VORWORT
"Der schönste Gegenstand, den ich jemals auf einer Photographie gesehen habe, ist die Erde, vom Mond aus betrachtet, wie sie im Weltraum schwebt und lebt" (Norman Myers 1984, S.258).
Der Rahmen
Die Entdeckung der Erde ereignete sich auf der Fahrt zum Mond. Als der amerikanische Astronaut Neil Armstrong seinen Blick von der Leere und Stille unseres Nachbarplaneten zurückwandte, brach er in helle Begeisterung aus. Helga Novotny (1996, S.152) beschreibt die Szenerie wie folgt: "Ins Blau getaucht, schwebte die Erde wie ein kreisrunder Juwel im pechschwarzen Weltall. Weiße Wirbel von Wolken umgaben sie, und darunter leuchteten sanft bräunlich und tiefblau die Kontinente und Ozeane. Dieses Bild vom blauen Planeten wurde zum symbolträchtigen Inbegriff der einzigartigen Schönheit dieser Erde - und ihrer tiefen Verletzlichkeit."
Nicht nur der Blick aus dem All hat die Erde als Biosphäre ins menschliche Bewußtsein gerückt. Wie die obengenannte Autorin weiter ausführt, bewirkte die Implosion der Moderne auch eine veränderte Wahrnehmung der mit den wissenschaftlich-technischen Entwicklungsmöglichkeiten verbundenen Risiken. Im Atomzeitalter gehen Gefahren nicht wie früher von einer als bedrohlich gesehenen äußeren Natur aus, sie sind stattdessen zivilisatorisch erzeugt. Unter der radioaktiven Wolke von Tschernobyl schrumpfte die Erde räumlich und zeitlich zusammen. In der "Weltrisikogesellschaft" werden Umweltprobleme zu Innenweltproblemen (vgl. Beck 1996).
Die sog. Umweltsoziologie oder ökologische Soziologie (Dieckmann & Jäger 1996), die sich mit den sozial produzierten ökologischen Problemen und den gesellschaftlichen Reaktionen auf diese Probleme befaßt, versucht in ihrer endosoziologischen Perspektive der modernen Entwicklung mit einer Erweiterung der Systemgrenzen durch eine innere Betrachtungsweise Rechnung zu tragen. Der Begriff der "Endosoziologie" folgt dabei einem zunächst für die Physik, später für die Biologie und Kognitionswissenschaften unter dem Namen "Endophysik" bekannt gewordenen interdiziplinärem Ansatz, der sich mit der Innenwelt der Beobachter auseinandersetzt (Rössler 1992).
Die Arbeit
Die vorliegende Arbeit - das Ergebnis einer fast dreijährigen Forschungstätigkeit - fühlt sich dieser Perspektive verbunden. Vor dem Hintergrund der globalen Umweltzerstörung versucht sie zu ergründen, warum die Menschheit sich in historisch einzigartiger Art und Weise suizidal verhält. Ausgehend von der These, daß ohne einen radikalen Wandel die endgültige Katastrophe vorprogrammiert ist, sucht sie nach Wegen wider den Fatalismus. Grundlage einer empirischen Untersuchung sind die Innenansichten von Kindern und Jugendlichen, der einzigen "sozialen Kategorie", die noch wenig Gelegenheit hatte, die Umwelt zu zerstören (Heid 1992).
Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht ein Konstrukt, das als "Ökologisches Gewissen" bezeichnet wird. Es basiert auf den philosophischen Prinzipien der Angst (Anders), Hoffnung (Bloch) und Verantwortung (Jonas). Die Idee des ökologischen Gewissens schließt also über kognitive Komponenten hinaus, wie sie in der Umweltbewußtseins-forschung vorherrschend sind, auch emotionale Elemente ein. Nicht um ein "entweder - oder", sondern um ein "sowohl - als auch" geht es. Angesichts unserer kollektiven Krise scheint es höchste Zeit, die Dichotomie von Emotionalität und Rationalität, von Herz und Verstand, zu überwinden (vgl. Goleman 1996).
Zur Konzeption der Arbeit: Im ersten Teil (Theorie, Kap. 1-6) wird ausgehend von einer Bestandsaufnahme des wissenschtlichen Umgangs mit der ökologischen Krise ein heuristisches Modell ökologischen Gewissens entwickelt. Im zweiten Teil (Methoden, Kap. 7-10) werden die Stichproben und Instrumente vorgestellt. Insgesamt wurden 600 Personen im Alter von 3 bis 87 Jahren mündlich bzw. schriftlich innerhalb eines zweijährigen Untersuchungszeitraums zwischen 1994 und 1996 befragt. Die ökologisch mehr oder weniger engagierten Personen kommen aus folgenden 12 Ländern: Brasilien, Chile, Deutschland, Indien, Kanada, Madagaskar, Mali, Neuseeland, Taiwan, Thailand, aus der Ukraine und den USA. Die Auswertungen und Diskussionen im dritten Teil (Ergebnisse, Kap. 11-20) umfassen schließlich die Bereiche Lebensalter, Entwicklung, Geschlecht, Politik, Kultur, Zeitgeschichte und Biographie.
