Sinne" (54). Ihre Angst geht mehr in Richtung "Ärger" (66) und "Wut" (272), "auf keinen Fall so Hilflosigkeit oder hilflose Angst" (64), "also es ist keine Angst, die mich irgendwie blockiert oder mich entmutigt" (82). Im Gegensatz zu ihren Klassenkameraden könne sie sich von vielen Tatsachen "nicht wirklich schocken" lassen (102). Hoffnung spielt für Vivien eine große Rolle, allerdings helfe Hoffnung "nichts, wenn man eben auch nichts aktiv dafür tut" (141). Vivien will sich in ihrer Hoffnung "nicht auf andere Leute verlassen" (144).

 

 

Vivien in ihrer Gruppe

 

Zusammen mit ihrer Gruppe wurde Vivien im Sommer 1994 und im Frühjahr 1995 interviewt. Obwohl sie als Leiterin der Jugendgruppe von Greenpeace in beiden Interviews zwangsläufig eine dominierende Rolle einnimmt, kommt sie im ersten Gespräch, dem nur drei Mädchen beiwohnten, wesentlich stärker zum Zuge als im zweiten Gespräch, an dem acht Personen teilnahmen. Im ersten Gespräch betont Vivien ihre ganzheitliche Sichtweise, nach der alle Ökosysteme gefährdet sind (30), nicht nur die Regierung, sondern auch die einzelnen Parteien (59) eine ökologische Verantwortung tragen, und nicht einzelne Personen, sondern "die moderne Entwicklung von der Natur weg" (77) schuld an der Umweltzerstörung sei. Ihre Wut darüber sieht sie als hilfreich an, "es treibt einen selber an, dann auch was zu machen" (155). Vivien versucht auf einer "aufklärenden Ebene" (247) auf ihre Umgebung zu wirken, manchmal komme sie sich wie eine "Lehrerin" (487) vor. Vivien akzeptiert ihr "Öko-Image" in ihrer Schulklasse: "Sie verachten einen nicht, sie bewundern einen nicht, sie finden es o.k., was man macht, aber man kommt z.B. im Unterricht nicht drumherum, das Thema anzusprechen, weil es einfach ausgelassen wird in den meisten Fächern und dann kriegt man natürlich schnell das Image, ach ja du schon wieder mit dem Thema, das kennen wir ja schon..." (533). Was die Zukunft angeht, ist Vivien trotz einer sehr negativen Sicht dennoch optimistisch: "Ich glaube, auf lange Sicht wird sicherlich der Mensch die Umwelt zerstören, 100% sicher, aber ich würde es trotzdem einigermaßen optimistisch sehen, weil ich denke, man kann's soweit verlängern wie möglich und ich sehe auch nicht das richtig Negative daran, daß praktisch der Mensch verschwindet" (343). Ihre "Bewunderung" (443) für Greenpeace, die zu ihrem Umweltengagement beigetragen hat, führt vielleicht auch dazu, daß Vivien in dem Gruppengespräch erklärt, notfalls auch unabhängig von anderen Menschen bereit zu sein, ökologisch weiterzuarbeiten. Im zweiten Gruppeninterview bringt Vivien ihre Grundhaltung anläßlich der Frage, ob ökologisches Handeln überhaupt noch möglich sei, schließlich auf folgenden Punkt: "Man muß! Man kann nicht nur, man muß, denke ich. Ich würde mich nicht fragen, ob man kann, ich würde mir immer sagen, man muß" (712). Vivien ist sich bewußt, daß der Faktor "Zeit" (1032) möglicherweise an Bedeutung gewinnt und setzt gewisse Hoffnungen auf einen politisch-gesellschaftlichen "Umschwung" auf die nahe Zukunft (Jahrhundertwende als geistiger Einschnitt, vgl. 1128).

 

 

Kombination der Datenquellen

 

Ein Vergleich der Aussagen in den Interviews mit den vorliegenden Fragebogen-Ergebnissen weist auf eine gute Übereinstimmung der Daten hinsichtlich der wesentlichen Punkte hin. Vivien artikuliert auch im Fragebogen ein überragendes Umweltbewußtsein, ausgeprägte makrosoziale bzw. ökologische Besorgnisse, aber keine ökologische Hoffnungslosigkeit. Herausragende Werte erzielt Vivien in Bezug auf seelische Gesundheit, Selbstwirksamkeit und dem Selbstkonzept eigener politischer Fähigkeiten. Internale Kontrollüberzeugungen werden bevorzugt, eine fatalistische Haltung dagegen entschieden abgelehnt. Von den unabhängigen Interview-Auswertern erhält Vivien den höchsten Ökologie-Quotient aller Jugendlichen (ÖQ = 99).

 

 

Fazit

 

Insgesamt bietet Vivien das Bild einer "idealen" Umweltaktivistin in dem Sinne, daß sie trotz eines optimalen Einsatzes nicht an den Problemen verzweifelt. Das Leben von Vivien besteht seit vielen Jahren zum großen Teil aus dem Engagement für die Umwelt bzw. der Arbeit für Greenpeace, wodurch ihr Privatleben zwangsläufig in den Hintergrund tritt. Vivien wird trotz des immensen Wissens über die Umweltzerstörung nicht durch Angst blockiert, sondern motiviert. Vivien lebt in dem Bewußtsein, ein Teil der Natur zu sein. Sie ist in der Lage, sich für ihre Sache nicht nur einzusetzen, sondern auch durchzusetzen und insofern ein "Glücksfall" für Greenpeace. Vivien weiß, was sie will und was sie nicht will, sie denkt positiv und ist eher verstandes- als gefühlsbetont. Das starke, aktive Umweltengagement ist gewissenhaft, pragmatisch, jedoch nicht moralisierend, vielmehr von Zuversicht, Vertrauen und dem Optimismus geprägt, auch etwas verändern und bewegen zu können.

 

 

 

19.2 Hyper-Aktivistin Wiebke (18):

 

Marsch durch die Institutionen

 

 

 

"Wieso mach' ich mir nicht ein schönes Leben?"

 

 

Vorstellung

 

Wiebke war 18 Jahre alt zum Zeitpunkt des vertiefenden Interviews im August 1995. Ihr politisches Engagement begann sie um ihr 14. bzw. 15. Lebensjahr herum. Das politische Alternativverständnis der Eltern löste einerseits Neugier aus ("wir waren früher auch auf irgendwelchen Friedens-Demos, da haben sie uns dann immer im Kinderwagen mitgeschleppt", 259), führte jedoch andererseits zu Isolation im Klassenverband ("bei uns in diesem spießigen Bezirk ist das kein Wunder"). Eine Gedenkstättenfahrt nach Auschwitz wurde zum poltischen Urerlebnis. Zusammen mit den Jugendlichen, die sie auf dieser Reise kennenlernte, wuchs die Motivation, sich dafür einzusetzen, "daß sowas nie wieder geschieht" und das Interesse, "sich auch einzumischen in Dinge und eben kritisch zu beobachten, was eigentlich abgeht im Land" (187). Wiebke gehört zu den Mitbegründern der "Grünen Jugend", der Jugendorganisation der Partei "Die Grünen". Sie kandidierte im Herbst 1995 für das Bezirksparlament (mit der Listennummer 1) und wurde so als jüngste Abgeordnete Berlins gewählt (wenige Wochen nach dem Interview). Ihren Zeitaufwand für ihre politischen Aktivitäten habe sie "noch nie berechnet, aber es ist jeden Tag nach der Schule" (pro Tag geht etwa "eine halbe Stunde für Schularbeiten ab", 142), kein Wunder also, daß für ein Privatleben wenig Zeit bleibt. So fragt sich Wiebke auch manchmal, "wieso mach' ich mir nicht ein schönes Leben (...) alle anderen sind doch auch glücklich und machen ihren Führerschein und gehen jeden zweiten Tag in die Disco und so" (236). Ihr Engagement speist Wiebke vor allem aus der Überzeugung, "daß ich damit 'was verändern kann" (193). Wiebke kann sich vorstellen, daß die politische Arbeit sie auch noch ihr "ganzes weiteres Leben begleiten wird" (307). Von ihren im Gruppengespräch artikulierten Absichten, Bundeskanzlerin zu werden, ist Wiebke inzwischen abgekommen, ihr "Traum" für die Zukunft wäre, ein kinderreiches Leben auf einem Bauerhof ("eine heile ökologische Welt (...) mit Kompostklo und Solardach und vegetarischem Essen", 67) mit dem "Politikerinnen-Dasein" (364) verbinden zu können.

 

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Wiebke sieht die Ursachen der Umweltzerstörung historisch (Industriealisierung und Zivilisation) und anthropologisch ("in uns Menschen, also daß wir eben nie genug kriegen können", 10) begründet. Wiebke sieht "noch alle Chancen offen" (52), die Umweltkatastrophe aufzuhalten. Ökologische Verantwortung liegt ihrer Ansicht nach in den "Parlamenten und Regierungen" (26). Obwohl sich Wiebke in allen drei angebotenen Rollen wiederfinden kann, bevorzugt sie eindeutig die Retter-Identität. Folgerichtig kandidiert sie für das Bezirksparlament: "Also weltverbessern klingt wirklich blöd und naiv, aber ich denke eben, daß man in kleinen Schritten, in kleinen Etappen doch verändern kann" (193).

 

 

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Die emotionale Beeinträchtigung durch die Umweltzerstörung hält sich bei Wiebke in Grenzen, zum Zeitpunkt des Interviews stand "der ganze Wahlkampfkram" (63) im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Hinsichtlich der Umweltzerstörung dominieren Gefühle der Hilflosigkeit: "Ich denke, manche Sachen sind schon so weit fortgeschritten, wie mit dem Regenwald und dem Ozonloch, was will man da überhaupt noch machen?" (77). Angst spiele dagegen eine eher untergeordnete Rolle, "weil aus Angst heraus könnte ich glaube ich nicht so viel Energie entwickeln, was dagegen zu tun" (79). Eine "ganz große" Bedeutung in diesem Zusammenhang hat Hoffnung für Wiebke ("also ich hab' gerade in Philosophie Ernst Bloch und der schreibt ja auch vom Prinzip Hoffnung", 125). Wiebke ist sich bewußt, daß dieses Prinzip eine wichtige Voraussetzung für ihre politische Arbeit ist, schließlich sei es manchmal "schon deprimierend, weil man kein direktes Erfolgserlebnis hat, also ich kann jetzt nicht gleich morgen die Auswirkungen meiner Arbeit sehen" (105).

 

 

Wiebke in ihrer Gruppe

 

Zusammen mit ihrer Gruppe wurde Wiebke im Sommer 1994 und im Frühjahr 1995 interviewt. Trotz ihrer Funktion als Koordinatorin der Gruppe verhielt sich Wiebke zumindest am Anfang des ersten Interviews auffällig zurückhaltend, was möglicherweise auf die basisdemokratischen Strukturen zurückzuführen ist. Im zweiten Gruppeninterview im kleineren Kreis kam Wiebke dann stärker zur Geltung. Bereits im ersten Gruppengespräch vertritt Wiebke ihre Auffassung, daß Angst "auch lähmen" (236) kann und positioniert sich am ehesten in der Retter-Rolle (281). Ihr politisches Credo bestimmt Wiebke wie folgt: "Das kleinste und leichteste Mittel ist, demokratisch mitzugestalten und an Entscheidungen teilzuhaben und deswegen finde ich es ganz wichtig, daß man wählen geht" (482). Bei den Grünen findet Wiebke Gelegenheit, "ein Jugendteil für das Wahlprogramm der Grünen zur Bundestagswahl auszuarbeiten", was dann auch angenommen wurde (638). Umweltpolitische Forderungen könnten so über die Partei ins Parlament eingebracht werden, um "dann im Endeffekt wirklich irgendwie ein kleines bißchen 'was zu verändern" (180). Außerhalb ihrer Gruppe stößt Wiebke mit ihrem Engagement nicht immer auf Verständnis ("z.B. hat mir 'ne gute Freundin neulich geschrieben, daß wir doch bitte die Politik aus unserer Freundschaft 'raushalten sollen", 694). In ihrer Klasse werde sie "von vielen belächelt", obwohl "größtenteils zollen sie dem vielleicht auch so'n bißchen Respekt" (697). Ihre Gefühlswelt angesichts der Umweltzerstörung beschreibt Wiebke im zweiten Gruppeninterview als Mischung aus Wut und Ohnmacht, "manchmal aber auch Motivation" (895). Ihrer Zukunft sieht sie "gespannt" (955) entgegen, langfristig möchte Wiebke "neue Kämpferinnen in die Welt" (1002) setzen.

 

 

Kombination der Datenquellen

 

Ein Vergleich der Aussagen in den Interviews mit den vorliegenden Fragebogen-Ergebnissen weist wie schon bei Vivien auf eine gute Übereinstimmung der Daten hinsichtlich wesentlicher Punkte hin. Wiebke verfügt über ein ausgeprägtes Umweltbewußtsein, ohne dabei jedoch ökologisch hoffnungslos zu sein. Außergewöhnliche Werte erreicht Wiebke hinsichtlich seelischer Gesundheit und politischem Selbstkonzept. Internale Kontrollüberzeugungen werden bevorzugt, fatalistische Haltungen abgelehnt. Bemerkenswert ist die relative Zufriedenheit mit dem politischen System an sich, sicherlich eine wichtige Voraussetzung für die politischen Ambitionen.

 

 

Fazit

 

Wiebke überzeugt trotz ihrer kritischen Gegenwartsanalyse durch ein im Vergleich mit der großen Mehrheit ihrer Altersgenossen ausgesprochen "konservatives" Politikverständnis, das davon ausgeht, die im derzeitigen demokratischen System vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen, um politischen Einfluß auszuüben. Hoffnung und Optimismus sind für Wiebke die Grundlage eines seit vielen Jahren anhaltenden Engagements in Form eines unbezahlten "Fulltime"-Jobs bei den Grünen, der kaum Zeit für ein Privatleben läßt. Das Thema Umwelt ist für Wiebke wichtig, jedoch nur eines unter vielen. Das Umwelt-Engagement findet seinen Ausdruck in praktisch-politischem Handeln. Dadurch ergibt sich eine eher pragmatische Sicht der Dinge und der Versuch, auch mit kleinen Schritten etwas Positives zu bewirken. Langfristig lebt Wiebke jedoch mit Visionen von einschneidenen politischen Veränderungen und der Erfüllung privaten Glücks.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

19.3 Hyper-Aktivist Xaver (17):

 

Kreativ-freigesetzt durch die "Wende"

 

 

 

"Ich kann einfach nicht anders, mir über Sachen einen Kopf zu machen"

 

 

Vorstellung

 

Xaver war 17 Jahre alt zum Zeitpunkt des vertiefenden Interviews im August 1995. Er nahm an den ersten beiden Interviews teil, die mit seiner Gruppe im Juli und Dezember 1994 geführt wurden. Das dritte Gruppengespräch fand ohne Xaver statt, da er gerade zu einer Talkshow ins Fernsehen eingeladen war. Xaver gründete 1990 das erste Greenteam in Ostdeutschland, kurz darauf baute er jedoch die Projektwerkstatt Strausberg auf. Seitdem organisiert Xaver eigene Aktionen und gibt eine Zeitung heraus. Xaver ist Mitglied des deutschen Jung-Journalisten-Verbandes (als Aktivitätsnachweis legte er bei der Aufnahme etwa 200 Fotos und Artikel in diversen Tageszeitungen vor) und bezeichnet sich selbst als Kinderrechtler. Xavers "Traumjob" wäre, "in 'ner Redaktion bei einem Fernsehsender 'ne Sendung mitzukonzipieren und redaktionell zu betreuen" (322). Auf die Frage, was er im Jahre 2010 einmal machen wolle, antwortet Xaver: "Ach Gott, da ist er vielleicht schon tot" (468). Xaver ist ein Einzelgänger, der nach eigener Aussage "jede Minute, jede Sekunde" (292) engagiert ist (vgl. auch Titelzitat, 344) und sich "noch in 'nem Prozeß der Selbstfindung" (260) befindet.

