2. Ökologische Krise in den Wissenschaften

 

 

 

 

Intro

 

 

Kapitel 2 ist wie folgt angelegt: Einleitend (Kap. 2.1) wird dafür plädiert, das Thema "Ökologische Krise" wissenschaftlich auf eine multi- bzw. interdisziplinäre Art und Weise anzugehen. Nach dem Vorbild einer Ringvorlesung werden nachfolgend verschiedene Vertreter aus ganz unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zu ihren fachspezifischen Beiträgen zur ökologischen Krise befragt. Die Reihe beginnt mit der Wissenschaft, die das Thema in ihrem Namen trägt: Die Ökologie (Kap. 2.2). Analysiert wird die "Umweltbiologie" des Schweizer Ökologen und Biologen TSCHUMI (1981). Tschumi vertritt eine naturwissenschaftliche Betrachtungsweise, überschreitet aber auch Grenzen. Nach der Ökologie folgt als nächste Disziplin die wortverwandte Ökonomie (Kap. 2.3), die, wie sich zeigen wird, auch inhaltlich nicht so weit von der Ökologie entfernt ist, wie man es vermuten könnte. Vertreten wird die wirtschaftliche Perspektive von Wicke, Autor eines Lehrbuches zur "Umweltökonomie" (1989). WICKE ist es gelungen, mit dem erfolgreichen Sachbuch "Die ökologischen Milliarden" (1986) die Zusammenhänge von Ökologie und Ökonomie einer breiteren Öffentlichkeit ins Bewußtsein zu rufen. Als nächstes wenden wir uns der Soziologie (Kap. 2.4) und einem ihrer herausragenden Vertreter zu: LUHMANN stellt in seinem Buch "Ökologische Kommunikation" (1986) die grundsätzliche Frage, ob sich die moderne Gesellschaft überhaupt auf ökologische Gefährdungen einstellen kann. Die Frage wird aus systemtheoretischer Sicht beantwortet. Im darauffolgenden Kapitel geht es um die Pädagogik (Kap. 2.5), die u.a. durch DE HAAN die Subdisziplin der "Ökopädagogik" (1984) vorangebracht wurde. Die Psychologie (Kap. 2.6), ist in der multi-wissenschaftlichen Zusammenschau durch die "Ökopsychologie" (1994) des Amerikaners ROSZAK mit einem für europäische Verhältnisse ungewöhnlichen Ansatz vertreten, der jedoch nachdenkswerte Anregungen liefert. Die Geisteswissenschaften werden zum einen durch die Philosophie (Kap. 2.7) und deren Ansatz einer "Philosophie der ökologischen Krise" (1992) durch VON HÖSLE repräsentiert, zum anderen durch die Theologie (Kap. 2.8) mithilfe des Buches "Der tödliche Fortschritt" (1992) von DREWERMANN. Die Theologie bildet einen Gegenpol zur Biologie, so daß sich der allgemeine Rundblick an dieser Stelle schließt. Zusammenfassend (Kap. 2.9) wird versucht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der einzelnen Ansätze in prägnanter Form systematisch herauszuarbeiten und für den weiteren Gang der Arbeit nutzbar zu machen. Die Vogelperspektive, die im Abschnitt "Ökologische Krise in den Wissenschaften" eingenommen wird, hat eine heuristische Funktion. Gesucht wird nach einer Antwort auf die Frage, welchen Beitrag diese Arbeit im Rahmen eines interdisziplinär angelegten Forschungskontextes leisten kann.

 

 

 

 

 

2.1 Ökologische Krise als interdisziplinäres Thema

 

 

 

"Die Menschheit ist in die moderne Geschichte gegangen wie ein Tier in eine Falle."

 

Gomez Davila, (1987, S.164)

 

 

Was der kolumbianische Schriftsteller Gomez Davila in einer prägnanten Chiffre auf den Punkt bringt, liest sich als wissenschaftliche Warnung wie folgt: "Das Raumschiff Erde und damit die Überlebensmöglichkeit bzw. das Leben unserer Kinder und Kindeskinder in einer annehmbaren Umwelt sind extrem gefährdet (...). Die Möglichkeit und Wahr-scheinlichkeit einer weltweiten erfolgreichen Lösung der Umweltprobleme, insbesondere angesichts der in den unterentwickelten Staaten dominierenden Probleme der Befriedigung der elementaren Lebensbedürfnisse nach Nahrung und menschenwürdigem Wohnen ergeben ein weitgehend pessimistisches Bild. Ohne eine schnellstmögliche gemeinsame Aktion aller Staaten, bei der gleichzeitig die Probleme der Bevölkerungsentwicklung, der Nahrungs- und Energieversorgung sowie der Umwelt-probleme energisch und wirksam angegangen werden, besteht die Gefahr einer gravierenden Bedrohung der Menschheit." Mit diesem eindringlichen Appell leitet Wicke das Buch "Umwelt Global - Veränderungen, Probleme, Lösungsansätze" (Jänicke, Bolle und Carius 1995) ein, das im Anschluß an eine Ringvorlesung der Freien Universität Berlin (WS 1994/95) erschienen ist. Bleiben wir zunächst beim Autor des Geleitwortes, der ein Beispiel für Wissenschaftler ist, die aus dem 'Elfenbeinturm Universität' emigriert sind: Wicke schreibt diese Zeilen als "Umweltstaatssekretär" Berlins, nachdem er seine eigenen Bücher in den 80er Jahren noch in der Rolle eines Professors für Wirtschaft verfaßte. Dazu gehört auch das Buch "Der ökologische Marshallplan" (1989), das bereits eine stärkere Handlungsorientierung und damit den Wechsel des Autors von der Wissenschaft in die Politik anzudeuten schien. Die Idee eines Marshallplanes wurde 1992 durch die Veröffentlichung von "Earth in the Balance - Ecology and Human Spirit" durch US-Vizepräsident Al Gore weltbekannt (vgl. Kap. 1).

 

Es wäre verwunderlich, wenn angesichts der Aktualität und Brisanz des Themas die Wissenschaften zur ökologischen Krise schweigen würden. Wie die Herausgeber von "Umwelt global" in der Einleitung feststellen, sehe sich die Umweltforschung heute einer wachsenden öffentlichen Nachfrage nach "Handlungsempfehlung" gegenüber, mit der sie allerdings ihre Probleme habe (Jänicke u.a. 1995, S.1). Einerseits gebe es die Tradition von wissenschaftlicher Wertfreiheit, die Vorstellung, daß der Wissenschaft nur eine deskriptive und analytische Rolle zukomme, Wertung und Handlungsempfehlungen Gesellschaft und Politik vorenthalten blieben. Zum anderen stecke die Erforschung der Umwelt als komplexes System noch in den Anfängen, so daß gesicherte Aussagen über problematische, gesellschaftlich zu steuernde Kausalbeziehungen in den komplexeren Verursachungsstrukturen nicht leicht zu treffen seien. Selbst in der Klimaforschung, deren Grundlagen als relativ gesichert gelten könnten, bestehe noch ein Auslegungsspielraum hinsichtlich der ermittelten Trends und ihrer zukünftigen Wirkungen. Die prognostische Unsicherheit liege auch darin begründet, daß die Annäherung an die reale Welt auf verschiedenen Ebenen erfolge, auf denen jeweils nur unvollständige Infomationen über das Gesamtsystem verfügbar seien. So könnten immer nur Ausschnitte der Wirklichkeit dargestellt werden. Zu diesem Zweck werde eine theoretische Modellwelt erfunden, deren Gegenstand ein "synthetischer Planet" (S.2) sei.

 

Ein entscheidendes Problem für den Vergleich der in diesen naturwissenschaftlichen Modellwelten gesammelten Erkenntnisse mit der realen Welt sei darin begründet, daß zwischen den naturwissenschaftlichen Welten und der natürlichen Welt eine ökonomisch, gesellschaftlich und normativ geprägte Welt liege, die massiven Einfluß auf die natürliche Welt nehme. Aus einer umweltwissenschaftlichen Perspektive seien hier "die entscheidenden Problemverursachungen (wie auch die potentiellen Problemlösungen)" (S.3) zu suchen. Allerdings ließen sich soziale Entscheidungsprozesse mit ihren kaum vorhersagbaren Eintrittswahrscheinlichkeiten nur schwer in entsprechende Modelle integrieren. So stellen sich die folgenden alternativen Fragen: "Ist die Unsicherheit umweltwissenschaftlicher Erkenntnisse ein Grund, Wissenschaft von dem gesellschaftlichen Erkenntnisbedarf abzukoppeln? Oder geht es nicht vielmehr darum, Handlungsempfehlungen in einem breiten interdisziplinären Diskurs so einvernehmlich, so vorsichtig und so abgesichert wie möglich zu formulieren?" (S.3). Die Autoren plädieren für den letztgenannten Weg. Sie weisen darauf hin, daß viele methodische Probleme auch dadurch entstehen würden, daß den Schäden meist hinterhergeforscht werde. Weiterhin sei zu bedenken, daß die Universitäten erst relativ spät damit begonnen hätten, auf die Herausforderung der Umweltproblematik interdisziplinär zu reagieren. Die Unsicherheit umweltwissenschaftlichen Forschens dürfe kein Alibi für Untätigkeit sein, denn "wer sonst, wenn nicht die Wissenschaft in dem breiten Spektrum ihrer Disziplinen könnte Auskunft über ökologische Gefährdungen geben?" (S.4).

 

Der von Jänicke, Bolle und Carius (1995) herausgegebene Sammelband "Umwelt global" enthält ausgewählte Versuche, wissenschaftlich auf die ökologische Krise zu reagieren. Das auf der obengenannten Ringvorlesung basierende Buch ist ein Beispiel für praktizierte Multi- bzw. Interdisziplinarität (in der letzten Sitzung gab es eine fächerübergreifende Podiumsdiskussion). Es lohnt sich daher, die Zusammenstellung der einzelnen Beiträge einmal Revue passieren zu lassen: Im ersten Drittel des Bandes (ca. 32% des Gesamtseitenumfangs) steht die naturwissenschaftliche Sicht im Mittelpunkt, wie sie in den Beiträgen "Globaler Wandel und Wasserverfügbarkeit" (Bolle), Meteorologische Aspekte des Ozonproblems" (Labritzke), "Fernerkundung der Erde" (Furrer), "Die Stadt als ökologisches System" (Weigmann) und in dem Beitrag "Über die Besonderheiten des Großstadtklimas am Beispiel Berlins" (Malberg) zum Ausdruck kommt. Vertreten sind dabei vor allem die Disziplinen Biologie und Geologie (es fehlen u.a. die Physik und die Chemie). Der zweite Abschnitt umfaßt die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Problemanalysen "Kriterien und Steuerungsansätze ökologischer Ressourcenpolitik" (Jänicke), "Klimaschutzpolitik als CO2-Minderungspolitik" (Mez), "Technikentwicklung, Unsicherheit und Risikopolitik" (Conrad) und "Die Ökologie der neuen Weltpolitik" (Altvater) für die politischen Wissenschaften, weiterhin "Rechtliche Ansätze zur Regulierung von Stoffströmen" (Kung) und "Rechtliche Aspekte der Altlastenproblematik" (Peine) für die Rechtswissenschaften, sowie die Beiträge "Das Unternehmen als Initiator der ökologischen Umorientierung" (Stitzel) und "Nutzung und Schutz tropischer Regenwälder" (Nitsch) aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. Insgesamt machen diese Beiträge über die Hälfte (56%) des Bandes aus. Geistes- und sozialwissenschaftliche Betrachtungsweisen sind dagegen quantitativ gesehen eher unterrepräsentiert (12%) und finden sich in den Aufsätzen "Umweltbewußtsein" (de Haan), "Ökologisches Verantwortungsbewußtsein" (Hoff) und "Ethik für die Zukunft erfordert Institutionalisierung von Diskurs und Verantwortung" (Böhler) wieder. Vertreten sind die Pädagogik, die Psychologie und die Philosophie (nicht vertreten ist die Soziologie).

 

So vorbildlich diese Zusammenschau durch ihre Vielfalt an einzelwissenschaftlichen Bausteinen grundsätzlich auch sein mag, es fallen doch einige Ungleichgewichte auf. Dabei scheint die Dominanz politik- und wirtschaftswissenschaftlicher Betrachtungsweisen gegenüber den naturwissenschaftlichen Analysen eher untypisch zu sein, da letztere Gruppe in der Regel als erste befragt wird, wenn es um die Erforschung der ökologischen Krise geht (als ein Hinweis für diese These sei z.B. auf die von den Herausgebern diskutierten Modelle hingewiesen, in denen der Faktor Mensch eine untergeordnete Rolle spielt). Die geringe Präsenz der Geistes- und Sozialwissenschaften scheint dagegen schon eher typisch für die interdisziplinäre Rollenverteilung mit dem Thema zu sein, wobei die Frage erlaubt sei, inwieweit diese Fächer nicht auch selbst dafür verantwortlich sind, daß man von ihnen in dieser Hinsicht so wenig hört. Wenn umweltwissenschaftlich allerdings von dieser Gruppe sowohl wichtige Ursachenklärungen als auch potentielle Problemlösungen erwartet werden, ist es an der Zeit, diese Disziplinen stärker als bisher in die ökologische Diskussion miteinzubeziehen.

 

So wurden bei der Auswahl der für diese Arbeit zusammengestellten Ansätze geistes- und sozialwissenschaftliche Beiträge zu der Frage nach Ursachen und Lösungen der ökologischen Krise überrepräsentativ berücksichtigt - als Kontrast zum gegenwärtigen interdisziplinären Diskurs. Dabei wird davon ausgegangen, daß gerade die Vielfalt an Beispielen die allgemeine Diskussion beleben kann, ferner eine alle Disziplinen zufriedenstellende Ausgewogenheit sowieso kaum realisierbar erscheint, bedenkt man, daß auch in den einzelnen Disziplinen selbst ein Selektionsprozeß stattfindet. Wichtig scheint es zu sein, alternative Sichtweisen gegenüber einem technischen Denken und Aktionismus aufzuzeigen, wie er teilweise in der Konzeption der vorgestellten Ringvorlesung zum Ausdruck kommt. Allerdings ist der Versuch, die einzelnen Wissenschaften miteinander ins Gespräch zu bringen, ein großer Fortschritt im Vergleich zu der herkömmlicherweise isolierten Forschungspraxis und gar nicht hoch genug zu würdigen.

 

Die in dieser Arbeit vorgestellten Ansätze öffnen einen weiten Horizont an Perspektiven, die für die psychische Konzeption eines ökologischen Gewissens sich als hilfreich erweisen werden. Wir beginnen mit einem umweltbiologischen (Tschumi) und einem umweltökonomischen (Wicke) Beitrag. Sie stehen stellvertretend für die sonst im Mittelpunkt stehenden naturwissenschaftlichen und politik- bzw. wirtschaftswissenschaftlichen Analysen. Die weiteren Ansätze entstammen alle aus geistes- oder sozialwissenschaftlichen Kontexten. Obwohl einige Ansätze sprachlich durch das Präfix "Öko-" gekennzeichnet sind, wurde aus Gründen der Einheitlichkeit in unserer Systematik das Präfix "Umwelt-" gewählt. Bei den ausgewählten Ansätzen handelt sich um Beiträge der Soziologie (Luhmann), Pädagogik (de Haan), Psychologie (Roszak), Philosophie (von Hösle) und Theologie (Drewermann). Da das "Niveau" der Ansätze sehr unterschiedlich bewertet werden kann, sei noch einmal darauf hingewiesen, daß es bei der Gegenüberstellung eher um das inspirative Potential der einzelnen Beiträge geht als um eine Konkurrenz etwa zu der Frage, welches Fach die ökologische Krise am besten zu meistern imstande ist. Ein Qualitätsvergleich wäre allein schon wegen der Differenz der verschiedenen Fachkulturen nicht nur problematisch, sondern auch wenig sinnvoll. Das Ziel der abschließenden Zusammenfassung im letzten Kapitel dieses Abschnitts (Kap. 2.9) ist es, die Gemeinsamkeiten der verschiedenen Perspektiven zu erarbeiten, die für den weiteren Verlauf der Arbeit bedeutsam sein können. Die Ansätze werden daher zunächst nach- bzw. nebeneinander (multidisziplinär) vorgestellt und danach auf dieser Basis miteinander (interdisziplinär) vernetzt.

 

 

 

2.2 Der umwelt-biologische Ansatz von TSCHUMI

 

 

 

"Umweltverschmutzung ist (...), was jedermann tut, wenn es zu viele Leute gibt, die es tun" (Leyhausen 1973, S.5). So einfach offenbart sich das Thema der ökologischen Krise aus biologischer Sicht. Für Biologen entstehen Umweltprobleme vor allem dann, wenn sich die Anzahl von Lebewesen unkontrolliert vermehrt. Biologen verbreiten tendenziell keinen Fatalismus, sondern versuchen, an die Vernunft zu appellieren. Diese Appelle lesen sich manchmal allerdings recht zynisch (Leyhausen 1973, S.8): "Die Bevölkerungen der ganzen Welt müssen um jeden Preis - und ich wiederhole: um jeden Preis - zum Wachstumsstillstand gebracht werden (...)". Erster Ansprechpartner für die Frage nach Ursachen und Lösungsansätzen der ökologischen Krise ist die noch recht junge Wissenschaft der "Ökologie", die dem Problem ihren Namen gab. Als Teildisziplin der Biologie entstanden, kann sie heute als eine Art "Dachwissenschaft" (Maurer 1988, S.381) verstanden werden. Wie jegliche Wissenschaftsdisziplin kann zwar auch die Ökologie den Menschen keine Vorschriften machen, was sie tun sollen, sie kann jedoch auf einige biologische Gesetzmäßigkeiten und Fakten verweisen, die zunächst einmal zur Kenntnis genommen werden sollten, bevor man alle weiteren Fragen diskutiert.

 

Zu Beginn der Untersuchung stellt sich die Frage, was "Ökologie" überhaupt ist - sieht man einmal davon ab, daß der Begriff heutzutage zu einem ideologisch-politischen Schlagwort geworden ist. Grundlage der folgenden Ausführungen ist das Buch "Umweltbiologie - Ökologie und Umweltkrise" (1980) des Schweizer Ökologen und Biologen Pierre Tschumi. Das Buch ist in zwei Teile gegliedert: Im ersten Teil wird eine Einführung in die allgemeine Ökologie vermittelt, wobei die quantitativen, für die Umweltprobleme relevanten Aspekte dieser Wissenschaft besonders betont werden. Im zweiten Teil des Buches werden Umweltprobleme als Folge der Mißachtung ökologischer Gesetzmäßigkeiten und Randbedingungen dargestellt. Dabei wird die These vertreten, daß Naturschutzbestrebungen die Umweltzerstörung solange nicht aufzuhalten vermögen, als der Integrität ganzer Ökosysteme nicht mindestens die gleiche Bedeutung beigemessen werde wie dem individuellen Leben. Voraussetzung dazu sei eine Umwelttheorie, in deren Mittelpunkt das Ökosystem stehe.

 

Obwohl für den Zusammenhang dieser Arbeit sicherlich der zweite Teil des Buches von Tschumi von besonderem Interesse ist, scheint es vorweg angebracht, sich einige Begrifflichkeiten der Ökologie zu vergegenwärtigen, um erst einmal ein gewisses Grundverständnis zu erhalten: Wie definiert sich die Ökologie und nach welchen Organisationsstufen ist unser Leben aufgebaut? Vor über hundert Jahren gab Haeckel, der als der Begründer der Ökologie gilt, folgende Definition (1866, S.286): "Unter Oecologie verstehen wir die gesammelte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt, wohin wir im weiteren Sinne alle Existenz-Bedingungen rechnen können". Dabei wird insbesondere auf die "Stellung, welche jeder Organismus im Naturhaushalte, in der Oeconomie des Natur-Ganzen einnimmt" hingewiesen (1866, S.287). Heute wird die Ökologie etwas schlichter, aber sinngemäß noch identisch definiert als "Wissenschaft von den Beziehungen der Organismen zueinander und ihrer Umwelt" (Tschumi 1980, S.2).

 

Das Leben manifestiert sich auf verschiedenen Organisationsstufen, wobei jede Stufe des Lebens Gegenstand eines oder mehrerer Wissenschaftszweige ist: Die tiefste und einfachste Stufe ist die der Zellen (Zellbiologie und Molekularbiologie). Bei mehreren Organismen sind Zellen mit gleicher Funktion zu Geweben (Histologie) zusammengeschlossen, wobei verschiedene Gewebe miteinander Organe (Anatomie und Physiologie) oder mehrzellige Organsysteme (Embryologie und Genetik) bilden können. Mehrzellige Organismen bilden überindividuelle Einheiten, Fortpflanzungs-gemeinschaften oder Populationen (u.a Populationsgenetik, Populationsökologie, Verhaltensforschung und Evolutionslehre), deren Erbgut in jeder Generation durch geschlechtliche Fortpflanzung neu kombiniert wird. Auch Populationen sind als solche keine selbstständig lebensfähigen Einheiten, sie leben in der Natur in weitgehender Abhängigkeit voneinander und bilden komplizierte Lebensgemeinschaften oder Biozönosen. Jede Biozönose ist abhängig von den nichtlebenden Komponenten ihres Lebensraumes, dem Biotop. Lebensgemeinschaft und Biotop bilden zusammen die nächste Stufe der Hierarchie: das Ökosystem. Sämtliche Ökosysteme der Welt sind durch mannigfaltige Wechselwirkungen miteinander verbunden und bilden ein übergeordnetes Ökosystem, die Biosphäre. Sie bildet die letzte und selbstständigste Stufe unseres biologischen Systems. Sie stellt den Lebensraum der Menschheit dar und ist "durch unser Wirken gefährdet" (S.2). Die drei letztgenannten Stufen (Biozönose, Ökosysteme und Biosphäre) werden von den verschiedenen Zweigen der Umweltforschung erfaßt, zu der die Ökologie, aber auch Teilbereiche der Physik, Chemie, Geologie, Geographie usw. gehören. Im Rahmen der Ökologie werden jene Faktoren, Strukturen und Vorgänge erforscht, welche das Leben auf den Stufen der Populationen, Biozönosen, Ökosysteme und Biosphäre charakterisieren. Werden die Beziehungen einzelner Arten oder Organismen zu ihrer Umwelt erforscht, dann treibt man Autoökologie. Dagegen geht es in der Demoökologie um die Erforschung der ökologischen Vorgänge auf der Ebene einzelner Populationen. Gegenstand der Synökologie oder Ökosystemforschung sind schließlich ganze Ökosysteme und die Biosphäre.

 

Um die Gefährdung der Biosphäre, die den Menschen an den Rande seiner eigenen ökologischen Existenzgrundlage führt, geht es Tschumi im zweiten Teil seines Buches unter dem Titel "Humanökologische Aspekte der Umweltkrise" (S.137ff). Die Umweltkrise wird dabei systematisch in Beziehung zu den Faktoren Bevölkerungswachstum, Technologie, Wirtschaftswachstum sowie einigen aktuellen Umweltproblemen (u.a. Eutrophierung der Gewässer, Probleme der Schädlingsbekämpfung, Energiegewinnung durch Kernspaltung und Klima) gesetzt. Auffallend dabei ist, daß einige Umweltprobleme (z.B. die Abholzung der tropischen Regenwälder oder das Ozonloch) nur am Rande erwähnt werden, da sie zum Zeitpunkt des Erscheinens der "Umweltbiologie" noch kaum bekannt waren. Beeindruckend ist es, mit welcher Gründlichkeit die diversen Gefährdungen untersucht werden. Mit einem Kapitel "Umweltschutz durch Umdenken" (S.246ff) schließt Tschumi und nennt einige aus seiner Sicht notwendigen Schritte zur Bewältigung der ökologischen Krise.

 

Ausgangs- und Kristallisationspunkt der Analyse ist der folgende Satz: "Die meisten, wenn nicht alle, gewichtigen Umweltprobleme der Gegenwart stehen mittelbar oder unmittelbar mit der seit Jahrhunderten anhaltenden und sogar beschleunigten Zunahme der Erdbevölkerung in Zusammenhang" (S.137). Tschumi sieht alle Umweltprobleme als Folge einer zu hohen Besiedlungsdichte. Bei einem Vergleich des Wachstums der Erdbevölkerung in der Vergangenheit und heute zeige sich, daß die Verdopplungszeit der Menschheit sich von ursprünglich weit über einem Jahrtausend auf 35 Jahre verkürzte, wobei bis vor kurzem sogar die jährlichen Zuwachsraten noch anstiegen (sog. "überexponentielles Wachstum"). Bei der Suche nach den Ursachen der historischen Zunahme der Erdbevölkerung stelle sich heraus, daß es weniger die hohen Geburtenraten als vielmehr die geringen Sterberaten seien, die das 20. Jahrhundert von allen früheren Zeiten so gewaltig unterscheide. Die Abnahme der Mortalität, insbesondere der Kindersterblichkeit, als das Ergebnis zahlreicher technisch-wissenschaftlichen Fortschritte, mußte zwangsläufig zu einem Geburtenüberschuß und damit zum Anwachsen der Bevölkerung führen. Demgegenüber lasse sich, wie Tschumi aufzeigt, die Produktivität der Biosphäre nicht beliebig steigern, was letzlich zu einem Zusammenbruch der menschlichen Population führen müsse. Tschumi warnt davor, vor lauter Befangenheit im Zivilisatorischen die ökologischen Gegebenheiten und Grenzen zu übersehen: "Ökologische Krisen könnten freilich beim Menschen einen ganz anderen Ausgang finden als im Tierreich. Zwischenstaatliche oder internationale Konflikte, wirtschaftliche Zusammenbrüche oder Umwälzungen und andere soziale und politische Reaktionen sind vielleicht emminentere Folgen eines ökologisch untragbaren Zustandes als weltweite Hungersnöte" (S.159).

