Ein Vorbild für Häkkinen

Von der Technik zum Rennsportass: Willy Pöge (1869 - 1914)


Im Universitätsarchiv warten Matrikelbücher und Schülerverzeichnisse der Vorläufereinrichtungen unserer heutigen Universität mit 1836 beginnend auf systematische Auswertung. Wo kamen die Absolventen her? Welche beruflichen und sonstigen Erfolge verdanken Sie der Ausbildung, welche sie in Chemnitz genossen haben? Als Anregung, diese Lücke zu schließen, wird im Folgenden über Deutschlands besten Herrenfahrer der Jahre 1902 bis 1910 berichtet. Friedrich Elias Willibald Pöge - genannt Willy Pöge - aus Chemnitz Kappel hat die Königliche Höhere Gewerbschule Chemnitz technisches Grundverständnis und die Lust an der Innovation bei den Fortbewegungsmitteln seiner Zeit für eine eigenartige Karriere mitgegeben.

Die erfolgreichen "Silberpfeile"

Wer sich heute für den Automobil-Rennsport interessiert, verbindet mit Mercedes die Namen der Fahrer Häkkinen und Coulthard. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nannte man Mercedes und Manfred von Brauchitsch in einem Atemzug, dank der Erfolge der "Silberpfeile". In den frühen Jahren des deutschen Rennsports fuhr der Fabrikantensohn und Fabrikbesitzer Willy Pöge aus Chemnitz 1903 bis 1910 als "Herrenfahrer" die meisten Siege auf Mercedes herein, wie in der Renngeschichte der Daimler-Benz AG nachzulesen ist.

Wie der Vater so der Sohn

Willy Pöge studierte von 1887 bis 1890 an der Königlichen Gewerbschule Chemnitz, einer Vorläufereinrichtung der heutigen TU Chemnitz, die ihn also zu ihren bedeutenden Absolventen zählen kann. Die Motivation dafür erhielt er wahrscheinlich von seinem Vater, Hermann Pöge, der sehr eng mit Prof. Dr. Alfred Weinhold zusammenarbeitete und außerdem der Gründer der ältesten elektrotechnischen sächsischen Firma - der Chemnitzer Telegrafenbauanstalt - im Jahre 1875 war. Vater und Sohn waren gemeinsam bei Weinhold im Wintersemester 1886/87 im Fach Elektrotechnik als Gasthörer eingeschrieben.
1894 stieg Willy Pöge in die väterliche Firma ein, die drei Jahre später in eine Aktiengesellschaft umgewandelt wurde. Unter seiner Leitung expandierte die Firma weiter und noch heute erkennt man den großen Gebäudekomplex an der Paul-Gruner-Straße. Bis zu seinem Tode im Jahre 1914 stand er der Firma vor, aber so gut er sie auch führte, seinen internationalen Ruhm erwarb er sich in seinem Hobby, dem technikgeprägten Rennsport.

Vom Hochrad bis zum Flieger

Wir finden ihn in Siegerlisten Chemnitzer Radsportveranstaltungen, 1889 wird er Sachsenmeister und drittbester Hochradfahrer Deutschlands. Während des Wehrdienstes reitet er erfolgreich Hindernisrennen. Ab 1902 packt ihn aber der Automobilrennsport. Nach einigen Rennen auf kleinen französischen Wagen bietet Willy Pöge sein Talent einem deutschen Hersteller an. Zuschauer und Presse bewundern seine Kurventechnik, besonders stark ist er auch in den Bergen. Höhepunkt seiner Automobilrennerfolge im Ausland ist 1910 der Sieg bei der Kaiser-Nikolaus-Tourenfahrt, von der er den Pokal des Zaren nach Chemnitz heimbringt.
Wie viele der innovativen Automobilisten seiner Zeit reizt ihn natürlich auch das Fliegen. Von großen Erfolgen seiner Flugkunst wird freilich nichts berichtet. Seine wirtschaftliche und sportliche Karriere verdankt er nicht nur, aber bestimmt zu einem Großteil der hervorragenden Ausbildung an unserer Chemnitzer Bildungseinrichtung. Das Schloßbergmuseum und auch das Industriemuseum haben begonnen, Material zur Rennsportgeschichte dieses berühmten Automobilisten zu sammeln.

Dr. Jochen Haeusler, Ex-Siemens-Chef in Chemnitz
Stephan Luther, Universitätsarchiv



Auszug aus dem Hauptbuch der Königlich Höheren Gewerbeschule zu Chemnitz, Universitätsarchiv 101/6 - 4006
 Zeitzeugnis: Am Steuer sitzt der Rennfahrer Willy Pöge. Bei der Kaiser Nikolaus-Tourenfahrt 1910 gewinnt er den Zarenpokal.
Foto: Archiv DaimlerCrysler AG


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HTML-Version von Enrico Peuschel, 11. Januar 2001