 

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Die tieferliegende Ursache der Umweltzerstörung liegt für Xaver darin begründet, daß "das zwischenmenschliche Sein nicht mehr funktioniert" (11). Die integrierte Sichtweise von ökologischen und sozialen Problemen ist ein typisches Charakteristikum des Interviews. Xaver ist der Auffassung, daß für die Umweltzerstörung "einfach mal jeder verantwortlich ist und sich auch verantwortlich dafür zu fühlen hat, was da passiert, weil jeder lebt irgendwie in 'ner Gemeinschaft" (37). Er fühlt sich in allen drei angebotenen Rollen zuhause und generell "extrem" verantwortlich, "weil ich mir über viele Sachen den Kopf zerbreche" (103). Xaver hält die Umwelt für extrem gefährdet ("wenn ich ganz rational denke", 80) und plädiert angesichts der "Selbstzerstörung, die wir fast schon seit Jahrhunderten betreiben" (139) für eine "Selbstanalyse" 145) jedes einzelnen Menschen.

 

 

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Ebenso extrem wie Xaver die Umwelt für gefährdet und sich selbst für verantwortlich hält, beschäftigt ihn die Umweltzerstörung auch gefühlsmäßig. Xaver empfindet in diesem Zusammenhang "Bestürzung und Sorge" (115). Xaver glaubt nicht daran, daß diese Zerstörung aufzuhalten ist, eine Sichtweise, die sich manchmal auch auf die psychische Verfassung auswirkt: "Das macht mich sicherlich auch irgendwo hoffnungslos und sicherlich auch deprimiert, daß das nicht klappt, aber tja, das ist halt die bittere Realität, die ist halt irgendwo nicht aufzuhalten" (162). Auf die Frage nach seiner eigenen Erfahrung hinsichtlich der Bewältigung von Ängsten durch das Engagement heißt es: "Wer da glaubt, daß Engagement Angst in Hoffnung umwandelt, glaube ich, liegt da falsch" (179). Hoffnung verbindet Xaver "eng mit Vertrauen und Verantwortung" (270) sowie eigenem Engagement und in diesem Sinne ist vielleicht die Aussage zu verstehen, nach der er "im Prinzip" (282) ja immer noch auf Veränderungen hoffe. Konsequent ist schließlich die Haltung hinsichtlich der Frage nach dem Kindeswunsch: "Ich würde in diese Welt keine Kinder setzen, weil diese Welt ist für mich so zerstörerisch, daß ich einfach für mich selber nicht mitansehen könnte, wie einfach 'mal aus der Sicht von heute Kinder behandelt werden (...) deswegen würde ich das überhaupt nicht verantworten können" (485).

 

 

Xaver in seiner Gruppe

 

Xaver nahm an den ersten beiden Gruppengesprächen teil. Im ersten Interview begründet er sein Engagement wie folgt: "Ich versuch' 'was zu machen, damit ich später nicht sagen kann, du bist selber schuld, sondern daß ich sagen kann, ja, das ist nun so gekommen, ich brauch' mir keine Schuld zu geben, nun ist halt das Ende da" (79). Über das Verhalten seiner Mitmenschen kann Xaver manchmal nur den Kopf schütteln, "daß die anderen das immer noch nicht kapiert haben" (116). Im zweiten Gruppeninterview kommt es sogar mit Kalle aus seiner eigenen Gruppe zu einem heftigen Wortgefecht, nachdem Xaver hört, daß sich Kalle ein Moped gekauft hat. Xaver wird in seiner Eigenart allerdings grundsätzlich respektiert und akzeptiert, wie insbesondere das letzte Interview zeigt, als es zu einer Diskussion über seinen Fernsehauftritt kommt. Einheitlich mit großer Enttäuschung wird der Ausgang der Bundestagswahl im Herbst 1994 kommentiert, Xaver scheint hier für die Stimmung in seiner Gruppe zu sprechen, als er bilanzierend feststellt (vgl. Kap. 13.3): "Wir leben auf dieser Scheiße, die dieser Töpfer verpfuscht oder dieser Kohl verzapft, also insofern ist diese Selbstmordfrage wirklich 'ne existentielle Frage" (704).

 

 

Kombination der Datenquellen

 

Interessante Parallelen ergeben sich auch bei Xaver hinsichtlich eines Vergleichs der qualitativen und quantitativen Datenquellen, insbesondere seine ausgeprägte ökologische Hoffnungslosigkeit ist auffällig. Gleichzeitig verfügt Xaver jedoch über eine relativ stabile seelische Gesundheit, wenn man seinen Fragebogen Glauben schenken will. Auf jeden Fall ist die Selbstwirksamkeitserwartung und - nicht zuletzt wegen des jungen Alters - das Selbstkonzept eigener politischer Fähigkeiten bemerkenswert. Ebenso wie bei den beiden bisher vorgestellten Hyper-Aktivistinnen fällt auch bei Xaver eine hohe internale Kontrollüberzeugung auf, die einhergeht mit einer Ablehnung fatalistischer Überzeugungen. Schließlich ist das mangelnde Vertrauen in die politischen Repräsentanten (vor allem im Interview) und die große Unzufriedenheit mit dem System (im Fragebogen) beachtenswert.

 

 

Fazit

 

Xaver ist der einzige noch nicht erwachsene Hyper-Aktivist dieser Studie. Die Interviews mit ihm zeichnen sich durch eine Sprache, die "kein Blatt vor den Mund" nimmt, und durch weitreichende Überlegungen aus, die auch unabhängig vom Alter Respekt verdienen. Die Umweltzerstörung erweist sich dabei nur als eine Facette des breiten Spektrums der Themen, über die sich Xaver Gedanken macht. Selbstreflektiv ist sich Xaver bewußt, daß er noch auf der Suche ist, wobei er schon heute mehrere Identitäten in sich vereint. Es ist zu erwarten, daß Xaver mit seiner extensiven Lebensweise noch oft auf Widerstände stoßen wird. Das Datum der Wiedervereinigung Deutschlands fällt bei Xaver entwicklungspsychologisch zusammen mit seiner "politischen Geburt". Seit dieser Zeit kann Xaver als "kreativ-freigesetzt" (Steinke & Hajek 1994) bezeichnet werden.

 

 

 

19.4 Hyper-Aktivist Yves (20):

 

Grenzen der Belastbarkeit

 

 

 

"Früh aufstehen und abends spät ins Bett gehen"

 

 

 

Vorstellung

 

Yves begann mit seinem ökologischen Engagement etwa im Alter von 15 Jahren. Neugierig geworden durch eine Broschüre von Greenpeace erarbeitete sich Yves kontinuierlich ein beachtliches Wissen in allen Umweltfragen. Der Gründung einer Umwelt-AG an seiner Schule folgte der Anschluß an die Bundjugend, bei der er heute noch immer aktiv ist. Das Einzelinterview im Frühjahr 1995 fand nach einer halbjährigen Kur von Yves statt, äußerer Anlaß war eine starke Gewichtszunahme, Hintergrund jedoch ein "Burnout" aufgrund einer ehrenamtlichen Überarbeitung, wie Yves im Interview anerkennt, wenn es ihm auch nicht leicht fällt ("ziemlich komplizierte Antwort, also es hat 'was damit zu tun, daß ich zuviel gemacht hab'", 8). Außer ihm hielten sich noch zwei weitere ökologische Hyper-Aktivisten in der Kurklinik auf, "das andere waren lauter so Krankenschwestern, lauter so helfende Berufe, das war so hyperkrass" (143). Heute studiert Yves Publizistik mit Ziel, Zukunftsforscher zu werden ("ich träume von einem Institut für Zukunftsforschung", 476). Yves kann sich auch vorstellen, einmal eigene Kinder zu haben. Für seine jahrelange Arbeit an einer Jugendumweltzeitung hat Yves vor kurzem den Umweltjournalisten-Preis vom Bundesumweltamt erhalten.

 

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Yves hält die Umwelt für "kann ich eigentlich nur sagen extrem" gefährdet (304). Ökologische Verantwortung erwächst bei Yves u.a., "weil wir halt im Norden für unsere Lebensweise verdammt viel Energie und Rohstoffe verbrauchen" (377). Yves macht sich in diesem Zusammenhang um die Zukunft der Menschheit intensive Gedanken: "Dann ist das auf jeden fall 'ne Gewissensfrage, also ich meine, Generationen vor uns haben die Möglichkeit gehabt, Natur wahrzunehmen oder konnten halt saubere Luft atmen und das ist ja auch irgendwas, worauf die künftigen Generationen ein recht haben sollten, daß es so bleibt oder wieder so wird" (397).

 

 

 

 

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Gefühlsmäßig beschäftigt sich Yves nach eigener Aussage "kaum" (308) mit dem Thema, was aber in krassem Widerspruch zu all dem steht, was wir über sein Denken und Handeln erfahren. Zum einen meint Yves, es gehe bei ihm "nicht tief" (314), andererseits beschäftigt sich Yves während des Interview-Besuchs intensiv mit der Frage, ob er nicht bei der Einrichtung seiner neuen Wohnung "Quark-Farben" (329) verwenden solle und ob Styropor-Platten umweltverträglich seien. Der Befragte meint dazu: "Das ist denke ich etwas anderes, das ist mein eigenes Handeln" (321). Yves gibt auch zu, Angst vor der Umweltzerstörung zu empfinden und betont die große Rolle der Hoffnung in seinem Leben. Yves lebt mit der Hoffnung, daß die Umweltzerstörung noch aufzuhalten ist.

 

 

Yves in seiner Gruppe

 

Im Interview in seiner Gruppe (vor der Kur, vgl. Gruppe M) zeigt sich Yves von seinen Ansichten her ähnlich wie im Einzelinterview. Über seine Eltern sprach er wie folgt: "Meine Eltern denken immer, das ist jetzt deine Phase, in ein paar Jahren ist es vorbei, aber inzwischen hat meine Mutter es glaube ich gerafft, daß es keine Phase ist ist" (M/139). Seine eigene Zukunft sah Yves ebenso wie die globale Zukunft "eher positiv", obwohl er sich bewußt war, "täglich von der Realität widersprochen" zu werden (M/217).

 

 

Yves nach seiner Kur

 

Während Yves vor seiner Kur einem ruhelosen Tagesablauf ("früh aufstehen und spät ins Bett gehen", 46) nachging, der sich oft auch auf das Wochenende erstreckte, versucht Yves nach eigenem Bekunden nach der Kur, die Umweltarbeit ein wenig zurückhaltender anzugehen, obwohl deutlich wird, daß er schon wieder in mehreren Projekten gleichzeitig engagiert ist ("alles gut getimt ohne Streß", 171). Yves zufolge läuft die aktuelle Umwelttätigkeit "mehr so nebenbei" (179). Doch auch sein Studium hat Yves bereits auf "Umweltjournalismus" (187) mit dem langfristigen Ziel, ein eigenes selbstverwaltetes Institut für Zukunftsfragen aufzubauen, ausgerichtet.

 

 

Kombination der Datenquellen

 

In Analogie zu seinen Aussagen im Interview zeigt sich Yves auch im Fragebogen alles andere als ökologisch hoffnungslos. Das Umweltbewußtsein ist vergleichsweise gering (allerdings übte Yves auch Kritik an dieser Skala: "reine Betroffenheit"), emotional ist Yves ebenfalls zumindest im Fragebogen nicht allzu involviert. Demgegenüber erreicht Yves im Fragebogen hohe Werte hinsichtlich seiner seelischen Gesundheit. Auch wenn der Anlaß der Kur nach eigenen Angaben auf physischen Gründen basierte, verwundert dieses Ergebnis ein wenig. Allgemein weist Yves mit einem außergewöhnlich positiven politischen Selbstkonzept, einer starken Unzufriedenheit mit dem politischen System sowie einer entschiedenen Ablehnung von fatalistischen Kontrollüberzeugungen typische Merkmal einer Hyper-Aktivisten-Persönlichkeit auf.

 

 

 

Fazit

 

Yves ist ein junger erwachsener Aktivist in Sachen Umweltarbeit, der sich nach einer Frustrationsphase (mit Zwangspause) weiter engagiert und nach einer selbstbestimmten Zukunft sucht. Das Thema Umwelt spielt eine große Rolle, wobei eher die eigene Tätigkeit, das persönliche Handeln im Mittelpunkt steht, wenige globale Überlegungen oder "tägliche Schreckensmeldungen". Das ökologische Engagement basiert auf eigener "Erarbeitung" und hat nach vielen Jahren zu einer Überarbeitung geführt. Symptom der Überanstrengung war die starke Gewichtszunahme, möglicherweise als Methode des Streßabbaus, die schließlich zur Notwendigkeit einer Kur führte. Auch nach der Kur scheint die Ökologie das zentrale Lebensthema von Yves zu bleiben. Dabei werden die eigenen Aktivitäten nach wie vor "unter den Scheffel" gestellt. Yves ist relativ optimistisch im Hinblick auf Zukunftschancen für sich und für die Menschheit, Indizien hierfür sind u.a. der Kinderwunsch, der Glaube, daß viele Menschen sich Gedanken über die Umwelt machen, und die Hoffnung, selbstbestimmt leben zu können. Angst wird zwar manchmal auch erlebt, jedoch nicht als lähmend empfunden. Dennoch muß die Frage offenbleiben, ob Yves bei anhaltendem Engagement nicht eines Tages wieder burnout-rückfällig werden könnte.

 

 

 

19.5 Hyper-Aktivist Zenon (70):

 

Radikalität und Weisheit im Alter

 

 

 

"Ich weiß nicht wohin mit meiner Ladung!"