 

Für das langfristige Weiterbestehen eines Ökosystems sei nicht nur die Einhaltung konstanter Konsumentenbestände und -bedürfnisse, sondern auch die strikte Befolgung des Kreislaufprinzips erforderlich. In einem natürlichen Ökosystem würden nur wiederverwertbare Produkte und Abfälle erzeugt. In einem ungestörten Ökosystem herrsche somit ein kreisförmig geschlossener Materialfluß, das System arbeite gleichsam im Kreislaufverfahren. Unter der Überschrift "Technologie und Umweltkrise" verweist Tschumi demgegenüber auf die Tatsache, daß die Menschheit weltweit gesehen z.B. rund 92% der technisch genutzten Energie aus nicht erneuerbaren Brennstoffen gewinne. Die menschliche Technologie sei daher im Gegensatz zur Funktionsweise eines Ökosystems durch einen Einweg-Materialfluß gekennzeichnet. So drohen auf der einen Seite die früher für unerschöpflich gehaltenen Roh- und Brennstoffe der Erde in wenigen Jahrzehnten zur Neige zu gehen, darüberhinaus wird die Umwelt durch wachsende Mengen von nichtwiederverwerteten Abfällen verschmutzt. Aus Sicht der Ökologie sei ein wichtiger Grund für die Unterbrechung des natürlichen Kreislaufes in der Ver-städterung zu suchen. Die Verstädterung nahm quasi parallel zur Bevölkerungsexpansion zu, innerhalb der letzten 50 Jahre weltweit im Durchschnitt um 100%. Bei Tieren gehe mit zunehmender Besiedlungsdichte stets eine Zunahme der Aggressivität einher. Auch beim Menschen lasse sich eine rapide zunehmende Kriminalität in großen und dichtbesiedelten Städten nachweisen. Unter der Verstädterung leiden auch die Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Infolge der Verstädterung verlieren immer mehr Menschen den direkten Kontakt mit der Natur als Spenderin von Nahrung, Wasser und Erholung. Damit gehe gleichzeitig das Gefühl der Verbundenheit mit der Natur, der Abhängigkeit von ihr und der Verantwortung für sie verloren. Tschumi sieht in der Verstädterung einen wesentlichen "psychologischen Bahnbrecher für die heutige technologisch bedingte Umweltkrise" (S.163).

 

Insgesamt sei die Lebenserwartung der heutigen Technologie im Vergleich zur Lebens-erwartung eines natürlichen Ökosystems sehr gering. Im Energiesektor seien die gleichen Fehler zu beobachten wie im Bereich der Rohstoffe. Vor allem in den Industrienationen ist der technische Energiebedarf äußerst hoch, er liegt im Vergleich zum biologischen Bedarf z.B. in den USA fast um das Hundertfache darüber (in Deutschland pro Kopf und Fläche gesehen sogar noch höher - im Gegensatz zu den sog. Entwicklungsländern, wo er sich meist unter dem biologischen Bedarf befindet), wobei der Bedarf größtenteils aus nicht erneuerbaren Rohstoffen gedeckt werde. Die enormen Diskrepanzen (vgl. Tschumi, S.67) erstrecken sich also nicht nur auf die Abweichungen vom realen Verbrauch zum natürlich Bedarf, sondern auch auf den unterschiedlichen internationalen Konsum (ein durchschnittlicher Bundesbürger verbraucht z.B. über hundertmal so viel Energie wie ein Afrikaner!). Tschumi konstatiert (S.173f), daß die meisten bisher ergriffenen Umwelt-schutzmaßnahmen sich gegen die technologischen Symptome der Umweltkrise richteten. Langfristige Lösungen könnten aber auf technologischer Ebene erst durch eine "Kausaltherapie" und nicht durch eine Symptombehandlung allein gefunden werden. Die Intensität des Material- und Energieflusses könne auch durch die Förderung der Langlebigkeit von Produkten und durch Mäßigung der Konsumfreudigkeit reduziert werden. Erziehung zu Sparsamkeit im Energieverbrauch und Materialkonsum könne einen wesentlichen Beitrag zum technologischen Umweltschutz leisten. Die letzt-genannten von Tschumi vorgeschlagenen Maßnahmen gehen dabei im Prinzip über einen technologischen Umweltschutz hinaus, da sie nämlich den "subjektiven Faktor", den Menschen selbst, betreffen.

 

Neben dem Bevölkerungswachstum und der Technologieentwicklung setzt sich Tschumi mit dem "Wirtschaftswachstum" als einem dritten wichtigen Bereich im Rahmen der Suche nach Ursachen der ökologischen Krise auseinander und stellt dabei die These auf, daß das Anwachsen der Umweltbelastung durch den linearen technischen Material- und Energiefluß mit einer Zunahme der wirtschaftlichen Aktivität und des Wohlstandes einhergehe. Gehobener Lebensstandard und wirtschaftliches Wachstum leisteten dem Ausbau einer Großtechnologie und damit einer Verstärkung ihrer Eingriffe in die Umwelt Vorschub. Die Hebung des allgemeinen Wohlstandes führe z.B. zu einer ungehemmten Expansion des Tourismus’. Der Energiekonsum einer Nation sei umso größer, je größer das Volkseinkommen oder das sog. Bruttosozialprodukt sei. Der materielle Wohlstand bzw. die wirtschaftliche Aktivität einer Gesellschaft wird nach wie vor anhand des Bruttosozialprodukts gemessen. Man versteht darunter die Summe aller Erträge aus Produktion und Dienstleistungen einer Volkswirtschaft in einem bestimmten Zeitraum. Die Umweltbelastung oder das Verunreinigungspotential einer Nation könne als das Verhältnis zwischen dem Bruttosozialprodukt und der Fläche eines Landes errechnet werden. Danach stehe die Bundesrepublik Deutschland weltweit an der Spitze der Umweltbelastung, wobei die relative Belastung in weiträumigeren Regionen geringer ausfällt als in den dichter besiedelten Industrienationen.

 

Der Befund, daß mit einem hohen Lebensstandard eine entsprechend hohe technologisch bedingte Umweltbelastung einhergehe, wird vor allem durch einen Vergleich zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern bestätigt. Obwohl die Industrieländer weniger als 30% der Weltbevölkerung stellen, beanspruchen sie ca. 85% des weltweiten Energiekonsums. Unter den Industrienationen verbrauchen die USA ungefähr ein Drittel der Welt-Energie, mehr als doppelt so viel wie alle Entwicklungsländer zusammen, die über 70% der Erdbevölkerung stellen. Tschumi bilanziert: "Die heutige technologisch geprägte Umweltkrise, welche durch Rohstoffverknappung einerseits und Umwelt-verschmutzung andererseits charakterisiert ist, geht somit in erster Linie auf das Konto der Industrienationen" (S.182). Der gewichtige Beitrag, den die Industrienationen zur ökologischen Krise leisten, zeige, daß ihre Wirtschaftsordnung auf Grundlagen ruhe, die nicht unweltkonform seien. Die Lehre, wonach die Güter der Natur frei und unerschöpflich seien, werde durch die Umweltkrise widerlegt. Eine Volkswirtschaft, welche ihren Erfolg lediglich aufgrund einer Zunahme des Bruttosozialproduktes und des materiellen Wohlstandes werte, übersehe, daß in ihren Kalkulationen weder die dem Menschen noch die dem Lebensraum zugefügten Schäden berücksichtigt seien. Zur Frage des Zusammenspiels zwischen Ökologie und Ökonomie postuliert Tschumi abschließend: "Die Ökonomie muß sich mehr als bisher ihrer ökologischen Grundlagen bewußt werden. Umweltkonform ist ein Wirtschaftssystem z.B. dann, wenn es seine Produktionsleistung und seinen Konsum den beschränkten natürlichen Ressourcen, und nicht mehr, wie bisher, einem künstlich stimulierten exponentiell wachsenden Bedarf angleicht. Die aus jeder wirtschaftlichen Aktivität resultierenden sozialen Kosten oder Umweltschäden müßten in einem solchen System gebührend einkalkuliert und vom Urheber bezahlt werden (Verursacherprinzip). Sie dürfen nicht mehr einfach ignoriert bzw. auf die Allgemeinheit oder auf die Nachwelt abgewälzt werden" (S.184).

 

Unter der Überschrift "Umweltschutz erfordert Umdenken" (S.246ff) faßt Tschumi am Ende des Buches seine Schlußfolgerungen zusammen. Dabei betont er nochmal aus biologischer Sicht die Notwendigkeit einer Kausaltherapie, da durch eine Symptombehandlung allein kein krankes System kuriert werden könne. Tschumi weist darauf hin, daß die bisherige Entwicklung der Wissenschaften, Technologie und Wirtschaft aus Gründen der Effizienz zu einer immer größeren Spezialisierung auf einzelne Teilgebiete führte. In diesem Zusammenhang sei eine sektorielle Ausbildung gefördert worden, in welchem der Überblick über das ganze System verloren ging. Aus diesem Grunde könnten viele Spezialisten in ihrem wissenschaftlichen, technischen, industriellen oder wirtschaftlichen Teilgebiet die möglichen Rückwirkungen ihrer Tätigkeit auf ganze Ökosysteme und die Biosphäre kaum mehr einschätzen: "Diesem Zustand könnte etwas mehr ökologisches Denken entgegenwirken. Die Ökologie als multidisziplinäre und synthetische Disziplin lehrt uns nämlich nicht nur Teilphänomene, sondern auch das Funktionieren ganzer Systeme zu verstehen, mit allen Wechselwirkungen zwischen den Teilen und den einzelnen Erscheinungen, bedingt durch kreisförmigen Materialfluß, dynamische Gleichgewichte und Rückkoppelungen. Mag das darauf begründete Spezialistentum zum Vollbringen von Spitzenleistungen in Wissenschaft und Technik weiterhin unentbehrlich sein, so wird es im Bereiche des Umweltschutzes durch ganzheitliche Betrachtungsweise und inter- oder multidisziplinäre Arbeit ergänzt werden müssen. Dazu kann eine auf die menschlichen und umweltbezogenen Probleme ausgerichtete Ökologie wesentlich beitragen" (S.246/47).

 

Tschumi vertritt außerdem die Auffassung, daß ökologisches Denken, Offenheit für die Probleme der Gegenwart und die zur erfolgreichen Bekämpfung der Umweltkrise erforderlichen Informationen und Fertigkeiten eigentlich durch Erziehung und Schulung schon den Kindern mitgegeben werden sollten. Tschumi sieht die Notwendigkeit einer umwelt- und gegenwartsbezogenen Bildung, welche die überaus wichtigen Wechsel-beziehungen zwischen Natur und Zivilisation aufzeige und der Gegenwart und Zukunft mehr verpflichtet sei als der Vergangenheit. Mangelndes Verantwortungsbewußtsein für ganze Ökosysteme, Lebensgemeinschaften und Populationen sowie für künftige Generationen sei ein wesentliches Kennzeichen unserer Umweltkrise. Abschließend wird gefragt, ob hierfür nicht auch eine Individualethik Schuld sei, die jener Normen entbehre, welche bei Beanspruchung von natürlichen Ressourcen die Interessen anderer Völker und späterer Generationen wahren sollten. Kein Gebot und kein Gesetz schütze unsere Nachfahren, die Dritte Welt und die Natur vor dem Raubbau, der heute betrieben werde. Tschumi endet schließlich mit einem für einen Biologen eher ungewöhnlichen Aufruf: "Wir sollten daher unverzüglich den Geltungsbereich unserer Ethik derart ausweiten, daß sie auch Verantwortung für die Zukunft der Population, für die Integrität der Umwelt und für jene Völker impliziert, welche andere Kulturen tragen als die unsrige. Damit sind die Hüter der Ethik angesprochen" (Tschumi 1980, S.248).

 

 

 

2.3 Der umwelt-ökonomische Ansatz von WICKE

 

 

 

In kaum einem gesellschaftlichen Bereich werden Umweltfragen so kontrovers diskutiert wie in der Wirtschaft. Während Begriffe wie "Öko-Marketing" und "Öko-Management" besonders von Umweltverbänden oft kritisch beäugt werden (obwohl diese Gruppen solche Strategien selbst praktizieren), viele Verbraucher entsprechenden Etiketten auf Produkten immer mehr mißtrauen und "die" Wirtschaft mitunter den Ruf genießt, "an allem Schuld" zu sein, gibt es andererseits die Auffassung, daß die ökologische Krise vor allem eine Frage der Ökonomie sei und von dieser Seite auch gelöst werden könnte. Als Prototyp für diese optimistische Sicht soll der umweltökonomische Ansatz von Lutz Wicke anhand von zwei unterschiedlichen Publikationen vorgestellt werden: Zum einen geht es um "Die ökologischen Milliarden" (1986), ein Bestseller-Buch, das die Kosten der Umweltzerstörung monetär zu messen versucht, zum anderen um das Lehrbuch "Umweltökonomie" (1989), das einen Einblick in die wirtschaftswissenschaftliche Herangehensweise an die Problematik vermittelt.

 

Das Buch "Die ökologischen Milliarden" enthält, wie zu vermuten ist, eine Menge Zahlenmaterial: "211000000000 Mark - mindestens!" (S.9), soviel koste das Sterben des Deutschen Waldes für den Untersuchungszeitraum von 1984 bis 2060, wird einleitend proklamiert. Wicke bemerkt zu Beginn seiner Untersuchungen, daß Ökonomen sich in der Regel auf den "Preis" konzentrierten, jedoch nur selten die Frage nach dem "Wert" stellen würden. Dem Einwand, der von Nichtökonomen erhoben werde, nach dem Natur und Gesundheit unschätzbare Güter bzw. Werte an sich seien, hält Wicke einige Argumente für eine Monetarisierung der Umweltschäden entgegen. Rationale Umweltpolitik erfordere die Saldierung aller Vor- und Nachteile des Umweltschutzes. Weiterhin liege es in der Natur des Menschen, daß er mit seinen Habseligkeiten hauszuhalten lerne, wenn er für ihren Gebrauch einen angemessenen Preis entrichten müsse. Vor allem aber kritisiert Wicke das Bruttosozialprodukt als nicht angemessenes Maß für die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft, weil es im Zusammenhang mit der Umweltzerstörung einen viel zu hohen Wohlstandswert vortäusche. Insofern sei es unbedingt erforderlich, Umweltschäden in Geldeinheiten zu messen. Die ökologische Schadensbilanz der Industrienation Deutschland berechnet Wicke in der ersten Hälfte des Buches in mehreren Kapiteln, in denen er die Kosten des Waldsterbens, der Luftverschmutzung, der Gewässerverschmutzung, der Bodenzerstörung und des Lärms addiert.

 

Die Kosten des Waldsterbens werden bis Mitte des nächsten Jahrhunderts in Abhängigkeit der allgemeinen Umweltschutzmaßnahmen zwischen 211 und 344 Milliarden beziffert, wobei betont wird, daß es sich bei dem niedrigeren Wert um eine Untergrenze des geschätzten Waldschadens handele. Nicht einbezogen wurden dabei z.B. Einkommensverluste der Holzindustrie oder Schäden im Bereich Klima- und Immissionsschutz. Mit insgesamt rund 48 Milliarden Mark werden die Kosten beziffert, die der deutschen Volkswirtschaft jährlich durch die Luftverschmutzung entstehen. Auch hierbei handelt es sich um eine "absolute Untergrenze", bei den einzelnen Schadenspositionen fehlen z.B. gesundheitliche luftverschmutzungsbedingte Herz- und Kreislauferkrankungen oder immaterielle Schäden wie die Beeinträchtigung des menschlichen Wohlbefindens. Weiterhin betrage der Schaden, der durch die Verschmutzung von Flüssen und Seen, der Nord- und Ostsee und des Grundwassers jährlich angerichtet wird, über 18 Milliarden Mark, wobei u.a. im Bereich der Meeresverschmutzung die ökologischen Schäden mangels inländischer Studien ausgeklammert werden mußten. Als am wenigsten erforscht gelten die Kosten der Bodenzerstörung. Sie werden mit 5 Milliarden Mark angegeben, wobei die sog. "Tschernobyl-Kosten" mit 100 Millionen Mark nur 2% ausmachen. Praktisch "unschätzbar" seien dagegen die Krankheiten und Todesfälle, die auf bodenseitige Chemikalien in Lebensmitteln zurückzuführen sind. Als sehr zuverlässige Schätzungen werden schließlich die 33 Milliarden Mark Lärmkosten bezeichnet. Hierbei geht der mit Abstand größte Posten auf Wertminderungen von Häusern und Grundstücken zurück. Summa summarum ergebe sich eine ökologische Schadensbilanz der Bundesrepublik Deutschland von über 100 Milliarden Mark pro Jahr, was ungefähr 6% des Bruttosozialprodukts entspreche. Wicke hält diese Bilanz für unvollständig, weil nur die Schäden berücksichtigt werden konnten, bei denen sich aufgrund des derzeitigen Kenntnisstandes Umweltschäden feststellen oder vorhersagen ließen und die überhaupt mit Hilfe anerkannter wirtschaftswissenschaftlicher Methoden in Geldeinheiten bewertbar seien. Die Bezifferung der Schäden wurde dabei nach dem Prinzip "im Zweifel eher zu niedrig als zu hoch" angesetzt, um den Eindruck zu vermeiden, es handele sich um ein "Katastrophenbuch" (S.122).

 

Wicke betont, daß mit den vorgelegten Berechnungen "erstmalig in der Welt eine recht verläßliche ökologische Schadensbilanz eines Landes aufgestellt werden konnte" (S.125). Kenntnisse über den Geldwert der Umweltschäden seien in den meisten westlichen Ländern nicht vorhanden, sodaß internationale Vergleiche noch nicht angestellt werden könnten. Den über 100 Milliarden Mark an rechenbaren Schäden in Westdeutschland - "eine riesige, zum Teil nicht wiedergutzumachende Verschwendung!" (S.131) - stehen eine ganze Reihe sehr wichtiger, jedoch kaum monetarisierbarer Schadenskomponenten gegenüber. Zu den nicht-rechenbaren Umweltschäden zählen z.B. die psychosozialen Kosten. Eine schlechte Umweltqualität habe psychische und soziale Auswirkungen. Wie Gillwald (1985, S.26) festgestellt hat, führen unterhalb der Schwelle gesundheitlicher Beeinträchtigungen bereits "Umweltärgernisse" wie unschöne Häuser, Müllberge, Gerüche, Staub und Geräusche zu Einbußen an Wohlbefinden, Abbau von Verhaltensalternativen, Einschränkungen von Aktivitäten und Verarmung zwischenmenschlicher Beziehungen. Weiterhin belegen wissenschaftliche Untersuchungen (vgl. Schluchter 1986, S.281ff.) nicht nur, daß Umweltärgernisse Nervosität und Aggression fördern und die Leistungsbereitschaft spürbar verringern, sondern auch, daß Menschen, die in einer ansehnlichen Umgebung zuhause sind, ihre Mitmenschen positiver einschätzen und meist kontaktfreudiger und hilfsbereiter seien. Ebenso wie die psychosozialen Kosten konnten die ökologischen Risiken im Rahmen der ökologischen Schadensbilanz praktisch nicht erfaßt werden. So seien u.a. Fragen des Biotop- und Artenschutzes, der Überschreitung globaler Verträglichkeitsschwellen und der Langzeitwirkung von emittierten Schadstoffen weitgehend offen. Angsichts dieser vielen "stillen Reserven" könne der ermittelte Gesamtschaden mit Sicherheit als zu niedrig angesehen werden.

 

Die Aufstellung einer monetären, ökologischen Schadensbilanz, der aufgrund ihrer extrem vorsichtigen Schätzungen nicht der "Vorwurf einer Dramatisierung des Problems der Umweltzerstörung" zu machen sei (S.131), stellt nur ein Teilziel des Buches dar. Aufbauend auf diesem Befund versucht Wicke nachzuweisen, daß durch ein allgemeines umweltfreundliches Verhalten und durch eine marktorientierte Verbesserung der Umweltpolitik die Schäden in wenigen Jahren deutlich reduziert werden könnten. Wicke vertritt die These, daß wirkungsvolle Umweltschutzmaßnahmen "die" volkswirtschaftliche Zukunftsinvestion schlechthin seien. Der große Nutzenüberschuß bei sinnvollen Umweltschutzmaßnahmen zeige, daß ökonomisch gesehen kein besserer Ansatzpunkt für investive Ausgaben für die Zukunft zu erkennen sei. Eine deutlichere ökologisch und ökonomisch begründete Aufforderung zum verstärkten Handeln könne es nicht geben. Bevor Wicke sein Programm "Umwelt, Markt und Arbeit" im Sinne einer "rationalen Umweltpolitik" vorstellt, setzt er sich zunächst mit einigen "Anti-Umweltschutz-Argumenten" aus ökonomischer Sicht auseinander (S.140ff).

 

Zu den bekanntesten Anti-Umweltschutzargumenten gehören der Verweis auf die Gefährdung oder Vernichtung von Arbeitsplätzen, der Verweis auf die Beeinträchtigung des aus Beschäftigungsgründen notwendigen Wirtschaftswachstums und der Verweis auf die Minderung der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft auf den Weltmärkten. Das "Jobkiller"-Argument werde sowohl durch empirische Ergebnisse wie auch durch prinzipielle volkswirtschaftliche Überlegungen widerlegt. Per Saldo sei Umweltschutz keinesfalls ein Arbeitsplatzkiller, sondern ein Arbeitsplatzgarant. Wicke bezeichnet das Jobkiller-Argument als "Ammenmärchen" (S.145), das selbst dann, wenn es wahr wäre, angesichts der riesigen Kosten der Umweltzerstörung und der sehr guten Nutzen-Kosten Relation von wirkungsvollen Umweltschutzmaßnahmen kein Argument gegen verstärkten Umweltschutz sein könne. Auch die Argumentation, nach dem der Umweltschutz eine arbeitsplatzmindernde Wachstumsbremse darstelle, ließe sich nicht halten, da Wirtschaftswachstum ohne Umweltschutz langfristig nicht möglich sei. Dies könne im Falle des Wettbewerb-Arguments auch empirisch belegt werden. So zeige das Beispiel Japan sehr deutlich die Unhaltbarkeit der Wettbewerbsargumentation: Japan habe in den 70er Jahren ein Jahrzehnt gewaltiger Umweltanstrengungen hinter sich, und wie alle Welt wisse, sei die Konkurrenzfähigkeit der japanischen Wirtschaft in dieser Zeit gestiegen.

 

Aus der kritischen Durchsicht der Anti-Umweltschutz-Argumente leitet Wicke die Forderung ab, durch eine wesentliche Verstärkung der Umweltschutzanstrengungen mit einem marktorientierten Einsatz erhöhter Aufwendungen die derzeitigen Umweltschäden über einen Zehn-Jahreszeitraum drastisch zu vermindern. An diesem Punkt nennt Wicke eine der seiner Ansicht nach wichtigsten Ursachen der Umweltzerstörung: das Gewinn- und Eigennutzstreben. Die Ursachenanalyse der Umweltzerstörung ergebe in markt- und planwirtschaftlichen Systemen das gleiche Bild: "Das (in planwirtschaftlichen Systemen gebremste) Gewinn- und Eigennutzstreben sorgt via Streben nach Kostensenkung und Gewinnerhöhung bzw. Planerfüllung und Prämiensteigerung dafür, daß der 'homo oeconomicus' in beiden Systemen in der Regel mehr Umweltschutz vermeiden will". Die zuletzt genannte These (S.155) wird an einem Beispiel illustriert, das den geringen Beitrag zeige, den der einzelne zur Umweltverbesserung beitragen könne: "Derjenige, der auf die Benutzung des Autos verzichtet, verliert bei ungünstigen Verkehrsbedingungen vielleicht zwei Stunden Freizeit am Tag, er reduziert aber den Schadstoffausstoß der Kraftfahrzeuge in der Bundesrepublik z.B. nur um ein Zwanzigmillionstel." Aus ökologischer Sicht sei daher die Forderung nach einem Einspannen der Haupttriebfeder des marktwirtschaftlichen Systems - dem Streben nach hohem Gewinn und hohem Konsumnutzen - für den Umweltschutz zu erheben, die sich in dem Slogan "Umweltschutz durch Eigennutz" (S.153) zusammenfassen lasse.

 

Zur Verwirklichung dieses Postulates sei "keine umweltpolitische Revolution" (S.168) erforderlich, sondern ein Konzept für mehr Markt im Umweltschutz, das über die Mobilisierung des Eigeninteresses zu mehr Umweltschutz führe, langfristig die Wachstumschancen erhöhe und das Vertrauen in das System der sozialen Marktwirtschaft stärke. Bei Realisierung der Aktivierung des Eigeninteresses aller Verbrauchergruppen zum Kauf umweltfreundlicherer Güter sowie einer verbesserten Umweltkontrolle und verschärfter Haftung bei umweltgefährdender Produktion werde sich innerhalb einer sehr kurzen Zeit eine gewaltige umweltfreundliche Umstrukturierung der Wirtschaft ergeben. Zur Realisierung eines solchen "grünen Wirtschaftswunders" (S.234) macht Wicke eine Reihe von detaillierten Vorschlägen, die er in einem Programm mit dem Titel "Umwelt, Markt und Arbeit" (S.235-241) zur Diskussion stellt. Im Vergleich zum von Wicke gern zitierten sozialen Wirtschaftswunder im Nachkriegsdeuschland der 50er-Jahre handele es sich beim grünen Wirtschaftswunder um "eine relativ leicht lösbare Aufgabe" (S.170). Dennoch konstatiert Wicke am Ende des Buches, daß trotz wichtiger und sehr kostenaufwendiger umweltpolitischer Verbesserungen die Anstrengungen in der Bundesrepublik Deutschland nicht ausreichen würden, um den nachfolgenden Generationen eine Umwelt "in einem ausreichenden Umfang zu bewahren" (S.253). Die Gründe für die Diskrepanz zwischen politischer Ankündigung und politischem Willen auf der einen und der Nichtrealisierung dieser Vorstellung auf der anderen Seite seien in der tatsächlichen Opposition der Wirtschaft gegen wirkungsvolle Aktivitäten sowie in einem geringem Engagement der gesetzes- und verordnungsvorbereitenden Verwaltung für solche Lösungen zu suchen.

