9. Vorstellung der Stichproben
Intro
Kapitel 9 dient der Stichproben-Präsentation: Zunächst wird das Patchwork-Design der 600 Personen umfassenden Gesamtstichprobe vorgestellt (Kap. 9.1), das sich im Laufe des Untersuchungszeitraumes von 1994 bis 1996 entwickelt hat. Die 20 Substichproben werden anschließend in vier Gruppen portraitiert: Die nationalen öko-aktive Stichproben der Greenkids, Greenteams, Greenteens und Greentwens (Kap. 9.2), die nationalen öko-passiven Stichproben der ehemaligen Schüler, der Studenten, der Stipendiaten und der Senioren (Kap. 9.3), die internationalen öko-aktiven Stichproben aus Europa, Chile, Brasilien, Mali, der Ukraine, Indien, Thailand und aus Neuseeland (Kap. 9.4) sowie die internationalen öko-passiven Stichproben aus Taiwan, Madagaskar, Kanada und den USA (Kap. 9.5).
9.1 Patchwork-Design der Gesamtstichprobe
Wie kann die Idee des Patchwork nun konkret hinsichtlich der gewählten Fragestellung umgesetzt werden?. Wie in Kap. 8.2 bereits erwähnt, wurde mit sog. anfallenden Stichproben gearbeitet, in der Annahme, daß ökologisches Engagement sich vielfältig artikulieren kann und nicht nur an einem einzigen Ort anzutreffen sein sollte. Die Ziehung einer repräsentativen Stichprobe kam angesichts des wenig transparenten Gegenstandes grundsätzlich nicht in Frage (es konnten u.a. keine verläßlichen Angaben über die Verbreitung von Umweltgruppen in der Bevölkerung gefunden werden). Es wurde von der Annahme ausgegangen, daß Jugendliche, die sich in ökologischen Gruppen engagieren, nicht auf der Straße "eingesammelt" werden können, sondern daß die Erschließung dieser Population detektivische Arbeit erfordere. Dabei schien es anfangs so, als wenn die Verbreitung von Umweltgruppen viel größer wäre als ursprünglich angenommen. Doch schon bald stellte sich heraus, daß es viele "Karteileichen" unter den Gruppen gab, die in bestimmten Umweltzeitschriften oder Verbandslisten aufgeführt waren (z.B. konnte trotz intensiver Bemühungen des Forschers keine einzige kirchliche Umweltgruppe befragt werden, obwohl es angeblich Dutzende von ihnen geben soll). Offenbar lösen sich manche Gruppen so schnell wieder auf, wie sie sich gegründet haben.
Die Schwierigkeiten, die mit dem Zugang zu der spezifischen Population der umweltengagierten Jugendlichen verbunden sind, verdeutlichen die prinzipielle Unmöglichkeit, hier eine "echte" Zufallsstichprobe zu ziehen. Das potentielle Führen von einigen hundert Telefonaten wäre nicht nur mit einem erheblichen Aufwand verbunden gewesen, sondern hätte die Wahrscheinlichkeit einer größeren Stichprobe auch nicht unbedingt erhöht. Im Gegenteil, gerade der persönliche Kontakt zu den Befragten, verbunden mit Multiplikatoreffekten, machte eine Erhebung überhaupt erst möglich. Das praktizierte Vorgehen birgt natürlich die Gefahr in sich, ähnliche "Fälle" gehäuft anzutreffen, da sich die Befragten zum Teil auch untereinander kennen. Es ist daher bei der Analyse der einzelnen Stichproben auf Besonderheiten einzelner Gruppen zu achten sein (es wird sich allerdings zeigen, daß in der gesamten Stichprobe eine relativ große Heterogenität anzutreffen ist).
Die vorliegende Untersuchung hat eine längere Vorgeschichte, wie Abb. 21 deutlich macht. Die "Bundesweite Befragung" des Projekts "Leben unter atomarer Bedrohung" (vgl. Kap. 4.3) begann im Sommer 1985 und wurde seitdem in dreieinhalbjährigen Abständen wiederholt durchgeführt (vgl. rote Kästchen). Auch wenn in der nachfolgenden "Berliner Befragung" die lokale 85er-Stichprobe nur eine unter 20 Gruppen darstellt, kommt ihr eine ganz besondere Bedeutung zu, können mit ihr auch langfristige Entwicklungen zurückverfolgt werden. Zwischen den Erhebungszeitpunkten der "Bundesweiten Befragung" lagen stets zusätzliche nationale (gelbe Kästchen) und internationale (blaue Kästchen) Studien. Sie werden an dieser Stelle nicht berichtet, da es sich um andere Stichproben handelt. Die Studien weisen darauf hin, daß das vorliegende Projekt in einer langjährigen Forschungstradition steht, die sich allgemein mit makrosozialen Bedrohungen und ihren Auswirkungen auf das Individuum und die Gesellschaft auseinandersetzt.
Nachfolgend gilt es, chronologisch die Entstehung und Entwicklung des Patchwork-Designs nachzuzeichnen und einen Überblick über alle untersuchten Stichproben geben. Abb. 22 veranschaulicht quasi mit einer Lupe, wie die in Abb. 21 grün eingezeichnete "Berliner Befragung" sich im einzelnen gestaltete. Die Datenerhebung insgesamt erstreckte sich über zweieinhalb Jahre (30 Monate) von Mai 1994 bis Oktober 1996. Die Hauptuntersuchung der Befragung von Öko-Aktiven (klassischerweise also die "Experimentalgruppe", in der Abbildung in grüner Farbe) und Öko-Passiven, also Personen, die nicht in einer Umweltgruppe sind ("Kontrollgruppe" in rot) - war über ein Jahr von Mai 1994 bis Mai 1995 angesetzt. Die Äquidistanz zwischen den drei Meßzeitpunkten betrug jeweils fünf Monate. Aus organisatorischen Gründen wurden stets zuerst die nichtaktiven Personen und im darauffolgenden Monat die aktiven Gruppen befragt. Die Befragung der Öko-Aktiven in Gruppen (zwischen zwei und zwölf Personen) ermöglichte es zum einen, relativ viele Aktivisten miteinzubeziehen, zum anderen konnte so auch ein Eindruck von der Dynamik der Gruppenaktivität gewonnen werden. Hinzu kommt, daß viele Jugendliche sich sicherer in ihrer Gruppe fühlen und ein Einzelinterview für einige von ihnen möglicherweise eine gewisse Überforderung dargestellt hätte. Am Ende eines jeden Interviews wurde den Jugendlichen ein Fragebogen zusammen mit einem frankierten Rückumschlag mit der Bitte übergeben, ihn in den darauffolgenden Wochen zurückzusenden.
Neben dieser Hauptuntersuchung ergaben sich eine Reihe weiterer Erhebungen im Laufe der Zeit. In blauer Farbe eingetragen ist in Abb. 22 der Beginn einer internationalen Befragung (9/94), eine Befragung in Kindertagesstätten (2/95) und Befragungen von sog. Hyper-Aktivisten (8/95, 2/96 und 8/96). In gelber Farbe finden sich alle Tätigkeiten wieder, die als "Aktionsforschung" durchgeführt wurden, dazu gehören drei einwöchige Kinder-Jugend-Umwelt-Camps (5/94, 7/95 und 6/96), Aktionen auf der nationalen Automobil-Ausstellung (10/94 bzw. 10/96) und internationalen Weltklima-Konferenz (3/95) in Berlin sowie die Teilnahme am von Greenpeace/Deutschland veranstalteten "Greenteam-Geburtstag" in Hamburg (10/95). Ein Kennzeichen der Patchwork-Methodik ist es, daß das endgültige Design (wie es sich heute rückblickend offenbart) am Anfang der Untersuchung nicht vollständig geplant werden kann. Nachfolgend wird der dynamische Prozeß der Untersuchung kalendarisch rekapituliert.
Nachdem ab April 1994 die Finanzierung des Projekts (in Form eines Stipendiums) gesichert war, wurde im Mai 1994 mit der Untersuchung begonnen. Die Teilnahme an einem Kinder-Jugend-Umwelt-Camp zu Pfingsten in Berlin-Heiligensee ermöglichte einen ersten Kontakt zu der Gruppe umweltbewegter Kinder und Jugendlicher. Auf dem Camp waren u.a. einige Greenteams von Greenpeace vertreten, die wenige Wochen später befragt werden sollten.