 

 

 

Vorstellung

 

Zenon ist mit seinen 70 Jahren Deutschlands ältester Greenpeace-Aktivist. Von Beruf Bauingenieur entdeckte Zenon erst 1984, im Alter von 59 Jahren den politischen Umweltschutz. Im Interview erzählt Zenon, daß seine Ehrfurcht vor der Natur jedoch bereits schon im Studium angelegt wurde, als ein Professor ihn für die Bedeutung des Wassers sensibilisierte. Mit zunehmendem Alter wuchs bei Zenon die "Altersradikalität. Heutzutage leitet Zenon eine lokale Umweltgruppe, hält zahlreiche Vorträge (z.B. an Schulen) und ist fast immer dabei, wenn Greenpeace irgendwo zu einer Demonstration oder Blockade aufruft. Zur spektakulärsten Aktion von Zenon gehört ein Protest gegen deutsche Giftmülltransporte nach Albanien im Frühjahr 1994 im baden-würtembergischen Kehl, als er sich mit einem um den Hals gelegten Bügelschloß über zehn Stunden an einen Giftmülltransporter kettete. Zenon gab den Schlüssel nicht heraus, das polizeiliche Aufbohren des Schlosses mißlang, so daß der stählerne Bügel letztlich unter ärztlicher Aufsicht aufgeflext wurde. Hintergrund des ärztlichen Einsatzes ist die Tatsache, daß Zenon mit seinem vierten Herzschrittmacher zu 70% als Schwerbeschädigter gilt. Zenon ist seit vielen Jahrzehnten verheiratet und hat zwei adoptierte, erwachsene Kinder sowie mehrere Enkelkinder.

 

 

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Zenon hält die Umweltzerstörung für "hoffnungslos" (47) gefährdet, allerdings nicht in dem Sinn, "hilflos ausgeliefert" (48) zu sein. Zenon sieht sich in der Rolle eines Retters: "Ich versuche zu bremsen und mit anderen zu retten" (31). Ökologische Verantwortung bedeutet für Zenon den "bewußten, pfleglichen Umgang mit Gottes Schöpfung" (7). Aus seinem christlichen Glauben heraus zieht Zenon auch die Kraft seiner Tätigkeit. Seine Maxime im Zusammenhang mit der Frage nach der Verantwortung lautet: "Verantwortlich? Im Zweifelsfall immer Du selbst!" (14). Im Laufe seines ökologischen Einsatzes hat sich bei Zenon das Verhältnis zur Gewalt verändert: "Vor 30 Jahren wäre sicherlich das Eindringen in ein abgezäuntes Gelände eines Werkes für mich noch Gewalt gewesen, ich sehe da heute überhaupt keinen Gewaltfaktor mehr darin. Selbstverständlich steige ich ein in ein Werk, um dort eine Aktion durchzuführen" (317). Zenon kritisiert an Greenpeace die Abnahme der Radikalität: "Ich meine, man darf sich nicht auf so pille-palle Aktionen beschränken, daß man sich vor ein Tor stellt und Flugzettel verteilt oder sowas. Man muß schon wirklich Druck ausüben. Greenpeace ist doch eigentlich eine Pressure-Group, und dies scheint mir zu schwinden" (368). Respekt hat er vor früheren Aktivisten, die mit ihren Schiffen Walfänger rammen (281).

 

 

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Emotional beschäftigen Zenon die Probleme der Umweltzerstörung "mindestens sehr stark" (68). Zenon empfindet Angst aufgrund seines Alters weniger für sich selbst, sondern "für Kinder und Enkel" (79) und empfindet es in diesem Zusammenhang als "Glück" (101), schon so alt zu sein. Obwohl Zenon daran glaubt, daß der "point of no return" schon überschritten sei, will er "trotzdem" nicht aufgeben, denn Hoffnung sei für ihn "der Motor des Lebens" (141-151). Burnot-Gefühle kennt Zenon nicht, "eher umgekehrt: Ich weiß nicht wohin mit meiner Ladung!" (387). Die starke emotionale Beteiligung wird besonders deutlich, als Zenon von einer Aktion berichtet, bei der die Polizei bei Minusgraden Wasserwerfer auf demonstranten einsetzte. Zenon kommen bei der Erzählung die Tränen, er sei "heute noch erschüttert darüber, wenn ich daran denke" (276). Abschließend meint Zenon, "Männer müßten weinen lernen, zu weinen fähig werden" (474).

 

 

Kombination der Datenquellen

 

Zenon hat auch einen Fragebogen ausgefüllt. Die Ergebnisse sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert: Extremwerte werden erreicht in Glücksempfinden, seelischer Gesundheit, Umweltbewußtsein und ökologischer Hoffnungslosigkeit. Zenon hat den höchsten Wert aller Befragten hinsichtlich seines ökologischen Gewissens (PR = 100), außerdem wird ihm der höchste Ökologiequotient von den unabhängigen Interview-Auswertern zugesprochen (ÖQ = 100). Interessant ist schließlich auch der Befund, daß internale Kontrollüberzeugungen von Zenon zwar bevorzugt, externale und fatalistische Kontrollüberzeugungen aber ebenfalls zum Ausdruck gebracht werden.

 

 

 

 

 

Fazit

 

Zenon ist ein "Überzeugungstäter" im positiven Sinne. Ausgehend von einem Schlüsselerlebnis in seiner Jugend, bei der Zenon für die existentielle Bedeutung des Wassers sensibilisiert wurde, ist Zenon heutzutage ökologisch stark engagiert im eigenen Alltag und bei Greenpeace, außerdem in der Kirche und in politischen Dingen. Zenon ist zutiefst pessimistisch im Hinblick auf die Zukunft der Menschheit und glaubt lediglich an eine Verlängerungschance der Zeit bis zum Untergang. Dennoch spielt Hoffnung eine große Rolle. Zenon sieht sein Verantwortungsbewußtsein als Verpflichtung eines praktizierenden Christen an, die Welt wird als Gottes Schöpfung verstanden. Vielleicht hängt mit der Motivationsgrundlage von Zenon auch die Ablehnung der Opfer-Identität zusammen. Emotional ist Zenon außerordentlich stark an der Umweltzerstörung beteiligt. Nicht nur angesichts seiner (objektiv) angeschlagenen Gesundheit begibt sich Zenon in manche Greenpeace-Aktionen unter Gefährdung seines Lebens. Zenon kann mit seiner großen Vitalität und seinen Ansichten, die vor allem gegenwarts- und zukunftsorientiert sind, als absolut untypisch für sein Alter bezeichnet werden. Im Rahmen der vorliegenden Studie ist Zenon das Extrembeispiel ökologischen Engagements.

 

 

 

19.6 Vergleichende Zusammenfassung

 

 

 

Überblick

 

Die vergleichende Zusammenfassung des Abschnitts "Ökologie und Biographie" vollzieht sich in drei Schritten. In einem ersten Schritt werden folgende qualitative Auswertungen vorgenommen: Nach einer Sammlung von ersten Eindrücken, die u.a. auf Beobachtungen der unabhängigen Interview-Auswerter beruhen, geht es um die biographische Entwicklung der Befragten. Im Anschluß daran wird nach der Rolle der Eltern und der Rolle von Vorbildern gefragt, es folgt ein zusammenfassender Vergleich zur kognitiven Einschätzung derr Umweltzerstörung sowie zur Artikulation der emotionalen Betroffenheit durch Umweltzerstörung. Weiterhin wird ein Bezug zu den im Theorieteil vorgestellten Modellen zur ökologischen Persönlichkeit und zum ökologischen Gewissen hergestellt. Als nächstes interessieren die Antworten der Befragten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens sowie die Vorstellungen bzw. Visionen der Befragten hinsichtlich ihrer Zukunft. Abschließend werden die sozialen Kosten des Engagements und das bei allen Befragten anzutreffende Bewußtsein eines "Burnout" als ständige Bedrohung diskutiert. Der Ambivalenz des Hyper-Aktivismus ist auch die abschließende Betrachtung unter dem Titel "Suchtpersönlichkeiten, pathologische Fälle und hilflose Helfer?" gewidmet. In einem zweiten Schritt werden dann drei quantitative Auswertungen den Ausführungen gegenübergestellt: eine korrelationsanalytische Auswertung und zwei deskriptive Statistiken, die auf einem Vergleich von Mittelwerten und Standardabweichungen basieren (ein Vergleich von Hyper-Aktivisten mit Öko-Aktiven und Öko-Passiven, sowie ein Vergleich der Hyper-Aktivisten untereinander). Das Schlußwort am Ende des Kapitels dient der Synthese der Ergebnisse.

 

 

 

 

Qualitative Auswertungen

 

Gemeinsam ist allen Befragten das permanente, persönliche, extreme Engagement für Probleme, die - mit Ausnahme von Zenon - bereits in sehr jungen Jahren kennengelernt bzw. erkannt wurden, sowie eine ungewöhnlich ausgeprägte Motivation, sich für diese politisch zu nennenden Probleme einzusetzen. Dadurch sind private, egoistische Interessen kaum ausgeprägt, eine "Außenseiter"-Position in der Gesellschaft (z.B. in der Schule) scheint insofern vorgegeben. Die Ansichten von Vivien und Wiebke erscheinen in vielen Punkten recht ähnlich. Die beiden Frauen sind relativ optimistisch, gefestigt und pragmatisch. Demgegenüber zeigt sich Xaver frustrierter, er ist auch nach eigenen Angaben stärker auf Identittätssuche als die Frauen. Vivien und Wiebke handeln vor allem aus Zuversicht und aus der Hoffnung heraus, etwas verändern zu können. Xaver hinterläßt den Eindruck, auch aus einer inneren Not heraus handeln müssen. Mehr als alle anderen ist Xaver mitmenschlich orientiert, Xaver scheint auch unter den Hyper-Aktivisten überdurchschnittlich viel Zeit für sein Engagement zu investieren. Wiebke konzentriert ihre Aktivitäten ebenfalls nicht primär auf den Umweltschutz, sondern beschäftigt sich im Rahmen ihrer politischen Arbeit auch verstärkt mit allgemeinen Themen. Im Vergleich zu den beiden jungen Frauen haben die beiden jungen Männer keine Inspiration durch die Eltern erhalten. Xaver ist außerdem der einzige, der davon überzeugt ist, keine Kinder in die Welt setzen zu wollen. Für Yves stehen dagegen weniger globale Überlegungen im Mittelpunkt, sondern mehr das persönliche Handeln. Er ist insgesamt optimistischer hinsichtlich der Zukunftschancen der Menschheit und beschäftigt sich nach eigenen Aussagen weniger emotional mit dem Thema. Zenon schließlich fällt gleich mehrfach aus dem Rahmen, und das nicht nur wegen seines Alters: Er vertritt die radikalsten Ansichten von allen Befragten und riskiert wohl auch die gefährlichsten Aktionen. Im Gegensatz zu den jüngeren Befragten ist das Engagement von Zenon in seinem christlichen Glauben begründet, aus dem der Auftrag abgeleitet wird, "Gottes Schöpfung" zu verteidigen. Diese Einstellung könnte ein Grund dafür sein, daß Zenon sich im Vergleich zu den anderen Befragten nicht burnout-gefährdet sieht, ein andere Ursache liegt sicherlich in der Tatsache, daß Zenon den größten Teil seines Lebens schon hinter sich hat.

 

 

Biographische Entwicklungen

 

Die Biographie, auf die Zenon zurückblicken kann, ist fast so lang wie die der anderen Befragten zusammen. Dennoch erzählt Zenon nur relativ wenig über seine Lebensgeschichte. Herausgehoben werden zwei Schlüsselerlebnisse, zum einen die Sensibilisierung für die Ehrfurcht vor der Natur ("Wasser") am Ende des Studiums im Jahre 1947 und zum anderen der Beginn der Greenpeace-Tätigkeit im Jahre 1984. Weiterhin wird eine 25jährige Parteimitgliedschaft erwähnt, die mit dem Öko-Engagement offenbar aufgelöst wurde, und vor allem die kirchlichen Aktivitäten. Deutlich wird, daß Zenon über das Thema Umweltschutz in den letzten Jahren hinaus ein aktives und politisch bewegtes Leben hinter sich hat. Von einem Schlüsselerlebnis berichtet auch Wiebke, für sie war eine Gedenkstättenfahrt nach Ausschwitz der Auslöser ihrer politischen Persönlichkeit. Interessant bei einem Vergleich der vier jungen Hyper-Aktivisten ist, daß alle mit ihrem Engagement etwa im Greenteam-Alter, also zwischen 10 und 15 Jahren begonnen haben. Während Vivien und Xaver ungefähr im Alter von 11 oder 12 Jahren ihre ersten Inspirationen hatten, können Wiebke und Yves, bei denen die Aktivitäten erst mit 14 bzw. 15 Jahren anfingen, vergleichsweise als "Spätzünder" bezeichnet werden. Im Gegensatz zu den meisten Leistungssportarten ist die Phase der Pubertät hinsichtlich der Ausbildung eines politischen Interesses also eher fördernd. In einer Chiffre gesprochen: "Der Zug setzt sich langsam in Bewegung", er ist auf keinen Fall "schon abgefahren"! Dieser Eindruck verfestigt sich vor allem bei der Betrachtung von Zenon, der erst im Alter von 59 Jahren mit seinen Umweltaktivitäten begann. Zenon ist mittlerweile seit über zehn Jahren aktiv, bei den jüngeren Befragten beträgt die bisherige Dauer zwar "nur" zwischen vier und sieben Jahren, füllt aber zum Teil schon mehr als ein Drittel des Lebens aus (Vivien und Xaver). Bemerkenswert ist auch, wie sich die Befragten allmählich von ihrer Ausgangsorganisation lösen (Zenon kritisiert z.B. Greenpeace, Wiebke die "Grünen") bzw. die Fortsetzung ihrer eigenen zukünftigen politischen Tätigkeit nicht davon abhängig machen wollen (Beispiel Vivien). Alle Hyper-Aktivisten investieren außerordentlich viel Energie in ihre Arbeit, bei den Jugendlichen scheint der Fleiß für ihr gesellschaftliches Engagement wesentlich höher zu sein als für die Schule. Sofern überhaupt Schulprobleme erkennbar sind, beziehen sie sich jedoch nicht auf die Leistung, sondern eher auf die zwangsläufige Außenseiter-Rolle, die durch das Umweltengagement entsteht. Die Befragten machen dabei aber nicht den Eindruck, als wenn sie das Cliquengefühl allzu sehr vermissen, als Peergruppen-"Ersatz" dienen Personen, die bei der Arbeit kennengelernt werden. Dennoch ist auch das Bedürfnis nach "normalen" Freundschaften mit nichtaktiven Menschen erkennbar (Beispiel Wiebke). Alle befragten Hyper-Aktivisten sind grundsätzlich sehr selbstständig und individualistisch orientiert. Dies gilt auch im Hinblick auf die Beziehung zu den Eltern.