 

Während das Buch "Die ökologischen Milliarden" (1986) sich an ein breites Publikum wendet und in seiner Darstellungsform trotz eines rationalen Impetus auch emotionale Züge trägt, versucht das Lehrbuch "Umweltökonomie" (1989) auf der Basis einer systematischen Gliederung des umweltökonomischen Gesamtkomplexes (mit Hilfe vieler Beispiele aus der umweltpolitischen Praxis) die wichtigsten umweltökonomischen Problemkreise sachlich und verständlich zu analysieren. Das Buch beginnt mit einer Aufgabenbeschreibung der Umweltökonomie im Rahmen der Umweltpolitik und erläutert die Ausgangstatbestände für die Durchführung einer effizienten Umweltpolitik. Im Mittelteil werden Möglichkeiten zur Verwirklichung umweltpolitischer Ziele mit Hilfe von umweltpolitischen Instrumenten im Rahmen gesamtwirtschaftlicher Ziele und der zentralen umweltpolitischen Frage "Umweltschutz und/oder Wirtschaftswachstum?" (S.495ff) diskutiert. Unter der Prämisse, daß sich Umweltschutz und Wirtschaftswachstum langfristig bedingen, werden abschließend einige Ansatzpunkte für eine rationalere Umweltpolitik vorgestellt.

 

Die Gesamttendenz des Lehrbuches entspricht den Ergebnissen, die sich auch unter dem Titel "Die ökologischen Milliarden" wiederfinden. Sie lassen sich wie folgt zusammenfassen: "Demokratisch organisierte Staaten mit einer 'Sozialen Marktwirtschaft' wie die der Bundesrepublik Deutschland haben sowohl von der materiellen Basis als auch von der umweltpolitisch-instrumentellen Seite her gute Voraussetzungen, ihre Umweltprobleme erfolgreich zu lösen, und es sind durchaus schon Erfolge zu verzeichnen. Diese wären aber wesentlich größer, wenn der politische Durchsetzungswille noch stärker vorhanden wäre und die Umweltpolitik entschiedener und mit wirksameren (effizienteren), insbesondere stärker marktorientierten, das Eigeninteresse am stärkeren Umweltschutz aktivierenden umweltschutzpolitischen Instrumenten durchgesetzt würde. Die soziale Marktwirtschaft würde auf diese Weise zur Öko-Sozialen Marktwirtschaft weiterentwickelt" (Vorwort, VI/VII). Die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit einer weltweiten erfolgreichen Lösung der Umweltprobleme beurteilt der Autor jedoch insbesondere angesichts der in den 'unterentwickelten' Staaten dominierenden Probleme der Befriedigung elementarer Lebensbedürfnisse nach Nahrung und menschenwürdigem Wohnen pessimistisch: "Ohne eine schnellstmögliche gemeinsame Aktion aller Staaten, bei der gleichzeitig die Probleme der Bevölkerungsentwicklung, der Nahrungs- und der Energieversorgung sowie der Umweltprobleme energisch und wirksam angegangen werden (...), besteht die Gefahr einer gravierenden Bedrohung der Menschheit". (Wicke 1989, VII).

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2.4 Der umwelt-soziologische Ansatz von LUHMANN

 

 

Die Soziologie lehrt uns, daß wir in einer "Risikogesellschaft" (Beck 1986) leben: Mit der hochentwickelten Industriegesellschaft sei ein Zerstörungspotential entstanden, das zu Katastrophen von unabsehbaren Ausmaßen führen könne. Soziologisch ist dabei u.a. der Gedanke, daß die moderne Industriegesellschaft "normale Katastrophen" (Perrow 1984) produziere, deren Ursachen im System selbst begründet liegen. Die Analyse der "unvermeidbaren Risiken der Großtechnik" (so der Untertitel der Studie von Perrow) gilt als die "beste soziologische Untersuchung über Katastrophen" (Dreitzel/Stenger 1990, S.8). Sie beginnt mit einem Rückblick auf den Reaktorunfall von Harrisburg und setzt sich im weiteren Verlauf systematisch mit den diversen Gefahren der Risikogesellschaft auseinander, so z.B. mit Schiffsunfällen, Luft- und Raumverkehr, Atomwaffen oder der Genforschung. Die betrachteten Systeme werden qualitativ unter den Kriterien der Komplexität und Kopplung analysiert. Sind hohe Komplexität und starre Kopplung immanente Charakteristika eines Systems, dann sei das Versagen nach Perrow auch bei ausgefeilter Sicherheitstechnik normal. Weise das System außerdem noch ein hohes Zerstörungspotential auf, dann sei auch die Katastrophe normal. Es stellt sich heraus, daß Gentechnologie, Atomkraft und Atomwaffen mit ihrem Katastrophenrisiko in jeder Hinsicht an der Spitze liegen. Anhand von Fallstudien zeigt Perrow auf, daß im Falle einer Katastrophe das "falsche" Verhalten von Individuen, wenn es auch ex post als nachlässig oder inkompetent erscheint, bei näherer Betrachtung in der Regel auf die prinzipiellen Grenzen kognitiver Fähigkeiten zurückgeführt werden könne. Das Buch schließt mit einer Kritik der sich auf den Begriff der Rationalität berufenden Risikoforschung, sowie der Empfehlung, auf Atombomben und Atomkraftwerke schnellstmöglich zu verzichten und die Gentechnologie striktester staatlicher Kontrolle zu unterwerfen. Anderenfalls werde es zwangsläufig zu weiteren Systemunfällen katastrophaler Art kommen. Der "Super-GAU" von Tschernobyl im Jahre 1986 gab der düsteren Prognose nur zwei Jahre nach Erscheinen des Buches recht. Aus Sicht der sog. Kastrophensoziologie vertritt Vester (1988) die Auffassung, daß die Wissenschaft von der Katastrophe zu spät komme, um noch eine wirksame Politik zu begründen.

 

Im Gegensatz zu Katastrophen, die als "Ereignis" wahrgenommen und datiert werden können, haben die ebenso katastrophalen Auswirkungen der schleichenden Umweltzerstörung eher prozessuralen Charakter. Sind die Ursachen der ökologischen Krise bzw. ökologischer Katastrophen auch im System zu suchen? Wenn ja, ist die moderne Gesellschaft dann überhaupt noch prinzipiell in der Lage, sich auf ökologische Gefährdungen einzustellen? Mit diesen Fragen beschäftigt sich Niklas Luhmann, der seinen Überlegungen den Titel "Ökologische Kommunikation" (1986) verleiht. Bereits im Vorwort formuliert Luhmann seine Hauptthese, "daß die moderne Gesellschaft infolge ihrer strukturellen Differenzierung sowohl zu wenig als auch zu viel Resonanz erzeuge" (S.7). Gemessen an historischen Dimensionen des Nachdenkens über Menschen und Gesellschaft sei das Thema der ökologischen Krise ganz neu. Seit kurzer Zeit erst gebe es eine öffentliche Diskussion über ökologische Bedingungen gesellschaftlichen Lebens und über Zusammenhänge zwischen dem Gesellschaftssystem und seiner Umwelt. Für die Soziologie, die bisher rein gesellschaftliche Perspektiven gepflegt habe, kam diese Diskussion überraschend, so daß das ökologische Thema auch heute noch durch eine "soziologische Abstinenz" (S.11) gekennzeichnet sei.

 

Unter Rückgriff auf die Biologie erinnert Luhmann daran, daß eine ökologische Selbstgefährdung durchaus im Rahmen der Möglichkeiten von Evolution liegen. So müsse man damit rechnen, daß ein System so auf seine Umwelt einwirke, daß es später in dieser Umwelt nicht mehr existieren könne. Langfristig gesehen sorge die Evolution dafür, daß es zu ökologischen Gleichgewichten komme, was aber nichts anderes bedeute, "als daß Systeme eliminiert werden, die einem Trend der ökologischen Selbstgefährdung folgen" (S.38). Evolutionstheoretisch gesehen beruhe die sozio-kulturelle Evolution darauf, daß die Gesellschaft nicht auf ihre Umwelt reagieren müsse und daß sie uns gar nicht dorthin gebracht hätte, wo wir uns heute befinden. Luhmann illustriert diesen Zusammenhang mit folgendem Hinweis: "Die Landwirtschaft beginnt mit der Vernichtung von allem, was vorher wuchs" (S.42).

 

Der systemtheoretische Ansatz von Luhmann setzt eine Reihe von Fachbegriffen voraus. Ein Schlüsselwort im Rahmen der ökologischen Kommunikation ist der Begriff der "Resonanz". Sie beschreibt das Verhältnis von System und Umwelt und weist darauf hin, daß Systeme nur nach Maßgabe ihrer eigenen Struktur auf Umweltereignisse reagieren können, nicht jedoch als geschlossene Einheit. Die Einheit des Systems sei nichts anderes als die Geschlossenheit seiner autopoietischen (sich selbst regulierenden) Operationsweise. Die Operationen selbst seien stets einzelne Operationen im System, jedoch keine Totaloperationen. Komplexe Systeme wie Gesellschaften differenzieren sich in verschiedene Teilsysteme. Will man erkunden, wie eine Gesellschaft auf ökologische Gefährdungen reagieren könne, muß man nach Luhmann die Möglichkeiten ihrer Teilsysteme überprüfen. Allerdings lasse sich schon an dieser Stelle eine "Formel für die Unlösbarkeit ökologischer Probleme sehen" (S.43), bedenkt man, daß die Gesellschaft danach nie als Ganzes handeln könne.

 

Was bezeichnet der Begriff der ökologischen Kommunikation? Nach Luhmann ist er Ausdruck eines ausschließlich gesellschaftsinternen Phänomens. In der ökologischen Kommunikation "geht es nicht um die vermeintlich objektiven Tatsachen: daß die Ölvorräte abnehmen, die Flüsse zu warm werden, die Wälder absterben, der Himmel sich verdunkelt und die Meere verschmutzen. Das alles mag der Fall sein oder nicht der Fall sein, erzeugt als nur physikalischer, chemischer oder biologischer Tatbestand jedoch keine gesellschaftliche Resonanz, solange nicht darüber kommuniziert wird. Es mögen Fische sterben oder Menschen, das Baden in Seen oder Flüssen mag Krankheiten erzeugen, es mag kein Öl mehr aus den Pumpen kommen und die Durchschnittstemperaturen mögen sinken oder steigen: solange darüber nicht kommuniziert wird, hat dies keine gesellschaftlichen Auswirkungen" (S.63). Die Gesellschaft als geschlossenes System könne nichts anderes als kommunizieren und diese Kommunikation durch Kommunikation selbst regulieren. Die Umwelt des Gesellschaftssystems habe keine Möglichkeit, mit der Gesellschaft zu kommunizieren. Als Zwischenergebnis hält Luhmann folgenden Satz fest: "Die Gesellschaft kann sich ökologisch nur selbst gefährden" (S.68). Damit werde es zur Schlüsselfrage, wie die Verarbeitungsfähigkeit der Gesellschaft und ihrer diversen Subsysteme im Hinblick auf Umweltinformationen strukturiert sei.

 

Unter den verschiedenen Funktionssystemen der Gesellschaft analysiert Luhmann als erstes die Wirtschaft (S.101ff). Unter Wirtschaft wird dabei die Gesamtheit derjenigen Operationen verstanden, die über Geldzahlungen abgewickelt werden. Die Definition der Wirtschaft ist auf die moderne, durch den Geldmechanismus ausdifferenzierte Wirtschaft abgestellt. Aufgrund ihrer monetären Zentralisierung sei die Wirtschaft heute ein streng geschlossenes, zirkuläres, selbstreferentiell konstituiertes System, da sie Zahlungen vollziehe, die Zahlungsfähigkeit voraussetzen und Zahlungsfähigkeit schaffen. Die Resonanzfähigkeit des Wirtschaftssystems sei vor allem durch den Zeitfaktor bestimmt: Das System operiere so schnell, daß es nur noch Ereignisse beobachten könne und so kaum mehr durch Strukturen zu integrieren sei. Wie unter diesen Umständen eine steuernde Intervention in die organisierte Komplexität des Marktes überhaupt möglich wäre, bedürfte einer eingehenden Analyse. Allein die Größenordnungen dieses Marktes - Schätzungen gehen von täglichen Fluktuationen in der Größenordnung von mehreren hundert Milliarden Dollar aus - geben nach Luhmannn zu bedenken. Man könne nicht voraussetzen, daß die Systemzeit der Wirtschaft mit der Zeitlichkeit der Prozesse in der ökologischen oder auch in der gesellschaftlichen Umwelt des Systems abgestimmt sei. Auch wenn z.B. fossile Brennstoffe rasch abnehmen, mag es jetzt noch nicht rentabel sein, auf andere Energieträger umzustellen: "Die allmähliche Erschöpfung von Ressourcen oder auch der bevorstehende Termin einer politischen Wahl kann für das ökonomische Kalkül bedeutsam sein - aber ob oder ob nicht entscheidet sich in der Wirtschaft nach deren eigenen Bedingungen" (S.113). Bei so schwierigen Bedingungen der Erhaltung eines Zeit in Anspruch nehmenden Doppelkreislaufs der Weitergabe von Zahlungsfähigkeit und von Zahlungsunfähigkeit könne man annehmen, daß das System der Wirtschaft mit sich selbst schon genug zu tun habe. Resonanz für Umweltfragen sei daher nur möglich, wenn sich ökologische Gefährdungen in diesen Doppelkreislauf einbringen ließen. Nur wenn es gelänge, Umwelt über Mengen- und Nutzenkalküle in die Wirtschaft einzubringen, könne es ein wirtschaftliches Motiv geben, die Umwelt pfleglich zu behandeln. Der Schlüssel des ökologischen Problems liege im Teilsystem Wirtschaft in der Sprache der Preise. Auf Störungen, die sich nicht in dieser Sprache auszudrücken ließen, könne die Wirtschaft in ihrer heutigen Form nicht reagieren.

 

Nach der Wirtschaft untersucht Luhmann das Rechtssystem (S.124ff). Hier werde der Sprache der Preise die Sprache der Normen gegenübergestellt - nach der Devise (S.124): "Was die Wirtschaft nicht freiwillig bringt, muß die Politik mit Hilfe ihres Rechtsinstrumentariums durchsetzen." Diese Alternative sei jedoch viel zu einfach angelegt und führe zu dem Ergebnis, daß die Politik überfordert werde. Ebenso wie die Wirtschaft seien auch Politik und Recht nur Teilsysteme der Gesellschaft und keineswegs die Gesellschaft selbst. Obwohl das Recht in enger Beziehung zur Politik stehe und Gesetzgebungen politische Vorverständigungen erfordern, handele es sich ebenfalls um ein selbstreferentiell geschlossenes System, das Normen nur aufgrund von Normen erzeugen könne und mit seinem Gerichtsapparat darüber wache, daß diese Bedingung seiner Autopoiesis eingehalten werde. Das Rechtssystem gewinne seine operative Geschlossenheit dadurch, daß es durch die Differenz von Recht und Unrecht kodiert sei und kein anderes System unter diesem Code arbeite. Die Umwelt des Gesellschaftssystems komme allenfalls als Anlaß für Konflikte in Betracht. Wie jedes System sei auch das Rechtssystem nur nach Maßgabe eigener Strukturen resonanzfähig. Ein soziologisch wichtiger Indikator dafür sei, daß die Willkürkomponente bei umweltbezogenen Rechtsentscheidungen deutlich zunehme, z.B. für die Notwendigkeit, Grenzwerte zu definieren, bzw. für die Bestimmung von Risikotoleranzen. Der Jurist stelle sich gar nicht die Frage, wie Menschen zu Risikoeinschätzungen kommen. Die empirische Risikoforschung sei ihm ebenso irrelevant wie rationale Entscheidungsmodelle. Der Jurist müsse nach selbstgefundenen Maximen selbst entscheiden, die auch keineswegs naturgegeben sind. Die Schwellenwerte, die festzulegen sind, finden in der Natur keine sichere Verankerung. Dazu seien ökologische Probleme viel zu komplex. Die Risikoakzeptanzen sind, wie die Praxis zeige, subjektiv außerordentlich verschieden. Außerdem sei zu berücksichtigen, daß rechtsdogmatische Prozesse Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte brauchen, um über Fallerfahrungen das Recht entsprechend umzugestalten. Einstweilen könne man nur beobachten, daß das Rechtssystem auf das Desiderat eines "Umweltrechts" (S.147) mit einer erheblichen Vermehrung und Komplizierung des Vorschriftenapparats reagiere.

 

Beim Code der Wissenschaft, mit der sich Luhmann als nächstes auseinandersetzt (S.150ff), handele es sich um die Unterscheidung von wahr und unwahr. An die Stelle der ursprünglichen Hierarchie als Form der Einheit trete in der modernen Wissenschaft eine Differenzierung des Systems in Disziplinen und Subdisziplinen. Damit werde jede Möglichkeit aufgegeben, die Position von Wissen mit Bezug auf die Einheit des Systems zu bestimmen. Luhmann übersetzt die humanistische Wissenschaftskritik, nach der die historisch-europäische Spezialisierung der Wissenschaft auf Sinnverlust hinauslaufe, in die Sprache seiner Systemtheorie wertungsneutral mit der Ausdifferenzierung eines Funktionssystems für wissenschaftliche Forschung. Der Code wissenschaftlicher Wahrheit/Unwahrheit sei spezialisiert auf Erwerb neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse. Entsprechend diene wissenschaftliche Analyse nicht der Lösung von Problemen, sondern ihrer Multiplikation, sie gehe von gelösten Problemen oder von Problemen mit Lösungsaussichten aus und frage weiter. Nachdem das System einige Jahrhunderte unter diesen Bedingungen gearbeitet habe, offenbare sich, was dabei herauskommt: Mit diesem ungeheuren Rekombinationspotential überfordere die Wissenschaft sich selber (S.157). Die Wissenschaft erscheine als ein System, das beobachtete Systeme beobachtet. Sie findet sich so als ein komplexes System, das im Hinblick auf selbst provozierte Störungen durch die Umwelt die eigenen Berechnungen neu berechne. Wenn jedoch die Resonanz auf ökologische Gefährdungen das Thema wissenschaftlicher Forschung werden solle, müsse die Wissenschaft die gesamte Gesellschaft, also auch sich selbst als Teilsystem der Gesellschaft, beschreiben.

 

Die Analyse der drei Funktionssysteme Wirtschaft, Recht und Wissenschaft ergibt, daß in allen Fällen eine durch einen Code geschlossene autopoietische Selbstreproduktion die Bedingung der Resonanzfähigkeit und ihrer Grenzen sei. Nichts anderes gilt nach Luhmann für das System der Politik (S.167ff). Nach alter Tradition werde für die Politik eine Ausnahmestellung beansprucht. In der corpus-Metaphorik wird sie mit Kopf oder Seele identifiziert. In anderen Bildern nehme sie die Position der Spitze oder des Zentrums des Systems ein. Auch heute noch werde die Lösung aller anderswo nicht lösbaren Probleme zentral von der Politik erwartet. Als gerufene Kraft, die Verhältnisse in Ordnung zu bringen, reproduziere die Politik Hoffnungen und Enttäuschungen und lebe davon, daß Themen rasch ausgewechselt werden können: "Das Einbringen ökologischer Probleme in die Politik mag diesen Schaukeleffekt noch verstärken, denn an ihnen wird nun vollends deutlich, daß die Politik viel können müßte und wenig können kann" (S.169). Auch das politische System sei nur im Rahmen der Eigenfrequenzen resonanzfähig, nicht als Folge naturgesetzlicher Beschränkungen, sondern als Konsequenz der autopoietischen Autonomie und funktionsbezogenen Ausdifferenzierung. Eine weitere Einschränkung der Umweltpolitik ergibt sich aus der territorialstaatlichen Begrenzung der Codierung politischer Macht und aus dem Fehlen wirksamer völkerrechtlicher Regulierungen der Umsetzung ökologischer Probleme in Staatspolitik. Dies sei umso problematischer, da sich die Auswirkungen von Umweltproblemen in vielen Hinsichten nicht regional eingrenzen ließen. Nicht nur in räumlicher, auch in zeitlicher Perspektive folge die politische Resonanz einer Eigenlogik. Die Zeitstruktur der Politik sei wenig mit den Erfordernissen anderer Systeme abgestimmt, geschweige denn mit den Veränderungen der ökologischen Umwelt. Angesichts des Waldsterbens mag man es mit neuen Abgasnormen für Automobile politisch eilig haben, aber im politischen Alltagsgeschäft sei dies nur ein Argument unter vielen anderen. Luhmann wirft daher die Frage auf, ob die gegenwärtige Parteiendemokratie überhaupt in der Lage sei, Umweltthemen kontrovers in die Politik einzubringen.

 

Die Rolle der Religion (S.183ff) als ein weiteres Funktionssystem der Gesellschaft bewertet Luhmann besonders kritisch, wie schon die einleitenden Bemerkungen zeigen: "Auch Theologen werden zu Diskussionen eingeladen, die sich mit Umweltproblemen befassen. Sie stehen nicht unter Motiv- oder Interessenverdacht, bieten argumentative Kompetenz und sind unbestreitbar guten Willens. Ihre Beiträge zur ökologischen Diskussion bleiben gleichwohl mehr als dürftig. Weithin wiederholen sie nur, was ohnehin gedacht und gemeint wird ohne spezifisch religiösen Bezug" (S.183). Wenn ein religiöser Bezug dagegen hergestellt werde, könne es angesichts der gegenwärtigen Zukunftsunsicherheit kaum befriedigen, die Herrlichkeit der Weltordnung im Unsichtbaren zu vermuten. Auch die Frage der Theodizee - wie Gott all dies zulassen konnte - helfe nicht weiter. Das Problem liege in der Unableitbarkeit der Programmatik aus dem Code Immanenz versus Transzendenz. Auf dieser Grundlage könne die Theologie zur gesellschaftslichen Resonanz auf Umweltgefährdungen wenig Hilfreiches beisteuern: "Sie wird, wie jedermann, sich auch gegen Waldsterben, Luftverschmutzung, atomare Gefahren oder Übermedikalisierung der menschlichen Körper äußern können, nachdem die Probleme eine gewisse Evidenz erreicht haben; aber sie wird kaum mit einer genuin eigenständigen Form der Problematisierung eingreifen können. Sie bleibt auf einen gewissen Vorlauf des gesellschaftlichen Problembewußtseins angewiesen. (...) Sie hat, hart gesagt, keine Religion zu bieten" (S.191).

 

Die Betrachtung des letzten Funktionssystems in der Analyse von Luhmann, die Erziehung (S.193ff), wird mit folgender Frage eingeleitet: "Große Hoffnungen könnte man auf das Erziehungssystem setzen. Man sieht, daß unter Jugendlichen das Interesse an ökologischen Fragen einen Vorrang einnimmt. Könnte nicht das Erziehungswesen, besonders in Schulen und Universitäten, dieses Interesse aufgreifen und in Richtung auf eine allmähliche gesellschaftliche Änderung des Bewußtseins und der Einstellung zur Umwelt ausbauen?" (S.193). Im Gegensatz zum pädagogischen Optimismus des 18. Jahrhunderts weist Luhmann darauf hin, daß auch das Erziehungssystem nur ein Funktionssystem unter anderen sei. Auch dieses System sei wie jedes andere nur aufgrund von scharfen Restriktionen resonanzfähig. Die eigenen Strukturprobleme ließen der Pädagogik wenig Spielraum für eine Umprogrammierung in Richtung auf Erhöhung ökologischer Sensibilität. Das Erziehungssystem wirke unmittelbar auf eine besondere Umwelt des Gesellschaftssystems, nämlich auf die körperlichen und mentalen Befindlichkeiten von Menschen. Damit davon eine Wirkung im Gesellschaftssystem ausgehe, müsse die Umwelt wiederum auf die Gesellschaft zurückwirken bzw. kommunikativ angeschlossen werden. Alles in allem beurteilt Luhmann die Aussichten ökologischer Resonanz seitens der Pädagogik vergleichsweise optimistisch, wie das abschließende Zitat zeigt: "Das Erziehungssystem bietet (...) für eine Ausbreitung intensivierter ökologischer Kommunikation die vielleicht größten Chancen - unter der Voraussetzung, daß sich zwei Schwellen der Resonanz überwinden lassen; die des Erziehungssystems selbst und die aller anderen Funktionssysteme der Gesellschaft, in die über Erziehung neue Einstellungen, Werthaltungen und Problemsensibilitäten eingeführt werden sollen" (S.200).

 

Trotz der gegenwärtigen Bemühungen aller sechs vorgestellten Funktionssysteme, ökologisch zu kommunizieren, sei nach Luhmann keine Garantie dafür gegeben, daß die Gesellschaft als Gesamtsystem ökologischen Gefährdungen vorbeugen oder auch nur begegnen könne. Reagieren könne die Gesellschaft überhaupt nur, wenn ökologische Problemlagen den "Doppelfilter der Codierung und Programmierung" (S.220) durchlaufen. Die Folgerung, daß die Gesellschaft angesichts ökologischer Gefährdungen zu wenig Resonanz aufbringe, decke sich mit dem, was die öffentliche Meinung vermute. Dies sei jedoch nur die eine Hälfte des Problems. Die andere Hälfte werde meist übersehen: "Es kann nämlich gleichzeitig auch zu viel Resonanz geben, und das System kann, ohne von außen zerstört zu werden, an internen Überforderungen zerspringen" (S.220). So müsse zwischen externen und internen Systemgrenzen unterschieden werden. Durch ihre Außengrenzen schirme die Gesellschaft ihre eigene Autopoiesis gegen die hohe Komplexität nichtkommunikativer Sachverhalte ab, so daß die Gesellschaft nicht mit, sondern nur über ihre Umwelt kommunizieren könne. An den gesellschaftsinternen Systemgrenzen sei es dagegen wahrscheinlich, daß sich Turbulenzen eines Systems auf andere übertragen. Da in all diesen Verhältnissen keine übergeordnete Vernunft walte, sei innergesellschaftlich ein viel höheres Maß an Resonanz zu erwarten als im Verhältnis zur äußeren Umwelt.