Kurze Inhaltsangaben am Anfang und Zusammenfassungen am Ende eines jeden Kapitels dienen als "roter" oder vielmehr "grüner" Faden zur Erleichterung der Lektüre. Im Sinne der Auflockerung sind auch die aphoristischen "advance organizers" zu verstehen, die einigen Kapiteln vorangehen. Entsprechend der Sozialisation des Autors ist die Dissertation ausgesprochen interdisziplinär angelegt: Die soziologische, psychologische und philosophische Grundorientierung wird dabei durch "Gastspiele" anderer Disziplinen bereichert, u.a. der Biologie, Ethnologie, Medizin, Ökonomie, Pädagogik sowie der Politik- und Rechtswissenschaft. Ein persönliches Nachwort, das Aufschluß über den Forschungsprozeß selbst gibt, ist dem Anhang gemäß dem "Postulat der Selbstreflexion" (Preuss 1991) beigefügt.
Dankeschön!
Finanziert wurde die Arbeit mit Hilfe eines Promotionsstipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung des Stiftungsverbandes Regenbogen e.V., der sich in seinen Satzungszielen der Bewahrung der natürlichen Lebensgrundlagen verpflichtet fühlt. Die Förderung ist gebunden an ein gesellschaftspolitisches Engagement der Stipendiaten. In meinem Fall handelt es sich in erster Linie um die ehrenamtliche Betreuung von Kindern und Jugendlichen, die bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace ökologisch aktiv sind. Dabei verleiht die Integration dieser praktischen Tätigkeit im Rahmen einer sog. Aktionsforschung der Dissertation einen besonderen Charakter. Für die Möglichkeit der von mir angestrebten "externen" Promotion möchte ich mich bei der Heinrich-Böll-Stiftung an dieser Stelle ausdrücklich bedanken.
Über die Tatsache, daß ich mit den Herren Prof. Dr. Klaus Boehnke, Prof. Dr. Horst Petri und Prof. Dr. Hans Peter Rosemeier drei ausgesprochen fachkundige Gutachter gewinnen konnte, freue ich mich ganz besonders und danke für ihre sofortige Bereitschaft. Klaus Boehnke leitet seit über zehn Jahren das Langzeitprojekt "Leben unter atomarer Bedrohung", in dessen Kontext sich die vorliegende Studie beheimatet sieht. Ihm gilt mein zusätzlicher Dank für die Betreuung der Arbeit, die mir jederzeit genügend Freiräume zur kreativen Entfaltung der eigenen Ideen ließ. Die umfassende Methodenkompetenz von Klaus Boehnke bot mir außerdem einen sicheren Schutz für meine empirischen "Experimente". Mit Horst Petri und Hans Peter Rosemeier wird die Begutachtung durch zwei außergewöhnliche Human- und Sozialwissenschaftler erweitert. Horst Petri hat sich als Autor zahlreicher Bücher nicht nur um die Erforschung makrosozialer Kinder- und Jugendängste, sondern auch in der ökologischen Kinderrechtsbewegung sehr verdient gemacht. Ohne die wissenschaftlichen Arbeiten von Horst Petri wäre das Thema dieser Arbeit in der Gesellschaft weniger resonanzfähig. Last not least ist Hans Peter Rosemeier schließlich durch einen seit über 20 Jahren bewährten medizinpsychologisch-soziologischen Lehrbuch-Klassiker in Erscheinung getreten. Seit Einführung des Fachgebietes in die ärztliche Approbations-Ordnung gehört er zu den bundesweiten Prüfern der Psychologie und Soziologie.
Nachfolgend möchte ich mich bei allen Menschen herzlich bedanken, die an der Entstehung der Dissertation in irgendeiner Form ihren Anteil haben. Aufgrund der umfangreichen Anlage der Arbeit handelt es sich um eine lange Liste. Hervorheben möchte ich zwei Personen, zum einen Frau Dr. Gabriele Claßen, zum anderen Herrn Dr. Joachim Stary. Beide Kollegen haben mich nicht nur bei computertechnisch-statistischen und graphischen Gestaltungsfragen stets unterstützt, sondern mich immer wieder ermutigt, die Dissertation zu schreiben. Außerdem danke ich an dieser Stelle meinem Bruder und meinen Eltern, die mir über die aufgeführten, konkreten Dienstleistungen hinaus jederzeit ein unschätzbarer emotionaler Halt waren.