Die erste Erhebungsphase fand im Juni und Juli 1994 statt. Die Einzel-Interviews mit Öko-Passiven wurden ebenfalls im Mai 1994 vorbereitet. Angeschrieben wurden die ca. 70 verbliebenen Berliner Teilnehmer aus der bereits in Kap. 4.3 vorgestellten sog. Bundesweiten Befragung von Boehnke et al. (seit 1985). Zur in Analogie zur Ausgangsbefragung "Berliner Befragung" getauften Studie meldeten sich 26 Personen, die im Juni 1996 erstmals interviewt wurden. An der ersten Interviewerhebung der Öko-Aktiven im Juli 1994 nahmen neun Umweltgruppen teil (vgl. Abb. 23 und 24).
Die folgenden drei Monate, insbesondere der August 1994, dienten zur Transkription der Interviews. Im September 1994 ermöglichte die Teilnahme an einer internationalen Jugendumweltkonferenz ("Jugend-Künstler-Klima-Vorgipfel") den Kontakt zu ausländischen Öko-Aktivisten. So wurden Jugendliche aus Brasilien, Chile, Indien, Mali, Thailand und der Ukraine mit entsprechenden Fragebogen ausgestattet, mit der Bitte, ihn "zuhause" in ihren jeweiligen Gruppen zu verteilen und nach Berlin zurückzusenden. Der Rücklauf ausländischer Fragebogen begann im Dezember 1994 und erstreckte sich über ein Jahr (in den Kapiteln 9.4 und 9.5 ist ausgeführt, wie die Kontakte zu den internationalen Gruppen zustandekam).
Im Oktober 1994 fand die erste Großaktion im Rahmen der sog. Aktionsforschung statt: Die Aktionen von Greenteams auf der im zweijährigen Turnus in Berlin stattfindenden "Allgemeinen Automobil-Ausstellung" (AAA) wurden begleitet und betreut.
Im November und Dezember 1994 stand die zweite Erhebungswelle der Hauptuntersuchung an. Sie begann Mitte Oktober unmittelbar nach der zweiten gesamtdeutschen Bundestagswahl (dem potentiellen Einfluß dieses Ereignisses auf die Befragten wird in Kap. 18.2 nachgegangen). Während die Experimentalgruppe sich vergrößerte, nahm die Kontrollgruppe ab. Dieser Effekt war zu erwarten: Der Kontakt mit den schon in der ersten Erhebung teilnehmenden Öko-Aktiven förderte das Kennenlernen weiterer Gruppen - die Zahl der befragten Gruppen erhöhte sich von 9 auf 12 (vgl. Abb. 24) - und der natürliche Bias der Kontrollgruppe (bedingt u.a. durch zahlreiche Auslandsaufenthalte der Befragten) führte zu einer Reduzierung der Interviewpartner gegenüber der ersten Befragung von 26 auf 18 Personen (vgl. Abb. 23). Bedauerlicherweise führten technische Defekte bei den Gruppeninterviews zu einem erheblichen Verlust an Aufnahmen (in der Tabelle als eingeklammertes Plus). Da jedoch ein Längsschnitt im Sinne z.B. der Erforschung sozialen Wandels nicht das vorangige Ziel der Untersuchung war, wurden die verbleibenden Interviews dennoch ausgewertet und nicht wegen zu geringen Stichprobenumfangs gelöscht.
Der Beginn des neuen Jahres, vor allem der Januar 1995, war für die Transkription der zweiten Erhebungswelle reserviert. Im Februar 1995 ergab sich aufgrund einer Artikelanfrage die Idee, auch noch Vor- und Grundschulkinder in die Studie zu integrieren. Dank der Kontakte, die auf dem ersten Umwelt-Camp im Mai 1994 geknüpft wurden, konnten einige Erzieherinnen aus Berliner Kindertagesstätten angesprochen werden, so daß in diesem Monat insgesamt 44 Kinder aus vier Hortgruppen zum Thema "Umwelt" an Gruppeninterviews teilnahmen. Tatsächlich ging aus dieser außergewöhnlichen Erhebung auch eine Publikation hervor (Boehnke und Sohr 1995).
Der März 1995 stand ganz im Zeichen der "Weltklimakonferenz" in Berlin. Fast alle Umweltgruppen haben auf dieses Ereignis reagiert und teilweise in monatelanger Vorbereitung ihren Beitrag dazu geliefert, um der Konferenz in der Öffentlichkeit entsprechende Aufmerksamkeit zu geben. In den zwei Wochen der Konferenz galt es, eine "Balance" zwischen eigenem politischen Engagement und wissenschaftlicher Aktionsforschung zu finden und beide Anliegen zu verbinden. Eine hundertprozentige Trennung war weder möglich noch im Sinne der Aktionsforschung gewünscht. Wenn es jedoch darum ging, Jugendliche bei "ihren" Aktionen zu beobachten, wurde in der Regel der eigene politische Anspruch zurückgestellt. Auch für die internationale Erhebung war die Klimakonferenz sehr bedeutsam, insbesondere aufgrund des persönlichen Kontaktes zu den einzelnen Multiplikatoren, die an dem alternativen "Jugend-Künstler-Klima-Gipfel" teilnahmen, der ein halbes Jahr zuvor geplant wurde (vgl. September 1994).
Im April und Mai 1995 war es zum dritten und letzten Mal wieder soweit: Die Hauptuntersuchung der Öko-Aktiven und Öko-Passiven wurde unmittelbar nach Beendigung der Klimakonferenz durchgeführt. Die Konferenz war über Wochen in den lokalen Schlagzeilen vertreten, so daß eine Beschäftigung mit diesem Ereignis nicht nur von den Umweltgruppen erwartet werden konnte. Die Abbildungen 23 und 24 geben einen Überblick der Beteiligung an der dritten Interviewwelle. Während die Anzahl der befragten Öko-Passiven relativ stabil gehalten werden konnte (im Vergleich zu der zweiten Erhebung waren zwei Personen nicht erreichbar, dafür gab eine andere Person ihr "Comeback"), stieg die Zahl der befragten Umweltgruppen nochmals an (mit den Kindergruppen vom Februar 1995 wurden insgesamt 20 Umweltgruppen befragt, auch wenn sie bei der dritten Erhebung teilweise nur von einer Person repräsentiert wurden, vgl. Code Q und T). Die offizielle Befragung (Haupterhebung) war damit im Mai 1995 abgeschlossen.
Wie bereits erwähnt, endete die Untersuchung an dieser Stelle jedoch nicht. Zum einen ging die Aktionsforschung weiter: Auch in den Jahren 1995 und 1996 fand im Sommer ein Kinder-Jugend-Umwelt-Camp statt, im Gegensatz zum Pilotprojekt 1994 nicht in Berlin, sondern bei Brodowin in einem Biosphärenreservat in Brandenburg. Im Herbst 1995 gab es einen Aktionsforschungstag in Hamburg anläßlich des fünften Geburtstages des Kinder- und Jugendprojekts von Greenpeace und im Herbst 1996 war wieder die Automobil-Ausstellung (AAA) in Berlin Anlaß für zahlreiche Greenteam-Protestaktionen. Besonders interessant war es dabei zu verfolgen, wie sich manche Kinder und Jugendliche, die auch schon im Herbst 1994 den Aktionen beiwohnten, weiterentwickelt hatten.
Aus der Haupterhebung heraus entstand der Gedanke, einige der Aktiven, die in ihrem Engagement herausragten, noch einmal unabhängig von ihrer Gruppe einzeln zu interviewen. Als Kriterium wurde eine mindestens seit drei Jahren anhaltende, kontinuierliche Tätigkeit mit einem Umfang von mindestens 20 Wochentunden zum Zeitpunkt der Befragung festgelegt. So wurden im August 1995 die ersten drei "Hyper-Aktivisten" (Code V, W und X) interviewt, im Februar 1996 folgte ein weiterer Aktivist (Code Y), der einer längere Kur hinter sich hatte, und zu guter Letzt konnte im August 1996 noch ein "Hyper-Aktivist" befragt werden, der keiner Jugendgruppe angehört, sondern mit seinen 70 Jahren als extremes Beispiel für die Ausprägungen eines ökologischen Gewissens im Alter dient (Code Z).