 

Nicht zu kontrollieren von den Funktionssystemen sei die Angst (S.239ff). Angst widerstehe jeder Kritik der reinen Vernunft: "Sie ist das moderne Apriori - nicht empirisch, sondern transzendental. Sie ist das Prinzip, das nicht versagt, wenn alle Prinzipien versagen" (S.240). So bleibe die Angst ein Störfaktor im sozialen System. Die Angst könne den Anspruch erheben, allgemein zu sein, Luhmann spricht in diesem Zusammenhang vom "volente generale" (S.242). Gerade die öffentliche Politik könne angststeigernd wirken, wie etwa z.B. die immer detaillierter werdenden Beipackzettel der Arzneien oder die intensive Diskussion im Bereich der Lebensmittelchemie, die schließlich zu dem Eindruck führen müsse, daß nichts ungefährlich und alles verseucht sei. Weiterhin wirke die Metakommunikation über die Angst selbstinduzierend. Wenn Angst kommuniziert werde, gewinne sie eine moralische Existenz: "Sie macht es zur Pflicht, sich Sorgen zu machen, und zum Recht, Anteilnahme an Befürchtungen zu erwarten und Maßnahmen zur Abwendung der Gefahren zu fordern" (S.245). Die ökologisch Besorgten würden daher zu Warntätern und auf diese Weise zur Aufladung der ökologischen Kommunikation mit Moral beitragen.

 

Am Ende des Buches (unter der Überschrift "Zur Rationalität ökologischer Kommunikation", S.248ff) desillusioniert Luhmann mögliche Erwartungen an Patentlösungen seitens der Soziologie. Wer gehofft habe, daß in den Überlegungen zum Thema der ökologischen Kommunikation geklärt werden würde, wie diese Kommunikation zur Lösung der dringenden Umweltprobleme unserer Gesellschaft beitragen könnte, werde sich enttäuscht sehen. Luhmann ging es vielmehr darum, aufzuzeigen, wie die Gesellschaft auf Umweltprobleme reagiere, und nicht, wie sie reagieren sollte oder müßte. Rezepte dieser Art lägen in der Forderung zutage, weniger Ressourcen zu verbrauchen, weniger Abgas in die Luft zu blasen und weniger Kinder in die Welt zu setzen. Die Gesellschaft könne aber nur als differenzierte Einheit den Umweltprobleme begegnen, doch eine organisatorische Koordination lasse sich nicht erreichen, da nicht einmal ein einziges Funktionssystem als Einheit organisiert und entscheidungsfähig sei, geschweige denn die gesamte Gesellschaft. Damit entfielen teleologische Handlungsrationalitäten, die es dem System ermöglichen, sich selbst als Streben nach Wahrheit, Recht, Macht, Reichtum, Bildung oder gottgefälliger Lebensführung zu bezeichnen und sich so für rational zu halten. Für die soziologische Beobachtung dieser Beobachtung sei es eine attraktive Theorie, sich vorzustellen, daß letztlich das ganze Unbehagen des Themas ein Protest gegen die funktionale Differenzierung und ihrer Effekte sei. Die Soziologie halte der Gesellschaft einen Spiegel vor - in der Annahme, daß sie nicht durch ihn hindurchblicken könne (S.214): "So betreibt auch die Soziologie 'Aufklärung' und erklärt deren Erfolgslosigkeit gleich mit."

 

 

 

2.5 Der umwelt-pädagogische Ansatz von DE HAAN

 

 

 

Unter dem Titel "Ökopädagogik - Aufstehen gegen den Untergang der Natur" erschien 1984 ein Sammelband, der die ökologische Krise aus pädagogischer Sicht thematisiert. Nicht nur der Titel, der das Präfix "Öko-" mit einer wissenschaftlichen Disziplin verknüpft, sondern auch der Zeitpunkt der Publikation, können als originell bezeichnet werden, bedenkt man, daß Anfang der 80er Jahre viele Menschen eher durch die atomare Hochrüstung beunruhigt waren, als durch die schleichende Umweltzerstörung. In Verknüpfung der beiden Bedrohungen schreiben die beiden Herausgeber im Vorwort (Beer & de Haan 1984, S.7): "Schneller, als Atomraketen hergestellt werden können, steigt z.B. die Summe der toten und absterbenden Wälder, verliert die Welt wieder eine Pflanzen- oder Tierart. Das Industriesystem leistet beides: den Aufbau eines gigantischen Tötungspotentials wie eine gigantische faktische Zerstörung dieses Planeten, so daß wir uns in dunklen Augenblicken fragen, ob nicht beide Seiten sich längst in einer Konkurrenz befinden und nur noch nicht entschieden ist, mit welcher Methode der Untergang schneller und gründlicher sich erledigen läßt."

 

Unter der Voraussetzung der Annahme, daß technische Lösungen und staatliche Verordnungen allein die Katastrophe nicht verhindern, sondern es eines grundsätzlichen Umdenkens bedarf, sieht sich die Pädagogik gefordert: "Wo aber von individuellem Bewußtein, von Verhaltensänderung die Rede ist, müssen selbstverständlich Lernprozesse stattfinden. Bewußtseinsveränderungen fallen schließlich nicht vom Himmel - wie der saure Regen, sondern werden über Lernprozesse im weitesten Sinne initiiert. Und wo Lernprozesse nötig sind, wird von den Erziehenden, Lehrenden, der Pädagogik erwartet, daß sie sich mit den Problemen auseinandersetzen" (Beer/de Haan 1984, S.8). Einen Einblick, was von seiten der Erziehungswissenschaft in diesem Zusammenhang an Vorstellungen entwickelt wird, gibt de Haan (1984, S.77ff) in seinem Beitrag mit dem Titel "Die Schwierigkeiten der Pädagogik". In Analogie zu unterschiedlichen Herangehensweisen an die Problematik allgemein im Sinne einer ökonomischen Orientierung einerseits und einer ökologischen Orientierung andererseits, werde entsprechend in der Pädagogik eine Unterscheidung zwischen "Umwelterziehung" und "Ökopädagogik" vorgenommen. Im Gegensatz zum sozial-technischen Ansatz der Umwelterziehung, werde mit dem Begriff der Ökopadagogik bzw. des "ökologischen Lernens" eine Lebens- und Lernweise propagiert, die der sozial-technischen Reaktion auf die Überlebenskrise zu entkommen sucht. Das sich in diesem Konzept ausdrückende Verhältnis zur Natur stehe allerdings nach de Haan (S.78) in der Gefahr, einer vermeintlichen "Natürlichkeit" aufzusitzen.

 

Die bereits in den 70er Jahren sich entwickelnde Umwelterziehung, bei der es sich keineswegs um ein einheitliches Konzept handele, sieht ihre Aufgabe allgemein darin, ein Problembewußtsein der ökologischen Krise zu wecken, Kenntnisse über ihre Ursachen und Gegenmaßnahmen zu vermitteln, moralische Handlungsbereitschaft gegen die drohende Katastrophe zu erzeugen, sowie Handlungswillen und Handlungsfähigkeit bei der Bevölkerung zu fördern. Von der Umwelterziehung werden auch politische Eingriffe und wirtschaftliche Veränderungen gefordert, um nicht alle Ressourcen in kurzer Zeit zu verschleißen. Doch scheint der postulierte Einklang mit der Natur vor allem nötig zu sein, um das Überleben der Menschheit zu sichern. Insofern sei nach de Haan die Achtung vor und die Harmonie mit der Natur nur geheuchelt (S.79): "Kein Lebewesen, keine Landschaft oder Wildnis ist damit vor der Ausrottung oder Zerstörung geschützt, solange sie nicht den Menschen für ihr Überleben von Nutzen ist". Auf diese Weise würden von der Umwelterziehung einerseits die herrschenden wissenschaftlich-technischen Formen der Naturausbeutung kritisiert, andererseits werde aber an den klassischen Formen der Naturbe- und verarbeitung festgehalten. Außerdem werde auf der Basis von Experimenten, klassifizierenden und quantitativen Methoden die Natur in Stücke zerlegt und neu zusammengesetzt, bis man herausgefunden habe, welche Belastung ihr zuzumuten sei, solange der Mensch nicht untergehe: "Die aggressive Kampfkonstellation gegenüber der Natur wird nicht aufgegeben" (S.80). Es sei abzusehen, daß die Menschheit durch diesen Versuch, den Folgen der Naturzerstörung noch einmal mit den Mitteln der Zerstörung zu begegnen, d.h. "den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, (...) nur um so tiefer in den Naturzwang hinein(gerät)" (Horkheimer/Adorno 1971, S.15).

 

Im Gegensatz dazu versuche die Ökopädagogik in einer stärkeren Orientierung an den verschiedensten Bewegungen, Initiativen und Lebensgemeinschaften, einem anderen Verhältnis zur Natur tatsächlich näherzukommen. Naturgemäße Wissenschaft und Technik sollen ein natürliches Leben erlauben, besonders für die heranwachsenden Generationen, denn in diesen neuen Gemeinschaften solle die gute Natur der Kinder erst richtig zur Entfaltung kommen. "Nur durch die Entwicklung vielfältiger, kleiner kulturell unterschiedlicher Integrationszentren und Netzwerke", nur durch "die Entwicklung lebensfähiger, subsistenzorientierter, überschaubarer und selbstgestalteter kleiner Lebensräume" (Dauber 1982, S.128f.) scheine die Welt nicht nur zu retten, sondern auch positiv gestaltbar zu sein. Die recht einseitige Ausrichtung der meisten Ökopädagogen habe nach de Haan u.a. zur Folge, daß innerhalb der Ökopädagogik die Frage entfalle, ob nicht die Erziehung auf eine neue Gesellschaft hin zu einer Instrumentalisierung der nachwachsenden Generationen führen müsse, denn wenn das Ziel durch die Erziehenden schon vorgegeben sei, könne es sich nur noch um "Akte der Manipulation" (S.83) handeln. Mit der Rede von der Natürlichkeit des Subjekts schlage ein offener Rousseauismus durch, mit dem auch Vorstellungen der Reformpädagogik unreflektiert hervorgeholt würden. Die Auseinandersetzung mit der herrschenden Gesellschaft in Erziehungsprozessen werde zugunsten einer Erziehung außerhalb der Gesellschaft aufgegeben.

 

Nach dieser eingehenden Kritik am Konzept der Umwelterziehung bezüglich des in ihr fortgesetzten Gewaltverhältnisses gegenüber der Natur und der Kritik an der Ökopädagogik, die das, was in ihr als natürlich bezeichnet werde, nicht als normative Setzungen begreife, versucht de Haan (1984, S.87ff.), einige Perspektiven zu entwickeln, um die Mängel in den Konzeptionen zu überwinden. Dabei plädiert er u.a. für eine grundlegende Wissenschafts- und Technikkritik, die auch die Geschichte der Natur miteinbezieht. Erst über die Reflexion auf andere Interpretationen der Natur sei es möglich, auch eine andere Wissenschaft von der Natur zu denken. De Haan erinnert dabei an Blochs Vorstellungen von einer sog. Allianztechnik (1967) - eine auch in der Ökopädagogik vielbeschworene Utopie (Daxner 1981). Dabei muß allerdings darauf hingewiesen werden, daß der Rekurs auf Bloch in diesem Zusammenhang nicht ganz unproblematisch ist, wie wir später noch sehen werden (vgl. Kap. 6.3).

 

Nach de Haan sei das Projekt der herrschenden Gesellschaften in der Neuzeit, über Naturbeherrschung die Befreiung des Subjekts und der Gattung aus allen Zwängen zu leisten, gescheitert. Abgesehen davon, daß es fraglich sei, gesellschaftliche Ansprüche an die nachwachsenden Generationen zu stellen, habe die gegenwärtige Gesellschaft kommende Generationen "mit gigantischen Erblasten befrachtet - erinnert sei nur an den noch Jahrtausende gefährlich bleibenden Atommüll. Das heißt, die kommenden Generationen werden sich notwendig abzuarbeiten haben an den Folgen einer Naturzerstörung, für die sie gar nicht verantwortlich gemacht werden können. Diese Bürde noch zu ergänzen um den Anspruch, das katastrophale Projekt fortzusetzen, ist geradezu absurd" (S.90). Dennoch sei die Hoffnung auf eine bessere Zukunft unabdingbar, auch wenn diese Hoffnung angesichts des herrschenden faktischen Untergangsprozesses durchaus bezweifelt werden könne. Eine zentrale Aufgabe der Ökopädagogen sei es, diejenigen Zukunftsentwürfe zu kritisieren, in denen latent das fortgesetzt werde, was zum heutigen Desaster geführt habe. De Haan schließt seinen Aufsatz mit einigen Leitsätzen einer entsprechend verstandenen Ökopädagogik (S.91): "Ökopädagogik heißt dann, den Lernenden ihre eigenen Zukunftshoffnungen zur Prüfung aufzugeben. Ökopädagogik heißt dann auch, diese Entwürfe der Lernenden dort zu kritisieren, wo in ihnen die Naturbeherrschung nur fortgesetzt wird. Ökopädagogik schließt damit ein, den Lernenden die Möglichkeit einer Wissenschafts- und Technikkritik ebenso zu bieten wie eine Aufklärung über die Geschichtlichkeit von Natur und Gesellschaft, Aufklärung über die Aufklärung zu betreiben. Ökopädagogik heißt letztlich, die Lernenden zu unterstützen bei der Suche nach dem Neuen, das dem Untergang entkommt."

 

Gut zehn Jahre, nachdem der Begriff der "Ökopädagogik" erstmals einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde, zieht de Haan eine Bilanz der pädagogischen "Erfolge" und entwickelt zugleich neue "Perspektiven der Umwelterziehung/Umweltbildung" (1995). Zunächst plädiert er angesichts eines uneinheitlichen Gebrauchs der Termini Umwelterziehung, ökologisches Lernen und Ökopädagogik für den zukünftigen Gebrauch der noch unverbrauchten Bezeichnung "Umweltbildung", die in eine instrumentell/zweckrationale und eine reflexive Ausrichtung unterteilt werden könne. Bei der reflexiven Umweltbildung, die über eine bloße Verhaltensänderung bei Individuen hinausgehe, differenziert de Haan (S.20) weiterhin zwischen einer verständigungs- und einert kulturorientierten Umweltbildung. Die Betrachtung des aktuellen Standes der Umweltbildung in Deutschland, wie sie sich in empirischen Studien, Materialien und Konzeptentwicklungen, in den Currikula und den Lehrplänen der einzelnen Erziehungsbereiche widerspiegele, fällt nach de Haan "ernüchternd" aus (S.21ff.). Nach wie vor beschäftigen sich die meisten Medieneinheiten mit Naturwissenschaft und Technik, die soziale Seite komme dagegen kaum in den Blick. Statistisch gesehen werden im Durchschnitt pro Klasse und Schuljahr 1,3 Umweltthemen behandelt, was ungefähr 8 Schulstunden Umweltbildung (ca. 1% des gesamten Unterrichts pro Jahr) entspreche. Ähnlich marginal falle der Umweltanteil in der Erwachsenenbildung mit z.B. ca. 2% des gesamten Kursangebotes an Volkshochschulen aus, wobei der Markt an die Grenze des Nachgefragten angelangt zu sein scheint. Der Anteil der Lehrveranstaltungen zu Umweltthemen an Universitäten überspringe nicht einmal die 1%-Hürde. Insgesamt gesehen sei damit eines der zentralen Themen im Bildungsbereich nur sehr randständig vertreten.

 

Weiterhin dominiere in allen Bildungsbereichen, insbesondere an der Universität, die Fachorientierung, so daß eine problemorientierte Bearbeitung ökologischer Fragestellungen, die eine Verbindung zwischen Wissenschaftsdisziplinen, Methoden und Interaktionsstrukturen sucht, ein "Desiderat" (S.22) sei. Die vielfach geforderte "Ökologisierung" der Bildungseinrichtungen, der Versuch, einerseits durch umweltfreundliche Materialien und umweltreundliche Mobilitätsstrukturen, andererseits durch Partizipation aller an Entscheidungsprozessen und ökologischen Veränderungen Beteiligten, sei nur auf geringstem Niveau auszumachen. Die Defizite verschärften sich noch, wenn man gezielt auf einige Praxisfelder schaue oder nach der politischen Dimension in der Umweltbildung suche. Schließlich fehle es auch an einer Innovations- und Wirkungsforschung, die sich systematisch mit den Effekten der Umweltbildung und den Hemmnissen ihrer Realisierung und Verbreitung befasse. Insgesamt gesehen scheine es, als ob man sich in der "kleinen Routine" einzurichten beginne und es bei einer "Feiertagsökologie" bleibe (S.23). Umweltbildung habe momentan jedenfalls keinen Einfluß auf die "große Routine" des Alltags im Bildungssektor. Zwar habe es so etwas wie eine "Grüne Wende" im Bildungssektor in dem Sinne gegeben, daß Ökologie überhaupt zum Thema des Lehrens in Bildungseinrichtungen avanciert sei, eine Breitenwirkung habe die Umweltbildung aber bisher noch nicht erfahren. Insofern sei die "grüne Wende" trotz umfangreicher Modelle und Materialien nur eingeleitet, jedoch nicht vollzogen. Neben einer "grünen Wende" postuliert de Haan (S.24) für die Zukunft eine "kulturelle Wende".

 

Die neue Perspektive, mit der ökologische Probleme angegangen werden müßten, laute "Sustainable Development" (nachhaltige Entwicklung). Dieses Konzept, von der Brundtland-Kommission in den 80er Jahren im Zuge des Nord-Süd-Dialogs politikfähig gemacht, auf der Rio-Konferenz 1992 zum Weltmodell erklärt und im Umweltgutachten des Rates der Sachverständigen für Umweltfragen zur zentralen nationalen Orientierungsgröße annonciert, habe einschneidende, umwälzende Konsequenzen für das Leben und Wirtschaften sowie für das Politik- und Bildungssystem. Das Wuppertaler "Institut für Klima, Umwelt und Energie" habe in diesem Zusammenhang in einer Studie mit dem Titel "Zukunftsfähiges Deutschland" errechnet, daß demnach z.B. die Ressourcennutzung auf rund 20% der heutigen Werte reduziert werden müsse. Für die Umweltbildung ergeben sich daher große Herausforderungen. Nach der Wuppertaler Studie ließen sich z.B. einige individuelle Handlungsfelder mit starker Rückwirkung auf die Umweltnutzung benennen, die zum Schwerpunktthema von Umweltbildungs-maßnahmen werden könnten, u.a. der Energieverbrauch, das Mobilitätsverhalten, der Lebensmittelkonsum, die Expansion der Nutzung von Haushaltsgeräten, der Wohnungsbau, sowie Strategien einer generellen Effizienzrevolution in der Ressourcennutzung. Mit Ausnahme des Energieverbrauchs handele es sich dabei um Themen, die in der Umweltbildung bisher kaum behandelt werden. Neben einer thematischen Neuorientierung plädiert de Haan (S.25) für starke Rückbezüge auf die Forschungen zum Umweltbewußtsein und auf die herrschenden Lebensstile.

 

Was die Umweltbewußtseinsforschung (vgl. Kap. 5) angehe, so enthielten die Annahmen, ohne Umweltwissen gäbe es kein Umweltbewußtsein und ohne Umweltbewußtsein gäbe es wiederum kein umweltgerechtes Verhalten, zwar eine gewissse alltagsverständliche Plausibilität, ließen sich aber empirisch nicht bestätigen. Eigene Studien (Haan und Kuckartz 1994) hätten ergeben, daß umweltgerechtes Verhalten nicht zwingend notwendig auch ein Umweltbewußtsein voraussetzen müsse. Die Ergebnisse einer an 300 Personen durchgeführten standardisierten Befragung nach Umweltschutzmotiven mögen überraschen: "Menschen handeln in unterschiedlichen umweltrelevanten Bereichen aus unterschiedlichen Motiven heraus umweltgerecht bzw. nicht umweltgerecht" (S.30). Hauptsächlich aus Lebensstilmotiven heraus nutzten Menschen auf Wochenendausflügen und im Urlaub das Fahrrad oder öffentliche Verkehrsmittel, das ökonomische Motiv gelte u.a. für den Verzicht von Flugreisen gegenüber dem Gebrauch des Autos und aus Gründen des Wohlbefindens werde das Licht ausgeschaltet oder Treibhaussalat im Winter verzehrt. Schaut man sich die Ergebnisse der Lebensstilforschung der letzten 15 Jahre an (vgl. Reusswig 1994), so lasse sich zum einen eine Pluralität von Lebensstilen verzeichnen, zum anderen tendierten diese Lebensstile mehr und mehr darin, eine Mischform zwischen materiellen Orientierungen und immateriellen Wertvorstellungen zu sein. Es sei nach de Haan (S.29) leicht einzusehen, daß es mit der Vision einer globalen nachhaltigen Entwicklung zu veränderten Lebensstilen kommen müsse. Nach den bisherigen Studien haben Askese und Gemeinschaftsdenken in einer Gesellschaft, in der vor allem Konsum und Egoismus von den meisten ihrer Mitglieder zur Lebensmaxime erklärt werden, wenig Aussichten auf Durchsetzung. Die Attraktivität der neuen Weltvision müsse sich daher erst über kulturelle Veränderungen herausstellen. So seien zukünftig auch die Wechselbeziehungen zwischen Anthropologie und Natursphäre in den Vordergrund zu stellen, um die Umweltbildung als eine "1%-Disziplin" aus ihrem Schattendasein herauszuholen und eine "grüne Wende" voranzutreiben, die ihren Namen verdient.

 

Abschließend sei noch ein besonderer Bereich angesprochen, der sich auch im ökopädagogischen Feld orten läßt. So schreibt de Haan bezugnehmend auf den Ansatz von Luhmann, "daß darin zwar die Resonanzen des Umweltdiskurses in verschiedenen sich selbst regulierenden Systemen der Gesellschaft analysiert werden (...), nicht jedoch hinsichtlich der Massenmedien. Gerade sie sind es aber, die dem Kommunikationsprozeß immer wieder Material liefern" (1995, S.18). In dem Sammelband "Umweltbewußtsein und Massenmedien. Perspektiven ökologischer Kommunikation" (1995) werden quasi "öko-publizistische" Fragen in einem weiten Spektrum (u.a. auch unter Einbeziehung der Kunst) zur Diskussion gestellt. De Haan selbst konzentriert sich dabei v.a. auf empirische Befunde zum Zusammenhang von Umweltbewußtsein und Informationsquantität bzw. -qualität. Die naheliegende Annahme der "Agenda-Setting"-Theorie, nach der die Berichterstattung über Umweltprobleme mit der Zeit anschlage und eine Bewußtseinserweiterung erzeuge, werde demnach nicht bestätigt, das Gegenteil sei sogar der Fall: "Je mehr jemand fernsieht, desto unwahrscheinlicher ist es, daß diese Person äußert, ökologisch zu handeln" (S.19). Nach den derzeitigen Forschungen trage das sog. Echomodell noch am meisten zur Aufklärung der Zusammenhänge bei. Dabei wird von der Hypothese ausgegangen, daß der Einfluß auf das Problembewußtsein der Bevölkerung immer dann am größten sei, wenn eine Berichterstattung über ein Thema zwar nur in kürzeren Zeiträumen, dafür aber umso intensiver erfolge. Die Wirkung von Medien unterliege mehrfachen Selektionsmechanismen und könne mit einem einfachen "Stimulus-Response"-Modell nicht aufgefangen werden. Das schlichte Aufrüsten der Wissensbestände in der Bevölkerung helfe bei der Förderung von Umweltbewußtsein und umweltgerechtem Verhalten nicht weiter. Die Massenmedien thematisierten Umweltprobleme zumeist als Unterhaltung und liefern wenig Hintergrundinformationen. Auch Umweltverbände wie Greenpeace konzentrierten sich bevorzugt auf telegene Informationen. Komplexe Konzepte wie das der "Nachhaltigen Entwicklung" könnten aber nach de Haan (S.33) "nicht mit Schlauchbooten eingekreist" werden.

 

Für eine "offensive ökologische Öffentlichkeitsarbeit", die sowohl kognitiv als auch emotional ansprechend ist, plädiert Robert Jungk (1984). Ökologische Themen, die in der Regel langfristige Themen sind, müßten kurz und prägnant in einer eindrücklichen Sprache dargestellt werden, ohne dabei die nötige Tiefe zu verlieren oder der Boulevard-Presse Konkurrenz zu machen. In der Tat zeige der sog. Katastrophen-Journalismus, daß die Katastrophe die "Nachricht par excellence" (Lindner 1990, S.127) sei. Ökologisch relevante Berichte über katastrophale Entwicklungen mit globalen Auswirkungen würden dagegen erst nach diesen Auswirkungen "post festum" zu einem interessanten Gegenstand der Berichterstattung, was logisch ein Widerspruch und praktisch ein Dilemma sei. Jungk sieht in der Frage, ob es sog. "Informatoren" gelingt, Menschen für ökologische Probleme zu sensibilisieren und zu aktivieren, eine aktuellere und bedrängendere Aufgabe als in dem üblichen Bildungsauftrag des herkömmlichen Lehrers. Die Suche nach einer Antwort auf die Überlebensfrage der Menschen sei heute "die eigentliche existentielle Aufgabe aufgeklärter Menschen" (Jungk 1984, S.102).

 

Die aktuelle ökopädagogische Rolle der Medien bewertet der Kulturphilosoph Peter Sloterdijk als sehr problematisch, da die Grundmessage der Informationsmedien auf Entwarnung eingestellt sei: "Alle Medien sprechen im Westen seit mindestens zehn Jahren eine zwiespältige Sprache im Hinblick auf die ökologische Krise. Sie warnen und entwarnen immer gleichzeitig. Und die Bevölkerung hat die Entwarnung auf der Ebene der Verhaltensweisen übernommen. Man kann nicht auf der verbalen Ebene warnen und vom Verhalten her die Entwarnung signalisieren. Und das ist genau die Art und Weise, wie unsere Gesellschaft seit mindestens 15 Jahren über ökologische Themen diskutiert. Wir haben kein Ernstfallbewußtsein" (1995, S.65). Der Ernstfall sei diejenige Situation, die Individuen hinreichend zu Opferleistungen motiviere. Die Entwarnungsrhetorik mache aber alle Gewinne auf ideologischem Gebiet zunichte (S.66): "Das sogenannte Umdenken hat stattgefunden auf der Ebene der Köpfe. Aber die Körper können nicht folgen, weil kein Ernstfall erklärt wird (...)".

