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Collegium musicum vor dem Strawinsky-Brunnen in Paris
Ermutigt durch künstlerische Erfolge in den Altbundesländern, der Schweiz und verschiedenen holländischen Städten, nahm das Collegium musicum der TU sein 30jähriges Orchesterjubiläum in diesem Jahr zum Anlaß, sich gemeinsam mit dem Motettenchor der TU Anfang November mit mehreren Konzerten in Paris hören zu lassen. Schuberts "Unvollendete" und die C-Dur-Messe von Beethoven standen auf dem Programm. Als Solisten reisten Professoren und Studenten von den Musikhochschulen Dresden und Saarbrücken mit.
Frühlingshaft strahlte die Sonne, als am Eifelturm erste Fotos für den daheim zu erbringenden Aufenthaltsnachweis geschossen wurden. Unter einem Himmel von transparentem Blau schimmerten silbrig die berühmten grauen Dächer der Metropole. Man stand, ging und staunte im bloßen Hemd oder Jackett, während die in langen Mänteln flanierenden Pariser mit ihrer Kleidung der Jahreszeit Rechnung trugen und ihrem Ruf, etwas von Eleganz zu verstehen, alle Ehre machten.
Wo Chemnitz liegt, das sie auf dem "i" charmant in die Länge ziehen, dürften die wenigsten Franzosen wissen, wenngleich sie sich nicht nur aus Höflichkeit dafür interessieren. Wer im vielfarbigen Kulturangebot der Zehnmillionenstadt Paris künstlerisch produzieren und dabei gehört werden will, muß durch Werbung auf sich aufmerksam machen. Das Goethe-Institut und das Studentenwerk der Sorbonne gaben wertvolle Unterstützung. In Veranstaltungkalendern wie "Pariscope" oder "Lþofficiel des spectacles" fanden die Chemnitzer ihre Konzerttermine angezeigt. Erster Konzertort war die Eglise Evangelique Allemande (Deutsche Evangelische Christuskirche), die auf genau 100 Jahre eines bewegten und wechselvollen Gemeindelebens zurückblickt und gerade renoviert wird. Als Konzertkirche hat sie leider keine Tradition, liegt zudem für ihre meist am Stadtrand wohnenden deutschsprachigen Gemeindemitglieder recht ungünstig. So gab es am ersten Konzertabend zwar herzlichen Beifall, aber nicht eben sehr viele Besucher. In Erinnerung bleiben wird allen die vorzügliche Akustik der Eglise Allemande.
Ein echtes Kultur- und Kommunikationszentrum ist seit der Entstehung in den 70er Jahren das Centre George Pompidou, mitten im Herzen der Stadt neben dem Strawinsky-Brunnen gelegen. Von seiner Anziehungskraft auf Einheimische wie Touristen profitiert die unmittelbar daneben liegende große spätgotische Kirche Saint Merri, die sich als Stätte kultureller und inter- religiöser Begegnungen versteht, und in der kein Geringerer als Saint Saàns die Orgel spielte. Mit dem Accueil Musical wurde in Saint Merri eine künstlerisch hochkarätige Konzertreihe begründet. Sie ist jedermann zugänglich, denn die Zuhörer haben freien Eintritt. Berufs- wie Laienkünstler bewerben sich mit eingereichten Tonkassetten darum, im Accueil Musical ohne Honorar auftreten zu dürfen. Eine Fachkommission entscheidet, lehnt ab oder läßt eine ehrenvolle Einladung ergehen.
Unseren ersten Konzertabend in Saint Merri bestritten der aus dem Collegium musicum und dem Motettenchor hervorgegangene ehemalige Maschinenbauabsolvent Jens Schuster, derzeit Tenor am Chorstudio der Semperoper Dresden, und seine Begleiterin, die Chemnitzer Pianistin Heide Krone. Ihr Schubert-Liederabend vor einem unerwartet großen Auditorium geriet zu einem lyrisch- musikalischen Ereignis von seltener Eindringlichkeit. Die leise Intensität Schusters, seine jede sängerische Attitüde vermeidende Schlichtheit und die vorzügliche Übereinstimmung mit seiner Partnerin am Klavier zogen die Zuhörer in ihren Bann. Hier ist ein neuer, völlig unpathetischer Interpretationsstil im Entstehen, der, was Liedsänger traditionsgemäß an Gestaltungsmitteln glauben einsetzen zu müssen, auf sublime Weise unterbietet, um daraus um so stärkere, womöglich liedgemäßere Wirkung zu erzielen. Daß "le lied" in Frankreich ein Lehnwort und Importartikel ist, mochte man bei einem so sachverständigen Publikum kaum glauben. Am Ende gab es soviel Applaus, mehrere Zugaben und für 1995 die Einladung Jens Schusters und seiner Begleiterin zu einem spätromantischen Liedfestival in die Dordogne. Ebenfalls überwältigend dann tags darauf der Zuhörerstrom zu unserem großen Konzert am Sonntagnachmittag. Die Stühle von Saint Merri reichten nicht mehr, mancher Hörer mußte auf dem Fußboden sitzen. Nach der Beethoven-Messe stürmischer Beifall, rhythmisches Klatschen, Ovationen, anhaltend noch, nachdem die Gäste sich mit einem da capo des "Gloria" für die überaus herzliche Aufnahme bedankt hatten. Enthusiastisch gaben sich auch die Veranstalter des Accueil Musical. Collegium musicum und der Motettenchor, ebenso Jens Schuster und Heide Krone sind eingeladen, auch 1995 wieder zwei Konzerte in Saint Merri zu geben - ein Erfolg, über den sich die mehr als achtzig parisbegeisterten Reiseteilnehmer nicht wenig freuen.
Peter Krone, Collegium musicum