Den Abbildungen 23 und 24 ist weiterhin zu entnehmen, daß insgesamt 107 (bzw. 111 unter Berücksichtigung von vier in den Tabellen nicht aufgeführten Aktionsforschungs-Intervieweinheiten) Interviews geführt wurden, von denen 99 ausgewertet werden konnten. Mit Ausnahme des 70jährigen Aktivisten, der altersmäßig aus dem Rahmen fällt, waren die Interviewpartner zwischen 3 und 29 Jahren alt. Interviews wurden mit 88 weiblichen und 62 männlichen, insgesamt 150 Personen geführt (59% : 41%). Eine kleine Minderheit (ca. 10%) der Interview-Teilnehmer schickte keinen Fragenbogen zurück, diese Personen sind auch nicht in der Gesamtstichprobe enthalten. Ein vollständiger Interview-Längsschnitt über alle drei Haupterhebungszeitpunkte liegt in 23 Fällen, ein vollständiger Fragebogen-Längsschnitt in 42 Fällen vor, ein vollständiges Set mit jeweils drei Interviews und drei Fragebögen hinterlassen nur 18 Untersuchungsteilnehmer (3% der Gesamtstichprobe), was den Patchwork-Charakter der Studie unterstreicht.
Einen Überblick über alle Stichproben gibt Abb. 25. Insgesamt nahmen 600 Personen (mit mindestens einem Fragebogen, eine Ausnahme bildet die Kinderstichprobe) an der Studie teil. Diese Gesamtstichprobe wurde 20 Substichproben zugeordnet, die vier großen Abteilungen angehören: Nationale Öko-Aktive (Greenkids, Greenteams, Greenteens und Greentwens) und nationale Öko-Passive (Ehem. Schülern, Studenten, Stipendiaten und Senioren) sowie internationale Öko-Aktive (aus Europa, Chile, Brasilien, Mali, Ukraine, Indien, Thailand und Neuseeland) und internationale Öko-Passive (aus Taiwan, Madagaskar, Kanada und den USA). Bei den nationalen umweltaktiven Stichproben wurden einige Gruppen in Abhängigkeit ihres Alters zusammengefaßt. Die Mindestgröße einer Stichprobe beträgt 10, die maximale Größe 100 und die durchschnittliche Größe 25 Personen. Die Altersspanne geht von 3 bis 87 Jahren, das durchschnittliche Alter der Befragten liegt bei 22 Jahren. Die Gesamtstichprobe setzt sich aus 297 deutschen und 303 ausländischen Teilnehmern (49,5% : 50,5%), 348 ökologisch aktiven und 252 ökologisch nichtaktiven Personen (58% : 42%) sowie 325 Mädchen bzw. Frauen und 275 Jungen bzw. Männern (54% : 46%) zusammen.
Nach dem Vorbild der Chaos-Forschung (vgl. z.B. Prigogine 1984), die von der "Schönheit der Fraktale" spricht, lohnt es sich, auch visuell dieser universellen Komplexität Rechnung zu tragen. Abbildung 26 zeigt den Prozeß der Stichproben-entwicklung in seiner Dynamik, beginnend mit der ersten Befragungsgruppe in der Mitte (Sample 5), zu der sich im Laufe eines Jahres immer mehr Stichproben anschließen.
Bilanzierend sei noch einmal an de Haan und Kuckartz (1996) erinnert, die auf die methodischen Mängel der traditionellen Umweltbewußtseinsforschung hingewiesen haben (vgl. Kap. 9.2). Die vorliegende Arbeit basiert dagegen nicht auf dem One-Shot-Prinzip der Einmalbefragung, sondern auf zwei Wiederbefragungen (wenigstens bei einem Teil der Teilnehmer), sie fokussiert nicht Teilgruppen der Bevölkerung isoliert nach Kriterien der Berufszugehörigkeit, sondern bezieht ganz unterschiedliche Personengruppen in die Untersuchungen ein und sie bewegt sich bei der Auswahl der Probanden nicht nur in einem lokalen bzw. regionalen, sondern in einem globalen Bezugsrahmen.
Die Abbildungen 27 und 28 lokalisieren schließlich die 20 Stichproben in aller Welt bzw. auf allen Kontinenten und dienen zur Orientierung für die Vorstellung jeder einzelnen Stichprobe in den nachfolgenden Kapiteln (Kap. 9.2 bis 9.5). Die internationalen Stichproben kommen aus Großbritannien, den Niederlanden, der Ukraine, Indien, Thailand, Taiwan, Neuseeland, Kanada, den USA, Chile, Brasilien, Mali und Madagaskar.
9.2 Nationale öko-aktive Stichproben
(01) Greenkids (Berlin)
Die Stichprobe der "Greenkids" besteht aus 44 Personen im Alter zwischen 3 und 10 Jahren (M = 6,9 ; SD = 2,1). Befragt wurden 25 Mädchen und 19 Jungen aus vier Berliner Kindestagesstätten. Angesichts des jungen Alters der Kinder wurde auf den Einsatz eines Fragebogens verzichtet, zum einen, weil die Lesefähigkeit nicht bei allen Teilnehmern vorausgesetzt werden kann, zum anderen aus der Erfahrung heraus, daß mündliche Befragungen beliebter sind und wohl auch eine höhere Validität erreichen. Der Leitfaden für die Gruppeninterviews ist Kap. 10.2 (E) zu entnehmen.
Der Kontakt zu den Gruppen ergab sich größtenteils über die Teilnahme des Autors an einem einwöchigen "Kinder-Umwelt-Camp". Obwohl davon ausgegangen werden kann, daß es sich um eine unausgelesene Stichprobe "normaler" Westberliner Vor- und Grundschulkinder handelt, die zum Zeitpunkt der Erhebung in keiner Umweltgruppe außerhalb der Kindertagesstätte aktiv waren, lassen wir die jüngste Stichprobe unter dem Titel "Greenkids" als Umweltaktivistengruppe laufen, da die Kinder spätestens durch das Camp im Rahmen ihrer Tagesstätte vom Umweltgedanken "infiziert" sind und auch mit entsprechenden Aktivitäten ihre Zeit verbringen. Wie die Interviews zeigen, reicht das Engagement vom Anlegen eines Gartens bis hin zur mitgestalterischen Teilnahme an einer Kinder-Demonstration.
Die Stichprobe der Greenkids umfaßt ausschließlich Kinder aus Westberliner Einrichtungen. Da die vier befragten Gruppen dennoch recht unterschiedlich sind, ist es für eine differenzierte Auswertung der Gespräche (Kap. 13.1) hilfreich, an dieser Stelle eine kurze Charakterisierung der vier Kindertagesstätten vorzunehmen. Zur besseren Übersicht bezeichnen wir die Gruppen mit "Kita Nord" (im Anhang als Gruppe A), "Kita Ost" (B), "Kita Süd" (C) und "Kita West" (D) in chronologischer Reihenfolge der Interviews, die im Februar bzw. März 1995 durchgeführt wurden:
Kita Nord liegt an einer verhältnismäßig ruhigen Straße mit Zugang zu einem See von der Gartenseite aus. Sie bietet den Kindern im Sommer gute Spielmöglichkeiten an frischer Luft. An der Befragung nahmen 14 Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren teil. Das Interview dauerte ca. eine halbe Stunde. Die Kinder hatten zwar nicht selbst an dem erwähnten Umweltcamp teilgenommen, dafür jedoch ihre Erzieherin, die nach eigener Aussage viele Anregungen mitbrachte und zusammen mit den Kindern verwirklichte.
Kita Ost, ein "Schülerladen", liegt in einem ausgesprochen kinderunfreundlichen Bezirk. So ist das Domizil der Kinder in einem Seitenhof nur wenige Meter von einer der unfallträchtigsten Kreuzungen Berlins entfernt. An der Befragung, die aufgrund einer Erkrankung der Erzieherin von einer Praktikantin begleitet wurde, nahmen 6 Kinder im Alter zwischen 7 und 8 Jahren teil. Als auffällig zu erwähnen ist, daß fast alle Kinder angaben, ohne Vater zu leben. Der Kontakt zur Gruppe entstand über den Besuch einer Wale-Ausstellung von Greenpeace und das Bedürfnis der Kinder, aktiv zu werden.