 

 

 

2.6 Der umwelt-psychologische Ansatz von ROSZAK

 

 

 

Interdisziplinäre Diskurse über die ökologische Krise enden nicht selten nach Klärung technischer, wirtschaftlicher und politischer Streitpunkte mit der Feststellung, daß die Beantwortung praktischer Fragen letzlich psychologischer Natur sei. Abgesehen davon, daß es sich hierbei um einen eleganten Weg handelt, keine eigenen Vorschläge zu diesen entscheidenen Fragen vertreten zu müssen, glänzen die gerufenen Fachvertreter meist durch Abstinenz. Dies mag auch nicht zufällig so sein, gibt es doch bis heute kaum überzeugende psychologische Konzepte zur Bewältigung der ökologischen Krise. Einige der wenigen Ansätze, die die akademische Psychologie bisher hervorgebracht hat, werden an späterer Stelle ausführlich vorgestellt (Kap. 5 und 6). Im Rahmen unserer interdisziplinären Zusammenschau wollen wir uns einem außergewöhnlichen Beitrag aus dem amerikanischen Raum zuwenden. Unter dem Titel "Ökopsychologie" hat Roszak (1994) von der California State University in Berkeley den Versuch unternommen, Geistes- und Naturwissenschaften zu verbinden und eine Brücke zwischen dem Psychologischen und Ökologischen unter Einbeziehung moderner Befunde der sog. Kosmologie zu schlagen. Dies ist umso erstaunlicher, als Roszak selbst kein Psychologe ist, sondern einen Lehrstuhl für Geschichte und 'General Studies' innehat.

 

Der erste Teil der "Ökopyschologie" ist der Psychologie gewidmet. Roszak setzt sich zum einen mit der Psychologie der Umweltbewegung, zum anderen mit den Schulen der modernen Psychologie kritisch auseinander. Seit dem Aufkommen der Ökologiebewegung in den siebziger Jahren seien Umweltschützer in der Öffentlichkeit vorwiegend als heldenhaft wahrgenommen worden. Man sah sie als Naturliebhaber und verantwortungsbewußte Bürger, die für saubere Flüsse und gesunde Wälder kämpften. Selbst jene Kritiker in Politik und Wirtschaft, die den Zielen der Bewegung ablehnend gegenüberstanden, mußten zugeben, daß die ökologisch-orientierten Frauen und Männer mit hohen Prinzipien und einer grundlegend idealistischen Motivation waren. Roszak konstatiert (zumindest für den amerikanischen Raum), daß solche Zugeständnisse mehr und mehr zurückgehen. Nach Ende des Kalten Krieges würden stattdessen konservative Kräfte in den USA der Umweltbewegung in immer aggressiverer Weise gegenübertreten und ihnen die Rolle des Bösewichts zuteilen, die früher von der marxistischen Opposition ausgefüllt wurde. Roszak berichtet z.B. von einer in den achtziger Jahren von der Ölgesellschaft 'Mobil Oil' durchgeführten Werbekampagne, die den Charakter einer unverhüllten Kampfansage an die Ökologiebewegung hatte. In einem Werbespot, der unter dem Titel "Lügen, die unsere Kinder ängstigen" lief, wurden die Warnungen ökologischer Gruppen wie 'Friends of the Earth' als "Horrormärchen" disqualifiziert und den Umweltschützern eine Rolle zugewiesen, die den Kommunisten in den fünfziger Jahren zukam: die Rolle diabolisch-subversiver Kräfte, die es darauf anlegten, die Jugend der Nation einer Gehirnwäsche zu unterziehen. Aufmerksame Beobachter gehen davon aus, daß die ökologische Bewegung daher in den USA analog zur 'roten Gefahr' vergangener Tage zukünftig zu einer 'grünen Gefahr' hochstilisiert werden könnte.

 

So destruktiv marktwirtschaftliche Systeme in ihrem Umgang mit der Umwelt auch sein mögen, sei es heute kein Geheimnis mehr, daß die sozialistischen Systeme ein noch schlimmeres Erbe hinterlassen haben (S.39): "Glasnost gab den Weg auf eine verwüstete Landschaft frei". Die diktatorischen Methoden sozialistischer Führungseliten ließen Andersdenkenden in der Regel nicht die Freiheit, sich der Umweltproblematik anzunehmen. Im Unterschied dazu bot der kapitalistische Westen immerhin so viel pluralistischen Spielraum, daß eine wahrnehmbare Ökologiebewegung überhaupt entstehen und Widerstand aufbauen konnte. Nach Roszak trage die Umweltbewegung allerdings selbst ein gewisses Maß an Verantwortung für ihre Angreifbarkeit. Ihre hartnäckige Gewohnheit, düstere Prophezeiungen abzugeben, apokalyptische Panik zu verbreiten und Schuldgefühle einzuflößen, stelle das Vertrauen der Öffentlichkeit auf eine harte Probe. Solange 'ökologische Weisheit' an Attraktivität nicht mit der materiellen Befriedigung, die das industrielle Wachstum biete, wetteifern könne, werde sie bei allen Menschen, die auf starke Emotionen ansprechen, immer auf der Strecke bleiben. Umweltschützer hätten wie die meisten politischen Aktivisten oft wenig Einsicht in die menschliche Motivationsstruktur, sie rechneten nicht mit der Unvernunft, der Perversität, den krankhaften Begierden, die in der Tiefe der Psyche verborgen liegen. Roszak rät der ökologischen Bewegung daher, andere psychologische Wege zu gehen, die nicht so sehr Angst und Verzweiflung, sondern positivere Gefühle im Menschen ansprechen. Als eine Alternative zu Panikmache und Schuld-Trips nennt Roszak schließlich ein intensives Interesse, das aus einer gemeinsamen Identität entstehe, und das er schlicht mit "Liebe" (S.46) bezeichnet. Die Umweltbewegung stelle dabei einen Teil unserer Kultur dar, die sowohl Auslöser der ökologischen Krise als auch der Weg sei, um aus der Krise herauszuführen: "Was wir brauchen, ist (...) eine psychologische Transformation. Was die Erde braucht, muß in uns fühlbar werden; wir müssen es so spüren, als seien es unsere persönlichsten Bedürfnisse" (S.58).

 

Will eine moderne 'Wissenschaft von der Seele' ihrer Aufgabe gerecht werden, dürfe sie nicht die größere ökologische Realität ignorieren, die die individuelle Psyche umgebe, so als könne die Seele gerettet werden, während die Biosphäre zusammenbreche. Als ein Musterbild dieses Status Quo nennt Roszak die "abgekapselte Privatheit" psychotherapeutischer Sitzungen, die Ähnlichkeit mit der Privatheit katholischer Beichten habe (S.115). Nicht nur die äußere Situation, auch die Kernbotschaften der unterschiedlichen Richtungen der gegenwärtigen Psychotherapie analysiert Roszak unter dem Postulat einer ökopsychologischen Perspektive als unzureichend: Für Freud wie für die Behavioristen sei die Psyche ein natürliches Objekt. Auch Jung, der sein Leben lang in ländlicher Abgeschiedenheit verbrachte, nahm wie alle Post-Freudianer die Entfremdung des modernen westlichen Menschen von der Natur als etwas Gegebenes und Irreversibles hin. Auch die Wendung nach innen der Humanisten und Existentialisten gehe mit einer Abwendung der Umwelt einher. Die Rebellion der letztgenannten Richtungen gegen den Reduktionismus der Psychoanalyse und den Biologismus der Behavioraner ende meist mit der Abkapselung in einem existentiellen Vakuum. Angesichts der mangelnden Wahrnehmung der ökologischen Krise, die gerade am Beispiel der Psychologie und Psychotherapie besonders deutlich werde, stellt Roszak die Frage, wie wir einen Mann einschätzen würden, der sich nicht entschließen könne, aus einem lichterloh brennenden Gebäude zu flüchten, weil er noch auf der Suche nach seiner Kreditkarte sei. Sicherlich würden wir an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln. Aber nach Roszak verhalten wir uns genau so in der Konfrontation mit der globalen Krise, indem wir uns mit ähnlichen Ablenkungen verzettelten. Es scheint so zu sein, als wenn unsere Überlebensinstinkte nur auf offensichtliche und unmittelbar überschaubare Gefahren eingestellt seien. Allerdings müsse man psychologische Theorien, die zu irrationalem Verhalten von solchen Ausmaßen nichts zu sagen haben, als mangelhaft bezeichnen.

 

Nach einem ausführlichen Mittelteil, in dem sich Roszak mit neueren Erkenntnissen der "Kosmologie", u.a. der Chaostheorie, beschäftigt und in diesem Zusammenhang von einem "Paradigmenwandel" in den Wissenschaften spricht (S.133), steht am Beginn des letzten Drittels der Trilogie - überschrieben mit dem Begriff der "Ökologie" - die Diagnose eines urbanen Karzinoms, das für den Zustand der Erde kennzeichnend sei. Für eine Ökopsychologie gebe es kein aufschlußreicheres Symptom für unseren kollektiven Seelenzustand als das städtische Habitat, von Mumford (1956) auch als "Megamaschine" beschrieben. Angesichts dieses pathologischen Zustandes der Außenwelt hält es Roszak für äußerst fragwürdig, inwiefern individuelle Psychotherapie überhaupt heilend wirksam sein könnte. Unter Berücksichtigung einer im Mittelteil postulierten 'Renaissance des Animismus' plädiert Roszak im weiteren Verlauf seiner Argumentation für eine Neubewertung des sog. Primitiven, vor allem unter dem Aspekt ökologischer Weisheit. Als einen Mitbegründer der modernen Ökologie verweist Roszak auf eine psychologische Theorie von Peter Kropotkin (1914), die ihn als einen der ersten Ökopsychologen qualifiziere. Aufgrund ausgedehnter Studien mit wildlebenden Tieren sowie Erfahrungen mit Stammesgesellschaften, u.a. in Sibirien, schloß Kropotkin, daß die menschliche Natur fundamental ethisch sei. Verwandtschaftsgefühl und moralische Verantwortung gehören demnach zum Menschen, wie die Fähigkeit zu fliegen den Vögeln eigen sei.

 

An der Basis des Unbewußten liege laut Kropotkin das angeborene Gewissen, die moralische Energie der Persönlichkeit (S.9): "Es ist nicht Liebe, nicht einmal Zuneigung, auf der die menschliche Gesellschaft basiert. Es ist das Gewissen - und sei es auch nur in instinkthafter Form - als Ausdruck der menschlichen Solidarität. Es ist das unbewußte Gewahrsein der Kraft, die in jedem Menschen durch die Praxis der wechselseitigen Hilfe verliehen ist, das tiefe Wissen darum, daß das Glück jedes einzelnen vom Glück aller abhängig ist, und der Gerechtigkeits- und Gleichheitssinn, der das Individuum dazu bringt, die Rechte jedes anderen Individuums als den seinen gleichgeordnet zu betrachten. Auf dieser breiten und notwendigen Basis entwickeln sich die höheren ethischen Gefühle". Diese auf den ersten Blick sehr optimistische Auffassung der menschlichen Natur veranlaßt zu der Frage, wozu dann zum Beispiel Hierarchien und Autoritäten in einer Gemeinschaft noch nötig seien, wenn die Mitglieder der Gemeinschaft mit dieser sozialen Kompetenz aufwachsen. Roszak gibt an dieser Stelle zu bedenken, daß wohl kein Aufwand an Polizeigewalt und Bürokratie genügen würde, wenn es das von Kropotkin konstatierte ethische Unbewußte nicht gäbe.

 

Als einen weiteren Beitrag zur ökologischen Politik der Gegenwart diskutiert Roszak die Tiefenökologie, die zum mystischen, spirituellen Flügel der Ökologiebewegung gehört. Vom Standpunkt der Tiefenökologie aus sei die Prämisse, daß die meisten ökologischen Probleme durch gesetzliche Regelungen und durch ein besseres globales Management gelöst werden könnten, zweifelhaft. Vielmehr sei die ökologische Krise in ihrer Sicht weitaus mehr als eine Ansammlung von Irrtümern, Fehlkalkulationen und Fehlentscheidungen, die durch etwas mehr Sachkenntnis ausgebügelt werden könnten. Notwendig sei ein radikal verändertes Bewußtsein, das auch die wissenschaftliche Rationalität und zentrale Grundsätze des industriellen Lebens in Frage stelle. Einer der Begründer der Tiefenökologie, der norwegische 'Ökosoph' Arne Naess postulierte bereits im Jahre 1973, zu einem Zeitpunkt also, als die ökologische Krise noch kaum im Bewußtsein vieler Menschen verankert war, eine biosphärische Gleichheit, die jede Spezies einbezieht: "Der ökologische Feldforscher erwirbt einen tiefverankerten Respekt, ja, eine tiefe Ehrfurcht vor den Arten und Formen des Lebens. Er kommt zu einem Verständnis von innen her, einer Art Empathie, die andere nur für ihre menschlichen Mitgeschöpfe reservieren. (...) Für den ökologischen Forscher ist das gleiche Recht für alle Wesen, zu leben und sich zu entfalten, ein intuitiv klarer und eindeutiger ethischer Wert. Die Beschränkung dieses Rechts auf Menschen ist Anthropozentrismus, mit schädlichen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Menschen selbst." Die Auffassung von Naess spiegelt ein biozentrisches Weltbild wider, nach dem die natürlichen Lebensrechte sich nicht nur auf den Menschen beschränken, sondern auf die gesamte Natur ausgedehnt werden.

 

Schließlich wendet sich Roszak noch einer weiteren ökopsychologischen Bewegung zu, dem sog. Ökofeminismus, der aus einem richtungsweisenden Kongreß hervorging, der an der University of California in Berkeley 1973 abgehalten wurde. Als die zweite Welle der Frauenbewegung Mitte der sechziger Jahre begann, hätte niemand voraussagen können, daß sie im Laufe eines Jahrzehnts zu einer einflußreichen Kraft in der Umweltpolitik werden könnte. Das ursprüngliche Anliegen der Feministinnen war der klassische demokratische Anspruch auf politische und soziale Gleichheit, für den auch die erste Frauenbewegung um die Jahrhundertwende gekämpft hatte. Die Gestalttherapeutin Dorothy Dinnerstein war unter den feministischen Psychologinnen eine der ersten, die einen neuen Stil der Elternschaft postulierte und davon ausging, daß die Einbeziehung der in der Regel distanzierten Väter in die Kinderbetreuung den Kindern die Entwicklung einer ausgewogenen Geschlechtsidentität ermöglichen würde. Nach Dinnerstein sollten Männer weltweit fünfzig Prozent der Aufgaben in der Kinderpflege und -erziehung übernehmen (1976). In den meisten Kulturen der Welt stamme die Geschlechtsrollenidentität von der Annahme her, daß Frauen dem Reich der Natur zugeordnet sind, während Männer dem Bereich der Kultur angehören. Nicht nur in sozialen Mechanismen und politischen Strukturen, sondern auch in Mythen, Metaphern und Symbolen zeige sich, wie tief das Schicksal der Frauen mit dem Schicksal des Erdkörpers verbunden war und ist. Roszak steht Geschlechtsrollenzuschreibungen generell skeptisch gegenüber und prophezeit (S.336): "Es wird weder Frieden im Kampf der Geschlechter geben noch ökologische Vernunft, wenn wir nicht endlich mit dem gefährlichen Unfug Schluß machen, menschliche Tugenden in 'männliche' und 'weibliche' Schubladen einzuordnen." Trotz der intensiven Bemühungen der Ökofeministinnen müsse nach Roszak die Verbindung zwischen Ökologie und Psycho-logie auf einer professionellen, psychologischen Ebene noch ausgearbeitet werden.

 

Bei der Frage nach den Wegen der Umsetzung ökopsychologischer Einsichten kommt Roszak noch einmal auf die Ökologiebewegung zurück. Die Strategie, die die Umweltbewegung bisher zum Beispiel im Umgang mit dem verschwenderischen Konsum verfolgte, sei vor allem die der Repression gewesen. Engagierte Ökologen zeigten zu oft doktrinäre Intoleranz in ihrer scharfen und unnachsichtigen Kritik an menschlichen Schwächen. In der Umweltpolitik engagierter ökologischer Gruppen gebe es eine eisern asketische Unterströmung, die verhinderte, daß der Zusammenhang zwischen zügellosem Konsum und dem Streben nach persönlicher Erfüllung erkannt werde. Roszak spricht sich für eine Strategie der kreativen Umlenkung des zügellosen Konsums aus, in dem er auf das alte Konzept der Muße verweist. Muße sei etwas anderes als Freizeit oder Konsum, aus dem Blickwinkel des Bruttosozialprodukts gesehen werde sie jedoch als Zeitverschwendung abgetan. Die Neubewertung der Muße zu einem wirtschaftlichen Gut höchster Ordnung könne nach Roszak aber ein erster Schritt sein, um ein moralisches Äqivalent dem Konsum- und Luxusbegehren gegenüberzustellen. Literarische Öko-Utopien im Sinne eines lustbetonten Lebens ohne Konsumzwänge finden sich u.a. in den Romanen "Island" (1962) von Aldous Huxley und "Ecotopia" (1977) von Ernest Callenbach.

 

Trotz seiner pessimistischen Einschätzungen gegenüber der Psychotherapie hinsichtlich des Ziels, dem ökologischen Ich näherzukommen, sieht Roszak dennoch Perspektiven für die Zukunft der Psychotherapie. Er verweist dabei auf Psychoanalytiker Harold Searles, der bereits 1960 befand: "Während der letzten sechzig Jahre erweiterte sich der Blickwinkel der Psychotherapie; anfang eng auf intrapsychische Prozesse fixiert (...), ging sie allmählich dazu über, interpersonelle und allgemein soziologisch-anthropologische Faktoren einzubeziehen. Es erscheint also als der naheliegende Schritt, in der nächsten Phase unseren Horizont so weit auszudehnen, daß er die Erforschung der Beziehung des Menschen zu seiner nichtmenschlichen Umwelt ermöglicht." Allerdings sei innerhalb des Kontextes einer urban-industriellen Kultur am intellektuellen Horizont der Psychotherapie die reale Natur so lange nicht zu sehen, wie die Umwelt weiter von der zivilisierten Gesellschaft manipuliert und mißhandelt werde. Die sog. Umwelt, um die es gehe, sei aber keine soziale Konstruktion, sondern durch die Natur in ihrer Gesamtheit vorgegeben. Diese ehrwürdige Umwelt erlaube es schließlich erst, uns in ihrer evolutionären Geschichte zu bewegen. Roszak weist darauf hin, daß Kinder sich von der Anmut der Natur noch verzaubern ließen, wie z.B. ihr Umgang mit Tieren zeige.

 

Auf der Suche nach dem ökologischen Ich wird Roszak innerhalb der vorherrschenden psychologischen Schulen schließlich am ehesten bei Jung (1958) fündig. Das Konzept des kollektiven Unbewußten erweise sich als brauchbare Ausgangsposition für den Entwurf einer Ökopsychologie. In seiner ursprünglichen Formulierung war das kollektive Unbewußte das Reservoir der komprimierten evolutionären Geschichte. So umfasse das kollektive Unbewußte auf seiner tiefsten Ebene die komprimierte ökologische Intelligenz unserer Spezies, aus deren Quelle sich die Kultur entfalten könne. Mit dem Rekurs auf Jung bekennt sich Roszak zur "Bereitschaft, auf wissenschaftliche Strenge zu verzichten, wenn es um die Rettung spiritueller Werte geht" (S.421). Dies gehöre zu den Prinzipien 'sanfter' Psychologien. Roszak beendet sein Buch, in dem er acht "Prinzipien der Ökopsychologie" (S.441-444) zusammenfaßt. Er legt dabei Wert darauf, seine Prinzipien nicht in einem doktrinären Sinne als rein wissenschaftlich verstanden zu wissen, sondern eher als Leitfaden, der einige wesentliche Grundzüge einer Psychologie auflistet, die sich als Beitrag zur Überbrückung der Kluft zwischen dem Psychologischen und dem Ökologischen bzw. zwischen den Bedürfnissen des Individuums und des Planeten versteht:

 

"1. Der Kern des Bewußtseins ist das ökologische Unbewußte. Für die Ökopsychologie ist die Unterdrückung des ökologischen Unbewußten die tiefste Wurzel des kollusiven Wahnsinns in der Industriegesellschaft; offener Zugang zum ökologischen Unbewußten ist der Weg zur Heilung.

 

2. Die Inhalte des ökologischen Unbewußten repräsentieren bis zu einem gewissen Grad und auf einer gewissen Ebene die lebendigen Erinnerungen der kosmischen Evolution, die bis zu den Initialbedingungen in der Geschichte der Zeit zurückgehen (...). Die Ökopsychologie beruft sich auf die Erkenntnisse der neuen Kosmologie und strebt danach, sie für die Erfahrung real zu machen.

 

3. Ziel der Ökopsychologie ist es, den latenten Sinn für ökologische Interdependenz, der im ökologischen Unbewußten verankert ist, wieder zum Leben zu erwecken. Die Ökopsychologie versucht die fundamentale Entfremdung zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umwelt zu heilen.

 

4. Wie für andere Therapien ist auch für die Ökopsychologie die Kindheit das ausschlaggebende Entwicklungsalter. Mit dem magischen Weltgefühl des Neugeborenen wird das ökologische Unbewußte wiedergeboren; jedem neuen Leben wird es beim Eintritt in die Welt als Geschenk mitgegeben. Die Ökopsychologie versucht, die dem Kind angeborene animistische Qualität der Erfahrung im funktionell 'gesunden' Erwachsenen wiederzugeben. Um das zu erreichen, wendet sie sich vielen Quellen zu, u.a. (...) den Einsichten der Tiefenökologie. Sie assimiliert das aus diesen Quellen stammende Wissen mit dem Ziel, das ökologische Ich zu schaffen.

 

5. Das ökologische Ich bildet in seinem Reifungsprozeß einen Sinn für ethische Verantwortung dem Planeten gegenüber aus, die genauso lebhaft empfunden wird wie unsere ethische Verantwortung anderen Menschen gegenüber. Das ökologische Ich versucht, diese Verantwortung mit dem Netz der sozialen Beziehungen und politischen Entscheidungen zu verweben.

 

6. Zu den wichtigsten therapeutischen Zielsetzungen der Ökopsychologie gehört die Überprüfung und Neubewertung gewisser zwanghafter, männlicher Charakterzüge, die unsere politischen Machtstrukturen durchdringen und uns dazu treiben, die Natur zu unterwerfen und zu dominieren, als wäre sie ein fremder, rechtloser Bereich. Hier greift die Ökopsychologie auf einige zentrale Einsichten des Ökofeminismus und der feministischen Spiritualität zurück, vor allem in bezug auf die Entmystifizierung und Auflösung der traditionellen Geschlechterstereotypen.

 

7. Alles, was zur Etablierung überschaubarer sozialer Formen und zur Stärkung der Persönlichkeit beiträgt, nährt das ökologische Ich. Alles, was nach großangelegter Dominanz und der Unterdrückung der Persönlichkeit strebt, unterminiert das ökologische Ich. Daher stellt die Ökopsychologie die Vernunft unserer alles verschlingenden urban-industriellen Kultur grundsätzlich in Frage, unabhängig davon, ob sie kapitalistisch oder kollektivistisch organisiert ist (...).

 

8. Die Ökopsychologie geht davon aus, daß es zwischen dem Wohlbefinden des Planeten und dem der Person eine synergetische Wechselbeziehung gibt (...). Die Bedürfnisse des Planeten sind die Bedürfnisse der Person; die Rechte der Person sind die Rechte des Planeten."

 

 

 

2.7 Der umwelt-philosophische Ansatz von VON HÖSLE

 

 

 

Was kann uns die Philosophie (grch. "Liebe zur Weisheit") - ehemals die Königsdisziplin der Wissenschaften, heute dagegen meist nur am Rande der Universitäten wahrgenommen, oft sogar als "weltfremde" Geisteswissenschaft verspottet - über Ursachen und Auswege der ökologischen Krise mitteilen? In der Tat hat auch die Philosophie lange Zeit zu diesem Thema geschwiegen. Dabei lassen sich schon in der Antike bei Platon richtungsweisende Denkmuster entdecken, wie der Berliner Philosoph Maurer (1989) aufgezeigt hat. Die Tatsache, daß inzwischen der Philosophie zur ökologischen Frage wieder mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist vor allem Hans Jonas zu verdanken, der mit seinem Werk "Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technische Zivilisation" (1979) den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sowie zahlreiche Ehrendoktorwürden in aller Welt erhielt. Auch für viele Nichtphilosophen wurde Jonas zu einer Art Pflichtlektüre (unter ihnen Verantwortungsträger aus Wirtschaft und Politik, wie z.B. Altbundeskanzler Helmut Schmidt). In diesem Kapitel interessieren vor allem Jonas' Antworten auf die Frage, warum Philosophie und Ethik heutzutage stärker als in früheren Zeiten gefordert seien (zum Begriff der Verantwortung ausführlicher in Kap. 6.4). Im Zentrum unserer Suche nach philosophischen Beiträgen zu Ursachen und Auswegen der ökologischen Krise stehen in diesem Kapitel die sog. Moskauer Vorträge des italienischen Philosophen Vittorio von Hösle, die in einem Buch mit dem Titel "Philosophie der ökologischen Krise" (1991) zusammengefaßt vorliegen.

 

Wenn man mit Whitehead davon ausgeht, daß alle Philosophie nur als Fußnoten zu Platon zu interpretieren sei, dann liegt es nahe, auch in Zeiten der ökologischen Krise nach Platon zu fragen. Einerseits wurde in der Antike und speziell bei Platon mit einem Leib-Seele-Dualismus sehr früh ein Grundstein für die Entfremdung des Menschen von der Natur gelegt (im Gegensatz zum Beispiel zu den früheren mythischen Naturphilosophien), der zu Beginn der Neuzeit sich schließlich vollends "entfaltete". Andererseits finden sich aber auch bei Platon Ansatzpunkte zur Lösung der heutigen ökologischen Krise. Einen Versuch, Platon daraufhin analysieren, unternimmt Maurer (1989) mit seinen Thesen über das moderne Interesse an Platons 'Staat'. Ausgangspunkt ist dabei die Annahme, daß Platon mit der Kritik der Polis seiner Zeit zugleich Grundzüge unserer Zeit trifft. Platon diagnostizierte so etwas wie die 'Athener Krankheit'. Sie zeige sich in einer bestimmten Lebenshaltung, nach der es das Beste für den Menschen und für sein Glück förderlich sei, die eigenen Bedürfnisse und Begierden so groß wie möglich werden zu lassen. Dagegen werde nach Platon bzw. Sokrates durch ein solches Immer-mehr-haben-Wollen ("Pleonexia"), durch einen unendlichen Progreß der Begierden, ein kosmisches, göttlich garantiertes Maß verletzt. Dabei sei Pleonexie ein doppeltes Streben, sowohl kompetitiv nach dem Mehr als andere, als auch absolut nach dem Immer-mehr. Aus moderner Sicht sei es naheliegend, bei Platon im Zusammenhang mit seiner Diagnose der Athener Krankheit auch eine Einsicht in deren Umweltfolgen zu vermuten. Im Vergleich zu der Begrenzungskrise der altgriechischen Poliskultur mutet die heutige Begrenzungskrise der Menschheitspolis gewaltig an.

