Mit der Einbindung moderner Netzdienste in den Lehrbetrieb stellt sich vielfach die Frage, wie die Lehrmaterialien am besten zu den Lernenden kommen. Das Internet als Transportmedium macht keine Vorschriften. Eher sind es schon die bei den Lernenden vorhandenen Werkzeuge und Wünsche. Lernende stellen viele Anforderungen an ein Fileformat für Lehrmaterialien. Insbesondere gilt es, die Wünsche der Bildschirm-Leser zu berücksichtigen, ohne am guten Erscheinungsbild auf dem Drucker Abstriche zu machen:
Diese unvollständige Auswahl wird durch die Wünsche der Autoren ergänzt:
Im praktischen Betrieb wird es sehr kompliziert, alle Forderungen zu erfüllen. Aus der Vielfalt möglicher Datenformate schälen sich zwei Favoriten heraus, die einen großen Teil der Punkte abdecken:
Materialien lassen sich leicht als HTML-Texte verteilen. Entweder werden sie gleich online gelesen, oder man stellt ein gepacktes Archiv bereit, welches der Lernende auf seiner lokalen Platte auspacken kann.
Solange man auf browserspezifische Erweiterungen verzichtet, steht eine Vielzahl von Anzeigewerkzeugen auf verschiedenen Plattformen zur Verfügung. Es lohnt sich, sehr sparsam mit speziellen Fähigkeiten moderner Sprachversionen umzugehen, um diese Vielfalt nicht unnötig einzuschränken.
Problematisch kann mitunter der Ausdruck werden. Hintergrundfarben werden nicht von allen Browsern wiedergegeben. Animationen und dynamische Elemente gehen naturgemäß sowieso verloren. Die Blätter erhalten keine Seitennummern, Bezugnahmen auf bestimmte Textabschnitte sind daher komplizierter als gewöhnlich. Eine durchdachte Strukturierung und Numerierung des Materials mindert diese Probleme.
Bei Zusammenarbeit mehrerer Autoren wird HTML als Entwurfssprache schnell untauglich. Es lassen sich kaum Abschnitte einfügen oder umstellen, ohne in weiten Teilen des Dokumentes Änderungen zu erzwingen. Es lohnt sich daher, die Autoren zu verpflichten, ihre Materialien in einer anderen Sprache zu entwickeln und nur logisches Markup zu fordern.
Der Einsatz von XML-basierten Materialien bietet sich hier an und wird beispielsweise im Umfeld der Weiterbildung "Informations- und Kommunikationssysteme" erfolgreich praktiziert. Die Lehrmaterialien, die auszugsweise zu Demonstrationszwecken unter http://iuk.tu-chemnitz.de/ bereitgestellt wurden, stammen aus eine XML-Quelle können mittels verschiedener Werkzeuge in das eigentliche Zielformat - hier also HTML - konvertiert werden.
Die von Adobe Systems entwickelte Seitenbeschreibungssprache PDF lässt sich ebenfalls mit freien Werkzeugen (kpdf, xpdf) oder mit dem weitverbreiteten Acrobat Reader anzeigen und drucken. Sie verfügt über Hypertextfunktionen und ist im Hinblick auf den Einsatz in der Lehre dem HTML ebenbürtig.
Nachteilig wirkt sich vor allem die Qualität aktueller Bildschirme aus, die es noch nicht möglich macht, ganze Dokumentenseiten gut lesbar anzuzeigen. Sobald die Lerner nur Teile einer Seite sehen und regelmäßig scrollen müssen, wird das als sehr lästig empfunden.
Alle Seiten werden in einem einzelnen File übertragen. Wenn die Materialien online bereitstehen, verursachen also Anwender, die nur mal in einen einzelnen Abschnitt schauen wollen, einen erhöhten Netzverkehr.
Demgegenüber steht die Möglichkeit, die Materialien in guter Typografie anzubieten - ein Punkt, der von wenigen Lernern bewusst wahrgenommen wird und doch die Aufnahme des Stoffes deutlich erleichtert.
Besonders Autoren, die ihre Dokumente mit LaTeX setzen, haben es leicht, gute PDF-Files bereitzustellen: Wenn pdflatex auf dem System installiert wurde, genügt es, das Paket "hyperref" einzubinden und "pdflatex" statt "latex" aufzurufen, um PDF-Files mit Hypertextlinks für Inhaltsverzeichnis und externe Verweise zu erzeugen.
Wenn bekannt ist, dass die Empfänger der Lehrmaterialien in der Mehrheit die Dokumente sowieso ausdrucken und als Papierversion studieren, lohnt es sich, den Einsatz von PDF zu forcieren.
Für Lerner, die tatsächlich den überwiegenden Teil des Lehrstoffes am Bildschirm konsumieren, bleibt HTML unter Verzicht auf browserspezifische Erweiterungen der erste Kandidat.
Es gibt noch viele weitere Aspekte zu bedenken, die je nach konkretem Einsatz mal mehr, mal weniger ins Gewicht fallen. Es gibt auch noch viele weitere Dokumentenformate, doch weisen die anderen Kandidaten so große Defizite bei der Erfüllung eingangs genannter Forderungen auf, dass sie aus unserer Sicht derzeit nicht für den Einsatz in der digital gestützten Fernlehre in Frage kommen.
Der Artikel basiert auf einem Vortrag. Die Vortragsmaterialien stehen unter http://archiv.tu-chemnitz.de/pub/2001/0035/ zur Verfügung.
| Ralph Sontag, April 2001 |