Kita Süd liegt an einer ebenfalls stark frequentierten Straße in einem Industrieviertel. Nach Auskunft der Erzieherin muß in Kürze der kleine Garten des Horts einer Verbreiterung der Straße weichen. An der Befragung nahmen 8 Kinder im Alter zwischen 8 und 10 Jahren teil. Ein Teil der Kinder war zusammen mit ihrer Betreuerin beim Umweltcamp dabei und berichtete am Beginn des Interviews von Erinnerungen und Erlebnissen.
Kita West schließlich liegt in einer ruhigen, eher gutsituierten Gegend von Berlin und bietet den Kindern einen großen Garten mit vielen Spielmöglichkeiten. An der Befragung nahmen 16 Kinder im Alter zwischen 6 und 10 Jahren teil. Die Kinder waren geschlossen und zusammen mit ihren Erzieherinnen beim Umweltcamp dabeigewesen. Aufgrund der Größe der Gruppe dauerte das Gespräch etwas länger als die anderen Interviews (ca. 60 Minuten).
Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß sich die Kinder hinsichtlich der Variablen Alter und Geschlecht gut unterscheiden. Auch die sozialgeographische Lage der Kindergärten, die allerdings einer subjektiven Bewertung unterliegt, kann als ausgesprochen heterogen bezeichnet werden. Letztgenannter Hinweis wird bei der Interpretation der Interviews auf jeden Fall zu berücksichtigen sein.
(02) Greenteams (Berlin)
Die Stichprobe der "Greenteams" (Kinder- und Jugendprojekt von Greenpeace) besteht aus 18 Personen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren (M = 13,2 ; SD = 1,1). Befragt wurden 12 Mädchen und 6 Jungen, die sich auf insgesamt 8 Greenteams verteilen, wobei fünf von ihnen im westlichen und zwei von ihnen in östlichen Bezirken Berlins beheimatet sind. Ein Greenteam ist im Land Brandenburg (Straußberg) ca. 30 Kilometer östlich von Berlin zuhause. Zu allen drei Meßzeitpunkten wurden Interviews i.d.R. in der Gruppe, in Ausnahmefällen auch Einzelinterviews, durchgeführt. Nach jedem Interview wurden vollständige Versionen des Fragebogens verteilt, die in einem Zeitraum von ca. acht Wochen ausgefüllt zurückkamen.
Auch die Greenteams sollen an dieser Stelle kurz vorgestellt werden, um eine Identifizierung im Empirieteil zu erleichtern: Es handelt sich in den westlichen Bezirken um die Greenteams "Öko-Knospen" (Code F), "Fledermäuse" (H), "Umweltschutzclub" (K), "Abgasaffen" (N) und um das Greenteam "Ohne Namen" (S). Von allen diesen Teams liegen Gruppeninterviews vor, teilweise von allen drei Befragungszeitpunkten. Die beiden Ostberliner Greenteams "Reißwölfe" (Q) und "Tanken am Baikalsee" (T) sind jeweils durch ein Einzelinterview vertreten. Das Greenteam "Rainbow" (E) aus Straußberg schließlich nahm an allen drei Interviews teil. Die letztgenannte Gruppe gründete sich bereits im Jahre 1990 als erstes Greenteam in Ostdeutschland überhaupt, sodaß die Mehrzahl ihrer Mitglieder bereits die Altersgruppe der zweiten Stichprobe überschreitet und deshalb als Teilnehmer der dritten Stichprobe ausgewertet wurden.
Greenteams sind bekannt für ihre Aktionen "vor der Haustür", der Aktionsradius kann aber über den engeren Lebensraum hinausgehen, wie das Beispiel von "Rainbow" zeigt. Sie sehen es als ihren Mitverdienst an, daß die Innenstadt von Straußberg heute autofrei ist. Innerhalb des einjährigen Untersuchungszeitraumes waren die meisten Gruppen mit Vorbereitungen auf die Weltklimakonferenz in Berlin beschäftigt.
(03) Greenteens (Berlin)
Die Stichprobe der "Greenteens" besteht aus 30 Personen im Alter zwischen 15 und 19 Jahren (M = 17,4 : SD = 1,2). Befragt wurden 17 Mädchen und 13 Jungen, die in ganz unterschiedlichen Gruppierungen mitarbeiten. Die Befragten, die mündlich und schriftlich sowie zu mehreren Meßzeitpunkten an der Studie teilnahmen, verteilen sich auf drei Berliner und eine Potsdamer Gruppe. Hinzu kommen einige Jugendliche, die nur an der schriftlichen Befragung teilnahmen, sie kommen aus verschiedenen Bundesländer. Die große Mehrheit dieser Stichprobe kommt jedoch wie alle aus Deutschland befragten Personen aus Berlin.
Zu den fünf befragten Gruppen gehören: Die "Projektwerkstatt Straußberg" (Gruppe E), die "Jugendumweltgruppe Spandau" (G), die "Grüne Jugend" (I), die "Jugendgruppe von Greenpeace" (L) und die "Bundjugendgruppe Potsdam" (O). Im Vergleich zu der Straußberger und Spandauer Gruppe, die auf Initiative einiger umweltbewegter Jugendlicher gegründet wurden, genießen die anderen Gruppen alle den Schutz etablierter Dachverbände bzw. Parteien, namentlich die Partei "Die Grünen" (I) sowie die beiden größten Umweltverbände Deutschlands, nämlich "Greenpeace" (L) und der "BUND" (O). Auch wenn sich erst einmal engagierte Jugendliche finden mußten, damit die jeweiligen Gruppen überhaupt erst entstehen konnten, ist der finanzielle Rückhalt bei der Beurteilung der Aussichten einer längerfristigen Tätigkeit von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Schließlich wird diese Stichprobe noch durch einige Jugendliche repräsentiert, die anläßlich eines Vortrags des Autors auf der 1995 in Potsdam stattfindenden Jahresdelegiertenkonferenz der Bundjugend befragt wurden. Die Teenager unter den Delegierten kamen dabei aus Baden-Würtemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Berlin und Sachsen.
Die Tätigkeiten der Jugendumweltgruppen sind vielseitig und kaum auf einen Nenner zu bringen. Wichtig hervorzuheben scheint es, daß die Aktionen relativ autonom von den Elternorganisationen geplant und durchgeführt werden. Auch die finanzielle Unterstützung wird von vielen Jugendlichen vermißt oder bemängelt. Allerdings können die unter der Schirmherrschaft von anerkannten Trägern arbeitenden Jugendgruppen im Gegensatz zu den freien Gruppen immerhin meist auf gute materielle Ressourcen (z.B. Fotokopierer) zurückgreifen. Einzelne Aktionen werden im Empirieteil reflektiert.
(04) Greentwens (Berlin)
Die Stichprobe der "Greentwens" besteht aus 38 Personen im Alter von 20 bis 29 Jahren (M = 23,1 ; SD = 3,3). Befragt wurden 14 junge Frauen und 24 junge Männer. Auch diese Stichprobe zeichnet sich durch eine gewisse Heterogenität aus, was die Herkunft der Umwelt-Aktivisten betrifft. Die Teilnehmer, die sowohl mündlich als auch schriftlich befragt werden konnten, sind in vier verschiedenen Gruppen organisiert, hinzu kommen wieder einige nur schriftlich Befragte, die im Rahmen der genannten Bundjugend-Jahreskonferenz rekrutiert wurden.
Es wurden folgende Umweltgruppen dieser Altersklasse interviewt: Der "Deutsche Jugendbund für Naturbeobachtung" (J), die "Bundjugendgruppe Berlin" (M), die "Jugendklimagruppe" (P) und eine studentische Umweltgruppe (R) der "Initiative Psychologie im Umweltschutz". Wiederum werden die drei erstgenannten Gruppen von anerkannten Trägern (DJN und BUND) unterstützt, allein die studentische Gruppe trägt sich selbst. Die schriftlich befragten Teilnehmer der Bundkonferenz kommen aus Bayern, Baden-Würtemberg, Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin, Brandenburg, Sachsen und aus Sachsen-Anhalt.
Die Aktivitäten sind sehr differenziert: Eher aktionsorientiert gibt sich die Bundjugend, ausdrücklich auf die Klimakonferenz hin hat sich die Jugendklimagruppe als Zweckbündnis organisiert, der DJN will - nomen est omen - die Natur dagegen vor allem beobachten und die Studenten begnügen sich hauptsächlich mit intellektuellen Diskussionen in dem Bemühen, das Umweltthema an den Universitäten stärker ins Blickfeld zu rücken.