 

Die Platonische Lösung einer ethisch-politischen Vernunftaristokratie, bei der die innere und die äußere Verfassung in Beziehung gesetzt werden, sei zwar problematisch, zumal aus liberalistisch-demokratischer Sicht (vgl. Popper 1980). Aber für mindestens ebenso problematisch hält Maurer angesichts der Begrenzungskrise unserer erdumfassend gewordenen technologischen Zivilisation die moderne Lösung einer vor allem äußerlichen Ordnung. So stelle die Platonische, ethisch-politische Psychologie eine interessante Theorie über die Ursachen der ökologischen Krise der technologischen Zivilisation dar. Mit seiner engen Verbindung zwischen äußerer, politisch-gesellschaftlicher und innerer, ethischer Verfassung enthalte Platons Staat eine ernstzunehmende Alternative zum modernen Lösungsweg in dem Sinne, den unendlichen Fortschritt der Konsumbegierden des 'american way of life' unter Kontrolle zu bringen.

 

Auch Jonas (1979) ist diesen Gedanken, die modern gesprochen in Richtung einer totalitären Ökodiktatur gehen, nicht völlig abgeneigt. Er zieht sie zumindest in Erwägung und gesteht einen Zustand der Ratlosigkeit angesichts der heutigen politischen Situation ein. Im "Prinzip Verantwortung" spekuliert Jonas mit der "Macht der Weisen" (S.56) im politischen Körper. In einer temperierten Fassung ließe sich die platonische Idee wohl auch in ein demokratisches System einbauen. Allerdings äußert Jonas auch den Verdacht, daß die Demokratie auf Dauer nicht die zur Lösung der globalen Probleme geeignetste Regierungsform sei, in einer 'Rettungsbootsituation' gäbe es zur Tyrannis wahrscheinlich keine Alternative.

 

Ausgangspunkt der Analysen bilden die nach Jonas völlig neuartigen Dimensionen menschlichen Handelns, die zur größten Herausforderung führen, die dem menschlichen Sein je aus eigenem Tun erwachsen ist. Gesellschaftlich und philosophisch konstatiert Jonas ein "Vakuum des heutigen Wertrelativismus" (S.7). Da nicht nur das Menschenlos, sondern auch das Menschenbild gefährdet sei, erfordere eine neue Ethik über Furcht hinaus auch Ehrfurcht. Aufgrund der veränderten Dimensionen menschlichen Handelns betrete die ethische Theorie Neu- bzw. Niemandsland. Ein bedeutsames Merkmal traditioneller Ethik ist der Anthropozentrismus, wie er zum Beispiel in dem christlichen Gebot "Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst!" zum Ausdruck kommt. Diese ausschließliche Ausrichtung auf den Nahkreis des Handelns reiche heute nicht mehr aus (auch wenn sie natürlich weiterhin Bestand habe). Die Vorschriften der Nächsten-Ethik würden "überschattet von einem wachsenden Bereich kollektiven Tuns, in dem Täter, Tat und Wirkung nicht mehr dieselben sind wie in der Nahsphäre" (S.26). Als markantestes Beispiel der veränderten Dimensionen menschlichen Handelns wird die Gefahr der Ausbreitung radioaktiver Strahlung genannt. Weder räumlich noch zeitlich seien die Folgen einer Atomkatasrophe zu überblicken. Es handelt sich dabei um Reichweiten, die über Kontinente und Generationen weit hinausgehen.

 

Jonas postuliert eine nicht-anthropozentrische Ethik, die der Natur ein "sittliches Eigenrecht" (S.29) einräume. In früherer Zeit verband sich mit einer nicht-anthropozentrischen Sichtweise eine mythologische Perspektive, bei der Bäume, Flüsse und Berge den Menschen heilig waren. Damals war die nicht-anthropozentrische Sichtweise oft allerdings auch Ausdruck menschlicher Ohnmacht gegenüber einer übermächtigen Natur, die von den Griechen als Göttin ("Gaia") verehrt wurde. Jonas stellt die Frage in den Raum, ob ohne die Wiederherstellung der durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstörten "Kategorie des Heiligen" (S.57) überhaupt eine entsprechende ökologische Ethik möglich sei.

 

In Anlehnung an Kants kategorischen Imperativ schlägt Jonas einen neuen Imperativ vor (S.36): "Handle so, daß die Wirkungen Deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens" bzw. "Gefährde nicht die Bedingungen für den indefiniten Fortbestand der Menschheit". Während Kants Imperativ als Beispiel einer Gesinnungsethik nur an das Individuum gerichtet ist, wendet sich Jonas' neuer Imperativ auch an die öffentliche Politik und wird damit über ein moralisches Problem hinaus zu einer politischen Frage. Voraussetzung sei aber zunächst einmal die Akzeptanz des Imperativs. Die weitverbreitete, hedonistische 'Nach-uns-die Sintflut-Haltung' ist nach Jonas nur schwer zu widerlegen. So könnten wir sowohl individuell als auch kollektiv für die Menschheit "ein kurzes Feuerwerk äußerster Selbsterfüllung der Langeweile endloser Fortsetzung im Mittelmaß vorziehen" (S.36). Den Gedanken einer kollektiven Euthanasie greift Jonas an anderer Stelle noch einmal auf, als er das antizipierte Szenario einer Klimakatastrophe mit dem drastischen Anstieg des Ozeanspiegels als das Ende eines kurzlebigen Menschenfestes wie folgt kommentiert (S.334): "So würde das leichtsinnig-fröhliche Menschenfest einiger industrieller Jahrhunderte vielleicht mit Jahrtausenden veränderter Erdenwelt bezahlt werden - kosmisch nicht ungerecht, da in ihnen das Erbe vergangener Jahrmillionen verschleudert wurde".

 

Mit einer Widmung für Jonas ("dem weisen Menschen, dem besorgten Mahner, dem großen Denker, ohne den es immer noch keine praktisch verantwortliche Philosophie der ökologischen Krise gäbe") beginnt Hösle den Band seiner Moskauer Vorlesungen, die er 1990 am Institut der Akademie der Wissenschaften der damaligen UdSSR gehalten hat. Hösle wendet sich gegen die allgegenwärtige Verdrängung ökologischer Katastrophen, die mit der Philosophie nicht vereinbar seien: "Denn die Philosophie hat es mit der Wahrheit zu tun, und zwar nicht mit dieser oder jener Richtigkeit, sondern mit derjenigen Wahrheit, die das Ganze des Seins betrifft" (S.15). Hösle plädiert für eine Naturphilosophie, die die Autonomie der Vernunft mit einer eigenständigen Würde der Natur verbindet, und ruft für diese Aufgabe alle Disziplinen der Philosophie auf, u.a. die Metaphysik, die Anthropologie, die Ethik und die Politische Philosophie. So unerläßlich die ökotechnokratische Detailarbeit der Einzelwissenschaften auch sei, so sehr könne nur die Wiederherstellung eines ideellen Hauses langfristig das Überleben unseres irdischen Hauses sichern. Die Wiedergewinnung einer metaphysischen Heimat für die Menschen der technischen Zivilisation könnte daher eine der größten Herausforderungen für die Philosophie der Gegenwart sein.

 

"Die Ökologie als neues Paradigma der Politik" - so lautet das Postulat des Eingangsvortrags (20ff). Hösle hält eine Universalisierung des westlichen Lebensstandards ohne vollständigen ökologischen Kollaps der Erde nicht für möglich und leitet unter Berufung auf Kants kategorischen Imperativ die Auffassung ab, daß der Lebensstandard der westlichen Industrienationen nicht moralisch sei. An der Grundthese, nach der ökologische Katastrophen auf die Menschheit zukommen werden, gebe es laut Hösle - "trotz aller kollektiven Anstrengungen, dies zu verdrängen" - keinen Zweifel, strittig sei höchstens der Zeitpunkt dieser Katastrophen. Angesichts solcher Zukunftsbedrohungen scheine der seit 1989 in den osteuropäischen Ländern eingetretene Paradigmenwechsel nicht radikal genug gewesen zu sein. Bedenkt man, daß der Ost-West-Konflikt bei allen Gegensätzen mit dem Primat des Ökonomischen als gemeinsame Grundlage das Ziel verfolgte, durch die Entwicklung der Technik die wirtschaftlichen Bedürfnisse der eigenen Bürgerinnen und Bürger möglichst umfassend zu befriedigen, so könne man sich heute sie Frage stellen, ob jenes gemeinsame Ziel überhaupt sinnvoll sei. Hösle erinnert in seinem ersten Moskauer Vortrag daran, daß die Wirtschaft nicht immer das dominante Subsystem in der Geschichte war. Vielmehr weist er mit von Weizsäcker (1989) auf die Paradigmenwechsel der letzten Jahrhunderte hin, die sich von der Religion im 18. Jahrhundert, über die Nation im 19. Jahrhundert auf die Ökonomie im 20. Jahrhundert erstreckten. Gegenwärtig stünde die Menschheit an der Schwelle eines erneuten Paradigmenwechsels, bei dem das Paradigma der Wirtschaft dem Paradigma der Ökologie weichen müsse. So werde das 21. Jahrhundert als das "Jahrhundert der Umwelt" in die Geschichte eingehen. Die Konsequenzen, die sich aus diesem Paradigmenwechsel ergeben würden, seien nach Hösle durch ein völlig neuartges "Freund-Feind-Verhältnis" gekenzeichnet, bei der die ökologische Krise als der gemeinsame Feind der ganzen Menschheit erkannt werden müsse. So sei das alte "Rechts-Links-Denken" der westeuropäischen Intelligenz antiquiert. Für die Zukunft wird folgende Neudefinierung vorgeschlagen (S. 37): "Progressiv ist, wer auf das normativ ausgezeichnete Telos hinarbeiten möchte; reaktionär ist, wer zurück zu einem Zustand möchte, der vom Telos noch weiter entfernt ist als der gegenwärtige; konservativ ist, wer den Status quo bewahren möchte."

 

Der zweite Vortrag beschäftigt sich mit den "geistesgeschichtlichen Grundlagen der ökologischen Krise" (S. 43ff). Dieser Beitrag ist gleichzeitig der im engeren Sinn am meisten philosophische Vortrag der Moskauer Reihe. Gegenstand der Ausführungen ist die Beziehung des Menschen zur Natur. Sie ist nach Hösle - in Anlehnung an Jonas (1979) - charakterisiert durch ein "Mißverhältnis zwischen Macht und Weisheit" (S. 44). Unter dem Hinweis, daß Sinn- und Wertfragen kausalwissenschaftlich letztlich nicht beantwortbar seien, wird eine Verschiebung im Selbstverständnis des Menschen und in seiner Interpretation des Verhältnisses zwischen ihm und der Natur konstatiert, die zum Naturbegriff der modernen Naturwissenschaft und Technik geführt hätte. Als Grundlage der modernen Naturwissenschaft sieht Hösle den Naturbegriff von Descartes mit seiner dualistischen Entgegensetzung von res cogitans und res extensa, die auch als Cartesische Lehre von der Natur bezeichnet wird. Bei Descartes verläuft die Grenze zwischen res cogitans und res extensa durch den Menschen selbst, so daß die physische Natur des Menschen ebenfalls zur res extensa gerechnet wird. Mit seiner contraintuitiven Theorie, nach der die nichtmenschliche Natur vollständig subjektivitätslos aufgefaßt wird, leistete Descartes einen entscheidenen Beitrag zum Siegeszug der modernen Naturwissenschaft, die die Natur als ihren Gegenstand somit deontologisiert, also ihres eigenen Seins beraubt hat. Als ein weiteres Grundmerkmal moderner Wissenschaft nennt Hösle die Überordnung der Quantität über die Qualität, welche sich ebenfalls schon in der Idee der cartesischen Geometrie ankündigt (vgl. Katasonov 1989). Nichts zeige den Triumph des quantitativen über das qualitative Denken eher als der Begriff des "Overkills" - als ob es einen Unterschied machte, ob man einmal oder zweimal tot sei, als ob nicht der Tod eine absolute qualitative Grenze wäre.

 

Die Superstruktur moderner Industriegesellschaften geht nach Hösle auf die Triade von Wissenschaft, Technik und kapitalistischer Wirtschaft zurück und bildet den zunehmend schwerer zu kontrollierenden Motor der modernen Gesellschaft (vgl. Gehlen 1957). Angesichts der historischen Errungenschaften sei der Gedanke eines Ausstiegs aus der modernen Technik und dem modernen Kapitalismus aber zu verwerfen, denn ohne Technik und Wirtschaft lasse sich die Umwelt nicht retten. Auch die Idee der Wissenschaft als Versuch, das Seiende auf wenige Prinzipien zurückzuführen, dürfe laut Hösle nicht verabschiedet werden. Er müsse vielmehr in Richtung Ganzheitlichkeit umgewandelt werden. Aufgabe der Philosophie sei es im Sinne der Übernahme von Verantwortung, "erstens neue Werte zu erarbeiten und sie zweitens an die Gesellschaft und an die Führungskräfte der Wirtschaft weiterzugeben - und zwar so schnell wie möglich" (S.68).

 

Die letzten drei Vorträge sind den praktischen Aspekten der ökologischen Krise gewidmet, welcher der klassischen Dreiteilung der praktischen Philosophie in der Antike und im Mittelalter entsprechen: Individualethik, Ökonomie und Politik. So geht es in dem Vortrag über die "ethischen Konsequenzen aus der ökologischen Krise" (S.69ff) weniger um technische Fragen der Machbarkeit als vielmehr um die Frage, ob es sinnvoll sei, etwas zu machen. Mit dem Wachsen der menschlichen Macht ins Unermeßliche würden die natürlichen Ausgleichsmechanismen von Ökosystemen gefährdet, sofern sie sich nicht von einer Weisheit, die sich als Hüterin der Natur versteht, bewußt bewahren ließen. Zu den wichtigsten Aufgaben der Ethik im Jahrhundert der Umwelt gehöre es, dem "Infinitismus" abzusagen und zum Maß zurückzufinden, um auch die Existenz zukünftiger Generationen zu sichern. Hösle denkt dabei vor allem an asketische Ideale, welche Bedürfnislosigkeit als ein Kriterium von Freiheit proklamieren. Das eigentliche Problem der Ethik liege jedoch nicht in der Wiederbelebung traditioneller Werte oder der Begründung neuer Normen, sondern auf der Motivationsebene. Viel schwerer als die Einsicht in die Notwendigkeit eines Bewußtseinswandels sei die Durchsetzung eines entsprechenden Handelns. Eine der Ursachen der ökologischen Krise sieht Hösle darin, daß wir manchmal wirklich nicht wissen, was wir tun. Eine andere Ursache bestehe in unserem mangelndem Antriebssystem, das keine Veränderung unseres Handeln bewirkt, wenn uns die Folgen mitgeteilt werden. Als ein markantes Beispiel der "kollektiven Unmoral der Umweltzerstörung" (S.90) wird das sog. Gutachterdilemma angeführt: Es sei heute zu fast allen Fragen möglich, wissenschaftliche Gutachten zu erhalten, welche entgegengesetzte Folgen voraussagen - mit der nicht unwesentlichen Konsequenz, daß das Vertrauen in die Institution Wissenschaft erschüttert werde. Meist sorge der Interessenfaktor für die größere Glaubwürdigkeit der positiven gegenüber der negativen Prognose. Jonas (1979) postuliert dagegen den Vorrang der schlechten vor der guten Prognose ("in dubio pro malo"), sofern diese die Vernichtung des Seins beinhalte. Hösle setzt gewisse Hoffnungen auf die gesellschaftlichen Meinungsbildner, explizit auf die Hochschulen und Schulen, Medien und Kirchen, die an der Sammlung und Weitergabe der entsprechenden Informationen arbeiten. Motivationspsychologisch sei es wichtiger, die Menschen zu lehren, wieder die Schönheiten der Natur zu empfinden, als ihnen die moralischen Übel der Umweltzerstörung vorzuführen, wenn man langfristig etwas erreichen wolle.

 

Im Mittelpunkt der vierten Vorlesung mit dem Titel "Ökonomie und Ökologie" (S.96ff) steht die folgende Grundfrage: "Wie muß man mit dem Eigennutz - dem Motor der kapitalistischen Wirtschaft - umgehen, um eine moralisch akzeptable Gesellschaftsordnung zu erreichen?" (S.97). Mit Gorz (1985) ist Hösle der Auffassung, daß sich kapitalistische und sozialistische Wirtschaftssysteme unter dem umfassenderen Begriff des Industriealismus zusammenfassen lassen. Es scheine so, als wenn die Systemgegensätze zwischen Ost und West nicht primär auf einer Divergenz der Ziele wie Selbstbestimmung und Wohlstand für möglichst alle als universalistische Ideale der Aufklärung basierten. Die Differenzen bestünden vielmehr in den unterschiedlichen Vorstellungen über den besten Weg der Realisierung der Ideale. Hösle äußert an dieser Stelle Bedenken gegenüber Jonas, der im "Prinzip Verantwortung" (1979) bei einem Vergleich der beiden Wirtschaftssysteme zu dem Ergebnis kommt, daß ein sozialistisches System eher zu asketischen Idealen der Massen beitragen könne. Stattdessen argumentiert Hösle mit den klassischen Befürwortern des Kapitalismus wie folgt (S.100): "Wer den Egoismus ausschaltet, ohne die Energien, die ihn beseelen, auf einer höheren Ebene bewahren zu können, verdammt die Menschheit zu einer Apathie und Gleichgültigkeit, die noch schlimmer sein wird als der vorangegangene Zustand. Ohne die unheimliche Effizienz eines aus egoistischen Gründen rationalisierten wirtschaftlichen Handelns lassen sich große Aufgaben - wie etwa die Rettung der Umwelt - schwerlich bewältigen". Wenn man nach den Rahmenbedingungen frage, die notwendig seien, um die Zerstörung der Umwelt aufzuhalten, so könne bezweifelt werden, ob das Bruttosozialprodukt den besten Indikator für das Wohlergehen eines Gemeinwesens darstellt, bedenkt man, daß die Umweltzerstörung das Bruttosozialprodukt steigere, da sie jährliche Reparaturkosten in Milliardenhöhe bedinge (vgl. Wicke in Kap. 2.3). Die Bewahrung der ökologischen Grundlagen des menschlichen Lebens könnten wohl nur gewahrt werden, wenn die Rahmenbedingungen sich derart ändern, daß die Umweltzerstörung sich finanziell nicht mehr lohne. Hösle hält es für möglich, z.B. durch ein System von Umweltsteuern ein egoistisches Motiv zu schaffen, um so sparsam wie möglich mit den natürlichen Ressourcen hauszuhalten.

 

In seinem letzten Moskauer Vortrag befaßt sich Hösle mit den "politischen Konsequenzen aus der ökologischen Krise" (S.121ff). Die politische Philosophie beschäftigt sich vor allem mit zwei Fragen: Zum einen geht es um die Struktur eines idealen Staates, zum anderen geht es um die ungleich schwierigere Frage, wie eine Annäherung an den idealen Staat zu erreichen sei, der als regulative Idee seine Geltung auch dann behält, wenn gezeigt werden kann, daß er nie vollständig zu verwirklichen sein wird. Angesichts der ökologischen Krise stellt von Hösle insbesondere die Frage, wer die Rechte der kommenden Generationen schützen könnte. Jonas (1979) bemerkt dazu: "Die 'Zukunft' aber ist in keinem Gremium vertreten; sie ist keine Kraft, die ihr Gewicht in die Waagschale werfen kann. Das Nichtexistente hat keine Lobby und die Ungeborenen sind machtlos. Somit hat die ihnen geschuldete Rechenschaft vorerst noch keine politische Realität im gegenwärtigen Entscheidungsprozeß hinter sich, und wenn sie sie einfordern können, sind wir, die Schuldigen, nicht mehr da" (S.55). Zur Veränderung der gegenwärtigen Situation diskutiert Hösle - für einen Philosophen ungewöhnlich - einige ganz konkrete, politische Maßnahmen. Innerhalb der Regierung müßte zum Beispiel das Umweltministerium zu einem Schlüsselministerium, dem Innen- oder Finanzministerium vergleichbar, entscheidend aufgewertet werden. Das Umweltbundesamt müßte in der öffentlichen Meinung einen ähnlichen Stellenwert wie die Bundesanstalt für Arbeit erhalten. Dem Übergang vom Sozialstaat zum ökologischen Staat entspräche es nach einem Vorschlag von Fischer (1989), wenn der Präsident des Umweltbundesamtes monatlich im Fernsehen über Erfolge und Niederlagen im Umweltschutz berichtete. Weiterhin müßten die politischen Eliten wie im antiken Rom wieder eine Vorbildfunktion für die ganze Bevölkerung wahrnehmen. So hatte beispielsweise das römische Zensoramt einen feinen Sinn für die moralischen Gefahren, die vom Luxus ausgehen, wie uns Cicero ("De legibus" III 30) verrät. Schließlich reichen nationale Alleingänge angesichts der Globalität der Gefahren nicht aus, so daß eine Umweltaußenpolitik in baldiger Zukunft zum Hauptbestandteil der Außenpolitik werden könnte. Hösle hält von daher einen "Marshallplan zur Rettung der Umwelt" (Wicke & Hucke 1989) für unerläßlich. Dieser Sofortmaßnahmenkatalog sei sofort einzuleiten, da der weltgeschichtliche Zeitfaktor kaum abzuschätzen sei. Vor allem bedarf es aber der Menschen, die sich dieser großen Aufgabe annehmen. Hösle setzt dabei seine Hoffnungen u.a. auf "Führungskräfte, die die Umweltfrage nicht nur abstrakt zur Kenntnis nehmen, sondern von ihr beseelt sind" (S.142/3). Die politische Elite bräuchte eine Vision, die sich nicht in der Wahnidee erschöpfe, das Glück auf Erden bestünde in der Befriedigung aller möglichen Bedürfnisse und der vollständigen Unterjochung der Natur durch den Menschen (vgl. Bloch in Kap. 6.4). Kernpunkt einer solchen Vision müßte vielmehr eine Versöhnung des Menschen mit der Natur sein. Nach Hösle sind die Chancen für die Bewältigung der Probleme auch davon abhängig, ob 'die Jugend' für diese Vision gewonnen werden kann. Die Aufgaben und Herausforderungen der augenblicklichen Weltkultur mögen uns möglicherweise überfordern, wie Hösle abschließend (S.146) eingesteht, sie würden uns Gegenwärtigen aber immerhin nicht das Gefühl geben, nicht gebraucht zu sein.

 

 

 

2.8 Der umwelt-theologische Ansatz von DREWERMANN

 

 

 

Am Ende unserer interdisziplinären Auseinandersetzung steht die Frage, ob die menschliche Naturbeherrschung nicht quasi per Religion legitimiert wurde. Selbst wenn die Einstellungen, die das Verhältnis des Menschen zur Natur kennzeichnen, heute weitgehend säkularisiert und enttheologisiert sind, lassen sich auch christlich-religiöse Motive postulieren. So bemerkt z.B. der australische Philosoph John Passmore: "Ökologische Kritiker des Westens haben recht, wenn sie argumentieren, daß das Christentum den Menschen dazu ermutigt hat, sich selbst für metaphysisch einzigartig zu halten und als etwas zu betrachten, das übernatürlich über dem Auf und Ab der Prozesse steht. Das ökologisch Gefährliche am Christentum ist nämlich nicht, daß es die Heiligkeit der Natur ablehnt, sondern daß es die Menschen zu dem Glauben verleitet, sie seien 'Söhne Gottes' und deshalb sicher, weil ja ihre fortgesetzte Existenz auf der Erde durch Gott garantiert sei. In diesem Sinne führt es zu Hybris. Die Natur erscheint als etwas, das man straflos plündern kann" (1992, S.224). Ob solche Einstellungen im Sinne des Christentums sind, kann man zwar bezweifeln, dennoch läßt sich die Sonderrolle des Menschen aus der Theologie leicht ableiten. Verschärfend kommt in unserer heutigen Situation dazu, daß der moderne, über der Natur stehende Mensch im Gegensatz zu früheren Zeiten keinen Gott mehr als Korrektiv über sich glaubt. In der Tat lesen sich zentrale Bibelzitate wie z.B. der Satz "Seid fruchtbar und mehret euch (...) und macht euch die Erde untertan" (Genesis 1, Vers 28) wie frühe Gebrauchsanleitungen zur Herstellung der ökologischen Krise. Allerdings ist es nicht selbstverständlich, aus diesem göttlichen Auftrag einen Herrschaftsanspruch zu interpretieren. Die englische Rede von "steward-ship" weist mehr auf eine Treuhänder-Rolle hin, die den Menschen eher zu einem Verwalter und nicht zu einem Überwältiger macht (Passmore 1980, S.28).