 

 

Die Rolle der Eltern

 

Die wichtigste Sozialisationsinstanz für die Entwicklung von Kindern sind im Normalfall die Eltern. Welche Rolle spielen sie im Leben der befragten jugendlichen Hyper-Aktivisten? Es scheint so zu sein, als wenn die Eltern eine eher geringe Rolle hinsichtlich der ökopolitischen Aktivitäten ihrer Kinder einnehmen. Insgesamt scheint es ein Kennzeichen von Individualisten zu sein, daß sie sich ihren eigenen Wege suchen und ihn auch sehr selbstständig gehen. Wiebke ist die einzige unter den Befragten, die von einem positiven Einfluß der Eltern ("ziemlich viel Unterstützung", W/276) berichtet. Die Eltern von Wiebke haben ihre Tochtern früher zu Friedensdemonstrationen "im Kinderwagen mitgeschleppt" (W/261), sich aber inzwischen offenbar von ihrem Engagement zurückgezogen ("mach' du das 'mal!", W/263). Vivien beschreibt das Verhältnis zu ihren Eltern eher als neutral ("die reden mir da weder 'rein, noch unterstützen sie mich überschwenglich, also da mache ich meine eigene Sache", V/244). Demgegenüber ist das Verhältnis der beiden jungen Männer zu ihren Eltern eher negativ getönt: Xaver beziffert den geistigen Förderungsanteil seiner Eltern auf 2-3% ("außer daß sie mir ein Haus gegeben haben und mir Essen gegeben haben und physisch für mich gesorgt haben", X/399), Yves ist nach seiner Kur aus seinem Elternhaus ausgezogen und erwähnt mehrmals das Unverständnis, mit dem die Eltern die Entwicklung des Sohnes begleiten. Immerhin helfen sie ihm bei der Renovierung der neuen Wohnung. Insgesamt wird deutlich, daß die Eltern offenbar nicht die Funktion von geistigen Lehrern für die Befragten einnehmen. Offen bleibt, ob die Kinder eine entsprechende Führung nicht doch ein wenig vermißt haben. Wiebke z.B., deren Eltern-Beziehung am engsten zu sein scheint, fragt heute bei ihren Eltern vergeblich nach einer Demonstrations-Begleitung an. Auf der anderen Seite kann die Freiheit natürlich auch kreativitätsfördernd sein. Für den eigenen politischen Weg wählen die Befragten jedenfalls andere Vorbilder als ihre Eltern.

 

 

Die Rolle von Vorbildern

 

Als Vorbilder werden Mahatma Gandhi, Rudi Dutschke, Petra Kelly, Ben Wargin, Robert Jungk, Albert Schweitzer, Paulus und nochmal Gandhi genannt. Interessanterweise ist diesen Menschen, die sich durch ganz unterschiedliche Domänen auszeichnen und verschiedenen historischen Epochen entstammen, ihre politische Außenseiterrolle gemeinsam. Gemeinsam ist den Antworten der Befragten allerdings auch, daß sie Vorbildern allgemein eher skeptisch gegenüberstehen. Vivien z.B. meint: "Ich lebe danach, was ich denke" (V/253), Yves antwortet: "Ich rekombiniere ganz viele Ideen und Eindrücke für mich selber" (Y/274), und auch Xaver fragt sich: "Warum soll ich mir Vorbilder nehmen, warum will ich nicht versuchen, selber einen Weg für mich zu finden?" (X/437). Die Reaktionen sind ein weiteres Zeichen für den ausgeprägten Individualismus der Hyper-Aktivisten. Umso erstaunlicher ist es, daß alle Befragten dennoch mindestens einen Namen nennen, ohne daß es einer Nachfrage bedarf. Ein Blick darauf, wer welches Vorbild wählt, lohnt sich, scheint die Auswahl doch keineswegs zufällig zu sein: Vivien wählt den asketischen und bis ins hohe Alter unermüdlichen Gandhi. Wiebke denkt sofort an Rudi Dutschke, von dem als Studentenführer der 60er Jahre die Parole vom "Marsch durch die Institutionen" ausging, außerdem an ihre weibliche Parteifreundin Petra Kelly. Xaver, der besonderen Wert auf die zwischenmenschliche Ebene legt, erwähnt den politisch engagierten Aktionskünstler Ben Wargin, der als sehr nahbar gilt und mit dem Xaver nach einer gemeinsamen Ausstellung auch privat freundschaftlich verbunden ist. Ben Wargin ist das einzige noch lebende Vorbild unter den Hyper-Aktivisten. Yves, dessen Traum ein eigenes Institut für Zukunftsforschung ist, nennt folgerichtig den Zukunftsforscher Robert Jungk. Zenon schließlich rekurriert auf die großen Missionare, namentlich den biblischen Paulus, außerdem fällt der Name Albert Schweitzer, der ebenfalls am Ende seines Lebens sich verstärkt in das politische Zeitgeschehen einzumischen versuchte. Alles in allem läßt sich festhalten, daß alle Befragten im Geiste mit bestimmten Vorbildern leben, die offensichtlich auch einen Einfluß auf die individuelle Entwicklung ausüben.

 

 

Kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung

 

Bei der siebenstufigen Kartenabfrage nach der Einschätzung des Gefährdungsgrades der Umwelt zeigt sich ein recht eindeutiges Ergebnis. Mit Ausnahme von Wiebke halten alle Befragten die Gefährdung der Umwelt für "extrem", Zenon ergänzt sogar noch: "Ich vermisse ein Achtes: hoffnungslos!" (Z/47). Demgegenüber hält Wiebke die Umwelt "zwischen stark und mittel" gefährdet. Eine Interpretation der Antworten bekommt an Gewicht, wenn auch die Frage nach der emotionalen Betroffenheit herangezogen wird.

 

 

Emotionale Betroffenheit durch Umweltzerstörung

 

Die gefühlsmäßige Beschäftigung mit der Umweltzerstörung wurde ebenfalls auf einer siebenstufigen Skala von "gar nicht" (Stufe 1) bis "extrem" (Stufe 7) zu bestimmen versucht. Auf diese Frage antwortet nur Xaver mit "extrem" ("ich glaube schon, daß ich mich da extrem beeinträchtigt fühle", X/101). Vivien und Zenon fühlen sich "sehr stark bis extrem" betroffen, wobei sowohl Vivien ("beschäftigt heißt ja auch nicht im negativen Sinne nur", V/54) als auch Zenon ("ich würde sonst zu leicht in den Bereich von Extremisten kommen", Z/72) ihre Aussage mit einer kleinen Erklärung versehen. Die emotionale Betroffenheit von Wiebke ("etwas würde ich sagen", W/61) und Yves ("gefühlsmäßig so kaum muß ich sagen", Y/308) fällt demgegenüber erheblich ab. Auch wenn diese Aussagen im Kontext der Interviews relativiert werden müssen, deuten die Antworten darauf hin, wer unter den Hyper-Aktivisten eher zur Verdrängung neigt und wer eher weniger (quantitativ als Differenzwert der beiden vorangegangenen Fragen): Als "Sensitizer" können Vivien und Xaver und als "Represser" kann Yves bezeichnet werden, während bei Wiebke und Zenon nur eine leichte Verdrängung vorliegt, wenn auch auf unterschiedlichem Niveau (Wiebke hält das Problem für weniger bedrohlich und ist dementsprechend auch weniger tangiert).

 

 

Ökologische Persönlichkeit

 

Nach dem Modell von Preuss (vgl. Kap. 5.6 und 6.5) zeichnet sich die pro-ökologische Persönlichkeit durch eine gemeinsame Identität als Opfer, Retter und Täter der Umweltzerstörung aus. Wie gezeigt werden konnte, werden zwar alle drei Rollen durchaus angenommen, jedoch nur sehr selten von einer Person oder Gruppe gleichwertig in die Persönlichkeit integriert. Wie gehen die Hyper-Aktivisten mit dem Problem um? Drei der fünf Befragten (Vivien, Wiebke und Xaver) übernehmen alle drei Identitäten und können demnach als ökologische Persönlichkeiten nach Preuss bezeichnet werden. Yves hat dagegen Probleme mit der Retter-Rolle (was auch als Ausdruck seiner Bescheidenheit gedeutet werden könnte) und für Zenon hat die Opfer-Rolle eine geringere Relevanz (möglicherweise aus seiner religiösen Haltung heraus). Insgesamt sprechen die Ergebnisse für das Modell: Die wenigen Personen in der Studie, für die das Thema Ökologie eine ganz zentrale Bedeutung in ihrem Leben hat, neigen auch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu einer kongruenten Integration unterschiedlicher Identitäten angesichts der globalen Umweltzerstörung.

 

 

Ökologisches Gewissen

 

Die drei postulierten Prinzipien des ökologischen Gewissens sind bei den untersuchten Hyper-Aktivisten in auffallender Art und Weise positiv ausgeprägt. Die Konstrukte der Verantwortung, Angst und Hoffnung spielen für die Befragten eine überragende Rolle. Erste Indizien dafür waren bereits in den Gruppeninerviews erkennbar. Noch deutlicher zeigte sich die Bedeutung der Prinzipien in den Einzelinterviews, wo ausführlicher nachgefragt werden konnte. Im Gegensatz zu den Interviews der Haupterhebung wurde jetzt auch explizit nach dem "Gewissen" gefragt: "Hat Dein Engagement eventuell etwas mit dem Gewissen zu tun?" (Frage 13). Nachfolgend die Auswertungen zu dieser Frage sowie zu den Fragen 2 (Verantwortung), 6 (Angst) und 10 (Hoffnung).

 

Das Prinzip Verantwortung artikuliert sich bei den Hyper-Aktivisten in vielfacher Form. Vivien fühlt sich in doppelter Hinsicht ökologisch verantwortlich, als Teil der Gesellschaft ("ich lebe ja schließlich hier in dieser Gesellschaft", V/17) und als Teil der "Industrieländer" (V/22), die ihrer Meinung nach eine Verantwortung gegenüber den ärmeren Ländern zu tragen hätten. Auch Wiebke zieht ihren Verantwortungskreis von innen nach außen: Ökologisch verantwortlich fühlt sich Wiebke sowohl in ihrem privaten Lebensumfeld ("deshalb versuche ich in meinem persönlichen Leben auch möglichst viel, um mich möglichst umweltfreundlich zu verhalten", W/19), als auch auf politischer Ebene ("und nebenbei auch in der Politik im großen Stil", W/21). Eine herausragende Rolle spielt Verantwortung für Xaver: "Ob es nun die Sekretärin bei Greenpeace ist oder ein Aktivist bei Greenpeace oder ob es die Reinemachefrau ist oder der Schuldirektor, es ist einfach mal jeder dafür verantwortlich (...), ich glaube schon, daß ich mich da extrem verantwortlich fühle, weil ich mir über viele Sachen halt den Kopf zerbreche" (X/35,101). Yves begründet sein Verantwortungsgefühl ähnlich wie Vivien aus dem konstatierten globalen Gefälle heraus ("weil wir halt im Norden für unsere Lebensweise verdammt viel Energie und Rohstoffe verbrauchen", Y/377). Stärker als die jüngeren Befragten scheint Zenon unabhängig von der Situation Verantwortung von innen heraus zu empfinden ("Ich habe eine Maxime und die heißt - Verantwortlich? Im Zweifelsfalle immer du selbst! - ", Z/14). Die "Pflicht" zur Verantwortung ist bei ihm religiös begründet. Ohne religiöses Bewußtsein wirkt ein ähnlich intensiv verankertertes Pflichtgefühl auch bei Xaver. Die Begriffe der Verantwortung und des Gewissens sind relativ eng miteinander verbunden, wie noch zu sehen sein wird.

 

Das Prinzip Angst spielt bei den Hyper-Aktivisten eine ambivalente Rolle. Ökologische Besorgnisse sind in ausgeprägtem Maße bei allen Befragten vorhanden, doch scheint es sich dabei vor allem um eine konstruktive Unruhe zu handeln, deren Energie in konstruktives Handeln mündet. Im Vergleich zu manchen anderen Befragten sind die Hyper-Aktivisten offenbar in der Lage, diffuse Ängste gar nicht erst aufkommen zu lassen bzw. sie zu kontrollieren. Dies wird besonders bei den beiden Frauen deutlich, die von Situationen in der Schule berichten, bei denen ihre Klassenkameraden bei der Konfrontation mit ökologischen Schreckensmeldungen überrascht reagiert hätten, während sie selbst sich von derartigen Meldungen nicht mehr "schocken" lassen könnten. Den konstruktiven Charakter ihrer Angst beschreibt Vivien wie folgt: "Man kann es schon Angst nennen zum Teil, es ist aber so, daß ich da auf jeden Fall sagen würde, es ist auf keinen Fall so Hilflosigkeit oder hilflose Angst, gegen die man nichts tun kann, sondern eher Angst, die in Richtung Ärger auch geht und dann eben mehr daraus auch die Kraft, mehr zu tun" (V/63-67). Wiebke hat dagegen eher Bedenken, von Angst überwältigt zu werden, weil sie dann "nicht soviel Energie entwickeln" könnte, "was dagegen zu tun" (W/80). Xaver spricht von "Bestürzung und Sorge, und wenn's mir wirklich ans eigene Leder geht, auch Angst" (X/115). Hier wird Angst als existentielle Bedrohung erlebt. Auch Yves gesteht sich seine Angst ein. Ähnlich wie Vivien versucht er diese Angst nach Möglichkeit zu kontrollieren ("allgemein macht mir das nicht so die Angst, daß es mich lähmt", Y/346). Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist auch Zenon noch in der Lage, ökologische Ängste intensiv zu erleben und sich um den Fortbestand der künftigen Generationen zu ängstigen ("Sicher empfinde ich Angst, aber dank meines Alters nicht mehr so für mich selbst, sondern für Kinder und Enkel", Z/78).

 

Das Prinzip Hoffnung ist möglicherweise das Prinzip, von dem die Hyper-Aktivisten am meisten zehren. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine "blinde Hoffnung", im Gegenteil, oft sogar in der Tat um ökologische Hoffnungslosigkeit, die aber nicht zu einer Aufgabe der Hoffnung als Prinzip führt. Das Bewußtsein, daß die bloße Hoffnung allein nicht ausreicht, ist bei Vivien ausgeprägt: "Also die Hoffnung ist da, wobei ich auch denke (...), die Hoffnung hilft nichts, wenn man eben auch nichts aktiv dafür tut" (V/140). Wiebke erwähnt die philosophische Relevanz des Prinzips und unterstreicht die Bedeutung der Hoffnung für ihr persönliches Engagement: "Also ich hab' gerade in Philosophie Ernst Bloch und der schreibt ja auch vom Prinzip Hoffnung (...). Ich glaube, daß es auch wirklich nur das ist, was einen sozusagen tragen kann und auch bestätigen kann, daß es richtig ist, was man macht und daß man dann daraus wieder Kraft ziehen kann. Ja, sonst könnte ich mich ja wirklich morgen einsargen lassen, wenn ich nicht denken würde, es könnte sich noch 'was verändern" (W/125-130). Auffällig ist, daß sowohl Vivien als auch Wiebke ihre Hoffnungen (in den jeweiligen Gruppeninterviews) konkret auf politische Veränderungen beziehen, Wiebke hofft auf einen Regierungswechsel in Deutschland (W/400), Vivien setzt ihre Hoffnung auf ein globales Umdenken um die "Jahrhundertwende" (V/1131). Ganz ähnlich wie zuvor Wiebke äußert sich auch Xaver, der ansonsten stark zu ökologischer Hoffnungslosigkeit tendiert, zur Hoffnung als bzw. aus Prinzip: "Ich glaube immer mehr, wenn wir als Menschen keine Hoffnung haben, dann können wir uns gleich unter die Erde legen (...) und insofern glaube ich, Hoffnung ist etwas sehr Wichtiges und eigentlich nicht Wegzulöschendes im Menschen" (X/267-277). Auch Yves betont die große Bedeutung der Hoffnung in seinem Leben: "Ich habe persönliche Hoffnungen, so ökologisch und selbstbestimmt zu leben, und dann habe ich eigentlich auch so Ideen, Vorstellungen, wann es mal dazu kommen könnte, daß was passiert, daß mehr Leute sagen, nee, so wollen wir das nicht oder daß es halt so zu Maßnahmen kommt" (Y/353-357). Als "Motor des Lebens" (Z/151) bezeichnet schließlich Zenon die Rolle der Hoffnung. Ausdrücklich verbindet Zenon die Einschätzung ökologischer Hoffnungslosigkeit mit dem Prinzip Trotz in dem Sinne, "daß man trotzdem nicht aufgeben darf" (Z/141).