9.3 Nationale öko-passive Stichproben
(05) Ehemalige Schüler (Berlin)
Die Gruppe der "Langzeitbefragten" besteht aus 25 Personen im Alter zwischen 18 und 27 Jahren (M = 22,6 ; SD = 2,6). Es handelt sich um 16 junge Frauen und junge Männer, die seit 1985 im Rahmen von bundesweiten Befragungen des Projekts "Leben unter atomarer Bedrohung" in dreieinhalbjährigen Abständen regelmäßig einen umfangreichen Fragebogen ausfüllen. Über die Hintergründe und bisherigigen Ergebnisse dieser Studie wurde bereits in Kap. 4.3 referiert. Unter den 541 letztmals 1992 befragten Teilnehmern befanden sich 75 Berliner, von denen ein Drittel von dem Angebot Gebrauch machte, erstmals mit einem Interview die Befragung im Rahmen der "Berliner Befragung" fortzusetzen. Der vergleichsweise hohe Rücklauf ist sicherlich dem Vertrauensverhältnis aus der Langzeitstudie zu verdanken.
Von den aus der bundesweiten Befragung rekrutierten Teilnehmern war während des Erhebungszeitraums niemand in einer Umweltgruppe aktiv. Zwei Personen, die nur am ersten Interview teilnahmen, und keinen einzigen Fragebogen hinterließen, wurden nicht als Teil der 600 Personen umfassenden Gesamtstichprobe aufgenommen, obwohl auch ihre Interviews separat ausgewertet und rückgemeldet wurden (vgl. Anhang Code g und v). Eine andere Teilnehmerin dieser Stichprobe entstammt ausnahmsweise nicht der Langzeitbefragtengruppe (U): Ihre Teilnahme ergab sich als Studentin an einem Probeinterview, bei dem sich herausstellte, daß sie eine vergleichbare Biographie wie viele andere dieser Befragtengruppe aufzuweisen hatte, nämlich ein früheres (in diesem Fall sogar umwelt-)politisches Engagement. Aus diesem Grunde wurde sie in die Interviewstudie integriert.
Gemeinsam ist allen Teilnehmern dieser Stichprobe eine überaus hohe Motivation, an der Befragung teilzunehmen, bei gleizeitig tendentieller Frustration anläßlich vergangener Aktivitäten oder Erfahrungen. Die hohe Motivation kann nicht nur aus der Teilnahme an sich abgeleitet werden, sie springt auch ins Auge angesichts der Tatsache, daß 16 von 27 Personen, die am ersten Interview beteiligt waren, ebenfalls an den beiden weiteren Interviews teilnahmen. Dies ist umso erstaunlicher, als daß das mögliche Haupteingangsmotiv der Rückgabe sämtlicher Fragebogen seit 1985 bei den Folgeinterviews keine Triebkraft mehr darstellen konnte. Weiterhin ist zu beachten, daß im Laufe der einjährigen Untersuchung nicht weniger als sieben Personen im Ausland sowie zwei weitere Personen in Westdeutschland für längere Zeit verzogen.
Wirft man einen Blick auf die Vergangenheit der Langzeitbefragten, so fällt auf, daß in den 80er Jahren über die Hälfte von ihnen in noch recht jungem Alter an Aktivitäten der Friedensbewegung teilgenommen hat, wobei der Anteil der friedensbewegten Eltern 60% beträgt. Im Jahre 1992 bezeichneten sich dagegen nur noch weniger als 20% der Befragten als politisch aktiv. Interessante Ergebnisse könnten sich bei der Voraussage späterer politischer Aktivität in Abhängigkeit früherer Eltern- bzw. Kinderaktivität ergeben: In 50% der Fälle waren Eltern und Kinder aktiv, in 20% der Fälle nur die Kinder, in 10% der Fälle nur die Eltern, und in jeweils 15% der Fälle waren weder Kinder noch Eltern aktiv bzw. liegen keine Aussagen diesbezüglich vor. Möglicherweise haben die unterschiedlichen friedenspolitisch-familiären Konstellationen im Jugendalter auch einen Einfluß auf die Ausbildung ökologischen Gewissens im Erwachsenenalter.
Mit einer einzigen Ausnahme handelt es sich bei allen Teilnehmern dieser Stichprobe heute um Studierende, sodaß nicht nur von einer angesichts der diversen Auslandsaufenthalte privilegierten, sondern auch von einer sehr gebildeten Gruppe ausgegangen werden kann. Die einzige Teilnehmerin ohne Abitur ist somit eine echte Bereicherung für die Studie, sie zeigt zudem einige Einstellungsauffälligkeiten hinsichtlich des Umweltthemas und ist gesundheitlich gehandicapt. Gerade ihre Sichtweise gibt der Studie teilweise außergewöhnliche Impulse, sodaß ein Verzicht auf diese Untersuchungsteilnehmerin vor allem im Sinne des Patchwork-Gedankens kontraproduktiv gewesen wäre. Auf die Ergebnisse der Langzeitbefragten-Stichprobe wird in mehreren Kapiteln eingegangen (schwerpunktmäßig im Abschnitt 14.2).
(06) Studierende (Berlin)
Die Studenten-Stichprobe besteht aus 100 Personen im Alter zwischen 20 und 38 Jahren (M = 22,3 ; SD = 2,5). Die Kennwerte geben einen Hinweis darauf, daß die große Mehrheit der Befragten zu den jungen Twens gehört. Es handelt sich um Medizinstudenten im dritten Semester, die der Autor im Rahmen eines Praktikums "Psychologie für Mediziner" an der Freien Universität Berlin in den drei Semestern des Befragungszeitraums unterrichtet und in die Untersuchung als Kontrollgruppe junger Menschen miteinbezogen hat. Von den befragten 42 Studentinnen und 58 Studenten war niemand umweltaktiv. Da fast ausnahmslos alle Kursteilnehmer sich auch zum Ausfüllen eines Fragebogens bereiterklärten - eine persönliche Rückmeldung wurde versprochen (und eingelöst) - fällt angesichts der Stichprobengröße die Tatsache ins Gewicht, daß sich für die Wahl eines Medizinstudiums mehr Männer als Frauen entscheiden. Dadurch wird der geringe Anteil männlicher Teilnehmer an der gesamten Untersuchung an dieser Stelle ein wenig egalisiert. Da es sich um die mit Abstand größte aller 20 Stichproben handelt, haben die Durchschnittswerte dieser Gruppe für die einzelnen Merkmale eine gewisse Orientierungsfunktion, obwohl stets zu prüfen sein wird, inwiefern die Werte eine "Norm" darstellen. Auf keinen Fall ist davon auszugehen, daß die Studenten-Stichprobe Anhaltspunkte für Durchschnittswerte in der Bevölkerung liefert. Wenn vorhanden, sollte bei den entsprechenden Skalen eher auf die üblichen Normtabellen zurückgegriffen werden. Bei der verallgemeinernden Interpretation der Ergebnisse sollte nicht vergessen werden, daß es sich bei den Stichproben der vorliegenden Studie in der Regel um "Upper Class"-Gruppen im Sinne von tendentiell privilegierten Menschen handelt.