Dankeschön...
Dr. Ann Auhagen für wertvolle Literaturhinweise
Prof. Dr. Peter Becker für das Copyright seines Fragebogens
Prof. Dr. Klaus Boehnke für die Betreuung und Begutachtung der Arbeit
Dipl. Psych. Uta Bronner für umfangreiche Ratingtätigkeiten
Dr. Gabriele Claßen für die Unterstützung bei der graphischen Gestaltung
Melanie und Jennifer Claßen für umfangreiche Dateneingabe-Tätigkeiten
Ute Deitermann für die Organisation eines Kinderinterviews
Yolande Dera für die Stichprobe aus Madagaskar
Marc Diarra für die Stichprobe aus Mali
Prof. Dr. Wolfgang Frindte für eine Begutachtung
Daniel Fuß für wertvolle Literaturhinweise
Prof. Dr. Gerhard Gamm für ein hilfreiches Gespräch
Dipl. Psych. Axel Gierga für wertvolle Literaturhinweise
Imke Grimmer für wertvolle Literaturhinweise
Marina Grodzitskaja für die ukrainische Stichprobe
Prof. Dr. Gerhard de Haan für ein hilfreiches Gespräch
Dipl. Psych. Göran Hajek für anregende Diskussionen
Dr. Dorothee Heckhausen für wertvolle Literaturhinweise
Dipl. Päd. Jutta Helm für die Betreuung durch die Heinrich-Böll-Stiftung
Roxana Hernandez für die chilenische Stichprobe
Prof. Dr. Ernst Hoff für kontinuierliche Forschungseinblicke
Julia Karstädt für die kanadische Stichprobe
Waltraud Klutz für die Organisation eines Kinderinterviews
Dr. Roland Kühne für ein wertvolles Gespräch
Rajendra Kumar für die indische Stichprobe
Dipl. Psych. Paul Langrock für einige Greenpeace-Aktionsphotos
Gabriele Lehmann-Randow für die Organisation eines Kinderinterviews
Dr. Irene Lopez-Hänninnen für die spanische/französische Übersetzung
Dr. Michael Macpherson für die englische Übersetzung
Tua und Bird Makhampom für die thailändische Stichprobe
Dipl. Ing. Fritz Mamitza für die Zusendung eines persönlichen Aktionsphotos
Prof. Dr. Reinhart Maurer für eine solide philosophische Ausbildung
Dr. Uwe Munzinger für ein hilfreiches Gespräch
Guilherme de Moraes Hejm für die portug. Übersetzung/brasil. Stichprobe
Dr. Tadahiro Ninomiya für die chines. Übersetzung/taiwan. Stichprobe
Eve Ortiz für die amerikanische Stichprobe
Aminata Ouane für die Stichprobe aus Mali
Christa Petermann für die Organisation eines Kinderinterviews
Prof. Dr. Horst Petri für die Begutachtung der Arbeit
Dr. Sigrun Preuss für ein hilfreiches Gespräch
Dipl. Psych. Uwe Rose für anregende Diskussionen
Prof. Dr. Hans-Peter Rosemeier für die Begutachtung der Arbeit
Dipl. Psych. Christa Schäufele für wertvolle Literaturhinweise
Dipl. Pol. Rainer Schneider-Wilkes für permanente Ermutigungen
Dipl. Psych. Ernst Schraube für anregende Diskussionen
Ilka Schröder für die neuseeländische Stichprobe
Dipl. Psych. Heike Schroth für umfangreiche Ratingtätigkeiten
Dr. Beate Schultz-Zehden für wertvolle Literaturhinweise
Dr. Monika Sieverding für wertvolle Literaturhinweise
Christa Sohr für umfangreiche Ratingtätigkeiten und konstruktive Kritik
Dipl. Kfm. Hans-Jürgen Sohr für umfangreiche Rating- und Korrekturtätigkeiten
Tom Sohr für umfangreiche Ratingtätigkeiten und philologisches Spezialwissen
Dr. Joachim Stary für die Unterstützung bei der graphischen Gestaltung
Dipl. Psych. Claudia Stromberg für wertvolle Literaturhinweise
Gabriel Sanhueza Suarez für die chilenische Stichprobe
Petra Thimm für wertvolle Literaturhinweise
Matthias Trenel für anregende Diskussionen
Dr. Gerhard Wenzke für die Entfernung eines PC-Virus
Kathrin Wiedrich für anregende Diskussionen
Dipl. Psych. Christoph Wisser für andauernde Ermutigungen
Petra Wolf für die Transkription der Kinderinterviews
Imke Zimmermann für anregende Diskussionen
Dr. Harald Zühlke für jahrelange Ermutigungen