 

Bleibt abschließend die spannende Frage, wie die Hyper-Aktivisten reagieren, wenn sie direkt auf ihr "Gewissen" angesprochen werden. Eingeleitet wurde dieser Bezug mit der Frage nach den Beweggründen des eigenen Handelns ("Warum tust Du das? Was bewegt Dich?", Frage 13). Die Betrachtung der verschiedenen Antworten zeigt, daß trotz vorhandener Widerstände diese Frage grundsätzlich bejaht wird. Vivien antwortet zwar, daß es nicht wirklich ihr Gewissen sei, sondern ihr Glaube an eine biologische Gerechtigkeit, nach der die Menschen keine Sonderstellung in der Natur einnehmen dürfe (eine Position mit großer Affinität zu Jonas!), doch die Aussage, daß sie danach strebe, auf dem "Totenbett" sich keine Vorwürfe wegen unterlassener Hilfeleistung zur Rettung des Planeten Erde machen zu müssen, zeigt vielleicht deutlicher als jedes andere Statement die intensive Wirkung ihres ökologisches Gewissens (V/186). Wiebke dagegen bejaht ausdrücklich ihr "besseres Gewissen", betont aber, daß dies nicht der einzige Grund ihres umweltpolitischen Engagements sei (W/215). Die Nachwirkung dieser besonderen Frage, die wie keine andere den Dingen auf den Grund zu gehen versucht, zeigt sich insbesondere bei Xaver. Er antwortet auf die Frage, ob sein Engagement etwas mit dem Gewissen zu tun habe, nach einer kleinen Denkpause: "Nee, dazu bin ich glaube ich zu egoistisch, daß ich jetzt sage, ich hab' ein schlechtes Gewissen", um wenige Momente später seine Antwort zu widerrufen: "Es sind auch viele Sachen, die mich selber einfach berühren, auch vom Herzen her und wo ich einfach nicht sagen kann, da muß ich einfach 'was machen. Das kann man schon Gewissen nennen, vielleicht ja. Da muß ich einfach 'was machen, weil mich das sehr getroffen hat, und weil ich nicht will, daß es so weiter geht" (X/358-363). Eindeutig fällt die Antwort von Yves auf die Frage nach der Existenz bzw. Wirkung des eigenen Gewissens aus: "Das kann man auf jeden Fall so sagen. Also ich meine, wenn ich merke, worüber ich mir alles Gedanken mache, ob ich das mache oder ob ich das nicht mache, dann ist das auf jeden Fall 'ne Gewissensfrage (...)" (Y/395). Die Verbindung zwischen einem theologischen Gewissen im klassischen Sinne und ökologischem Gewissen im Sinne dieser Arbeit offenbart Zenon. Er verknüpt die Antwort auf die Frage nach den Beweggründen seines Handelns mit einem persönlichen Erlebnis: "Das ist eine schwere Frage. Ich wurde einmal bei einer Aktion von einem Reporter gefragt 'Warum sind Sie hier?', da bin ich in schallendes Lachen geborsten, ich sage 'Das wissen Sie nicht? Das muß ich einfach!". Auf die anschließende Frage, ob es mit dem Gewissen zu tun habe, heißt es dann: "Ja selbstverständlich, ich muß ja pflichtgemäß handeln. Da sehe ich meine Pflicht darin. Und zwar allen Ernstes im wesentlichen von meiner Auffassung als praktizierender Christ" (Z346-356).

 

Bemerkenswert sind einige Zwischentöne, die sich in den Antworten der Hyper-Aktivisten finden lassen und die in dieser Form nicht bei anderen Befragten zu vernehmen sind. Von Xaver ist gleich zweimal zu hören, daß er handeln "muß". Genauso begründet Vivien im Gruppeninterview wiederholt (mit einjährigen Abstand!) ihr eigenes Handeln: "Man muß! Man kann nicht nur, man muß, denke ich. Ich würde mich nicht fragen, ob man kann, ich würde immer sagen, man muß!" (V/712). Und auch Zenon findet keine andere Erklärung für seinen Einsatz als die simple (und ebenfalls wiederholte) Festellung: "Weiß ich nicht. Ich muß einfach!" (Z/392). Eine Übertragung dieses Befundes auf die Überlegungen im theoretischen Teil (vgl. Kap. 6.5) könnte folgendermaßen aussehen: Die Wahrscheinlichkeit für ökologisches Handeln steigt an, wenn das "Sollen", das sich aus dem Prinzip Verantwortung ergibt, und das "Wollen", das sich aus dem Prinzip Angst ergibt, und das "Können", das sich aus dem Prinzip Hoffnung ergibt, in ein "Müssen" mündet, das Ausdruck eines ökologischen Gewissens ist.

 

 

Visionen für die Zukunft

 

Sind Hyper-Aktivisten weltfremde "Spinner" mit hehren Träumen? Eine weitläufige Vorstellung von Menschen, die mit viel Idealismus ihren Einsatz voll und ganz im Dienst einer einzigen Sache sehen, besteht in der Annahme, daß ihnen der Blick für die Realitäten des Lebens leicht getrübt sei. Um den Befragten eine Zukunftsvision abzuverlangen, wurde das Jahr 2010 gewählt, also 15 Jahre jenseits der Gegenwart des Interviews. Das Datum scheint insofern geeignet, als die jugendlichen Befragten dann im Alter von Anfang dreißig einen Status erreicht haben müßten, den sie vielleicht heute anstreben. Es wurde also die Frage gestellt: "Wie sieht das Leben von (...) im Jahre 2010 aus?" (Frage 19).

 

Entsprechend der Intention der Fragestellung antworteten die Befragten sehr persönlich, Zukunftsprojektionen im Hinblick auf das politische Zeitgeschehen sind an dieser Stelle kein Gegenstand. Die Vorstellungen der beiden jungen Frauen sind auf eine verblüffende Art und Weise ähnlich. Beide Befragten stellen sich ein Leben mit Familie und Kindern auf dem Lande vor, das sich mit den eigenen beruflich-politischen Ambitionen vereinbaren läßt. So wie Vivien sich ihr Leben ohne Engagement nicht vorstellen kann (V/323), kann sich Wiebke vorstellen, daß ihr politisches Leben sie ihr "ganzes weiteres Leben begleiten wird" (W/307). Wie Vivien optimistisch ist, sich ihre Kinder in ihrem Sinne erziehen zu können, möchte auch Wiebke "neue Kämpferinnen" in die Welt setzen. Die Ökologie bzw. Biologie soll schließlich auch bei beiden Frauen eine Rolle in der persönlichen Lebensgestaltung spielen. Vivien möchte später als Biologin bei Greenpeace arbeiten und auf dem Lande leben, Wiebke träumt davon, ihr Politikerinnen-Dasein mit einer heilen privaten ökologischen Welt als Biobäuerin (mit einem Kompostlklo und allem, was dazugehört) zu verbinden.

 

Auch die beiden jungen Männer zeigen interessante Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihrer persönlichen Hoffnungen an die Zukunft: Beide wollen die umweltjournalistischen Tätigkeiten verstärken, beide schrecken jedoch noch davor zurück, aus ihrer Leidenschaft ein Kapital zu schlagen, das ihren Lebensunterhalt sichern könnte. Xaver meint: "An solchen Geschichten ist nichts Geldmäßiges zu holen, das wäre sicherlich auch unehrlich irgendwo (...), das würde das, was ich vorhin alles gesagt habe, sofort zunichte machen (...), ich glaube, mit diesen Sachen sollte man kein Geld versuchen zu verdienen, das wäre irgendwo unehrlich" (X/311-327). Yves äußert ähnliche "Bauchschmerzen": "Ich will Umweltarbeit machen, aber ich will sie nicht um jeden Preis machen, also ich würde z.B. nicht bei einem Umweltverband hauptamtlich arbeiten, weil dort hierarchische Strukturen vorherrschen (...), es kontakariert das ganze ja, wenn man sich engagiert und gleichzeitig dem Geld hinterherjagen muß, das geht ja nicht". Xaver's "Traubjob ist, in 'ner Redaktion bei einem Fernsehsender 'ne Sendung mitzukonzipieren und redaktionell zu betreuen" (X/323), Yves träumt "von einem Institut für Zukunftsforschung" (Y/477), das er selbst aufbauen will. Im Gegensatz zu Xaver möchte Yves auch eigene Kinder haben. Im Vergleich zu den beiden Frauen, gestalten die beiden Männer ihr Privatleben weniger konkret aus.

 

Angesichts fortgeschrittener Lebenszeit wurde Zenon nicht nach seinen Zukunfts-vorstellungen gefragt. Allerdings spricht Zenon von selbst deutlicher als die jüngeren Befragten von seinen negativen Visionen der globalen Zukunft. Seine einzige Hoffnung besteht in einem Aufschub der als unumgänglich prognostizierten Katastrophe.

Die Frage nach dem Sinn des Lebens

 

Bereits im Fragebogen wurde nach dem Sinn des Lebens gefragt. Abgesehen von der Frage, ob es überhaupt Sinn macht, dieses existentielle Problem mithilfe von Zahlen zu reflektieren, sind die Ergebnisse dieser ZUMA-Skala auch deshalb nur eingeschränkt interpretierbar, da die Items teilweise religiöse Ansichten abbilden (z.B. "Das Leben hat für mich nur eine Bedeutung, weil es einen Gott gibt", Item 5). Wer diese Items verneint, sieht im Sinne dieser Skala tendenziell weniger Sinn im Leben als Befragte, die hier zustimmend antworten. Die Ergebnisse der Untersuchung deuten darauf hin, daß ökologisch Engagierte so gesehen eher weniger Sinn in ihrem Leben sehen als die nicht Engagierten.

 

Aufschlußreicher ist es jedoch, den Befragten im Interview die Möglichkeit zu geben, Ihre Einschätzungen etwas auszuführen bzw. zu begründen. Wurde die Frage nach dem Sinn des Lebens wegen des teilweise sehr jungen Alters der Befragten in der Haupterhebung nur peripher berührt (vgl. Frage 40), bot die Hyper-Aktivisten-Befragung die Chance, Personen diese Frage zu stellen, die einen Großteil ihrer Zeit mit einer außergewöhnlichen Tätigkeit verbringen, die auf der einen Seite sinn-stiftenden Charakter haben kann, auf der anderen Seite aber auch Burnout-Gefahren mit sich bringt (siehe unten). So wurde allen Hyper-Aktivisten gegen Ende des Einzel-Interviews die Frage gestellt: "Was ist für Dich der Sinn des Lebens?" (Frage 17).

 

Auf der Grundlage der quantitativen Ergebnisse hätte man erwarten können, daß manche der Befragten einen Lebenssinn verneinen. Der Gesamtmittelwert der ZUMA-Skala liegt bei M = 0.2 (SD = 0.7), die Werte der Befragten fallen wie folgt aus: M = -0.6 (Vivien), M = -1.2 (Wiebke), M = 0.6 (Xaver) und M = 0.3 (Yves). Insbesondere Wiebke lehnt die Items vergleichsweise vehement ab. Die mündliche Befragung zeigt jedoch demgegenüber, daß die fünf Hyper-Aktivisten ihrem Leben sehr viel Sinn abgewinnen können. Dabei wird deutlich, daß eine ernsthafte Reflektion dieser Frage in einem Gespräch durchaus möglich ist, eine vergleichbare Tiefe auf schriftlichem Wege wäre nur bei offenen Fragen zu erwarten.

 

Vivien sieht einen Sinn nicht in einem religiösen, sondern eher in einem biologischen Sinne: "Ich glaube einfach nur an die Welt oder die Natur in sich, und das ist eben der Punkt, daß man sich so verhält, daß man sich nicht auf die höchste Stufe stellt, sondern als unterste Stufe oder als eine der vielen Stufen sein Leben lebt (...)" (V/279). Ethisch gesehen wird ein nicht-anthropozentrisches Weltbild ausgesprochen. Auch Wiebke denkt gemeinschaftsorientiert, bezieht ihr eigenes Leben aber stärker in ihre Überlegungen ein: "Irgendwie einen Abdruck zu hinterlassen (...), klingt irgendwie ein bißchen blöd, wenn ich sage, daß ich in die Geschichtsbücher eingehen möchte (...), ich sehe schon einen Sinn auch in der politischen Arbeit" (W/297). Im Interview wird also im Gegensatz zur schriftlichen Befragung deutlich, daß Wiebke einen Sinn in ihrem Leben sieht, der stark von ihrer politischen Tätigkeit geprägt ist.

 

Wie antworten die drei Männer auf die Frage nach dem Lebenssinn? Xaver, der unter den Hyper-Aktivisten den höchsten Fragebogenwert erreicht, gibt eine eher ernüchterte Antwort ("der reine Egoismus (...), der reine Überlebensinstinkt", X/444), die er als rationell bezeichnet. Philosophisch betrachtet spiele auch Hoffnung auf eine bessere Welt eine wichtige Rolle für ihn. Auch Yves gibt zunächst eher eine pragmatische Antwort ("Spaß haben", Y/423), führt jedoch wenig später aus, daß er keineswegs hedonistisch orientiert sei ("also nicht einfach nur konsumieren", Y/430). Auch er möchte der Gesellschaft dienen und zum "Fortbestehen der Menschheit" (Y/428) beitragen. Zenon schließlich, der nur mündlich befragt wurde, bejaht am deutlichsten einen Lebenssinn, wobei seine Antwort tief religiös geprägt ist: "Möglichst gottgefällig zu leben" (Z/436). In diesem Sinne versteht er auch sein Engagement für Greenpeace. Als "Mann der Kirche" halte er auch Predigten in Gottesdiensten, in denen "auch hin und wieder Greenpeace vorkommt" (Z/439).

 

Alle Antworten zeigen, daß die befragten Hyper-Aktivisten ihr Engagement eng mit der Frage nach dem Sinn des Lebens verbinden. Der Lebenssinn beruht vor allem auf einem Dienst im weitesten Sinne, egoistische Interessen sind kaum ausgeprägt oder ordnen sich dem selbstlosen Ziel unter. Diese Selbstlosigkeit, die sich in den Antworten der Befragten widerspiegeln, ist allerdings auch ambivalent zu interpretieren, wie die nachfolgenden Ausführungen offenbaren.