(07) Stipendiaten (Berlin)
Die Stipendiaten-Stichprobe besteht aus 24 Personen im Alter zwischen 27 und 42 Jahren (M = 33,1 ; SD = 4,3). Befragt wurden 11 Frauen und 13 Männer, die mit einem Promotionsstipendium von der Stiftung buntstift/Regenbogen e.V. ("Heinrich-Böll-Stiftung" ab 1997) gefördert werden. Die ausgeglichene Geschlechterverteilung entspricht nicht dem Erwartungswert bei einer Förderungsquote von über 70% Frauen. Es ist also davon auszugehen, daß dem Aufruf einer freiwilligen Teilnahme bzw. Unterstützung der Dissertation mehr Männer gefolgt sind, als statistisch zu vermuten gewesen wäre. Dies ist insofern bemerkenswert, als an der Befragung insgesamt (insbesondere bei den Umweltgruppen) mehr Mädchen und Frauen teilgenommen haben (vgl. Kap. 9.1). Erwähnung verdient weiterhin die Tatsache, daß es sich bei der Stipendiaten-Gruppe um eine ausgesprochen multikulturelle Stichprobe handelt, was mit dem Anspruch der Stiftung zusammenhängt, verstärkt ausländischen Akademikern die Chance einer Weiterbildung zu ermöglichen. So bietet die Palette der Heimatländer unter den in Stichprobe 7 befragten Personen ein ähnlich buntes Bild wie Stichprobe 19 (ein kanadisches College mit ebenfalls internationaler Ausrichtung): Angola, Guinea-Bissau, Senegal, Mozambik, Iran, Korea, Argentinien und Deutschland. Neben Deutschland (50%) sind die afrikanischen Länder mit einem Anteil von 25% in dieser Stichprobe am besten vertreten. Eine weitere Besonderheit der Gruppe liegt in der Tatsache begründet, daß ein entsprechendes Stipendium mit der Erwartung an ein gesellschaftlichspolitisches Engagement verbunden ist. Interessanterweise ist niemand der Befragten ökoaktiv im Sinne unserer Untersuchung, jedoch zeigt eine kurze Auflistung der Aktivitäten, wie facettenreich das Tätigkeitsspektrum hierbei ist: Amnesty International, Anti-Rassismus-Gruppen, sozialarbeiterische Tätigkeiten, kirchliche Tätigkeiten, hochschulpolitische Aufgaben, Öffentlichkeitsarbeit, politische Gremienarbeit, internationale Entwicklungs-arbeit, Jugendarbeit, Frauengruppen und vieles mehr. Die Beispiele dokumentieren, daß die in dieser Arbeit getroffene Unterteilung in Aktivität vs. Nichtaktivität sich explizit auf das ehrenamtliche Engagement in Umweltgruppen bezieht. Aussagen oder gar Vorhersagen über andere politische, soziale oder gesellschaftliche Tätigkeiten werden damit nicht getroffen. Sollten die Befunde der Stipendiaten-Gruppe eine stärkere Affinität zu den Ökoaktiven als zu den Ökopassiven aufweisen, wären die Erklärungsansätze in einem größeren Kontext von Aktivität an sich zu diskutieren.
(08) Senioren (Berlin)
Die sog. Senioren-Stichprobe ("40 plus") besteht aus 18 Personen im Alter zwischen 40 und 87 Jahren (M = 55,1 ; SD = 10,6). Befragt wurden 11 Frauen und 7 Männer aus dem Familien- und Freundeskreis des Autors. Diese Stichprobe kann als eine Kontrollgruppe in mehrfacher Hinsicht bezeichnet werden. Zum einen bietet sie einen Kontrast zu allen anderen Stichproben, da keines ihrer Mitglieder unter vierzig Jahren ist. Die Befragten dürften also das Gefühl haben, in der zweiten Hälfte ihres Lebens angekommen zu sein und nicht das Gros des Lebens noch vor sich zu haben, wie es für junge Menschen mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung zumindest in unseren Breitengraden normal wäre. Weiterhin eignet sie sich auch als Beispiel von Menschen, die nicht umweltaktiv im Sinne der Mitgliedschaft einer Gruppe sind. Das allgemmeine Umweltbewußtsein dieser Stichprobe könnte individuelle Unterschiede offenbaren, wobei sowohl der Typ des ökologisch besorgten älteren Mitbürgers, als auch der Typ des eher Unbesorgten hier vertreten sein dürfte, Typen also, die in der bundesrepublikanischen Bevölkerung durchaus in jeweils großer Anzahl zu vermuten sind. Durch die Anlage als Längsschnitt über drei Befragungszeitpunkte können Veränderungen, die sich bei den jugendlichen Umweltaktivisten über die Zeit offenbaren, mit den Entwicklungsverläufen der älteren Teilnehmer der Befragung in Beziehung gesetzt werden. Stichprobe 16 enthält mit einer 87jährigen Berlinerin die älteste Befragungsteilnehmerin. Leider scheiterte der Versuch, auch eine Seniorengruppe von Umweltaktivisten in die Stichprobe miteinzubeziehen (vgl. Kap. 9.1). Die dafür infrage kommende erst während des Untersuchungszeitraums ins Leben gerufene Berliner Greenpeace-Seniorengruppe ("50 plus") blieb knapp unter der erforderlichen Mindesteingangsmenge von zehn Fragebogen und konnte die Studie nicht mehr durch eine Gruppe von "Greenoldies" bereichern. Dafür konnte nach Beendigung der offiziellen Befragung noch ein 70jähriger "Hyper-Aktivist" befragt werden (Portrait in Kap. 19.5, vollständige Interview im Anhang unter Code Z).
9.4 Internationale öko-aktive Stichproben
(09) Europa (NL,GB,D)
Die europäische Stichprobe besteht aus 16 Personen im Alter zwischen 17 und 25 Jahren (M = 20,9 ; SD = 2,9). Befragt wurden jeweils acht junge Frauen und Männer, die an einer alternativen internationalen Klimakonferenz ("Greenhouse Gathering") im April 1995 in Berlin-Hohenschönhausen teilnahmen. Verschickt wurden mehrere hundert Fragebogen, leider war die Rücklaufquote sehr gering, was auf organisatorische Mängel des Konferenzveranstalters zurückzuführen ist (das Angebot, die Befragung persönlich durchzuführen, wurde abgelehnt). Ausgegeben wurde ein englischer 82-Items umfassender Fragebogen (Medium-Version) zur Erfassung der Konstrukte Glück (Bradburn, Fordyce), Seelische Gesundheit (Becker), Angst (Boehnke u.a.), Postmaterialismus (Inglehart) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Besondere Auffälligkeiten sind bei der europäischen Stichprobe nicht zu verzeichnen. Der Altersdurchschnitt entspricht in etwa dem Mittelwert der Gesamtstichprobe von 22 Jahren. Die Befragten kommen aus Deutschland (50%), England und Holland (je 25%). Da es sich um ein internationales Projekt handelt, werden die eingegangenen Fragebogen als homogene Einheit betrachtet, so daß die deutschen Teilnehmer also nicht extra herausgefiltert wurden. Vergleiche bieten sich prinzipiell mit allen anderen nationalen und internationalen Aktivisten-Gruppen im Jugendalter an, also mit den Stichproben 3 bzw. 4 sowie 9 bis 16. Von den nichtaktiven Gruppen weisen die Stichproben 5 und 6, sowie 17 bis 20 gewisse Ähnlichkeiten auf, die beiden nordamerikanischen Stichproben (19 und 20) wurden sogar mit demselben Instrument befragt.
(10) Chile (Santiago)
Die chilenische Stichprobe besteht aus 28 Personen im Alter zwischen 16 bis 36 Jahren (M = 24,0 ; SD = 4,8). Befragt wurden 12 junge Frauen und 16 junge Männer, die bei der größten chilenischen Umweltorganisation "CODEFF", dem Nationalkomitee für den Schutz der Fauna und Flora, in der Hauptstadt Santiago de Chile (Casilla) mitarbeiten. Aufgaben der Gruppe sind u.a. die Organisation von Freiwilligenarbeit in den Nationalparks Chiles zum Schutz der wildwachsenden Gebiete und die Gewinnung von Gesellschaftern, die sich dem Erhalt der Ökosysteme verpflichten. Ausgegeben wurde ein spanischer 30-Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffällig ist die relativ große Altersspanne in dieser Stichprobe, die über das Jugendalter hinausgeht. Die chilenische Umweltgruppe ist die einzige internationale Aktivisten-Stichprobe, bei der mehr Männer als Frauen umweltaktiv sind. Vergleiche bieten sich mit allen nationalen und internationalen Umwelt-Gruppen im Jugendalter an (Stichproben 3 und 4 bzw. 9 bis 16), außerdem mit nichtaktiven Stichproben, die eine annähernd ähnliche Altersstruktur aufweisen (5 bis 8 und 17 bis 20).