 

Eine kritische Analyse des Christentums unternimmt Drewermann in seinem Buch "Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums" (1982). Für Drewermann ist in der vom Christentum so stark beeinflußten Geisteshaltung Europas die Hauptursache der ökologischen Krise zu suchen. Der europäische Geist habe ein Menschenbild entworfen, das bis heute seine Gültigkeit nicht verloren habe. Dazu gehöre sowohl die Überzeugung, daß die Geschichte sich ausschließlich um den Menschen drehe und nur zu seinem Zwecke da sei, als auch die Überzeugung, daß die menschliche Geschichte ihren Sinn in einem ständigen Fortschritt verwirkliche. Ein weiteres Kennzeichen dieses Menschenbildes sei außerdem die einseitige Ausrichtung auf zweckrationale Kräfte, verbunden mit der Leugnung oder Pathologisierung unbewußter Antriebe. Drewermann beginnt seine Analyse unter der Überschrift "Fakten, die Symptome sind" mit einer für Theologen ungewöhnlich ausführlichen Darstellung der real existierenden Probleme (u.a. Bevölkerungsvermehrung, Zerstörung der Wälder, Ausrottung der Tiere usw.) und referiert im Anschluß daran zunächst die technischen Möglichkeiten ("Maßnahmen, die absolut notwendig und dennoch völlig unzureichend sind") und darauf die aus seiner Sicht geistigen Notwendigkeiten zur Bewältigung der Probleme. Auch der anläßlich der 6. Auflage (1992) ein Jahrzehnt nach der Erstveröffentlichung beigefügte Anhang beginnt mit einer über einhundertseitigen Aktualisierung der Krisensymptome und endet mit einigen "Anregungen zum Umdenken".

 

Interessant im Zusammenhang mit dieser Arbeit sind besonders die Beiträge, die sich als spezifisch theologische Antworten auf die Ursachen und Lösungen der ökologischen Krise herauskristallisieren lassen. Der Grund dafür, daß überhaupt ein Theologe einen solchen Beitrag schreibt, liegt nach einer einleitenden Aussage des Autors darin, "daß Theologen das bestehende Problem, wenngleich in einer schicksalhaften Verkehrung ihrer eigentlichen Absichten, wesentlich mitverursacht haben" (S.8). Wie bereits angedeutet, sieht Drewermann die Hauptursache der Krise in einem "rigorosen und schrankenlosen Anthropozentrismus" (S.62), der den Menschen als Mittelpunkt und Maß der Welt betrachte. Insofern sei statt nach "Umweltschutz" eigentlich nach einem neuen Menschenbild zu fragen.

 

Verfolgt man die geistesgeschichtliche Entwicklung des Anthropozentrismus, so ergeben sich nach Drewermann vor allem zwei Gründe, ein philosophischer und ein religiöser. Während für die Ägypter, Babylonier und Inder das Göttliche gerade auf der Einheit von Mensch und Tier beruhte, waren die Griechen die ersten, die ihren Göttern menschliche Züge verliehen und damit den Menschen in die Nähe der Götter rückten. Bereits in der ionischen Naturphilosophie beginne ein Denken, das für das Abendland von entscheidener Bedeutung werden sollte, indem es an die Stelle des Mythos den Logos, an die Stelle des Gefühls die Ratio und an die Stelle der Welt der Götter die Gesetzmäßigkeiten der Ursachen setzte. In diese Zeit fiel der Homo-Mensura-Satz von Protagoras ("Der Mensch ist das Maß aller Dinge").

 

Was diese Einstellung in der Praxis bedeutete, zeigten vor allem die Römer, die den griechischen Anthropozentrismus mit einem ungeheuren Herrscherwillen verbanden. So schrieb zum Beispiel Cicero: "Die Welt ist (...) in erster Linie der Götter und Menschen wegen geschaffen worden, aber all ihre Einrichtungen sind nur zum Nutzen der Menschen ersonnen und ausgeführt" ("De natura deorum", 2. Buch, Kap. LXII). Entsprechend stellt er z.B. die These auf, daß das Schwein sein Leben nur habe, um dem Menschen das Salz zum Einpökeln zu sparen, damit es nicht faule. Mit den Römern trat erstmals eine Geistesart auf den Plan, die die gesamte Natur zum bloßen Rohstoff für menschliche Zwecksetzungen erklärte. Die Wirkungen dieser Einstellungen hätten im gesamten Mittelmeerraum und weit darüber hinaus bis heute ihre sichtbaren Spuren u.a. in Form von verkarsteten Landschaften hinterlassen. Die praktische Skrupellosigkeit, mit der die Römer die Religion auf die Anbetung menschlicher Macht und die Natur auf eine bloße Vorratskammer zur menschlichen Ausbeutung reduzierten, mutet erschreckend an.

 

Das Christentum, das politisch und kulturell das Erbe der Römer antrat und damit das "Abendland" begründete, habe den Anthropozentrismus der römischen Grundeinstellung und die Fremdheit gegenüber der Natur keinesfalls gemildert, sondern eher noch gesteigert. Die Religion Israels, von der das Christentum wesentlich geprägt ist, besaß zur Natur von vorneherein ein problematisches Verhältnis. Im Mittelpunkt dieser Religion stand ganz und gar der Mensch bzw. die Geschichte eines einzigen Volkes. Anders als die Griechen, für deren Naturphilosophie das Göttliche ein unpersönliches Prinzip in oder hinter allen Dingen war, betrachteten die Hebräer den Gott der "Schöpfung" wie einen Patriarchen, der mit seinem Befehl und seiner Macht die Welt regiert. Während die Griechen das Geheimnis der Natur in eine Abstraktion der Rationalität auflösten, betrachteten die Hebräer die Welt als eine bloße Manifestation der Macht Gottes.

 

Nach Drewermann kommen hier zwei Gedanken zusammen: die Natur als Emsemble rationaler Gesetzmäßigkeiten bei den Griechen und die Natur als eine Art Feindin, die sich dem menschlichen und göttlichen Willen zu unterwerfen habe, bei den Hebräern. Beide Gedanken bildeten den Hintergrund der "christlichen" Einstellung zur Natur, und erst ihr Zusammenwirken begründete Jahrhunderte später die moderne Naturwissenschaft und Technik. Der christliche Anthropozentrismus ging schließlich so weit, die Naturordnung völlig auf den Kopf zu stellen und das gesamte Schicksal der Natur vom Menschen abhängig zu machen: wegen der Sünde Adams seien alle Geschöpfe bestraft worden und müßten durch den Menschen erlöst werden - "ganze Generationen von Theologen haben sich abgemüht, diese Anschauung als eine höhere Form der Gerechtigkeit und Weisheit Gottes darzustellen" (S.75), obwohl sich das Christentum gerade mit seinem naturphilosophischen Anthropozentrismus von Anfang an in Widerspruch zu den aufgeklärten griechischen Philosophen befand, die bereits erahnten, daß die Welt nicht einfach nur für den Menschen geschaffen sein konnte.

 

Der eklatante Mangel der biblischen Anthropozentrik wirkt sich nach Drewermann (S.100ff.) dahingehend aus, daß es kaum möglich sei, auf dem Boden der Bibel eine umfassende, nicht nur auf den Menschen bezogene Ethik zur Natur zu begründen. Die Bibel selbst enthalte außer einer einzigen Stelle, nach der der Gerechte sich seines Viehs erbarmt (Spr. 12,10) und dem Gebot, dem dreschenden Ochsen nicht das Maul zu verbinden (Dt. 25,4) nicht einen einzigen Satz, wo von einem Recht der Tiere auf Schutz vor der Rohheit und Gier des Menschen oder gar auf Mitleid und Schonung die Rede wäre. Dabei sei zu bedenken, daß die Schonung der Haustiere in anderen Kulturen schon viel früher zu einem zentralen Anliegen erhoben wurde. Auch im Neuen Testament gebe es kein einziges Wort darüber, daß oder wie man mit Tieren und Pflanzen gütig umgehen müsse oder könne. Im Gegensatz zur Begrenztheit der Bibel sieht Drewermann die Anteilnahme am Wohlergehen aller Lebewesen bei Albert Schweitzer (1960): "Ethik besteht darin, daß ich die Nötigung erlebe, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen. Damit ist das denknotwendige Grundprinzip des Sittlichen gegeben. Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern; böse ist, Leben vernichten und Leben hemmen" (S.331). Jemand, dem das Leben als solches heilig sei, reiße kein Blatt vom Baum, breche keine Blume und achte darauf, kein Insekt zu zertreten. Ethik ist für Schweizer (S.332) "ins Grenzenlose erweiterte Verantwortung gegen alles, was lebt."

 

Drewermann hält es für eine Pflicht (S.109), auf eine Änderung des religiösen Bewußtseins in der Einstellung zur Natur zu wirken. Gefordert sei eine grundlegende religiöse Neubesinnung, die mit dem bisherigen jüdisch-christlichen Anthropozentrismus breche und zu einem Einheitsdenken und Erleben zurückführe, das in der abendländischen Geistesgeschichte stets als unchristlich, pantheistisch oder atheistisch bekämpft wurde. Es sei auch kein Zufall, daß von der Kirche im Menschen all diejenigen Kräfte verteufelt würden, denen die Mythen entstammen, wie die Kräfte des Gefühls, des Unbewußten oder des Traumhaft-Visionären. Die Leugnung des Unbewußten aufgrund der Vergeistigung des Gottesbildes sei ebenso ein Kurzschluß von Anthropologie und Metaphysik gewesen wie der christliche Anthropozentrismus auf einen naturphilosophischen Kurzschluß hinauslief. Die Konsequenzen dieser christlichen Lehre finden sich laut Drewermann (S.138) auf den Lehrstühlen der Psychologie in den Universitäten im Gewande der sog. tabula-rasa-Theorie wieder, wonach es im Menschen nichts anderes gebe, als das, was er von außen übernommen habe. Aus der Verstandeseinseitigkeit des Christentums erwachse heutzutage die Gefahr, daß der Mensch mit Vorliebe nach dem Modell des Computers gesehen werde und die Vernunft des Menschen sich auf den Gehorsam gegenüber der technischen Steuerung seitens der gesellschaftlichen Bürokratie reduziere (vgl. Weizenbaum 1976). So befürchtet Drewermann, daß die Verwüstung der äußeren Natur durch den Menschen sich durch eine gleichgeartete technische Ausbeutung und Kontrolle des Menschen durch den Menschen vollenden werde. Drewermann stellt die These auf, "daß in der Zerstörung der Natur durch die abendländische Technologie nur die innere Verwüstung des abendländischen, des christlichen Menschen nach außen verlegt wurde" (S.139).

 

Wenn diese Diagnose zutrifft, daß die ökologische Krise letztlich eine Krise des abendländischen Menschenbildes darstellt, kommt man an der Erkenntnis nicht vorbei, daß die eigentlich anstehenden Probleme letztlich religiöser Natur sind. So gesehen wäre die ökologische Krise "eine Krise der Religion und der menschlichen Psyche, dann erst eine Krise der Politik und der Wirtschaft" (S.154). In diesem Sinne könne es nicht genügen, die Schöpfungstheologie des Christentums mit einigen umweltfreundlichen ethischen und asketischen Ableitungen zu schmücken, wie es von Seiten kirchlicher Verantwortungsträger gerne getan werde. Vielmehr gehe es zunächst einmal darum, die Schuld des Christentums an der bestehenden Krise zu begreifen und zu verstehen. Kirchenkritisch konstatiert Drewermann schließlich (S.359ff), daß das Weltbild der christlichen Dogmatik inzwischen zwar rational die Erkenntnisse Galileis zu akzeptieren bereit sei, in Wahrheit aber die Kopernikanische Wende immer noch nicht vollzogen habe, geschweige denn, daß sie es durch Darwin oder Freud hätte verändern lassen. Die christliche Theologie sei von den Veränderungen des modernen Weltbildes absolut unbeeindruckt geblieben, was sich u.a. daran zeige, daß sie nach wie vor den Menschen für das Endziel aller göttlichen Heilsveranstaltungen im Alten und Neuen Testament erkläre. Die Nicht-Beachtung der wirklichen Parameter der Schöpfung in Raum und Zeit lasse die Wirklichkeit des Kosmos - gegen den heutigen Stand des Wissens, aber in Fortführung des statischen Weltbildes der mittelalterlichen Scholastik - als etwas an sich Fertiges, von Gott Gesetztes erscheinen, das vom Menschen beherrscht, benutzt, verwendet und verwaltet, jedoch nicht in seiner Eigenart verändert werden dürfe.

 

Zusammenfassend versucht Drewermann anhand von vier Merkmalen zu zeigen, daß die Problematik des gegenwärtigen Umgangs mit der Natur nicht so sehr darin bestehe, daß die Menschen mit der Technik in der Natur etwas verändern, sondern in der Art, wie diese Änderungen vorgenommen werden. Als Hauptmerkmale des menschlichen Umgangs mit der Natur werden das Prinzip der funktionalen Isolation, die Preisgestaltung der heutigen Wirtschaft, der Faktor des Gefühls (der Faktor der Angst zum Zwecke der Erhaltung der eigenen Existenz bzw. der Faktor des Mitleids zum Zwecke der Erhaltung des fremden Lebens) und der Faktor der unterschiedlichen Zeit, auch als "Diskrepanz der Geschwindigkeiten" bezeichnet, genannt. Insbesondere der letztgenannte Faktor verdient eine gesonderte Beachtung. Wie Ditfurth (1976) in Erinnerung ruft, begann der menschliche Geist vor ungefähr drei Millionen Jahren, seine Augen aufzuschlagen. Noch keine 3000 Jahre ist es her, daß die Menschen die Sterne für Götter hielten und erst seit 500 Jahren besteht eine klare Vorstellung von der geometrischen Form der Erde. Doch auch Millionen Jahre sind in geologischen Zeiträumen der Evolution nicht mehr als ein Bruchteil, gemessen an dem Parameter der Natur seien die Entwicklungsmöglichkeiten der menschlichen Art noch in den Kinderschuhen. Unter diesen Annahmen erscheine die Annahme vermessen, daß just zu dem Zeitpunkt menschlicher Existenz eine Gattung im Besitz der ganzen Wahrheit des Wissens um das Schicksal von Welt und Geschichte sein könne. Drewermann sieht darin eine Form eines archaischen Mittelpunktwahns, der darin bestehe, den eigenen zufälligen Standort als den einzigen und letztgültigen Beobachtungsort und Standpunkt der Weltanschauung zu interpretieren.

 

Um den "Krieg" gegen die Natur zu stoppen, sei dringend ein "Moratorium des Nachdenkens" (S.397) geboten. Der Mensch müsse im Umgang mit seinen beiden großen Trieben, der Aggression und der Sexualität, in den Themenschwerpunkten Krieg und Überbevölkerung in wenigen Jahrzehnten Verhaltensweisen ändern, die sich im Laufe von Jahrmillionen aufgebaut haben. Ein wichtiges Teilziel bestehe darin, zumindest die Reste einer noch intakten Natur vor jedem weiteren Zugriff des Menschen zu schützen. Die expansive Phase der menschlichen Geschichte sei an ihrem Ende angekommen, eine zweite, lebensintensive Phase werde es nur geben, wenn die Menschheit lerne, weise zu werden: "Erst eine Geschwisterlichkeit mit all unseren Mitgeschöpfen, eine Rückerinnerung an den Paradiesmorgen, wird eine Form von Religion heraufführen, in welcher Natur und Geschichte, Ökologie und Ökonomie, Welt und Mensch, Unbewußtes und Bewußtes, Gefühl und Verstand, Frau und Mann, Leib und Seele eine Einheit bilden können" (S.406). Im Gegensatz zur Natur habe der Mensch allerdings keine Zeit mehr, wie Drewermann in seinem Schlußwort mahnend feststellt (S.407): "Denn nur wenn wir jetzt die richtigen Entscheidungen treffen, werden wir das Fieberthermometer heutiger Geschichte auf einen für uns und die Welt erträglichen Grad herunterschlagen können - und stille werden in dankbarem Staunen über die unverdiente Schönheit des Seins".

 

 

 

2.9 Zusammenfassung und Bilanzierung der Ansätze

 

 

 

Wie wir gesehen haben, hat sich die ökologische Krise inzwischen auch in verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen herumgesprochen. Auch wenn die vorgestellten Ansätze fachintern möglicherweise ein Außenseiter-Dasein fernab vom Mainstream fristen, stellen sie zusammengenommen ein eindrucksvolles Zeugnis einer intensiven Auseinandersetzung mit der Frage dar, wie die Menschheitskrise in den Griff zu bekommen sei. Wie aber bekommen wir die diversen Ansätze in den Griff in dem Sinne, daß wir uns ein abschließendes Bild über Gemeinsamkeiten und Unterschiede der multidisziplinären Herangehensweisen machen können und gleichzeitig einen Hinweis darauf erhalten, wozu in diesem Kontext die vorliegende Arbeit gut sein könnte? Wir werden zunächst die sieben Ansätze jeweils nach folgenden drei Kriterien zusammenfassen: Erstens fragen wir nach der Diagnose bzw. Prognose, die nach Ansicht der jeweiligen Autoren den Status Quo bzw. dessen Fortschritt kennzeichnen. Ausgangspunkt ist also die Perspektive der Gegenwart. In einem zweiten Schritt fassen wir die jeweilige Analyse der Ursachen der ökologischen Krise zusammen, basierend auf der Frage: Wie konnte es zum gegenwärtigen Zustand überhaupt kommen? Hierbei steht meist ein Blick in die Geschichte im Mittelpunkt. In einem dritten und letzten Schritt schließlich fragen wir nach Therapievorschlägen, die sich aus den Ansätzen herausfiltern lassen. Was muß geschehen, damit die Zukunft nicht in einer Katastrophe endet? Erst nach der Durchsicht der Disziplinen hinsichtlich ihrer Ausgangsdiagnose, ihrer Analyse und ihrer Lösungsvorschäge stellen wir vergleichende Überlegungen und den Versuch einer möglichen Synthese an. Abbildung 4 zeigt alle Ansätze in einer zweiseitigen Übersicht.

 

 

 

 

Retrospektive

 

 

Tschumi prognostiziert aus biologischer Perspektive eine Erschöpfung der Erdvorräte in wenigen Jahrzehnten, verbunden mit einem Zusammenbruch der menschlichen Population und einer damit einhergehenden Gefährdung der gesamten Biosphäre als übergeordnete Organisation sämtlicher Ökosysteme auf der Welt. Die Ursachen der Umweltzerstörung sieht er in einem überexponentiellen Wachstum der Erdbevölkerung, in der allgemeinen Technologieentwicklung sowie in der vorherrschenden Weltwirtschaftsordnung und hier insbesondere im Mißverhältnis zwischen technischem und biologischem Energiebedarfs der Industrienationen. Als eine weitere wesentliche Ursache wird mangelndes Verantwortungsbewußtsein aufgrund der Dominanz einer sog. Individualethik genannt. Tschumis Therapievorschlag läßt sich prägnant als "Kausaltherapie statt Symptombehandlung" zusammenfassen, womit vor allem die Einhaltung konstanter Konsumbestände und -bedürfnisse im Sinne einer strikten Befolgung des Kreislaufprinzips gemeint ist - oder mit anderen Worten die Achtung biologischer Gesetz-mäßigkeiten. Das Postulat einer ganzheitlichen Betrachtungsweise wird für alle Gebiete der Gesellschaft erhoben - mit besonderem Nachdruck wird der Bereich der Erziehung angesprochen. Tschumi hält schließlich eine zeitliche und räumliche Ausweitung des Geltungsbereiches der Ethik für unerläßlich.

 

Wicke prognostiziert aus wirtschaftlicher Perspektive die Gefahr einer gravierenden Bedrohung der Menschheit unter der Prämisse, daß es keine sofortige gemeinsame Aktion aller Staaten gebe, bei der die Probleme der Bevölkerungsentwicklung, der Nahrungs- und Energieversorgung sowie der Umweltprobleme gleichzeitig angegangen werden. Die Ursachen der Umweltzerstörung werden anthropologisch im Gewinn- und Eigennutzstreben der menschlichen Natur gesehen, was dazu führe, daß ökologische Faktoren nicht in wirtschaftliche Überlegungen einbezogen würden. Wicke konstatiert in der Wirtschaft wie in der Politik eine Opposition gegen wirkungsvolle Umweltschutzmaßnahmen. Als therapeutische Maßnahmen schlägt Wicke auf nationaler Ebene die Aufstellung von monetären ökologischen Schadensbilanzen und eine an den Grundsätzen einer öko-sozialen Marktwirtschaft orientierten rationalen Umweltpolitik vor, in der ökologische Faktoren auch in das Bruttosozialprodukt einbezogen werden müßten. Der Slogan "Umweltschutz statt Eigennutz" könnte dabei als Leitmotiv eines grünen Wirtschaftswunders fungieren. International plädiert Wicke für eine gemeinsame Aktion aller Staaten ("Ökologischer Marshallplan").

 

Luhmann diagnostiziert aus soziologischer Perspektive Umweltzerstörung nur unter der Voraussetzung als ein Problem, daß es überhaupt in den verschiedenen Teilbereichen der Gesellschaft kommuniziert werde. Gleichzeitig prognostiziert er, ausgehend von der Evolutionsgeschichte, eine Eliminierung von Systemen, die einem Trend ökologischer Selbstgefährdung folgen. Im Zentrum der Analyse steht der Befund einer inadäquaten Resonanz der Gesellschaft, die aufgrund ihrer strukturellen Differenzierung nicht als geschlossene Einheit im Sinne einer übergeordneten Vernunft auf die ökologische Probleme reagieren könne. Während es an den gesellschaftsexternen Systemgrenzen (zwischen System und Umwelt) zuwenig Resonanz gebe, erzeugten die unterschiedlichen Teilbereiche des Systems dagegen zuviel Resonanz, was manchmal zu Turbulenzen an den systeminternen Grenzen führe. Obwohl für Luhmann die theoretische Lösung der ökologischen Probleme allseits bekannt sei (Reduzierung der Emmissionen, des Ressourcenverbrauchs und des Bevölkerungswachstums), konstatiert er in der Praxis eine prinzipielle Unlösbarkeit der ökologischen Krise aufgrund der sog. Autopoiesis der Teilsysteme. Die Soziologie kann nach Luhmanns Auffassung eine Aufklärung über die grundsätzliche Erfolglosigkeit aller Bemühungen liefern. Die relativ günstigsten Aussichten für eine Ausbreitung intensivierter ökologischer Kommunikation wird dem Erziehungswesen eingeräumt, insbesondere in Kombination mit dem "Prinzip Angst", welches zur Aufladung der ökologischen Kommunikation mit Moral beitragen könne. Ferner werden auch in anderen Teilsystemen der Gesellschaft einige Ansatzmöglichkeiten angesprochen, für die Wissenschaften fordert Luhmann z.B. eine Selbstanalyse.

 

De Haan diagnostiziert aus pädagogischer Perspektive eine aggressive Kampfkonstallation gegen die Natur, die zu einer fortschreitenden faktischen Zerstörung des Planeten durch das Industriesystem führe und der kommenden Generation gigantische Erblasten hinterlasse. Die aus seiner Sicht nötige Ökologisierung der Bildungseinrichtungen sei bisher weitgehend ausgeglieben, es herrsche eine "Feiertagsökologie" vor. Als Hauptursache der Umweltzerstörung werden die auf Maximen des Konsums und des Egoismus basierenden Wertvorstellungen in der Gesellschaft ausgemacht. Weiterhin wird auf einen mangelhaften Erkenntnisstand der Umweltbewußtseinsforschung und eine kontraproduktive Nutzung der Massenmedien als potentieller Einflußfaktor in der Umweltbildung verwiesen. Der medienpädagogische Hinweis wird auch von anderen Autoren unterstützt, z.B. durch Jungk, der die besondere Funktion von "Informatoren" hervorhebt, oder durch Sloterdijk, der eine sog. Entwarnungsrhetorik für mangelhaftes Ernstfallbewußtsein in der Bevölkerung verantwortlich macht. Als therapeutische Maßnahmen zur Lösung der ökologischen Krise hält de Haan einerseits eine grundlegende Wissenschafts- und Technikkritik, die auch die Geschichte der Natur einbezieht, andererseits ein grundsätzliches Umdenken, das sich von der vorherrschenden technischen Herangehensweise an die Probleme unterscheidet, für erforderlich. De Haan favorisiert die Vision einer nachhaltigen Entwicklung als leitendes Paradigma, das seiner Meinung nach zu einschneidenden Veränderungen in der Umweltbildung beitragen könne.

 

Roszak diagnostiziert aus psychologischer Perspektive eine Manipulation und Mißhandlung der Natur durch die zivilisierte Gesellschaft und eine fundamentale Entfremdung des modernen westlichen Menschen von der Natur. Als Amerikaner beobachtet er eine wachsende Diskriminierung der Umweltbewegung als "grüne Gefahr" bei gleichzeitiger Selbstdiskreditierung der Bewegung durch die Verbreitung apokalyptischer Panik und doktrinärer Intoleranz, die er auf mangelnde Menschenkenntnis zurückgeführt. Die politischen Ursachen der Umweltzerstörung könnten nach Roszak nicht einem einzigen System allein angelastet werden, da sowohl marktwirtschaftliche als auch kollektivistische Systeme zur Umweltzerstörung geführt hätten. Anthropologisch wird vermutet, daß die menschlichen Überlebensinstinkte nur auf unmittelbar überschaubare Gefahren eingestellt seien. Die mangelnde Wahrnehmung der ökologischen Krise zeige sich besonders deutlich in der Psychologie, wo der Mensch meist unabhängig von der ihn umgebenden Realität dargestellt werde. Als Therapie zur Lösung der ökologischen Krise wird - basierend auf dem Postulat einer synergetischen Wechselbeziehung zwischen den Bedürfnissen der Person und des Planeten - eine Aktivierung des kollektiven ethischen Gewissens der Menschen vorgeschlagen, was nach Roszak eine Infragestellung zentraler Maximen des modernen Lebens mit sich bringen und u.a. zu einer kreativen Umlenkung des zügellosen Konsums führen würde. Gleichzeitig könnte ein verantwortungsvolles "ökologisches Ich" die Renaissance des Animismus im Sinne der Tiefenökologie und ein biozentrisches Weltbild fördern.