 

"Burnout" als ständige Bedrohung

 

Was ist ein "Burnout"? Es handelt sich um einen auch im deutschen Sprachraum seit einigen Jahren nicht nur in der Fachwelt intensiv diskutierten Neologismus, einem aus dem Amerikanischen entlehnten, bildhaften Begriff ("Ausbrennen"), der in den USA erstmals von dem deutschstämmigen Psychoanalytiker Herbert Freudenberger (1974) geprägt wurde. Nach Burisch (1994) fehlt bis heute eine klare Definition des Burnout, obwohl sich das Thema nicht zuletzt aufgrund einer großen Nachfrage in der Öffentlichkeit zu einem beliebten Forschungsthema entwickelt hat. Allgemein werden unter Burnout körperliche, geistige und emotionale Erschöpfungserscheinungen verstanden, die im Prinzip in jeder Lebenslage, im Beruf wie in der Arbeitslosigkeit sowie auch im Privatleben auftreten können. Das Burnout-Konzept ist vor allem auf helfende Berufe zugeschnitten und hier insbesondere in medizinischen Bereichen weit verbreitet, wie umfangreiche Studien immer wieder belegen (aktuell zur psychosozialen Belastung in der Ärzteschaft vgl. z.B. Heckhausen 1995). Zur Burnout-Symptomatik gehören ein reduziertes Engagement, emotionale Reaktionen (Depressionen oder Aggressionen), kognitive und motivationale Abbauerscheinungen sowie psychosomatische Reaktionen (z.B. Gewichtsveränderungen), die bis in die Suizidalität führen können.

 

Thematisiert wurde der "Burnout" im Hyper-Aktivisten-Interview mit Frage 14 ("Hast Du auch Burnout-Gefühle (...) manchmal?"). Dabei sollte der Begriff kurz erläutert werden, wenn sich aufgrund der Nachfrage ergab, daß die Vokabel für die Befragten unbekannt ist. Allerdings war eine entsprechende Erklärung in keinem Fall erforderlich, offensichtlich hat sich der Begriff herumgesprochen. Nachfolgend zunächst die Antworten von Vivien, Wiebke, Xaver und Zenon, bevor am Ende auf Yves als "Betroffenen" eingegangen wird.

 

Vivien bejaht ("Ja, habe ich auch...") die Frage und bemerkt einen Unterschied zwischen Schul- und Ferienzeit. In den Ferien sei es für sie kein Problem, "unheimlich viel" für Greenpeace zu tun, während der Schulzeit mache sich die doppelte Streßbelastung jedoch schon manchmal bemerkbar. Vivien wehrt sich aber vehement gegen den Gedanken des Aufgebens: "Also ich würde nie sagen, so wie einige zum Beispiel in der Gruppe sagen, daß ich irgendwie sage, noch zwei Jahre und danach habe ich bestimmt keine Lust mehr, das glaube ich nicht. Es gibt dann immer mal wieder vielleicht 'ne Zeit, wo ich sage, es vielleicht zuviel und ich hätte auch Lust, 'was anderes noch zu machen, aber es ändert sich dann auch bald wieder" (V/207-219).

 

Wiebke bejaht die Frage ebenfalls ("Ja, klar doch...") und gibt zu verstehen, daß sie sich dieser Gefahr nicht nur bewußt ist, sondern daß die Burnot-Bedrohung ihr auch eine Menge Kopfzerbrechen bereitet ("...davor habe ich aber auch Angst"). Sie sei "ziemlich erschreckt" gewesen, als eine ihrer engsten Weggefährtinnen nach einem einjährigen Auslandsaufenthalt darüber reflektierte, ob das persönliche Leben nicht "am Ende wichtiger" sei als die politischen Ambitonen. Wiebke dachte sich: "Mensch, muß man nur ein Jahr weg sein, um soviel Abstand davon zu kriegen, daß man dann alles hinwirft irgendwie". Wiebke äußert aber auch durchaus Verständnis für ihre Freundin: "Es waren halt nur Überlegungen, die sie sich da gemacht hatte, ja auch ganz richtige, die ich ja auch teile, also es ist schon so, daß ich manchmal auch denke, was bringt das überhaupt, und alle anderen sind doch auch glücklich und machen ihren Führerschein und gehen jeden zweiten Tag in die Disco oder so (...), daß ich da auch halt ganz oft eben denke, und wieso mach' ich mir nicht ein schönes Leben, gerade jetzt bei dem schönen Wetter, daß ich immer denke, wieso bin ich jetzt eigentlich nicht an irgendeinem See und liege in der Sonne?" (W/223-245). In solchen Momenten tröstet Wiebke der Gedanke, daß sie ihrem Leben aufgrund des politischen Engagements einen Sinn abgewinnen kann ("deswegen hoffe ich 'mal, daß ich dieses Syndrom noch nicht so schnell so heftig kriege, daß ich alles hinwerfe", W/248).

 

Auch Xaver bejaht diese Frage ("Sicherlich gibt's irgendwo einen Erschöpfungszeitpunkt (...) Erschöpfungsmomente, wo man echt halt darüber nachdenkt, warum überhaupt?"), meint aber, es handele sich dabei um "unüberlegte Sachen". Xaver erinnert sich, im letzten Sommer unter "Müdigkeit" gelitten zu haben, "aber auch nur, denke ich 'mal, wegen der Hitze und wegen äußeren Umständen, aber innerlich wollte ich schon Sachen machen" (X/371-387).

 

Zenon schließlich ist der einzige Befragte unter den Hyper-Aktivisten, der dieses Problem nicht zu kennen scheint: "Also beim Burnout ist man ja hinterher leer, das ist bei mir nicht der Fall, eher umgekehrt, ich weiß nicht wohin mit meiner Ladung". Zenon erklärt sich den bisher ausgebliebenen Burnout in seinem Fall mit dem fortgeschrittenen Alter, das ihn "zu größerer Eile" zwinge (Z/386-393).

 

Vergleicht man die vier vorliegenden Antworten der Befragten, so fällt auf, daß die beiden Frauen dieser Frage mehr Aufmerksamkeit schenken. Insbesondere Wiebke scheint sich mit dem Thema öfters zu beschäftigen. Allen Befragten ist ein grundsätzliches Bewußtsein der Gefahr gemeinsam. Dennoch entsteht der Eindruck, daß die Burnout-Bedrohung wesentlich größer ist, als die Befragten es wahrhaben wollen. Am ehesten überzeugt dabei noch die Antwort von Zenon. Im Vergleich zu den jüngeren Befragten hat er sehr spät mit seinem Engagement begonnen, so daß bei ihm in gewisser Weise auch ein Nachholbedarf gestillt wird, außerdem ist zu berücksichtigen, daß er in seinem Alter auch "nichts mehr zu verlieren" hat. Er kann sich ganz seiner Leidenschaft widmen, ohne an die persönliche Zukunft denken zu müssen. Damit ist keineswegs sein angesichts der angeschlagenen Gesundheit besonders beeindruckender Kraftaufwand zu erklären, der nach wie vor ein Phänomen bleibt. Allerdings scheint es in diesem Lichte vielleicht verständlicher, warum alle drei jungen Hyper-Aktivisten von entsprechenden Gedanken geplagt werden, die offensichtlich mehr oder weniger verdrängt werden müssen, um das hohe Arbeitspensum aufrechterhalten zu können.

 

Mit Yves liegt letztlich ein "Fall" vor, den es offensichtlich "erwischt" hat. Seine Klinik-Erzählungen von den jungen Frauen, die Yves aus der Umweltszene bekannt waren, deuten darauf hin, daß es sich hierbei keineswegs um eine Ausnahme zu handeln scheint. Nach dem Interview kann davon ausgegangen werden, daß bei Yves eine durchaus typische Burnout-Symptomatik vorliegt. Die physische Reaktion auf die anhaltende Streßbelastung, die sich u.a. auch aufgrund eines unbefriedigenden Arbeitsklimas ergab, bestand in einer Gewichtszunahme. Nach dem Klinikaufenthalt zeigt Yves "gute Vorsätze", seinen Lebensstil zu modifizieren, doch seine relativ festgelegten Lebensentwürfe lassen Zweifel aufkommen, ob es ihm gelingen wird, langfristig der Burnout-Gefährdung zu entkommen.

 

Die sozialen Kosten des Engagements

 

Ein weiteres Indiz dafür, daß Hyper-Aktivisten potentiell burnout-gefährdet sind, stellen die Antworten auf eine eher ungewöhnliche Frage dar. Aufgrund der Beobachtung, daß die Befragten mehr oder weniger rund um die Uhr im Einsatz sind, stellt sich die Frage, ob die Aktivitäten überhaupt noch Zeit für eine Partnerschaft lassen. Die Frage nach einem Freund bzw. einer Freundin wurde ebenfalls erst gegen Ende Ende des Interviews gestellt, nachdem eine gewisse Vertrautheit hergestellt war (Frage 18). Die Antworten bestätigen die Hypothese in eindrucksvoller Art und Weise.

 

Verständlich, aber auffällig ist es, daß die Befragten leicht überrascht über diese Frage zu sein schienen. Die Verlegenheit kann an leicht ausweichenden Antworten abgelesen werden. Über Umwege wird aber dennoch mit großer Offenheit über dieses Thema gesprochen. Vivien erzählt, daß sie andere Interessen als ihre Klassenkameraden habe und daß der Kandidatenkreis angesichts des vorausgesetzten hohen Umweltbewußtseins auch sehr eingeschränkt sei ("einen Freund halte ich nicht für unmöglich, aber habe ich nicht oder hatte ich auch nicht", V/297). Wiebke findet es ganz wichtig, einen "Ruhepunkt" zu haben, und berichtet, "lange Zeit" ohne Partner gewesen zu sein. Seit kurzem habe sie "jetzt 'nen Freund, aber der ist allerdings auch bei den Grünen (...), mit dem bin jetzt zwei Monate zusammen und das ist echt das längste seit zwei Jahren oder was, einfach wahrscheinlich auch aus Zeitgründen" (W/330-343).

 

Wie sieht es in dieser Hinsicht bei den beiden jungen Männern aus? Xaver, der als einziger Befragter noch nicht volljährig ist, gibt eine besonders abstrakte Antwort: "Das ist relativ alles zu sehen, das ist relativ alles zu sehen (...), sicherlich sind Beziehungen auch Prioritäten setzend oder Bindungen eingehend und das ist einfach noch nicht irgendwo begreiflich zu machen oder begreifbar zu machen, irgendwo sicherlich wünschenswert, aber sicherlich wäre das immer im Einklang mit den Sachen, die ich mache, weil ich könnte nicht Privatleben und Engagement irgendwo trennen, das ginge nicht" (X/456-463). Auch Xaver sieht also eine potentielle Partnerschaft in enger Anlehnung an seine politischen Aktivitäten. Die kürzeste Antwort auf die Frage nach einer Partnerschaft gibt Yves: "Das ist nicht der Fall, aber vorstellen könnte ich mir das schon" (Y/460). Auf die Nachfrage hin, ob eine Partnerschaft nicht mit seiner täglichen Arbeit kollidiere, gesteht Yves: "Nein, also vielleicht vor einem Jahr wäre es so gewesen, also ich denke, es muß natürlich jemand sein, naja, so vom ähnlichen Umfeld, also wo ein Teil dann auch darüber läuft, daß wir Sachen zusammen machen" (Y/464). Yves kann sich vorstellen, daß er auf diese Weise "vielleicht sogar noch effektiver arbeiten" könne (Y/469).

 

Der einzige Hyper-Aktivist "in festen Händen" ist Zenon. Er ist allerdings auch 50 Jahre älter als die jugendlichen Befragten. Die Ehepartnerin von Zenon erfüllt dabei bemerkens-werterweise u.a. genau die Funktion, an die Yves zu denken scheint. Obwohl Zenon die Frage nach einer Partnerin erspart wurde, wird eine Auskunft über die Beziehung im Zusammenhang mit der Tätigkeitsbeschreibung bei Greenpeace gegeben: "Manchmal bedaure ich, daß meine Frau nicht so aktiv ist wie ich, manchmal werde ich gefragt, warum denn meine Frau nicht mitkommt auf Aktionen, dann sag' ich nein, aber ich bin sehr glücklich darüber, daß sie mich ziehen läßt und auch noch mein Gepäck jedesmal vorbereitet" (Z/232).

 

Ale gemeinsames Fazit läßt sich festhalten, daß die Frage nach einer partnerschaftlichen Beziehung in Abhängigkeit des jeweiligen Engagements gesehen wird. Während die Ehe des 70jährigen Zenon wesentlich älter ist als sein ökologisches Engagement, ist Wiebke unter den jugendlichen Öko-Aktivisten die einzige, die (seit zwei Monaten) einen Freund hat. Alle Hyper-Aktisten im Alter zwischen 17 und 20 Jahren scheinen ihrem Engagement den Vorzug zu geben, eine potentielle Partnerschaft hat sich den eigenen Interessen anzupassen bzw. zu fügen. Die Prioritäten werden eindeutig gesetzt. Angesichts des zeitintensiven Engagements scheint den Antworten ein gewisser Realitätssinn zugrundezuliegen, geht man davon aus, daß das politische Engagement für die Hyper-Aktivisten das wichtigste Lebensthema ist. Das Engagement ist zumindest zeitlich voll und ganz ausfüllend und will unter keinen Umständen aufgegeben werden.

 

 

Suchtpersönlichkeiten, pathologische Fälle und hilflose Helfer?

 

Abschließend an dieser Stelle noch einige Gedanken zu der Frage, wie das ausgefallene Verhalten psychisch bewertet werden kann. Mit der Überschrift "Suchtpersönlichkeiten, pathologische Fälle und hilflose Helfer" wird suggeriert, daß der Hyper-Aktivismus auch Schattenseiten aufwerfen kann, die nicht zu unterschätzen sind. Nachfolgend ein paar Anmerkungen zu den drei enthaltenen Thesen. Bei den genannten Etiketten handelt es sich um Fachtermini, die vor allem aus der klinischen Psychologie stammen. Unter einer Sucht wird eine körperliche Abhängigkeit verstanden (vgl. Rosemeier 1987), zu den bekanntesten Süchten gehören Alkoholismus und Drogenabhängigkeit. Der Begriff der Psychopathie bezeichnet eine Deformation der Persönlichkeit, die im Gegensatz zur Neurose nicht mit einem persönlichen Leidensdruck verbunden ist, sondern eher für die Lebensumwelt zum Problem wird. (vgl. Schneider 1969). Die Untersuchungen zum sog. Helfer-Syndrom können als ein Vorläufer des Burnout-Konzepts bezeichnet werden. Die besondere Gefährdung der "hilflosen Helfer" wird in Deutschland vor allem seit einer entsprechenden Publikation von Schmidbauer (1977) diskutiert.

 

Aus psychologischer Sicht sollte man mit den genannten Begriffen vorsichtig umgehen. Aufgrund ihrer Popularität steigt die Gefahr eines Mißbrauchs der Termini, dieser Mißbrauch ist für Betroffene nicht selten mit erheblichen psychischen und sozialen Konsequenzen verbunden. Ganze Gesellschaften tendieren zu Diskriminierungen von Mitgliedern, die sich bestimmten Normen nicht anpassen. Sicherlich kann nach allgemeinem Sprachgebrauch ein übertriebenes politisches Engagement als eine Sucht bezeichnet werden, in einem klinischen Sinne jedoch reicht der Tatbestand des Engagements allein nicht aus. Weiterhin bezeichnen manche Menschen als pathologisch, was ihnen fremd erscheint. Doch wie die Herkunft des Begriffes zeigt, hat dies mit dem eigentlichen Wortsinn wenig zu tun. Hilflose Helfer zeichnen sich demgegenüber oft gerade dadurch aus, daß sie selbst am meisten unter ihrem Syndrom leiden. Von einer leichtfertigen Übertragung der genannten Klassifizierungen auf die unter-suchten Hyper-Aktivisten ist allgemein nicht nur abzuraten, sondern ausdrücklich zu warnen.