(11) Brasilien (Parana)
Die brasilianische Stichprobe besteht aus 48 Personen im Alter zwischen 15 und 29 Jahren (M = 19,2 ; SD = 3,6). Befragt wurden 28 junge Frauen und 20 junge Männer, die im Rahmen der ältesten brasilianischen Umweltorganisation "SPVS" (Sociedate de Pesquisa em Vida Selvagem e educacao) in Guaraquecaba/Parana tätig sind. Die Gruppe setzt sich über Umweltfragen hinaus auch mit sozialen und praktischen pädagogischen Fragen auseinander und versucht eine Lebensweise zu vermitteln, die im Einklang mit der Natur steht. Konkret geht es u.a. um den Erhalt der Magrovenwälder im Süden Brasiliens. Ausgegeben wurde ein portugisischer 30-Item umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Beachtenswert ist der Umfang der brasilianischen Stichprobe (jeder zwölfte Befragte der Gesamtstichprobe ist Brasiliner/in!). Brasilien stellt nicht nur die größte, sondern auch die jüngste internationale Umweltgruppe der Befragung. Die brasilianische Stichprobe ist prinzipiell mit allen anderen nationalen und internationalen Umweltgruppen vergleichbar, darüberhinaus auch anderen nichtaktiven Stichproben, sofern die Altersspanne nicht wesentlich über den Jugendbereich hinausgeht.
(12) Mali (Bamako)
Die Stichprobe aus Mali besteht aus 16 Personen im Alter zwischen 17 und 27 Jahren (M = 21,3 ; SD = 3,2). Befragt wurden jeweils acht junge Frauen und Männer, die in der afrikanischen Umweltgruppe "Les amis de la nature" in Sevare/Bamako engagiert sind. Zu den Aktivitäten des Umweltclubs gehören Wiederaufforstungsarbeiten wie z.B. Baumpflanzaktionen, Straßensäuberungen mit Jugendlichen und die Aufführung von Theaterstücken zu ökologischen Themen. Ausgegeben wurde ein französischer 30 Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Über die Stichprobe aus Mali liegen nur wenige Informationen vor. Dennoch kann aber sicherlich auch die Gruppe aus Mali mit den anderen nationalen und internationalen, vorzugsweise jüngeren Stichproben verglichen werden. Besonders interessant mag ein Vergleich zu der anderen afrikanischen, ebenfalls relativ kleinen, jedoch nicht umweltaktiven Stichprobe 18 aus Madagaskar sein.
(13) Ukraine (Kiew)
Die Stichprobe aus der Ukraine besteht aus 33 Personen im Alter zwischen 16 und 31 Jahren (M = 20,3 ; SD = 3,9). Befragt wurden 18 junge Frauen und 15 junge Männer, die im Kinder- und Jugendprojekt von "Greenpeace"-Ukraine in Kiew aktiv sind. Zu den spezifisch-lokalen Greenpeace-Aktivitäten in der Ukraine gehört der Protest gegen das Atomkraftwerk von Tschernobyl, das nur wenige Kilometer von Kiew entfernt liegt und von der Bevölkerung nach wie vor als eine große Bedrohung erlebt wird. Ausgegeben wurde ein russischer 30 Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auch die ukrainische Greenpeace-Stichprobe fügt sich sehr gut in das Gesamtbild der Befragung ein und kann mit den nationalen und internationalen Jugendumweltgruppen, aber auch mit nichtaktiven Stichproben in Beziehung gesetzt werden. Besonders interessant ist der Vergleich mit deutschen Greenteam-Aktisten (Stichproben 2 und 3), wobei zu beachten ist, daß die Befragten in Kiew älter sind als die in Berlin bei Greenpeace aktiven Jugendlichen.
(14) Indien (Hyderabad)
Die indische Stichprobe besteht aus 10 Personen im Alter zwischen 16 und 27 Jahren (M = 21,5 ; SD = 3,6). Befragt wurden sechs junge Frauen und vier junge Männer, die sich im Rahmen der Organisation "Youth for Action" in Hyderabad, das im Regenwaldgebiet Indiens liegt, engagieren. Zu den Themenschwerpunkten gehören integratives Ressourcenmanagement (Wiederaufforstung, Bewässerung von Ödland, Tierhaltung, Seidenraupenzucht etc.) und ökologischer Landbau. Die Projekte arbeiten eng mit der indigenen Bevölkerung, Pfadfindern, der Landjugend und Kindergartenkindern zusammen. Ausgegeben wurde ein englischer 30 Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Die indische Umweltgruppe mit einem Stichprobenumfang von nur zehn Personen erfüllt die Minimalvoraussetzungen der Stichprobengröße, sie ist die kleinste aller 20 Stichproben. Dennoch weichen ihre statistischen Kennwerte nicht signifikant von anderen befragten Gruppen ab, so daß sie gleichberechtigt mit anderen Stichproben analysiert werden kann. Vergleiche insbesondere zu den asiatischen Gruppen liegen auf der Hand.
(15) Thailand (Bangkok)
Die thailändische Stichprobe besteht aus 34 Personen im Alter zwischen 18 und 23 Jahren (M = 19,9 ; SD = 1,3). Befragt wurden 22 junge Frauen und 12 junge Männer, die in der Umwelt-Theatergruppe "Makhampom" in Bangkok engagiert sind. Mit den Theaterstücken sollen Kinder und Jugendliche für soziale und ökologische Themen (u.a. Verkehrsprobleme, Abholzung von Wäldern, Kinderprostitution) sensibilisiert werden. Ausgegeben wurde ein englischer 30 Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffällig in der thailändischen Stichprobe, die zu den größten Stichproben der Befragung gehört, ist der hohe Anteil weiblicher Umweltaktivisten von 65%. Betrachtet man die Altersverteilung der Befragten, so fällt die geringe Standardabweichung auf, es handelt sich also offensichtlich um eine relativ altershomogene Gruppe. Vergleiche mit anderen Jugendumweltgruppen sind von Interesse.
(16) Neuseeland (Auckland)
Die neuseeländische Stichprobe besteht aus 33 Personen im Alter zwischen 14 und 73 Jahren (M = 27,0 ; SD = 15,3). An der Befragung nahmen 18 Neuseeländerinnen 15 Neuseeländer aus Howick/Auckland teil, die entweder bei "Greenpeace" oder in der "Green Party" des Landes engagiert sind. Nach dem persönlichen Eindruck unserer Multiplikatorin (eine Berliner Austauschschülerin, die bei der Grünen Jugend aktiv ist) unterscheiden sich beide Organisationen in Neuseeland im Vergleich zu den entsprechenden Gruppen in Deutschland durch eine mangelnde Professionalität und eine größere Gelassenheit sowie eine eher optimistischere Sicht der Dinge - eine Hypothese, die zu prüfen sein wird. Ausgegeben wurde ein englischer 82-Items umfassender Fragebogen (Medium-Version) zur Erfassung der Konstrukte Glück (Bradburn, Fordyce I), Seelische Gesundheit (Becker), Angst (Boehnke et al.), Postmaterialismus (Inglehart) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Aufgrund der Zusammensetzung der neuseeländischen Stichprobe aus zwei unabhängigen Teilstichproben ist die Altersspannweite so groß wie in keiner anderen Befragungsgruppe. Während von Greenpeace sehr junge Aktivisten an der Untersuchung teilnahmen, wurde die Stichprobe der Grünen auf einem Landesparteitag gezogen, so daß auch ältere Aktivisten miteinbezogen werden konnten. Der älteste "Umweltschützer" der gesamten Befragung ist ein 73jähriger Mann aus Neuseeland. Aufgrund dieser Altersheterogenität bietet die Stichprobe vielfältige Vergleichsmöglichkeiten an, u.a. auch mit deutschen und amerikanischen Nichtaktiven-Gruppen (Stichproben 8 und 20), welche ähnlich alte Mitglieder in ihren Reihen aufweisen können. Neuseeland geht zunächst wie jedes andere Befragungsland mit Ausnahme des Gastgeberlander nur mit einer Stichprobe in die Auswertung ein. Eine Aufteilung der neuseeländischen Befragten in eine Gruppe der Grünen und eine Greenpeace-Gruppe zur Verfeinerung der Analysen ist jedoch eine Option, die bei Bedarf vorgenommen werden kann (vgl. Kap. 17).