Dipl. Geol. Martin und Olga Zühlke für die russische Übersetzung
Eine empirische Untersuchung, wie sie in der vorliegenden Form vorliegt, wäre ohne die freiwillige Teilnahme interessierter Mitmenschen nicht möglich gewesen. In diesem Fall handelt es sich um viele Jugendliche, die auf diese Weise zum ersten Mal in ihrem Leben mit Wissenschaft in Kontakt gekommen sind. Vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern an der schriftlichen Befragung, insbesondere den ausländischen Befragten, muß ich unbekannterweise danken. Dafür will ich die Gelegenheit nutzen, allen über 100 Personen, die sich von mir haben interviewen lassen, meine Hochachtung auszusprechen
(doppelte Namen sind in der folgenden Aufführung nur einmal berücksichtigt):
Alina, Andrea, Anja, Anna, Anne, Annebel, Anneke, Annerose, Beate, Benjamin, Carolin, Caroline, Charlotte, Chris, Christian, Claudia, Conny, Dagny, Daniela, Denise, Desiree, Dirk, Elisabeth, Enrico, Esther, Eva, Fabian, Florian, Franko, Frauke, Fritz, Harald, Heiko, Heldin, Hilarion, Holger, Ilka, Imke, Isabella, Jan, Jana, Janek, Jeannette, Jessica, Johannes, John, Josefine, Julia, Juliane, Katharina, Katrin, Kay, Kenja, Lars, Laura, Lena, Linda, Lisa, Patrick, Paul, Pia, Maike, Maja, Mandy, Maria, Mark, Markus, Matthias, May, Merle, Michelle, Mona, Nina, Naumi, Noemi, Robert, Ronald, Ruedi, Sabine, Sandra, Sarah, Sascha, Saskia, Sebastian, Silvio, Simon, Simone, Sören, Sonja, Stephanie, Susanne, Tam, Thilo, Till, Tina, Titus, Tobias, Tracy, Vicky und Wiebke!
Abschließend noch ein persönliches Wort in eigener Sache: Die Aufzählungen der Kommunikations- und Interaktionspartner sollen nicht darüber hinwegtäuschen, daß wissenschaftliches Schreiben eine einsame Angelegenheit ist. Jeder, der schon einmal selbst eine längere Arbeit verfaßt hat, weiß das. Dennoch sorgt das spezifische Thema der Dissertation für eine besondere Situation. Immerhin handelt es sich hier um existentielle Überlebensfragen. Zu meinen nachhaltigsten und schmerzhaftesten Erlebnissen gehört die immer wiederkehrende Erfahrung der weitestgehenden Ignoranz, mit der in unserer Gesellschaft die Umweltzerstörung verdrängt wird. Viele Menschen finden das Thema "interessant", doch nur wenige scheinen sich wirklich dafür zu interessieren und sich ernsthaft Gedanken oder Sorgen um die Zukunft zu machen.
Ich gestehe, daß mich die permanente Beschäftigung mit dem Thema manchmal an den Rand des Abgrunds gebracht hat. Wie verlockend ist es in solchen Momenten, der traurigen Realität zu entfliehen. Letztlich hat mich mein Gewissen am Leben gehalten, der Glaube an einen Sinn der eigenen Tätigkeit und der Gedanke an meine noch nicht geborenen Kinder. Ihnen (und allen anderen zukünftigen Kindern dieser Erde) möchte ich die Doktorarbeit widmen - und mich einem Zitat des Philosophen Günther Anders anschließen:
"Dieses Plädoyer für den Weiterbestand einer menschlicheren Welt, nein: leider bescheidenerer: für den Weiterbestand der Welt, habe ich geschrieben, als manche meiner eventuellen Leser noch nicht das gleißende Licht unserer düsteren Welt erblickt hatten. Sie werden erkennen, daß die revolutionäre, oder richtiger: katastrophale Situation, in die sie hineingeboren wurden und in der sie zu leben leider allzusehr gewohnt sind, nämlich die Situation, in der die Menschheit sich selbst auszulöschen imstande ist (...) schon vor ihrer Geburt eingesetzt hat, und daß die Pflichten, die sie haben, schon die ihrer Väter und Großväter gewesen sind. Ich schließe mit dem leidenschaftlichen Wunsch für sie und ihre Nachkommen, daß keine meiner Prognosen recht behalten werden" (Anders 1987, IX).