 

Trotzdem lohnt es sich, bei der Theorie der "hilflosen Helfer" einen Moment zu verweilen. Nach Schmidbauer entspringt die Hilflosigkeit von Helfern einem altruistischen Ideal sozialer Hilfe. Er weist grundsätzlich darauf hin, was rigide Ideale im Leben des einzelnen und im Zusammenleben von Gruppen und Völkern anrichten können. Das Helfer-Syndrom wird als eine Verbindung charakteristischer Persönlichkeitsmerkmale verstanden, durch die soziale Hilfe auf Kosten der eigenen Entwicklung zu einer starren Lebensform gemacht wird. Als Grundproblematik des Menschen mit dem Helfer-Syndrom gilt demnach eine an einem hohen starren Ich-Ideal orientierte soziale Fassade, deren Funktionieren psychoanalytisch gesprochen von einem übermächtigen Über-Ich überwacht wird. Eigene Hilfsbedürftigkeiten würden dadurch verleugnet und Intimität in Beziehungen vermieden.

 

Im Vorwort einer Neuausgabe (1992) konstatiert Schmidbauer den Zeitgeist bestimmend, daß auch die helfenden Berufe nicht vom Identitätswandel in der postindustriellen Gesellschaft verschont blieben. Aufgrund nachlassender langfristiger Sicherheiten nehme auch die Stabilität von Helfer-Idealen ab, gleichzeitig löse sich das "alte Helferideal vom Professionellen, der unabhängig von Lob und Tadel seine Pflicht tut und nur seinem Gewissen folgt", langsam auf. Als eine Folge davon wird die nachlassende Verleugnung bezeichnet, "daß auch der Helfer narzißtische Bedürfnisse hat" (Schmidbauer 1992, S.10, Hervorhebung von S.S.). Dennoch könne die anhaltende Aktualität des Konzepts als ein Hinweis dafür interpretiert werden, daß die grundlegende Dynamik der Motivation auch heute noch vielerorts anzutreffen sei.

 

Schon nach diesen fragmentarischen Ausführungen stellt sich die Frage, ob das sog. Helfer-Syndrom auch die untersuchten Hyper-Aktivisten erfaßt habe. In der Tat lassen sich einige Parallelen finden. Besonders auffällig sind die ausgeprägten, zum Teil starren Ideale, die meist auf Kosten "normaler" persönlicher Beziehungen und Entwicklungen gehen. Eine gewisse Unterdrückung aufkommender Burnout-Gefühle ließ sich bei Vivien und Xaver beobachten, diese Unterdrückung schien zwar bei Wiebke am wenigsten zu funktionieren, doch möglicherweise können gerade ihre Bemühungen einer Bewußtwerdung der Gefährdung präventiv wirken. Bei Yves schließlich ist bereits das "Kind in den Brunnen gefallen" und das Interview gibt Aufschluß darüber, wie schwierig es ist, sich von allzu verinnerlichten Kognitionen langsam zu lösen. Gleichzeitig stellt die Erfahrung, die Yves machen mußte, eine Chance für einen wirklichen Neuanfang dar. Für weitere Interpretationen empfiehlt sich der Einbezug der quantitativen Auswertungen.

 

 

Quantitative Auswertungen

 

Die quantitativen Auswertungen stehen vor allem unter dem Zeichen der deskriptiven Statistik. Aufgrund der geringen Stichprobenzahl von Hyper-Aktivisten (N = 5) wird von den inferenzstatistischen Verfahren an dieser Stelle abgesehen. Zwar wurde versucht, einen speziellen Datenfile zu erstellen, der außer den Hyper-Aktivisten noch jeweilige "Doppelgänger", Personen mit vergleichbarem Status nach Alter und Geschlecht, berücksichtigt, doch mußte der Versuch scheitern, weil zum einen die jeweiligen Doppelgänger nicht immer gefunden werden konnte (insbesondere für Zenon nicht, und bei den jugendlichen Hyper-Aktivisten hätte auf ausländische Teilnehmer zurückgegriffen werden müssen), so daß die Stichprobe zu klein ausgefallen wäre, um signifikante Ergebnisse in den Bereich des Möglichen zu rücken. Dennoch wurde eine Korrelationsanalyse mit der schiefverteilten Variablen "Hyper" (Hyper-Aktivismus, ja oder nein?) gerechnet, um einen ersten quantitativen Eindruck zu erhalten, welche Variablen eventuell Abweichungen erwarten lassen könnten. Deskriptiv wurden einerseits die Mittelwerte zwischen Öko-Passiven, Öko-Aktiven und Hyper-Aktivisten verglichen, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Standardabweichung fiel, andererseits wurde ein Vergleich der Hyper-Aktivisten untereinander angestellt, um auf diese Weise eventuell Einzelergebnisse zu relativieren. Nachfolgend werden die eben skizzierten Analysen ausgeführt.

 

 

Erste Eindrücke auf korrelationsanalyischer Basis

 

Gibt es Variablen, bei denen die Hyper-Aktivisten so weit von der Norm abweichen, daß korrelationsanalytisch signifikante Ergebnisse auftreten? In der Tat lassen sich auf diesem Wege erste Eindrücke über mögliche Zusammenhänge zwischen Hyper-Aktivisten gewinnen, die darauf hindeuten, daß Hyper-Aktivisten als Gruppe sich vom Durchschnitt der Befragten unterscheiden: Die Variable "Hyper" korreliert auf einem 1%-Niveau mit fatalistischen Kontrollüberzeugungen (-.25) und auf einem 5%-Niveau mit dem Ökologiequotienten (.24), mit internalen Kontrollüberzeugungen (.20) und mit seelischer Gesundheit (.11). Es sieht also so aus, als wenn Hyperaktivisten im Vergleich zu anderen Befragten mehr dazu neigen, sich von internalen Kontrollüberzeugungen leiten zu lassen und fatalistische Kontrollüberzeugungen abzulehnen. Bemerkenswert ist auch der positive Zusammenhang zwischen Hyper-Aktivisten und seelischer Gesundheit.

 

Erweitert man das Signifikanzniveau auf p < 0.10, verdienen noch eine Reihe weiterer Variablen Beachtung: Persönliche und globale Zukunftserwartungen (.19), Selbstkonzept politischer Fähigkeiten (.17) und Postmaterialismus (.10). Wiederum handelt es sich also um positive Einstellungen, die sich bezeichnenderweise sowohl auf den persönlichen, als auch auf den politischen Bereich erstrecken. Neben Einstellungs- und Gesundheitsvariablen scheinen außerdem auch Werthaltungen eine gewisse Relevanz zu haben.

 

 

Öko-Passive, Öko-Aktive und Hyper-Aktivisten im Vergleich

 

Abb. 105 zeigt die unterschiedlichen Mittelwerte von Öko-Passiven, Öko-Aktiven und Hyper-Aktiven, aufgegliedert in 30 Variablen aus den Bereichen "politische Einstellungen", "Gesundheit und Persönlichkeit" und "Werthaltungen". Zur Interpretation der Mittelwerte steht die Standardabweichung vom Gesamtmittelwert zur Verfügung. Mittelwerte von Hyper-Aktivisten, die sich etwa um eine Standardabweichung von den beiden anderen Gruppen unterscheiden, können als auffällig bezeichnet werden. Weiterhin sind die Richtungen der Unterschiede zu berücksichtigen, es ist nicht ausgeschlossen, daß der Abweichungstrend der Hyper-Aktivisten immer jenseits der Öko-Aktiven liegt, vielleicht unterscheiden sich Hyper-Aktivisten in manchen Bereichen eher von den Öko-Aktiven als von den Öko-Passiven.

 

Ein Blick auf zehn Variablen aus dem Bereich "politische Einstellungen" zeigt die auffälligste Abweichung bei den bereits korrelationsanalytisch identifizierten Variablen der internalen und fatalistischen Kontrollüberzeugungen sowie dem politischen Selbstkonzept eigener Fähigkeiten. Für alle drei Variablen liegen Abweichungen der Hyper-Aktivisten etwa um eine Standardabweichung vor. Die Abweichungen, die bei anderen Variablen auftreten, sind eher unbedeutend, lediglich die relative große Unzufriedenheit mit dem politischen System fällt auf, hierbei handelt es sich jedoch tendenziell um eine Einstellung, die bei Öko-Aktiven allgemein verbreitet ist.

 

Ein Blick auf neun Variablen aus dem Bereich "Gesundheit und Persönlichkeit" zeigt, daß die Hyper-Aktivisten ausnahmslos (!) hinsichtlich aller untersuchter Variablen die günstigsten Werte erzielen (wenn man auch Optimismus und den Wunsch nach Kindern als positiven Indikator anerkennt). Während sich bei allen Variablen lediglich leichte Tendenzen abbilden, wiegt das Ergebnis für die Variable "Seelische Gesundheit" schon schwerer: Die fünf Hyper-Aktivisten sind im Vergleich zur Reststichprobe (die bei diesem Konstrukt mehrere hundert Personen umfaßt) psychisch um fast zwei Standardabweichungen stabiler. Dieser Befund ist infolge eines Mittelwertes von M = 2.3, der einem Prozentrang von PR = 96 entspricht, von den quantitativen Ergebnissen mit der kleinsten Wahrscheinlichkeit dem Zufall geschuldet.

 

Ein Blick auf elf Variablen aus dem Bereich "Werthaltungen" zeigt, die Hyper-Aktivisten mit ihrer Tendenz zu postmaterialistischen Überzeugungen mehr als eine Standardabweichung vom Mittelwert der Gesamtstichprobe entfernt liegen. Konservative Werthaltungen (Sicherheit, Tradition und Konformität) werden noch stärker abgelehnt, als das bei Öko-Aktiven tendenziell der Fall ist. Ebenfalls tendenziell noch stärker als gewöhnliche Öko-Aktive suchen die Hyper-Aktivisten Stimulation und lehnen Hedonismus auf dieser Suche ab. Näher an den Wertorientierungen von Öko-Passiven liegen die Hyper-Aktivisten allerdings mit ihrem Streben nach Selbstbestimmung. Unter den selbstbezogenen Merkmalen fällt ferner eine ausgeprägte Leistungsorientierung bei gleichzeitig wenig entwickeltem Machtinstinkt auf. Unter den selbstüberwindenden Merkmalen fällt schließlich die ausgesprochen humanistische Haltung der Hyper-Aktivisten auf.

 

Insgesamt zeigt sich, daß die fünf untersuchten Hyper-Aktivisten offensichtlich eine recht homogene Gruppe zu sein scheinen. So lassen sich bei einer Reihe von Variablen auffällige Abweichungen von der Gesamtstichprobe entdecken. Hyper-Aktivisten bevorzugen eine politische Einstellung, die davon ausgeht, daß Einzelpersonen in der Gesellschaft potentiell in der Lage sind, politisch Einfluß auf das Zeitgeschehen zu nehmen, ferner halten sie sich selbst für politisch talentiert, diese Rolle persönlich einzunehmen. Diese Einstellungskombination, die im persönlichen Leben mit dem Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung beschrieben wurde, ist vielleicht ein Schlüssel zum Verständnis von politischen Persönlichkeiten. Weiterhin ist die große psychische Gesundheit herausragend, die die Hyper-Aktivisten in der vorliegenden Untersuchung auszeichnet. Schließlich zeigen sich auch einige Auffälligkeiten hinsichtlich der bevorzugten Werthaltungen von Hyper-Aktivisten: Besonders ausgeprägt ist das Streben nach Selbstbestimmung, Humanismus und Leistung, wenig ausgeprägt sind konservative Wertorientierungen und Machtstreben.

 

 

Hyper-Aktivisten untereinander im Vergleich

 

Angesichts der kleinen Hyper-Aktivisten-Stichprobe von nur fünf Personen muß berücksichtigt werden, daß Ausreißer unter den einzelnen Mittelwerten den Gruppenmittelwert nicht unerheblich beeinflussen können (jeder einzelne Mittelwert macht 20% des Gesamtmittelwertes aus!). Schon aus diesem Grunde ist eine Betrachtung der Einzelmittelwerte angebracht. Ein quantitativer Vergleich der Hyper-Aktivisten untereinander ist außerdem vor dem Hintergrund der qualitativen Einzel-Portraits von Interesse, potentielle "Ausreißer" können so individuell interpretiert werden.

 

Abb. 106 vergleicht die fünf Hyper-Aktivisten hinsichtlich einiger ausgewählter Merkmale. Vivien lehnt mehr als alle anderen Befragten fatalistische Kontrollüberzeugungen ab und weist das geringste Vertrauen in die Politik(er) auf. Wiebke bewertet als einzige das politische System insgesamt eher positiv, verständlich aus Sicht ihrer politischen Ambitionen. Xaver ist mehr als alle anderen Befragten von internalen politischen Kontrollmöglichkeiten überzeugt. Yves hat das höchste politische Selbstkonzept und ist am wenigsten ökologisch hoffnungslos. Zenon schließlich erreicht mit mehreren Merkmalen Extremwerte: Seine psychische Gesundheit scheint am stabilsten zu sein, obwohl er mehr als alle anderen Befragten ökologisch hoffnungslos ist. Das Umweltbewußtsein und der Ökologiequotient ist schließlich bei den beiden Greenpeacern, Vivien und Zenon, größer bzw. höher als bei den anderen Befragten.

 

Insgesamt zeigt sich eine gewisse Homogenität der Hyper-Aktivisten auch bei den Einzel-betrachtungen. Einzelne Ausreißer, die das Gruppenergebnis in einer bestimmten Richtung in dem Sinne "verfälschen", daß vorhergehende Aussagen zurückgenommen werden müssen, sind nicht zu identifizieren. Am auffälligsten sind die Ergebnisse des altersmäßig aus dem Rahmen fallenden Zenon. Er spitzt manche Trends seiner Gruppe noch zu, wie die Gesundheits-Variablen zeigen, relativiert aber auch einige Tendenzen. Als Beispiel für den letztgenannten Befund kann die leicht fatalistische Kontrollüberzeugung von Zenon genannt werden. Das Beispiel bestätigt die Erkenntnis, daß Fatalismus in sehr jungen Jahren und am Ende des Lebens am ausgeprägtesten ist. Ebenso können sich die jüngeren Hyper-Aktisten eine ökologisch hoffnungslose Haltung kaum erlauben, um die eigenen Energien nicht zu gefährden.

Im Sinne des Androgynie-Konzepts (vgl. Kap. 16) ist der Befund bedeutsam, daß Hyper-Aktivisten "weibliche" und "männliche" Eigenschaften miteinander vereinigen: Sensibilität für makrosoziale Bedrohungen paart sich mit einem positiven politischen Selbstkonzept und ein großes ökologisches Verantwortungsbewußtsein geht mit einer extrem ausgeprägten Leistungsbereitschaft einher.