 

Von Hösle prophezeit aus philosophischer Perspektive unausweichliche ökologische Katastrophen für die Menschheit und einen vollständigen ökologischen Kollaps im Falle einer Universalierung des westlichen Lebensstandards. Philosophisch läßt sich weiterhin ein "ethisches Vakuum" aufgrund neuer Dimensionen menschlichen Handelns (Jonas) bzw. ein "Prometheisches Gefälle" (Anders, vgl. Kap. 6.2) zwischen der menschlichen Herstellungs- und Vorstellungskraft konstatieren. Die Ursachen der ökologischen Krise sieht von Hösle sowohl in einem eklatanten Mißverhältnis zwischen Macht und Weisheit im Verhältnis von Mensch und Natur, die in einer "kollektiven Unmoral der Umweltzerstörung" zum Ausdruck komme, als auch in der Deontologisierung der Natur in den modernen Naturwissenschaften und in einem Leib-Seele-Dualismus begründet. Richtungsweisende philosophische Anstöße für die beiden letztgenannten Tendenzen gaben u.a. Bacon und Descartes. Maurer macht mit Platon die schon in der Antike beklagte menschliche Tendenz zur "Pleonexia" (Immer-mehr-haben-wollen) - in seiner modernen Form als "american way of life" - verantwortlich, die sich anbahnt, globalen Einzug zu erhalten. Als Therapie schlägt von Hösle auf abstrakter Ebene eine neue Metaphysik vor, eine neue Naturphilosophie, die der Natur eine eigenständige Würde zugesteht. Jonas fordert in seiner nicht-anthropozentrischen Ethik ein sittliches Eigenrecht der Natur, potentiell mit einer Wiederbelebung des Heiligen. Die Vision einer Versöhnung des Menschen mit der Natur geht einher mit einem Paradigmenwechsel von der Ökonomie zur Ökologie. Zur praktischen Umsetzung werden eine Reihe politischer Vorschläge (Umweltsteuern, Umweltaußenpolitik und ökologischer Marshallplan u.a.) gemacht und die Verantwortung seitens der Philosophie ausgeweitet - bis hin zur Weitergabe neuer Werte speziell an die Führungskräfte und Jugend der Gesellschaft. Schließlich wird die Nutzung des menschlichen Egoismus und die Einwirkung auf die Motivation der Menschen durch gesellschaftliche Meinungsbildner befürwortet. Dies alles kann als demokratische Variante bezeichnet werden, wie auch das Nachdenken von Jonas (1979, S.55), platonische Ideen ins demokratische System zu integrieren (vgl. im Gegensatz dazu die Diskussion um eine "Ökodiktatur", z.B. Greenpeace-Magazin 1/93: "Mit Gewalt die Erde retten?").

 

Schließlich diagnostiziert Drewermann aus theologischer Perspektive einen Krieg gegen die Natur seitens des Menschen und eine Zunahme der realexistierenden Probleme (genannt wird vor allem das Bevölkerungswachstum), prognostiziert wird eine ökologische Katastrophe ("tödlicher Fortschritt") bei Ausbleiben eines radikalen Bewußtseinswandels. Die Hauptursache der Umweltzerstörung wird im christlich-europäisch geprägten, rigorosen und schrankenlosen Anthropozentrismus gesehen, in der Überzeugung, daß die Geschichte nur im menschlichen Fortschritt ihren Sinn habe. Nach Drewermann werde in der Zerstörung der Natur durch die abendländische Technologie die innere Verwüstung des Menschen nach außen verlegt. Aus analytischer Sicht wird weiterhin die einseitige Ausrichtung auf zweckrationale Kräfte, verbunden mit der Leugnung oder Pathologisierung unbewußter Antriebe, als zusätzliche Komponente ins Feld geführt. Als Lösungsmöglichkeiten der ökologischen Krise nennt Drewermann einerseits die Überwindung des jüdisch-christlichen Anthropozentrismus und damit einhergehend eine Änderung des religiösen Bewußtseins in der Einstellung zur Natur nach dem Vorbild der Ehrfurchtsethik von Albert Schweitzer, andererseits die Änderung der Verhaltensweisen des Menschen im Umgang mit seinen beiden großen Trieben Aggression (Krieg) und Sexualität (Überbevölkerung). Im Gegensatz zu den vorgenannten Maßnahmen, die nur langfristig denkbar sind, kann der letzte Therapievorschlag sofort umgesetzt werden: das Schützen der Reste einer intakten Natur vor dem weiteren Zugriff des Menschen.

 

 

Kritische Würdigung

 

 

Tschumi präsentiert eine in sich geschlossene Globalanalyse, verbunden mit einer interdiziplinären und ganzheitlichen Betrachtungsweise, die auch natürliche Gestzmäßigkeiten miteinbezieht (die Ökologie ist dabei in negativer Weise normativ, indem sie uns sagt, was alles passiert, wenn ökologische Gleichgewichte gestört werden), delegiert aber letztlich die Verantwortung an die "Hüter der Ethik".

 

Wicke konzentriert sich im Gegensatz zu Tschumi mehr auf die Therapie und nicht so sehr auf die Analyse der ökologischen Krise, in dem er zwar konkrete originelle Lösungsvorschläge wirtschaftlicher und politischer Natur vorträgt (ökologische Schadensbilanzen und "Marshallplan"), durch seine einseitige Ausrichtung auf den Kostenaspekt allerdings viele Fragen offenläßt. Neben der von ihm selbst genannten Ausklammerung psychosozialer Kosten sei nur auf das Problem hingewiesen, daß gegenwärtig das oberste Ziel der Gewinnmaximierung in einem marktwirtschaftschaftlichen System gerade dadurch am besten erreicht wird, indem keine Rücksicht auf die Natur genommen wird.

 

Luhmann liefert im Rahmen seiner Systemtheorie eine multidisziplinäre Vogelperspektive und zeigt auf, warum alle Bemühungen zur Lösung der ökologischen Krise grundsätzlich zum Scheitern verurteilt sind (aufgrund der Autopoiesis der Teilsysteme, die weder untereinander, geschweige denn mit der Umwelt als nichtintegriertes System kommunizieren können). Einerseits handelt es sich hierbei um eine provokative Theorie, deren Faszination man sich kaum entziehen kann, andererseits aber auch um einen deterministischen Ansatz, mit dem eine Mitarbeit im interdisziplinären Forschungs-verbund praktisch verweigert wird, noch dazu verbunden unter selbstgefälliger Erhebung der Soziologie ("Aufklärung").

 

De Haan stellt eine Verknüpfung ökopädagogischer Überlegungen mit aktuellen globalen politischen Konzepten her und beschwört die Vision einer nachhaltigen Entwicklung, wobei er sich tendentiell der Gefahr einer Überschätzung der Möglichkeiten von Umweltbildung aussetzt.

 

Roszak überrascht mit einer alternativen, unakademischen Sichtweise. Rational nachvollziehbare Argumentationsebenen werden bisweilen bewußt verlassen und eine Reihe von "Öko-Neologismen" (Ich, Intelligenz, Interdependenz, Unbewußtes, Vernunft und Weisheit) in die ökologische Begriffsbildung eingeführt, womit er sich nicht nur dem Vorwurf aussetzt, unmodern und unzeitgemäß zu sein, sondern manchmal auch den Eindruck einer Heilslehre erweckt.

 

Von Hösle versucht nicht nur tiefsitzende Voraussetzungen der Moderne - insbesondere im Dualismus - als Ursachen der Umweltzerstörung aufzuzeigen (er beruft sich dabei auch auf Jonas), sondern entwickelt aufbauend auf seinem Plädoyer für eine neue Metaphysik und für die Ökologie als Paradigma des 21. Jahrhunderts einige praktische politische Vorschläge, die auf eine Ökologisierung der Gesellschaft mit einer Aufwertung der Philosophie als normgebende Instanz hinauslaufen, wobei man wie schon bei de Haan auch bei von Hösle ein dogmatisch aufgeladenes Selbstverständnis der eigenen Disziplin kritisieren könnte.

 

Drewermann schließlich identifiziert in einer aus theologischer Sicht sehr selbstkritischen Analyse den vor allem auf das Christentum zurückgehenden Anthropozentrismus als Hauptursache der ökologischen Krise, bleibt aber in seinem Postulat einer fundamentalen Änderung des religiösen Bewußtseins auf einer eher abstrakten Ebene und somit weitgehend ohne Nennung direkter therapeutischer Maßnahmen (eine Ausnahme bildet der Vorschlag, die letzten Reste einer intakten Natur vor dem Menschen zu schützen).

 

 

 

Bilanz

 

 

Nun ist es natürlich angesichts der Komplexität des Themas nicht allzu schwer, die vorgestellten Ansätze zu kritisieren. Dies kann nicht der alleinige Sinn der Untersuchung sein. Vielmehr erscheint es lohnenswert, nach gemeinsamen Strukturen zu suchen, um somit wenigstens theoretisch einen interdisziplinären Diskurs zu ermöglichen, der in der Realität in dieser Form meistens nicht stattfindet. Die Gründe dafür mögen sehr vielfältig sein - über den "Jahrmarkt der Eitelkeiten" hinaus gibt es sicherlich auch einige inhaltliche Widersprüche, die manchmal unüberwindbar anmuten, wie wir bei Luhmann gesehen haben. Auf den ersten Blick finden sich jedoch allein schon rein sprachlich gesehen sofort einige auffällige Parallelen.

 

Auf diagnostischer und prognostischer Ebene sind sich alle Autoren über die Gegenwart der ökologischen Krise bzw. die große Gefahr zukünftiger ökologischer Katastrophen einig. Die Diagnose lautet "Kampf" (de Haan) und "Krieg" (Drewermann) gegen die Natur bzw. "Mißachtung und Mißhandlung" (Roszak) der Natur, verbunden mit einer "gravierenden Bedrohung der Menschheit" (Wicke) bzw. "Gefährdung der gesamten Biosphäre" (Tschumi). Die Prognose läuft auf einen "Zusammenbruch der menschlichen Population" (Tschumi), auf eine "Eliminierung von Systemen" (Luhmann), auf eine "faktische Zerstörung des Planeten" mit "gigantischen Erblasten" kommender Generationen (de Haan), auf "ökologische Katastrophen" (Drewermann) bzw. auf einen "vollständigen ökologischen Kollaps" hinaus. Wir unterlassen an dieser Stelle eine Spekulation, welcher Autor aufgrund welcher Formulierung den Status Quo am meisten drastisch beschreibt.

 

Der Ausgangspunkt der Analyse ist also grundsätzlich sehr ähnlich. Was die Ursachen der Umweltzerstörung angeht, so ergibt sich ein differenzierteres Bild, das aber als Ganzes auch eher eine Einheit darstellt als eine Ansammlung von widersprüchlichen Entitäten. Die Ursachen werden auf gegenwärtige weltpolitische Entwicklungen, auf historisch soziale Prozesse und auf anthropologische Gegenheiten zurückgeführt. Die folgende Auflistung spiegelt die Vielfalt der Erklärungen wider, sie sollte aber nicht über die Abhängigkeit der einzelnen Ansätze voneinander hinwegtäuschen, wie sie meist doch zum Ausdruck kommt: Diskrepanz zwischen politischer Ankündigung und politischem Willen sowie Opposition der Wirtschaft (Wicke), Bevölkerungswachstum, Technologie-entwicklung und Wirtschaftswachstumsordnung (Tschumi), systemimmanente inadäquate Resonanz der Gesellschaft (Luhmann), auf Maximen von Konsum und Egoismus basierende Wertvorstellungen der Gesellschaft (de Haan), Entwarnungsrhetorik und mangelndes Ernstfallbewußtsein (Sloterdijk), mangelndes Verantwortungsbewußtsein (Tschumi), kollektive Unmoral als Nach-mir-die-Sinftflut-Haltung (von Hösle), ethisches Vakuum (Jonas), Ameican-way-of-life bzw. Plenoxia (Maurer bzw. Platon) und Prometheisches Gefälle (Anders), Entfremdung des modernen, westlichen Menschen von der Natur (Roszak), Deontologisierung der Natur in den modernen Naturwissenschaften bzw. Dualismus (von Hösle), Anthropozentrismus und innere Verwüstung des Menschen mit zweckrationaler Einseitigkeit und Unterdrückung unbewußter Antriebe (Drewermann), sowie schließlich auf anthropologischer Ebnene die mangelhaften menschlichen Überlebensinstinkte (Roszak) bzw. die menschliche Natur des homo oeconomicus (Wicke). Die Aufzählung ließe sich sicherlich noch vervollkommnen.

 

Am meisten gehen die Meinungen bei der Frage nach den Auswegen aus der ökologischen Krise auseinander. Doch auch hier zeigt eine Zusammenfassung aller Ansätze teilweise erstaunliche Ähnlichkeiten und nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, ein bloßes Konglomerat ohne jegliche Zusammenhänge. Die Zusammenstellung der Therapievorschläge erfolgt in ihrer Reihenfolge weitgehend nach dem Abstraktionsgrad der einzelnen Beiträge, beginnend mit den im Sinne einer direkten Umsetzbarkeit konkretesten Vorschlägen: Schützen der Reste der intakten Natur (Drewermann), Ökologisierung der Politik, z.B. Umweltsteuern (von Hösle), Ökologisierung der Wirtschaft, z.B. Aufstellung ökologischer Schadensbilanzen mit dem Ziel eines grünen Wirtschaftswunders (Wicke), Grundsätzliches Umdenken und Ökologisierung der Umweltbildung, einhergehend mit einer Wissenschafts- und Technikkritik, mit dem Ziel einer grünen Bildungswende (de Haan), Ökologisches Denken auf allen Gebieten, verbunden mit einer ganzheitlichen Betrachtungsweise und Interdisziplinarität in den Wissenschaften, Selbstanalyse der Wissenschaften und Ausweitung der ökologischen Kommunikation durch das Erziehungssystem (Luhmann), Erziehung und Schulung der Kinder zur Änderung der Individualethik (Tschumi), insbesondere Ausbildung von Führungskräften und der Jugend (von Hösle), Nutzung des menschlichen Egoismus als Motivationsfaktor von Verhaltensveränderungen (von Hösle und Wicke), Umlenkung des zügellosen Konsums (Roszak), strikte Befolgung des Kreislaufprinzips (Tschumi), Reduzierung des Ressourcenverbrauchs, der Emmissionen und des Bevölkerungswachstums (Luhmann), "Ökologischer Marshallplan" als international gemeinsame Aktion (von Hösle und Wicke), Paradigmenwechsel von der Ökonomie zur Ökologie (von Hösle und Roszak) bzw. Orientierung am Paradigma der nachhaltigen Entwicklung (de Haan), grundlegende Infragestellung der wissenschaftlichen Rationalität und des industriellen Lebens sowie Aktivierung des kollektiven unbewußten Gewissens hin zum ökologischen Ich, verbunden mit einer Renaissance des Animismus und der Wiederbelebung eines biozentrischen Weltbildes (Roszak), allgemeine Wiederbelebung des Heiligen (Jonas), Erarbeitung neuer Werte durch die Philosophie (von Hösle) bzw. eines neues Menschenbildes mit einer religiösen Neubesinnung des Menschen (Drewermann). Alles in allem ist die Phantasie der einzelnen Wissenschaftler wirklich beachtlich, sodaß man angesichts der utopisch anmutenden Ideen fast aller Ansätze fast schon geneigt ist, die Ernsthaftigkeit der Interventionsvorschläge in Zweifel zu ziehen. In der Tat scheint die Umsetzung der Maßnahmen die alles entscheidene Frage zur Lösung der ökologischen Krise zu sein: Wie können fast sich sechs Milliarden Menschen im Sinne obiger Anleitung selbst therapieren?

 

Natürlich kann auch die vorliegende Arbeit darauf keine Antwort geben. Aber sie kann Schlüsse ziehen aus der Quintessenz der vorangegangenen Ausführungen - vorausgesetzt man teilt die von Jänicke u.a. (1995) in der Einleitung dieses Abschnitts (Kap. 2.1) vertretene Auffassung, daß es einer ihrer Verwantwortung bewußten Wissenschaft obliegt, in einem breiten interdisziplinären Diskurs Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Wir teilen dieses Plädoyer allein schon deshalb, weil Wissenschaft in ihrer Entwicklung nicht unwesentlich selbst zur Entstehung der Menschheitskrise beigetragen hat, wie die meisten der diskutierten Ansätze auch eingestehen. Wissenschaft steht nicht außerhalb des Systems, sondern ist selbst auch ein Teil der ökologischen Krise: Wenn sie für die Ursachen der Umweltzerstörung mitverantwortlich ist, so kommt sie um die Suche nach Auswegen aus dieser Krise - letztendlich aus Selbstschutz - nicht herum. Weiter stimmen wir von Hösle zu, der von der Philosophie her eine Verdrängung ökologischer Katastrophen ablehnt mit der Begründung, daß sich Wissenschaft stets der Wahrheit verpflichtet fühlt.

 

Wie Michelsen (1990) feststellt, werden Wissenschaft und Forschung durch das Problem der Umweltzerstörung in starkem Maße tangiert: "Die heutige Aufgabe von Wissenschaft und Forschung besteht paradoxerweise darin, Probleme lösen zu wollen und auch zu müssen, welche möglicherweise ohne Wissenschaft und deren Anwendung wohl kaum vorhanden wären" (1990, S.12). Die wissenschaftliche Auseinandersetzung beschränkt sich allerdings häufig auf den Umgang mit den Folgewirkungen und verzichtet darauf, bei den Ursachen der Umweltzerstörung anzusetzen. Eine Überwindung dieser zerstörerischen Entwicklung setzt jedoch auch ein verändertes Wissenschaftsverständnis voraus, das die strikte Trennung von Geistes- und Naturwissenschaft aufhebt und Verantwortung als eine gemeinsame Aufgabe betrachtet. Weiterhin haben sich Wissenschaft und Forschung zu vergegenwärtigen, "daß die Öffentlichkeit nicht dazu da ist, um die Wissenschaft um ihrer Selbstwillen zu finanzieren, sondern daß Wissenschaftler und angehende Wissenschaftler vor allem auch dafür bezahlt werden, dem Gemeinwohl zu dienen, Gemeinwohl im Sinne des öffentlichen Interesses, in dessen Zentrum die Erhaltung der Lebensgrundlagen steht" (1990, S.14).

 

 

 

 

 

Schlußfolgerungen

 

 

Wie läßt sich nun die Botschaft der Analyse zur ökologischen Krise in den Wissenschaften in aller Kürze zusammenfassen? Die Antwort auf die erste Frage fiel in bemerkenswerter Eintracht aus: Die Menschheit befindet sich in einer in dieser Form einmaligen Krisensituation (Diagnose) und ist auf dem besten Wege, in einer Katastrophe zu enden (Prognose).

 

Die daran anschließende zweite Frage, wie und warum es dazu kommen konnte (Analyse), findet eine differenziertere Antwort: Offenbar lehrt uns die Geschichte kulturelle (und möglicherweise auch anthropologische) Weichenstellungen. Zu den wohl wichtigsten Weichenstellungen gehören der Anthropozentrismus, der dazu führt, den Menschen als Maß aller Dinge zu betrachten, und der Dualismus, der zur Entfremdung des Menschen von seiner eigenen und der ihn umgebenden Natur geführt hat. Galt in der Antike noch der gesamte Kosmos als Umwelt, definieren heutzutage die einzelnen Systeme ihre Grenzen selbst. Wurde die Naturbeherrschung früher per Religion legitimiert, ersetzt nach Wegfall des tranzendenten Bezugspunktes die moderne Gesellschaft die "Leerformeln" Mensch und Gott und macht die heutige wissenschaftlich-technische Naturbeherrschung zu einem Kollektivunternehmen der Menschheit. Zu den wichtigsten Belastungsfaktoren der Erde zählen das Bevölkerungswachstum der Entwicklungsländer und das Anspruchswachstum der Industrienationen. In diesem Zusammenhang vertritt z.B. Saeger (1993, S.19) die Auffassung, die globale Umweltkrise sei "weniger eine Folge des Bevölkerungswachstums als eine Folge des unersättlichen Rohstoffhungers der Industriegesellschaften und ihrer Prioritäten". Wie dem auch sei, für das Gesamtsystem ist es am schlimmsten, wenn beide Faktoren zusammenkommen. Ebendies scheint heute der Fall zu sein.

 

Die dritte Frage schließlich nach den potentiellen Auswegen aus der ökologischen Krise (Therapie) offenbart eine ebenso vielschichtige Antwort, vorausgesetzt, man hält eine positive Antwort überhaupt im Bereich des Möglichen (Luhmann teilt diesen Optimismus nicht und begründet dies mithilfe seiner Systemtheorie). Die Antwort kann im Sinne der Ursachenanalyse als zwei Seiten einer Medaille dargestellt werden. Sie umfaßt objektive und subjektive Gegebenheiten, äußere und innere Tatbestände: Auf der obenliegenden sichtbaren Ebene gilt es, alle Maßnahmen zu ergreifen, die dazu beitragen, den globalen suizidalen Trend zu stoppen. Orientierungshilfen zur Erkenntnis der notwendigen Handlungen können die Naturwissenschaften liefern, insbesondere die Ökologie als die Dachwissenschaft, die bei der Untersuchung von Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt objektive Wachstumsgrenzen normativ bestimmen kann. Aufgabe von Politik und Wirtschaft wäre es, diese biologisch-natürlichen Gesetzmäßigkeiten zur Kenntnis zu nehmen, um die Erkenntnisse der Wissenschaften in die Praxis umzusetzen. Eine Möglichkeit auf internationaler Ebene wäre hierfür die Idee eines "Ökologischen Marshallplans". Auf der anderen, unsichtbaren Seite der Medaille sind all diejenigen Voraussetzungen zu finden, die den subjektiven Faktor Mensch betreffen. Hierzu gehören all diejenigen über Jahrhunderte gewachsenen Grundeinstellungen, die die ökologische Krise zu einer kulturellen Krise gemacht haben. Sie betreffen das Bild, das wir vom Menschen und der Natur haben, unsere Einstellungen und Werte, unsere Ethik und wohl auch unsere "Religion". Nötig ist ein radikaler Bewußtseinswandel, ein Paradigmenwechsel, der auf eine Ökologisierung unserer gesamten Kultur hinausläuft. Ein Schlüsselbegriff wäre in diesem Zusammenhang z.B. die Vision einer nachhaltigen Entwicklung ("Sustainable Development"), die auch kommenden Generationen noch eine lebenswerte Umwelt hinterläßt. Zur Verwirklichung dieser kulturellen Revolution können v.a. die Geistes-, Human- und Sozialwissenschaften beitragen, wertvolle Orientierungshilfen könnten aus der Philosophie kommen (die Vogelperspektive ist ihr ja noch aus den Zeiten vertraut, in denen sie als Königsdisziplin galt).

 

Die vorliegende Arbeit versucht in diesem Rahmen auf der unteren Seite der Medaille anzusetzen. Wenn die Ursache der ökologischen Krise der Mensch selbst ist, in seinem massenhaften und expansiven Dasein, dann gilt es, nicht nur das Bevölkerungswachstum, sondern auch das Anspruchswachstum zu stoppen. Tschumi hat deutlich darauf hingewiesen, daß eine bloße Symptomtherapie nicht ausreicht, wenn gleichzeitig nicht auch die tiefer liegenden Ursachen angegangen werden. Diesen Ursachen liegen jedoch weltgeschichtliche Prämissen zugrunde. Wie die diversen Ansätze der einzelnen Wissenschaften exemplarisch gezeigt haben, lautet die grundlegende praktische Frage, auf die in diesem Zusammenhang eine Antwort erhofft und erwartet wird: Wie ist es möglich, die geistigen Voraussetzungen des Menschen zu verändern, um die drohende Katastrophe noch zu verhindern? Wie diese Frage im Rahmen dieser Arbeit konkretisiert wird, ist Gegenstand der weiteren Ausführungen. Schlüsselbegriff dabei ist das "Ökologische Gewissen". Der Gewissensbegriff scheint wissenschaftlich nicht ganz zeitgemäß zu sein, er bedarf daher zunächst einer gründlichen Analyse.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Summary 2

 

2. Die ökologische Krise, die auch ein Produkt der Wissenschaften ist,

kann nur interdisziplinär angegangen werden (Kap. 2.1).

 

3. Der umweltbiologische Ansatz von Tschumi (1980) geht von einer

Erschöpfung der Erdvorräte bereits in wenigen Jahrzehnten aus.

Ursachen dieser Entwicklung werden vor allem im exponetiellen Wachstum der Erdbevölkerung gesehen. Empfohlen wird eine

strikte Befolgung des biologischen Kreislaufprinzips (Kap. 2.2).

 

4. Der umweltökonomische Ansatz von Wicke (1986) diagnostiziert

eine globale Umweltzerstörung, wofür menschliches Eigennutz- streben verantwortlich gemacht wird. Empfohlen wird die gemeinsame Aktion aller Staaten in Form eines ökologischen Marshallplans (Kap. 2.3).

 

5. Der umweltsoziologische Ansatz von Luhmann (1986) sieht in der

Umweltzerstörung vor allem ein Kommunikationsproblem aufgrund

der inadäquaten Resonanz an den Systemgrenzen und geht von der

prinzipiellen Unlösbarkeit der ökologischen Krise aus (Kap. 2.4).

 

6. Der umweltpädagogische Ansatz von de Haan (1984) konstatiert

eine aggressive Kampfhaltung gegenüber der Natur, die vor allem

auf gesellschaftliche Wertvorstellungen zurückzuführen sei. Als

leitendes Paradigma für die Zukunft wird das Konzept der Nach- haltigkeit empfohlen (Kap. 2.5).

 

7. Der umweltpsychologische Ansatz von Roszak (1994) macht die

fundamentale moderne Naturendfremdung für die Mißhandlung der

Natur verantwortlich. Empfohlen wird die Wiederbelebung eines

biozentrischen Weltbildes und die Aktivierung eines kollektiven

ökologischen Unbewußten (Kap. 2.6).

 

8. Der umweltphilosophische Ansatz, den von Hösle (1991) vertritt,

prognostiziert einen ökologischen Kollaps im Falle der Globalisierung

des westlichen Lebensstandards. Ursachen der Umweltzerstörung

werden vor allem in einer Deontologisierung der Natur gesehen,

empfohlen wird eine neue Naturphilosophie (Kap. 2.7).

 

9. Der umwelttheologische Ansatz von Drewermann (1992) sieht eine

ökologische Katastrophe heraufziehen. Verantwortlich gemacht wird eine innere Verwüstung des Menschen. Es wird eine Änderung des

christlich-jüdischen Antropozentrismus empfohlen (Kap. 2.8).

 

10. Die vorliegende Arbeit ist ein sozialwissenschaftlicher Versuch, auf die ökologische Krise zu reagieren (Kap. 2.9).