zurück Inhalt vor
Interna
22
 
 
  TU Spektrum  
   
     
Der Vergesellschaftung auf der Spur

Sozialisationsforscher Klaus Boehnke über die Jugendforschung an seiner Professur


Prof. Dr.
Klaus Boehnke, Inhaber der Professur Sozialisations-
forschung und Empirische Sozialforschung, setzt auf eine international vergleichende Forschungs-
perspektive. Dafür arbeitet er mit Wissenschaftlern
u. a. aus den USA, Israel, Polen und Tschechien oder Spanien und Österreich zusammen. Er ist Generalsekretär der International Association for Cross-Cultural Psychology.

Foto: Christine Kornack

  Herr Professor Boehnke, Ihre Professur beschäftigt sich mit dem Hineinwachsen des Menschen in die Gesellschaft. Wann beginnt Ihrer Meinung nach die Sozialisation eines Menschen? Mit der Geburt?

In der Jugend wird der Mensch zum gesellschaftlichen Wesen. Zwar beeinflusst die Gesellschaft schon vorher das Leben massiv, aber ein aktiv-gestaltendes Mitglied einer Gesellschaft wird der Mensch für gewöhnlich erst im Jugendalter.

Wie kommt man dieser „Vergesellschaftung“ wissenschaftlich auf die Spur?

Indem man die Menschen, die in die Gesellschaft hineinwachsen, hierzu befragt, sie beobachtet, sie in ihrem Lebensweg begleitet. Dies tut man vernünftiger Weise mit den bewährten Erhebungsmethoden der Empirischen Sozialforschung – etwa mit Fragebögen, Beobachtung und Fallstudien. Bei der Auswertung der Daten bedarf es dann oft auch umfangreicher Kenntnisse und Fähigkeiten zu statistischen Softwareprogrammen. Deshalb vertritt die Professur in der Lehre das von vielen meistgehasste Fach: die Statistik.

Interdisziplinäre Jugendforschung ist Ihr Spezialgebiet. In einem dieser Projekte haben Sie sich mit dem so genannten „Streber-Vorwurf“ beschäftigt. Was hat es damit auf sich?

Deutsche Schüler haben in international vergleichenden Studien zu Mathematik-Kenntnissen überaus mittelmäßig abgeschnitten. Wir gehen der Frage nach, ob dies auch daran liegen könnte, dass Leistung in Deutschland, insbesondere in den siebten bis zehnten Klassen, verpönt ist, gute Leistungen im Schülerverständnis Streberverhalten voraussetzen und dass deshalb gute Schüler besonders gute Leistungen vermeiden, um derartigen Vorwürfen zu entgehen. Wir untersuchen auch, ob dies in anderen Kulturen, in Kanada oder in Israel anders ist.

Ein weiteres Projekt beschäftigt sich mit jugendlichen Selbstmorden. Wie lässt sich diese traurige Tatsache begründen?

Ralph Günther, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Professur, hat anhand einer 1986 begonnenen Studie mit Leipziger Jugendlichen aufzuzeigen versucht, dass Selbstmordgedanken nicht nur wegen Liebeskummer, Schwierigkeiten in der Schule oder durch problematische Situationen in der Familie aufkommen. Sie haben auch sehr viel mit Werten zu tun, denen junge Menschen anhängen. Wem etwa Gerechtigkeit wichtig ist, der macht sich Sorgen darüber, sieht Bedrohungen, ist mit dem Leben aus diesem Grund unzufrieden und überlegt, ob es sich überhaupt noch lohnt, weiterzuleben.

  Gerade hat die Chemnitzer Forschergruppe „Neue Medien im Alltag“ ein Buch über die Vielfalt individueller Nutzungsweisen herausgebracht. Sie haben untersucht, wie Jugendliche Radio, Fernsehen und Internet nutzen. Zum Spielen und Musikhören?

Ja, natürlich auch. Ganz wichtig ist aber, dass Jugendliche Medien – vor allem das Radio – nutzen, um schneller auf dem Wege zum Erwachsenen voranzukommen. Sie suchen sich die Inhalte aus, die ihnen hierbei Fortschritte versprechen, die ihnen sozusagen nahe legen, wo es lang geht. Jugendliche lassen sich von den Medien nicht volldröhnen, zumindest nicht vorrangig, sie wissen sehr wohl auszuwählen.

Darüber hinaus wurden zwischen 1998 und 1999 Studenten zur Qualität der universitären Lehre befragt. Wie viele Studenten nahmen an dieser Evaluationsstudie teil und was sind die wichtigsten Erkenntnisse?

In erster Linie zeigte unsere Befragung, dass man mit einem kurzen und von der Universität selbst erstellten Fragebogen über die Hälfte aller Studierenden zur Teilnahme bewegen kann. Dies ist ein sensationeller Wert. Im Übrigen ergab unsere Studie den fast schon üblichen Befund, dass Chemnitzer Studierende mit der Lehre an der Uni zufrieden bis sehr zufrieden sind. Für mich persönlich war folgendes Detailergebnis aber besonders interessant: Bezüglich der hervorragenden EDV-Ausstattung der Technischen Universität äußerten viele Studierende, dass sie sich dadurch auch in der Lehre fast etwas überfordert fühlen. Da scheint es also eher Nachholebedarf sowohl im Schulungs- als auch im Hardware­bereich zu geben.

Sie sind seit acht Jahren in Chemnitz. Nun wechseln Sie zum Ende dieses Semesters an die International University Bremen. Wie geht es danach mit der Professur für Sozialisationsforschung und Empirische Sozialforschung an der TU weiter?

Nun, das ist eine etwas heikle Frage. Die International University Bremen (IUB) hat mir ein sehr attraktives Angebot gemacht. Die TU Chemnitz hat bisher keine Bereitschaft gezeigt, mir die Möglichkeit zu geben, zu verbesserten Bedingungen in Chemnitz weiterzuarbeiten. Deshalb meine Entscheidung – zunächst für ein Jahr beurlaubt – an die IUB zu gehen. Wie es momentan aussieht, wird meine Professur danach neu ausgeschrieben werden. Alle meine hiesigen Forschungsarbeiten werden dann beendet sein, die dafür eingeworbenen Drittmittel der Universität unwiederbringlich verloren gehen. Vielleicht könnte es aber über eine höherwertige Neuausschreibung gelingen, mich wieder für Chemnitz zu gewinnen.

Vielen Dank für das Gespräch.

(Das Interview führte Alexander Friebel)

   
zurück Inhalt vor