 

 

Versuch einer Synthese

 

Der nachfolgende bilanzierende Abschnitt faßt die wesentlichen qualitativen und quantitativen Befunde zusammen und fragt nach der Interpretation bzw. Kombination der Ergebnisse im Sinne einer Methoden-Triangulation. Zunächst gilt es also, die insgesamt 13 qualitativen und drei quantitativen Auswertungen noch einmal kurz Revue passieren zu lassen und die hervorstechenden Charakteristika der einzelnen Hyper-Aktivisten noch einmal in Erinnerung zu rufen.

 

Die beiden 18jährigen Hyper-Aktivistinnen Vivien und Wiebke weisen ebenso einige Gemeinsamkeiten auf wie die beiden jungen männlichen Befragten, der 17jährige Xaver und der 20jährige Yves. Während die Frauen mit einem ausgeprägten Optimismus ihrer persönlichen Zukunft entgegensehen und eine kinderreiche Familie und eine ökologische Lebensweise mit ihrem politischen Engagement verbinden wollen, spielen familiäre Überlegungen in den Zukunftsvorstellungen der beiden Männer eine marginale Rolle, im Mittelpunkt stehen vielmehr berufliche Ambitionen im publizistischen Bereich, wobei es beiden Befragten nicht leicht fällt, Gedanken an die weitere Entwicklung des eigenen Engagements mit Notwendigkeiten der Existenzsicherung zu verknüpfen. Die derzeitigen politischen Aktivitäten der Hyper-Aktivisten sind äußerst intensiv und vielfältig: Vivien (Vorbild Mahatma Gandhi) arbeitet für Greenpeace, Wiebke (Vorbild Rudi Dutschke und Petra Kelly) für die Partei der Grünen, Xaver (Vorbild Ben Wargin) leitet eine selbstgegründete Projektwerkstatt und Yves (Vorbild Robert Jungk) ist im Rahmen der Bund-Jugend engagiert. Ein weiterer Hyper-Aktivist, der 70jährige Zenon (Vorbild Paulus) "kämpft" ebenfalls für Greenpeace, wobei seine Ansichten am radikalsten und seine Aktionen am gefährlichsten einzustufen sind, nicht nur wegen des hohen Alters.

 

Ein erster Eindruck bei der Betrachtung der Einzel-Interviews mit den sog. Hyper-Aktivisten war die Feststellung eines Gefälles bzw. ausgeprägten Ungleichgewichts zwischen der persönlichen und der politischen Lebenszeit. Auch wenn die Befragten eine derartige Unterteilung vielleicht ablehnen würden, ist das stark reduzierte Privatleben und die mangelhafte Ausprägung von egoistischen Bedürfnissen zu bedenken - insbesondere vor dem Hintergrund, daß vier der fünf Befragten sich in der Übergangsphase zum Erwachsenenalter befinden. Gegenüber ihrem politischen Engagement degradieren die Befragten nicht nur ihre Ausbildung, sondern auch die soziale Begegnung mit Menschen außerhalb des Aktivitäts-kreises zu einer "Nebensache". Auch die Beziehung zu den eigenen Eltern ist eher distanziert, der Einfluß der Eltern auf die politische Sozialisation der Befragten scheint zumindest auf einer geistigen Ebene nicht allzu bedeutend zu sein (bei den weiblichen Befragten nehmen sie wenigstens eine "Wegbereiter"-Rolle ein). Politische Vorbilder suchen sich die Hyper-Aktivisten außerhalb des privaten Lebensumfeldes. Vorbilder wollen allerdings nicht kopiert werden, sie dienen als Anregungen für die Entwicklung einer eigenen Identität.

 

Während die kognitive Einschätzung der Umweltzerstörung allgemein Maximalwerte erreicht, zeigt die emotionale Betroffenheit der Befragten eine größere Varianz. Hinsichtlich der konstatierten Modelle ist festzuhalten, daß Hyper-Aktivisten mit einer erhöhten Wahrschein-lichkeit eine ökologische Persönlichkeit im Sinne von Preuss aufweisen, die unterschiedlichen Identitäten als Opfer, Retter und Täter der Umweltzerstörung werden also tendentiell ganzheitlich integriert. Das Modell des ökologischen Gewissen findet bei den Hyper-Aktivisten ebenfalls eine Bestätigung: Alle Befragten zeigen ein ausgeprägtes Verantwortungsbewußtsein und versuchen die emotionalen Balanceakte zwischen aktivierender und lähmender Angst sowie zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit zu bewältigen. Die befragten Hyper-Aktivisten fühlen sich zum Teil extrem verantwortlich, sehen Angst als eine positive Kraft und Hoffnung als "Motor" ihres Lebens an. Auch Hoffnungslosigkeit ist kein Hindernis für Engagement, vielmehr regiert das Prinzip Trotz. Das explizit thematisierte Gewissen als eine ganz wesentliche Triebkraft des Handelns wird bejaht, sprachlich findet es seine Bestätigung auch in dem wiederholten Ausdruck, ökologisch handeln zu "müssen".

 

Einen Sinn in ihrem Leben sehen die Befragten in der Regel in enger Abhängigkeit ihrer politischen Aktivitäten, die auch hinsichtlich der eigenen Zukunftsplanung eine zentrale Rolle einehmen. Bei dieser außergewöhnlich einseitigen Lebensgestaltung drängt sich die Frage nach den Schattenseiten des Engagements auf. Es zeigt sich, daß alle Befragten potentiell burnout-gefährdet sind, wobei die objektive Bedrohung meist größer zu sein scheint als die subjektive Wahrnehmung, schließlich stellt die Einsicht der Gefahr das persönliche Engagement und damit auch das Leben an sich zur Disposition. Die Hypothese, daß angesichts der zeitlichen Auslastung der Befragten intime Beziehungen praktisch keinen Platz haben, konnte bestätigt werden: Feste Partnerschaften sind unter den jungen Hyper-Aktivisten nicht zu finden. Auch zukünftig stehen langfristige Beziehungen unter dem Diktat des eigenen Engagements. Einen kritischen Erklärungsansatz des Lebens der Hyper-Aktivisten bietet das Konzept des Helfer-Syndroms nach Schmidbauer (1977). Als symptomatisch für das Syndrom werden u.a. überhöhte Selbstansprüche und das Fehlen von intimen Beziehungen angesehen.

 

Welchen Wert haben diese Interpretationsangebote im Lichte der quantitativen Auswertungen? Die Ergebnisse der Fragebogen deuten darauf hin, daß es sich bei den Hyper-Aktivisten in der Tat um außergewöhnliche Persönlichkeiten handelt, die in vielerlei Hinsicht "Rekordwerte" aufzuweisen haben. Aufgrund korrelativer Analysen und deskriptiver Statistik können die Befragten wie folgt beschrieben werden: Tendentiell gehen Hyper-Aktivisten von der Auffassung aus, daß der Einzelne einen großen Einfluß auf das politische Geschehen ausüben kann, fatalistische Überzeugungen werden demgegenüber vehement abgelehnt. Hyper-Aktivisten sind weiterhin davon überzeugt, daß sie selbst in der Lage sind, politisch wirksam zu werden. Die gesundheitlichen persönlichen Voraussetzungen geben den Befragten Recht: Die Hyper-Aktivisten erreichen überdurchschnittliche Werte hinsichtlich ihrer psychischen Stabilität. Hyper-Aktivisten orientieren sich verstärkt an postmaterialistischen Werthaltungen und lehnen konservative Werte ab. Einer ausgeprägten Leistungsorientierung steht ein schwach ausgebildetes Machtstreben gegenüber. Die asketische Lebensauffassung verbietet ferner allzu hedonistische Bedürfnisse.

 

Eine Kombination der beiden Datenquellen gibt zu vielfältigen Interpretationen Anlaß. Insgesamt ergänzen sich die Erkenntnisse hervorragend, manche Befunde basieren ausschließlich auf der qualitativen Befragung (z.B. die biographische Einblicke sowie die Thematisierung der Burnout-Problematik), andere Ergebnisse haben schwerpunktmäßig eine quantitative Grundlage (u.a. Werthaltungen). Der ausgeprägte Individualismus ist sowohl in den Interviews als auch in den Fragebogen zu beobachten. Hyper-Aktivisten vertreten oft extreme Positionen. Trotz vieler Beobachtungen, die aufgrund der beiden Datenquellen ein facettenreiches, komplementäres Bild ergeben, bleibt der Interpretationsspielraum im Hinblick auf bestimmte Fragen sehr weit offen. So gehen zwar z.B. tendenziell die positiven persönlichen Zukunftserwartungen (im Interview) mit den sehr positiven Gesundheitswerten (im Fragebogen) einher, wie vertragen sich jedoch diese positiven Gesundheitswerte mit der eingehenden Diskussion um die Burnout-Gefährung? Was ist überhaupt psychische Gesundheit? Handelt es sich eher um eine psychosoziale Ausgeglichenheit, die sich über soziale Beziehungen definiert oder eher um eine selbstbewußte Haltung hinsichtlich der Einschätzung, persönliche Probleme lösen zu können und erfolgreich im Leben zu sein. Hier kommen Therapeuten und Wissenschaftler möglicherweise zu unterschiedlichen Schlußfolgerungen.

 

Nach der teilweise recht weitreichenden Problematisierung der Persönlichkeit von Hyper-Aktivisten scheint es angebracht, abschließend eine "Ehren-Rettung" der Engagierten vorzunehmen: Das Präfix "Hyper" zur Charakterisierung von Personen, die sich in einer besonders intensiven Form für das Gemeinwesen aktiv sind, wurde gewählt, um die gesteigerte Aktivität gegenüber den weniger Öko-Aktiven zum Ausdruck zu bringen. Eine negative Konnotation, wie sie sich vor allem in der Medizin findet, ist damit keineswegs impliziert. Wenn in diesem Kapitel auf die individuellen Gefahren, die mit einem erhöhten persönlichen Einsatz einhergehen, verstärkt hingewisen wurde, dann sollte dabei der große gesellschaftliche Dienst, den die Hyper-Aktivisten leisten, nicht vergessen werden. Pointierter ausgedrückt: Die Tatsache, daß es überhaupt junge (und alte!) Menschen gibt, die sich in einer so selbstlosen Art und Weise mit demokratischen Mitteln für eine ökologisch lebenswerte Zukunft einsetzen und dabei persönliche Interessen nicht nur zurückstecken, sondern im Falle eines Scheiterns auch das Risiko einer massiven persönlichen Krisensituation eingehen, öffnet überhaupt erst die Augen für vorhandene gesellschaftspolitische Defizite. Wäre die Gesellschaft als Gemeinwesen in der Lage, die anstehenden Probleme ernsthaft anzugehen, kämen Hyper-Aktivisten nicht in die Verlegenheit, sich so zu entäußern und auszubeuten. Bleibt zu hoffen, daß die kleine Minderheit von Menschen, die sich der großen "Maschine" der modernen Massengesellschaft mit ihren globalen suizidalen Entwicklungen entgegenstellt, bei ihrem Einsatz für das Kollektiv stets genügend individuellen "Narzißmus" bewahrt, um nicht selbst zugrundezugehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bilanz

 

1. Das Modell des ökologischen Gewissens findet in der vertiefenden Auswertung von sog. Hyper-Aktivisten eine zusätzliche Bestätigung. Alle Prinzipien liegen in ausgeprägter Form vor. Hyper-Aktivisten sind politische Persönlichkeiten im klassischen Sinne: Sie stellen ihr Leben in den Dienst der "Polis" und erfüllen damit eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

 

2. Quantitative Befunde liefern auffällige Hinweise dafür, daß Hyper-Aktivisten im Sinne des sog. Androgynie-Konzepts "weibliche" und "männliche" Eigenschaften in ihrer Persönlichkeit vereinigen. Diese Beobachtung kann zur Erklärung ihres "Erfolges" herangezogen werden.

 

3. Qualitative Befunde zeigen, daß die mangelhafte Wahrnehmung narzißtischer Bedürfnisse mit einer individuellen Burnout-Gefährdung einhergeht. Dies scheint der persönliche "Preis" für ein gesellschaftspolitisches Hyper-Engagement zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Summary 19

 

 

94. Hyper-Aktivistin V. (18 Jahre alt), die sich seit vielen Jahren intensiv bei Greenpeace engagiert, stellt ein Beispiel für eine erfolgreiche verstandesbetonte Auseinandersetzung mit der ökologischen Krise dar.

Zu den Schattenseiten des Engagements gehört der Verlust eines Privat- lebens in der Jugendzeit, der aber von der Befragten nicht negativ gewertet wird (Kap. 19.1).

 

95. Hyper-Aktivistin W. (18 Jahre alt), zur Zeit die jüngste Berliner Ab-

geordnete in einem Bezirksparlament, stellt ein Beispiel einer erfolg-

reichen Realisierung linksalternativer Gesellschaftsvorstellungen mit

Hilfe eines konservativen Politikverständnisses dar, das sich durch

eine generelle Bejahung des parlamentarischen Systems auszeichnet.

Der Verlust des Privatlebens wird jedoch teilweise als bedrückend

erlebt (Kap. 19.2).

 

96. Hyper-Aktivist X. (17 Jahre alt), ein seit vielen Jahren sehr vielseitig

engagierter Jugendlicher, ist ein Beispiel von "kreativer Freisetzung"

eines ehemaligen DDR-Bürgers dar, der nach der "Wende" von den

Möglichkeiten seiner Freiheit Gebrauch macht. Die neuen, politisch teilweise ernüchternen Erfahrungen führen jedoch tendentiell auch zu resignativen Haltungen. Die sehr einseitige Lebensführung stößt

in seiner Clique auf Bewunderung und Unverständnis (Kap. 19.3).

 

97. Hyper-Aktivist Y. (20 Jahre), ein seit vielen Jahren in der Bund- jugend ökologisch engagierter junger Mann, ist ein Beispiel für die Grenzen der Belastbarkeit bei der Ausübung politischer Aktivitäten. Doch auch nach einer Zwangspause in Form einer Kur scheint der Umweltschutz weiterhin das zentrale Lebenshema zu bleiben, hinter

dem der Schutz der eigenen Gesundheit zurückbleibt (Kap. 19.4).

 

98. Hyper-Aktivist Z. (70 Jahre), ein erst im letzten Lebensdrittel aktiv

gewordener, aber seitdem extrem engagierter Greenpeace-Aktivist,

ist ein Beispiel dafür, daß ökopolitisches Engagement kein Privileg

der Jugend darstellt. Die Tatsache, daß die ohnehin stark gefährdete

Gesundheit bei radikalen und waghalsigen Einsätzen existentiell auf’s

Spiel gesetzt wird, ist nur vor dem Hintergrund eines in Anbetracht

der stark begrenzten Lebenszeit drängenden ökologischen Gewissens

zu verstehen, das religiös begründet wird (Kap. 19.5).

 

99. Als auffällige Gemeinsamkeiten weisen die in dieser Untersuchung befragten Hyper-Aktivisten eine Kombination von "männlichen"

(z.B. hohes politisches Selbstkonzept) und "weiblichen" (z.B. aus-

prägstes ökologisches Verantwortungsbewußtsein) Eigenschaften auf. Im jungen Erwachsenenalter geht das starke gesellschaftspolitische

Engagement meist mit einer Burnout-Gefährdung ein (Kap. 19.6).