
Prof. Dr.
Klaus Boehnke, Inhaber der Professur Sozialisations-
forschung und Empirische Sozialforschung, setzt auf
eine international vergleichende Forschungs-
perspektive. Dafür arbeitet er mit Wissenschaftlern
u. a. aus den USA, Israel, Polen und Tschechien oder
Spanien und Österreich zusammen. Er ist Generalsekretär
der International Association for Cross-Cultural Psychology.
Foto: Christine Kornack
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Herr Professor
Boehnke, Ihre Professur beschäftigt sich mit dem
Hineinwachsen des Menschen in die Gesellschaft. Wann beginnt
Ihrer Meinung nach die Sozialisation eines Menschen? Mit
der Geburt?
In der Jugend wird der Mensch zum
gesellschaftlichen Wesen. Zwar beeinflusst die Gesellschaft
schon vorher das Leben massiv, aber ein aktiv-gestaltendes
Mitglied einer Gesellschaft wird der Mensch für
gewöhnlich erst im Jugendalter.
Wie kommt man dieser Vergesellschaftung
wissenschaftlich auf die Spur?
Indem man die Menschen, die in die
Gesellschaft hineinwachsen, hierzu befragt, sie beobachtet,
sie in ihrem Lebensweg begleitet. Dies tut man vernünftiger
Weise mit den bewährten Erhebungsmethoden der Empirischen
Sozialforschung etwa mit Fragebögen, Beobachtung
und Fallstudien. Bei der Auswertung der Daten bedarf
es dann oft auch umfangreicher Kenntnisse und Fähigkeiten
zu statistischen Softwareprogrammen. Deshalb vertritt
die Professur in der Lehre das von vielen meistgehasste
Fach: die Statistik.
Interdisziplinäre Jugendforschung
ist Ihr Spezialgebiet. In einem dieser Projekte haben
Sie sich mit dem so genannten Streber-Vorwurf
beschäftigt. Was hat es damit auf sich?
Deutsche Schüler haben in international
vergleichenden Studien zu Mathematik-Kenntnissen überaus
mittelmäßig abgeschnitten. Wir gehen der
Frage nach, ob dies auch daran liegen könnte, dass
Leistung in Deutschland, insbesondere in den siebten
bis zehnten Klassen, verpönt ist, gute Leistungen
im Schülerverständnis Streberverhalten voraussetzen
und dass deshalb gute Schüler besonders gute Leistungen
vermeiden, um derartigen Vorwürfen zu entgehen.
Wir untersuchen auch, ob dies in anderen Kulturen, in
Kanada oder in Israel anders ist.
Ein weiteres Projekt beschäftigt
sich mit jugendlichen Selbstmorden. Wie lässt sich
diese traurige Tatsache begründen?
Ralph Günther, wissenschaftlicher
Mitarbeiter der Professur, hat anhand einer 1986 begonnenen
Studie mit Leipziger Jugendlichen aufzuzeigen versucht,
dass Selbstmordgedanken nicht nur wegen Liebeskummer,
Schwierigkeiten in der Schule oder durch problematische
Situationen in der Familie aufkommen. Sie haben auch
sehr viel mit Werten zu tun, denen junge Menschen anhängen.
Wem etwa Gerechtigkeit wichtig ist, der macht sich Sorgen
darüber, sieht Bedrohungen, ist mit dem Leben aus
diesem Grund unzufrieden und überlegt, ob es sich
überhaupt noch lohnt, weiterzuleben.
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Gerade
hat die Chemnitzer Forschergruppe Neue Medien im
Alltag ein Buch über die Vielfalt individueller
Nutzungsweisen herausgebracht. Sie haben untersucht, wie
Jugendliche Radio, Fernsehen und Internet nutzen. Zum
Spielen und Musikhören?
Ja, natürlich auch. Ganz wichtig
ist aber, dass Jugendliche Medien vor allem das
Radio nutzen, um schneller auf dem Wege zum Erwachsenen
voranzukommen. Sie suchen sich die Inhalte aus, die
ihnen hierbei Fortschritte versprechen, die ihnen sozusagen
nahe legen, wo es lang geht. Jugendliche lassen sich
von den Medien nicht volldröhnen, zumindest nicht
vorrangig, sie wissen sehr wohl auszuwählen.
Darüber hinaus wurden zwischen 1998
und 1999 Studenten zur Qualität der universitären
Lehre befragt. Wie viele Studenten nahmen an dieser
Evaluationsstudie teil und was sind die wichtigsten
Erkenntnisse?
In erster Linie zeigte unsere Befragung,
dass man mit einem kurzen und von der Universität
selbst erstellten Fragebogen über die Hälfte
aller Studierenden zur Teilnahme bewegen kann. Dies
ist ein sensationeller Wert. Im Übrigen ergab unsere
Studie den fast schon üblichen Befund, dass Chemnitzer
Studierende mit der Lehre an der Uni zufrieden bis sehr
zufrieden sind. Für mich persönlich war folgendes
Detailergebnis aber besonders interessant: Bezüglich
der hervorragenden EDV-Ausstattung der Technischen Universität
äußerten viele Studierende, dass sie sich
dadurch auch in der Lehre fast etwas überfordert
fühlen. Da scheint es also eher Nachholebedarf
sowohl im Schulungs- als auch im Hardwarebereich
zu geben.
Sie sind seit acht Jahren in Chemnitz.
Nun wechseln Sie zum Ende dieses Semesters an die International
University Bremen. Wie geht es danach mit der Professur
für Sozialisationsforschung und Empirische Sozialforschung
an der TU weiter?
Nun, das ist eine etwas heikle Frage.
Die International University Bremen (IUB) hat mir ein
sehr attraktives Angebot gemacht. Die TU Chemnitz hat
bisher keine Bereitschaft gezeigt, mir die Möglichkeit
zu geben, zu verbesserten Bedingungen in Chemnitz weiterzuarbeiten.
Deshalb meine Entscheidung zunächst für
ein Jahr beurlaubt an die IUB zu gehen. Wie es
momentan aussieht, wird meine Professur danach neu ausgeschrieben
werden. Alle meine hiesigen Forschungsarbeiten werden
dann beendet sein, die dafür eingeworbenen Drittmittel
der Universität unwiederbringlich verloren gehen.
Vielleicht könnte es aber über eine höherwertige
Neuausschreibung gelingen, mich wieder für Chemnitz
zu gewinnen.
Vielen Dank für das Gespräch.
(Das Interview führte Alexander
Friebel)
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