Ein Technikwissenschaftler der ersten Stunde

Zum 100. Todestag von Christian Moritz Rühlmann

BILD Christian Moritz Rühlmann 15.02.1811 - 16.01.1896

Christian Moritz Rühlmann gehört zu den frühen Wegbereitern technischer Bildung an der Königlichen Gewerbschule zu Chemnitz, einer Vorläufereinrichtung der heutigen Technischen Universität Chemnitz-Zwickau. Rühlmann, geboren am 15. Februar 1811 in Dresden, beginnt seinen Bildungsweg mit dem Besuch der Kreuzschule, der Bauschule sowie der Chirurgischen Academie. Sein Interesse an klassischen Sprachen, Philosophie, Physik, Chemie und Mathematik führt ihn ab 1829 an die Dresdener Technische Bildungsanstalt.

Mit dem Titel eines geprüften Technikers und Erfahrungen als Hilfslehrer für Mathematik nutzt er nach erfolgreichem Abschluß die Unterstützung der Sächsischen Staatsregierung, um Bildungsreisen zu unternehmen und sich zudem an der Universität Leipzig weiterzubilden. Mit Gründung der Chemnitzer Gewerbschule am 02. Mai 1836 wird Rühlmann zunächst die Stelle eines Hauptlehrers der Mathematik übertragen. Er gehört so zu den ersten Berufenen, die hier den Schulbetrieb aufnehmen. Im neuen Amt engagiert er sich, um “mit rastloser Thätigkeit die Verbreitung der technischen Hülfswissenschaften³ zu befruchten, wie die damaligen Schulnachrichten ausweisen. Zunächst übernimmt er den Unterricht in Elementargeometrie, Arithmetik, Maschinenzeichnen und - entwerfen, Maschinenlehre, Mechanik und Mechanische Technologie, wird aber auch beauftragt, Exkursionen und Praktika in Maschinenbauanstalten, Hüttenbetrieben und Bergwerksanlagen zu organisieren. Sehr früh werden damit die Grund-lagen für eine sehr praxisorientierte Ausbildung - wesentliches Kennzeichen der Chemnitzer Einrichtung - geschaffen.

Rühlmann erkennt schnell, daß es “für die Maschinentechnik in der ganzen deutschen Literatur nirgends ein brauchbares Lehrbuch gibt, was den Doppelzweck - intellectuelle Bildung und völlige Brauchbarkeit der Resultate und Formeln für die Praxis - erfüllt³. Rühlmann verfaßt daraufhin sein erstes Lehrbuch zur Technischen Mechanik und Maschinenlehre. Gleichzeitig erwirbt er an der Universität Jena mit einer mathematischen Arbeit den Doktortitel.

Ende 1840 erhält Rühlmann einen Ruf als Professor für Maschinenbau an die 1831 gegründete Höhere Gewerbeschule in Hannover. Das neue Wirkungsfeld richtet sich zunächst auf den Aufbau der neuen Fachgebiete Maschinenlehre und Maschinenentwerfen, den Erfordernissen der aufstrebenden Industrie entsprechend. Schließlich widmet er sich auch der wissenschaftlichen Behandlung der Fertigungstechnik, damals noch Bestandteil der Mechanischen Technologie bzw. der Maschinenlehre.

Würdigung erfuhren seine Arbeiten als vielfältig tätiger Gutachter und Sachverständiger wie auch als Mitglied technisch-wissenschaftlicher Vereine und Kommissionen. Entsprechend hoch ist die Zahl der Ehrungen: das Ritterkreuz des Guelfenordens, die Ernennung zum Offizier des öffentlichen Unterrichts in Frankreich, der Orden der Ehrenlegion, der Kronenorden II. Klasse mit dem Abzeichen für Jubilare (verliehen von Kaiser Wilhelm I.), das Komthurkreuz II. Klasse des Sächsischen Albrechtsordens, das Ehrenbürgerrecht der Stadt Hannover. Der bedeutende Technikwissenschaftler Rühlmann, sein Kollege F. Heeren, Lehrer für Physik, Mineralogie und Praktische Chemie, dessen chemisches Laboratorium später als das modernste und größte in ganz Deutschland angesehen wurde, sowie Direktor K. Karmarsch, führender Vertreter der Mechanischen Technologie, bilden schließlich jenes hannoversche Dreigestirn, das für die Verwissenschaftlichung der Technik bis zur zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine herausragende Bedeutung erlangte.

Am 16. Januar 1896 vollendet sich Rühlmanns Leben in Hannover.

Prof. Dr. Friedrich Naumann
Philosophische Fakultät


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HTML-Version von Ralph Meyer, 19. März 1996