9.5 Internationale öko-passive Stichproben
(17) Taiwan (Hualien)
Die Stichprobe aus Taiwan besteht aus 20 Personen im Alter zwischen 21 und 26 Jahren (M = 24,0 ; SD = 1,5). Befragt wurden jeweils 10 Frauen und Männer. Es handelt sich um theologische Studentinnen und Studenten an der Yu-Shan-Hochschule in Chi-Nan/Shoufeng-Hualien, die von unserem Multiplikator (aus dem Freundeskreis des Forschers) unterrichtet werden. Ausgegeben wurde ein chinesischer 63 Items umfassender Fragebogen (Medium-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker), Angst (Boehnke u.a.) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffällig ist die absolute bzw. relative Gleichverteilung hinsichtlich der Variablen Geschlecht und Alter. Sie beruht nicht auf einer zufälligen Auslese, sondern auf einer systematischen Auswahl der Befragungsteilnehmer seitens unseres akademischen Multiplikators. So liegt aus Taiwan eine altersmäßig recht homogene, ansonsten jedoch geschlechtsheterogene Stichprobe vor. Besonders gut bietet sich ein Vergleich mit den verschiedenen Studentenstichproben aus Deutschland an (dazu gehören im engeren bzw. weiteren Sinne die Stichproben 4 bis 7). Ferner dürften die Vergleiche mit den asiatischen Aktivisten-Stichproben aus Indien und Thailand (14 und 15) besonders interessant sein.
(18) Madagaskar (Toamasina)
Die Stichprobe aus Madagaskar besteht aus 12 Personen im Alter zwischen 21 und 43 Jahren (M = 31,1 ; SD = 8,2). Befragt wurden jeweils sechs Frauen und Männer aus dem Familien- und Freundeskreis unserer Multiplikatorin (eine aus Madagaskar kommende Berliner Stipendiatin) in Toamasina. Ausgegeben wurde ein französischer 30 Items umfassender Fragebogen (Short-Version) zur Erfassung der Konstrukte Seelische Gesundheit (Becker) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffallig ist die vergleichsweise große Altersspanne der Befragten (es handelt sich auch um die viertgrößte Standardabweichung aller 20 Stichproben). Vom Stichprobenumfang her gesehen liegt die Gruppe aus Madagaskar an vorletzter Stelle, nur in Indien wurden noch weniger Personen befragt. Es ist davon auszugehen, daß die Befragten einer privilegierten Oberschicht angehören (der Vater der Multiplikatorin ist Bildungsminister des Landes!). Aufgrund des geringen Stichprobenumfangs bieten sich am ehesten Vergleiche mit anderen Kleinstgruppen, z.B. mit den Stichproben 9 (Europa), 12 (Mali) und 14 (Indien) an, wobei der rein afrikanische Vergleich mit der Aktivisten-Gruppe aus Mali besonders interessant erscheint: Gibt es auffällige Unterschiede in Abhängigkeit der Frage nach dem Umweltengagement oder überwiegen eher kulturelle Gemeinsamkeiten, die für die Stichproben Afrikas charakteristisch sind?
(19) Kanada (Columbia)
Die kanadische Stichprobe besteht aus 39 Personen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren (M = 17,4 ; SD = 0,8). Befragt wurden 32 Mädchen und 7 Jungen, die das Lester Pearson College in Victoria im Bundesstaat British Columbia besuchen. Ausgegeben wurde ein englischer 82-Items umfassender Fragebogen (Medium-Version) zur Erfassung der Konstrukte Glück (Bradburn, Fordyce I), Seelische Gesundheit (Becker), Angst (Boehnke u.a.), Postmaterialismus (Inglehart) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffällig ist zunächst die Altershomogenität dieser reinen Teenager-Gruppe. Es handelt sich um die einzige Stichprobe mit einer Standardabweichung < 1. Weiterhin ist der Anteil der weiblichen Befragungsteilnehmer mit 82% so hoch wie in keiner anderen Gruppe. Die Homogenität der Stichprobe ist auf unsere Multiplikatorin (ein Mitglied der Berliner Jugendgruppe von Greenpeace, die für zwei Jahre in Kanada zur Schule gegangen ist) zurückzuführen. Sie hat den Fragebogen vor allem in ihrer unmittelbaren Umgebung (Klassenverband und Campus) verteilt. Unbedingt zu erwähnen ist schließlich die Tatsache, daß es sich bei diesem College um eine ausgesprochene internationale Eliteschule handelt, bei der es pro Land nur wenige vefügbare Plätze gibt, die in einem anspruchsvollen Auswahlverfahren besetzt werden (aus Deutschland kommen z.B. jährlich nur drei Schülerinnen bzw. Schüler). So haben wir es bei der sog. kanadischen Stichprobe mit einer multikulturellen Mischung von Jugendlichen zu tun. Die Gruppe setzt sich aus 18 Nationalitäten zusammen: Brasilien, Kolumbien, Equador, Mexiko, Finnland, Deutschland, Polen, Italien, Albanien, Israel, Namibia, Nigeria, China, Hongkong, Japan, Pakistan, den Philippinen und Kanada. Bei den meisten Befragten handelt es sich um Einzelfälle, den größten prozentualen Anteil stellt die kanadische Teilgruppe (ca. 25%). Ein Mitglied dieser Teilgruppe gibt als einziger von allen Befragten an, politisch aktiv zu sein (bei den "Young Socialists"). Vergleiche aufgrund der Altersstruktur bieten sich mit Stichprobe 2 (Berliner Greenteens) an. Was die kulturelle Heterogenität innerhalb der "kanadischen" Gruppe betrifft, ist eine ähnliche Vielfalt nur noch in Stichprobe 7 ("Berliner" Stipendiaten) anzutreffen. Aufgrund der identischen Instrumente ist auch ein Vergleich mit der europäischen Aktivisten-Gruppe (Stichprobe 9) und mit der anderen nordamerikanischen Gruppe aus Denver/Colorado (Stichprobe 20) von Interesse.
(20) USA (Colorado)
Die US-amerikanische Stichprobe besteht aus 14 Personen im Alter zwischen 20 und 68 Jahren (M = 32,7 ; SD = 14,5). Befragt wurden sechs Frauen und acht Männer aus dem Familien- und Freundeskreis des Autors in Aurora/Denver im Bundesstaat Colorado. Ausgegeben wurde ein englischer 82-Items umfassender Fragebogen (Medium-Version) zur Erfassung der Konstrukte Glück (Bradburn, Fordyce I), Seelische Gesundheit (Becker), Angst (Goldenring & Doctor), Postmaterialismus (Inglehart) und Ökologische Hoffnungslosigkeit (Sohr).
Auffällig ist die große Altersspanne der Befragten. Mit Ausnahme des ältesten Teilnehmers, der Mitglied in der Republikanischen Partei ist, handelt es sich um weder politisch noch ökologisch aktive "normale" Bürgerinnen und Bürger der USA, die von ihrem Status her betrachtet der Mittelschicht zugerechnet werden können. Aufgrund der sich fast über die gesamte Lebensspanne erstreckenden Altersstruktur der US-Gruppe bieten sich Vergleiche insbesondere mit den Stichproben 16 und 8 (neuseeländische Aktivisten und deutsche Nichtaktivisten) an. Interessant ist schließlich auch ein Vergleich der beiden nordamerikanischen, nichtaktiven Stichproben 19 und 20 (Kanada und USA), nicht zuletzt wegen der Parallelität der Instrumente.
Summary 9
45. Die Gesamtstichprobe der Untersuchung umfaßt 600 Personen,
die von Juni 1994 bis Mai 1995 maximal jeweils dreimal mündlich
und schriftlich befragt wurden. Insgesamt sind 20 Substichproben zu
unterscheiden. Es handelt sich dabei um nationale und internationale
Öko-Aktive und Öko-Passive (Kap. 9.1).
46. An der Untersuchung nahmen 130 nationale Öko-Aktive im Alter
zwischen 3 und 29 Jahren teil, die zu den Gruppen der Greenkids,
Greenteams, Greenteens und Greentwens zusammengefaßt worden
sind (Kap. 9.2).
47. An der Untersuchung nahmen 167 nationale Öko-Passive im Alter
zwischen 18 und 87 Jahren teil, die zu den Gruppen der ehemaligen
Schüler, Studenten, Stipendiaten und Senioren zusammengefaßt
wurden (Kap. 9.3).
48. An der Studie nahmen 218 internationale Öko-Aktive im Alter
zwischen 14 und 73 Jahren teil, die aus Europa, Chile, Brasilien,
Mali, der Ukraine, Indien, Thailand und aus Neuseeland kommen
und in ihren Ländern in Umweltgruppen engagiert sind (Kap. 9.4).
49. An der Studie nahmen 85 internationale Öko-Passive im Alter
zwischen 16 und 68 Jahren teil, die aus Taiwan, Madagaskar,
Kanada und den USA kommen (Kap. 9.5).